2019-01:Tar Sands

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Teil 14

"Tar Sands":
Nachhaltige Zerstörung von Urwäldern und Feuchtgebieten, Enteignung indigener Menschen und größter Einzelverursacher des Treibhauseffekts

fb Die bisherigen Teile dieses Artikels gaben einen Überblick über die Tar Sands-Vorkommen und die Ölindustrie in Alberta. Weiterer Fokus waren die ökologischen Auswirkungen der Tar Sands-Industrie, die Technologie der Rohölerzeugung aus den Tar Sands von der Konditionierung bis zum Upgrading sowie die Abbauverfahren und Probleme der Renaturierung. Im vorletzten Teil und letzten Teil wurde versucht, Geschichte und Hintergründe des Landraubs an den indigenen Gemeinschaften Nordamerikas einzuordnen. Daran schließt dieser Beitrag mit einem Einblick in die Geschichte der Fort McKay First Nation und die verschiedenen Aspekte der Unterdrückung der indigenen Gemeinschaften im Einzugsbereich der heutigen Tar Sands-Abbaue an.


Inhaltsverzeichnis


Indigene Gemeinschaften

In der Region Albertas, in der die Tar Sands ausgebeutet werden, leben viele indigene Menschen in verschiedenen Städten und Dörfern, aber auch in den vom kanadischen Staat zugewiesenen Reservaten. Fünf "First Nations", die Selbstbezeichnung der indigenen Gemeinschaften Kanadas, aus diesem Gebiet haben sich im Athabasca Tribal Council organisiert, einem Organisierungszusammenschluss, der die Selbstverwaltung und Souveränität dieser indigenen Gemeinschaften gewährleisten soll - quasi die Regierung und Verwaltung der vertretenen First Nations, die sich aus Mitgliedern der Cree (Eigenbezeichnung: Néhinaw oder Néhiyaw[1]) und Dené zusammensetzen.[2] Wenn im weiteren Verlauf dieses Texts von historischen Ereignissen die Rede ist, werden, wo möglich, die damaligen Bezeichnungen der indigenen Gemeinschaften verwendet, auch wenn ihre Nachfahren sich heute manchmal anders bezeichnen. Oft wird vereinfachend nur von den großen indigenen Gruppierungen gesprochen, z.B. von den Cree, mit mehr als 350.000 Menschen mit entsprechender Abstammung in Kanada eine der größten Gruppen von First Nations Nordamerikas,[1] - was der teils mangelhaften historischen Dokumentation und der oft nur einseitig aus europäischen Quellen stammenden schriftlichen Dokumentation geschuldet ist.

In diesem Beitrag wird nun zunächst die derzeit bekannteste in die Tar Sands-Ausbeutung verstrickte First Nation behandelt; die anderen vier betroffenen indigenen Gruppen sollen in einem späteren Artikel vorgestellt werden.

Fort McKay First Nation

Die Fort McKay First Nation (FMFN) war in der Anfangszeit der Tar Sands-Industrie in Alberta im Kampf mit dieser, wurde aber von den weißen Umwelt-NGOs Kanadas damals im Stich gelassen und gab ihren Widerstand schließlich auf. Seit den 1980ern versucht sie unter Chief Jim Boucher[3] durch Kooperationen mit der Industrie und durch das Angebot von Dienstleistungen wie die Pflege renaturierter Flächen, aber auch industrielle Zuarbeiten, zumindest einen kleinen Teil von den Profiten der Konzerne für die eigene Gemeinde abzuschöpfen.[4] Im Artikel zur Brandkatastrophe in der Region Fort McMurray im Sommer 2016 behandelt ein Absatz dieses Thema noch einmal konkret.

"We believe the practice and preservation of our traditional ways of life can occur simultaneously alongside continuous and responsible oil sands development. This philsophy has allowed us to enhance our community’s social and economic conditions through effective partnerships with industry and government.
We are known for our solid working relationships with the surrounding oil sands companies and strive to balance resource development with protecting the health of our community and the environment." (Zitat von der Website der Fort McKay First Nation)
[5]

Die Gemeinde Fort McKay befindet sich in der Regional Municipality Wood Buffalo, ca. 65 km nördlich von Fort McMurray.[4] Damit gehören Teile der von der Ölindustrie besetzten Gebiete zu ihrem Territorium.[6] Die Fort McKay First Nation gehört zu den Unterzeichnern des Vertrag Nr. 8. Sie gehören zu den früher nomadisch lebenden Chipewyan (Denesuline), die einst von der Jagd, dem Fallenstellen, Fischfang sowie dem Sammeln in den Wäldern entlang des Athabasca River lebten, aber dann mit dem Aufkommen des Pelzhandels und 1820 der Errichtung eines Hudson’s Bay Company-Handelsposten sowie feindlichen nach Nordwesten vordringenden Bush Cree der Woodland Cree bald zusammen mit den Cree als sogenannte Homeguards dauerhaft bei den Posten siedelten. Mitglieder der Fort McKay First Nation haben Wurzeln in den Cree, Métis und Dené.[7][4] Aus einer 2011 veröffentlichten Statistik[8] gehen folgende fünf Reservate mit einer Fläche von ca. 149 km² und einer Bevölkerung von 888 (2019)[9] hervor: Fort McKay 174, Fort McKay 174C, Fort McKay 174D, Namur Lake 174B und Namur River 174A.[6][10]

Lediglich die Reservate am Namur Lake und Gardiner Lake, unter der Bevölkerung bekannter als Moose Lake (Elchsee) und Buffalo Lake (Büffelsee), etwa 50 km nordwestlich von Fort McKay, sind weit genug von den Tar Sands-Abbaugebieten entfernt, um den Menschen von Fort McKay zu erlauben sicher und in Frieden Jagd, Fallenstellen, Fischen und Beerensammeln nachzugehen. Dieses Territorium ist Teil der Traditional Lands der Fort McKay First Nation und gilt deren Mitgliedern als heilig sowie ist die Grabstätte vieler ihrer Vorfahren. Die indigene Gemeinschaft versucht nun wenigstens das Reservat am Moose Lake zu beschützen und zu bewahren, um "sicherzustellen, dass unsere Kinder und Enkelkinder einen sauberen, friedlichen Ort haben, an dem unsere Tradition und Kultur lebendig bleiben".[11]

Die Cree erweiterten schon vor dem Jahr 1500 ihre Einflussgebiete ausgehend von der Region der James Bay, also dem südlichen Ende der Hudson Bay, westwärts.[6] Die ältesten Funde von als Clearwater Punctuate bezeichneten Tonwaren in Saskatchewan stammen aus dem 16. Jahrhundert. In Alberta gibt es zwei kulturell stark unterschiedliche Cree-Gruppen, die Plains Cree, die in den Graslandschaften der Prärien leben und früher überwiegend von der Jagd auf Büffel in ausgedehnten Gebieten lebten, und die Woodland Cree, deren Lebensraum die Waldgebiete waren, wo sie vergleichsweise ortsfest auf relativ engem Raum wanderten und vom Fischfang, vor allem White Fish, lebten.[10]

Spätestens mit dem Auftauchen französischer bzw. englischer Pelzhändler vergrößerte sich der Bereich, in dem sie agierten - vor allem durch die Vermittlerrolle, die sie zwischen den Handelsposten der Europäer und den davon weiter abgelegenen anderen First Nations spielten. Diese Ausbreitung erfolgte der Geschichtsschreibung auf Wikipedia zufolge nicht ohne Gewalt, sondern ging mit Kriegen gegen schlechter ausgerüstete indigene Gemeinschaften einher, denn durch den direkten Kontakt zu den Weißen hatten sie privilegierten Zugriff auf neue Waffen. Mit der Zeit dehnten sich die europäischen Handelsposten in diesen Breiten Nordamerikas so weit aus, dass mehr und mehr andere First Nations direkten Zugang zu derartiger Ausrüstung hatten und immer neue Bündnisse, Allianzen und Konfliktlinien entstanden. Oft bildeten die Cree neue Siedlungen im Umfeld der Handelsposten vor allem der Hudson’s Bay Company und der North West Company, um ihre Zwischenhändlerfunktion effektiv ausüben zu können. Wikipedia zufolge waren die Gewinnspannen bei der Weitergabe europäischer Handelsgüter (einschließlich fragwürdiger "Luxuswaren" wie Glasperlen) enorm, was andere First Nations motivierte den direkten Kontakt mit den Handelsposten zu erlangen und zu konkurrenzmotivierten Kriegen führte. Neben dem Handel mit Pelzen und vielen anderen von anderen Gemeinschaften produzierten Waren betrieben die Cree weiterhin Jagd und tauschten daraus gewonnene Produkte mit den Europäern.[10]

Die Fort McKay First Nation entstand aus einer auf die 1820er Jahre zurückgehenden Cree-Ansiedlung nahe eines Handelspostens der Hudson's Bay Company,[4] der 1912 nach Dr. William Morrison MacKay, dem ersten Anstaltsarzt Albertas und ersten Präsidenten der Medizinischen Vereinigung Nord-Albertas (Northern Alberta Medical Association), benannt wurde.[12] Das heutige Gebiet der indigenen Gemeinschaft erstreckt sich entlang der Ufer des Athabasca River und grenzt an das Gebiet der Fort McKay Métis Community[7].


Beeinträchtigungen

Das Vordringen der weißen Siedler*innen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und insbesondere die industriellen Aktivitäten zur Erschließung der damals kaum bekannten Bodenschätze haben massiven Einfluss auf das Leben und die Umwelt der hier seit Tausenden Jahren ansässigen[13] Gemeinschaften: "Da Wälder kahlgeschlagen und Feuchtgebiete zerstört wurden, sind die Möglichkeiten der indigenen Menschen der Gegend ihr Leben in traditioneller Weise zu führen geschwunden. Der Straßenbau öffnete die Gebiete für Überfischung und Bejagung, was die im Treaty 8 versprochene Lebensweise noch weiter herabsetzt. Außerdem wurden Teile Nordost-Albertas durch die Verschmutzung von Luft und Wasser durch die Tar Sands-Gewinnung erheblich beeinträchtigt, was die Qualität und den Wert von Fischen und Tieren, die von lokalen indigenen Gemeinschaften gejagt werden, verringert hat." (Einschätzung auf Wikipedia basierend auf einem 2014 bei der Konferenz "Energy in the Americas" vorgestellten Dokument)[14][15]

Epidemien

Der Handel mit den europäischen Eroberern brachte eine Reihe Krankheitserreger, mit denen die indigenen Gemeinschaften bis dahin nie konfrontiert waren und die zum Tod von oft mehr als der Hälfte bis nahezu der gesamten Bevölkerung betroffener First Nations führte. 1835 zum Beispiel tötete eine Grippe-Epidemie, die entlang des Athabasca River und des Peace River ausbrach, eine Vielzahl der Wood Stoney (Eigenbezeichnungen: Iyethkabi, Îyârhe Nakodabi), Woodland Assiniboine (Eigenbezeichnung: Nakonabi) und Woodland Cree (Eigenbezeichnungen: Saka Wi Iniwak, Sakau Wiyiniwak, Sakāwithiniwak, Nīhithawak). Eine ebenso heftige Epidemie führte 1838 zum Tod von fünf Sechstel oder mehr der Plains Cree (Eigenbezeichnungen: Paskwa Wi Iniwak, Paskwāwiyiniwak, Nehiyawak). Zwischen 1836 und 1839 starben die Hälfte bis zwei Drittel der Assiniboine an den Pocken. Bereits in den Jahren 1780-1781 traf eine Pockenepidemie die nahe dem Red Deer Lake (auch: Lac La Biche) lebenden Nêhiyawak, der bereits etwa die Hälfte jener Plains Cree zum Opfer fiel.[10]

Verdrängung

Die Cree lebten vor allem von der Jagd auf den Amerikanischen Bison, auch bekannt als Büffel. Vor der Ankunft der europäischen Eroberer in Nordamerika lag der Bestand der Büffel bei geschätzten 30 Millionen Tieren; Ende des 19. Jahrhunderts waren nur noch verschwindend kleine Restpopulationen von insgesamt weniger als 1.000 Büffel übrig; heute leben wieder etwa 30.000 dieser Tiere in Freiheit. Neben dem bekannten Yellowstone-Nationalpark ist vor allem der in Nordalberta, nördlich der Tar Sands-Industriestandorte und in dem Wirkungsfeld der flussabärts transportierten Schadstoffe liegende, 1922 errichtete Wood Buffalo-Nationalpark ein wichtiges Rückzugsgebiet der heute als "potenziell gefährdet" eingestuften Art.[16] Als Ende des 19. Jahrhunderts deren Zahl mehr und mehr schrumpfte, wurde es für die Cree und andere First Nations schwer zu überleben. Dies verursachte Kämpfe zwischen den indigenen Gemeinschaften um die letzten Büffel und schließlich trugen Hungersnöte dazu bei, dass auch die Cree den Nummerierten Verträgen Nr. 4, 5 und 6 zustimmten und ihren Lebensstil aufgaben, in der Hoffnung als Bäuer*innen zu überleben. Die letzten kleinen Gruppen, die noch versuchten, unabhängig zu bleiben und von der Büffeljagd zu leben, mussten gegen 1880 resignieren und sammelten sich ausgehungert um die Forts. Die Europäer hatten in den schon längst mit einer Reihe von First Nations vereinbarten Verträge eine Grundversorgung unter der Bedingung sich den Vorstellungen der Weißen unterzuordnen und ein von diesen vorgezeichnetes Leben unter der Obhut der Königin Großbritanniens zu führen zugesichert.[17] Der Commissioner of Indian Affairs, Edgar Dewdney, dem allzu viel Großherzigkeit im Umgang mit den Ureinwohner*innen vorgeworfen wurde,[18] nutzte diese Situation aus, um die Cree durch Zurückhalten der Notrationen zu zwingen, sich seiner Interpretation der Verträge zu beugen.[10]

Die Büffel "verschwanden" nicht einfach so. Ihre massive Reduzierung war das Ergebnis einer Kombination exzessiver kapitalistischer Logik und imperialistisch-kolonialistischer Strategie. Bis 1870 töteten Rekonstruktionen zufolge sowohl europäische als auch indigene Jäger nur soviele der Tiere, wie sie für ihren eigenen Bedarf brauchten. Nun führte ein seit 1871 in Großbritannien und Deutschland entwickeltes Gerbverfahren zur Verarbeitung von Büffelleder in Schuhsohlen und Antriebsriemen für Maschinen in Kombination mit den Folgen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 zu einer enormen Nachfrage nach Büffelhaut. Mit dem Leder konnte so viel Profit gemacht werden, dass unter Duldung der US-Regierung Bisonjäger Massen dieser Tiere töteten, wobei die Haut abgezogen wurde und die Körper auf den Prärien verrottet lassen wurden. Ein weiterer relevanter Einflussfaktor war die Expansion der Einflussgebiete der weißen Eroberer, die sich hier vor allem durch den Eisenbahnbau zeigte. Die Amerikanischen Bisons wurden in großer Zahl zur Ernährung der Bahnarbeiter abgeschossen. Später, mit der Eröffnung der Central Pacific Railroad, wurden Büffel auch in Massen von den Zügen aus erschossen. Dieses "Sports" aus der Sicherheit des Eisenfahrzeugs heraus befleißigten sich die sogenannten "Büffeljäger", die auf diese Weise pro Person zwischen 50-100 Tiere täglich umbrachten. Zwischen 1872 und 1874 wurden pro Jahr etwa eine Million Büffelfelle nach Osten verfrachtet. Schrittweise wurden nun die durch die Eisenbahn aufgesplitteten Herden von den weißen Eroberern ausgerottet. Die letzten 10.000 Tiere, die unter dem Schutz zu diesem Zeitpunkt noch widerständiger indigener Gemeinschaften überlebt hatten, wurden durch Scharfschützen an Wasserlöchern getötet, um die First Nations auszuhungern und in Reservate zu zwingen.[16]

Nachdem die zurückgedrängten und in zahllosen Schlachten dezimierten indigenen Gemeinschaften sich nach und nach dem Willen der weißen Eroberer beugen mussten und sich in die oft zur Selbstversorgung nicht genügenden Reservate zurückgezogen hatten, wurden sie nun oft Ziel der bürgerlichen Aggression der nachströmenden weißen Siedler, die Anspruch auch auf diese Ländereien erhoben, die Indigenen als Bedrohung und schlechten Einfluss diffamierten und regelrechte öffentliche Hetze in ihren Zeitungen gegen sie führten. In der heutigen Hauptstadt der Provinz Alberta, Edmonton, gründete sich ein Edmonton Settlers' Rights Movement - behauptend, dass die Eindringlinge aus Europa den eigentlichen Anspruch auf das Land erheben könnten. Sie forderten die erneute Umsiedlung der einige Jahre zuvor auf Druck der Weißen im Papaschase Reserve Number 136 angesiedelten indigenen Menschen. Schrittweise wurden Gesetze erlassen, die eine Enteignung von Reservatsgebieten "im öffentlichen Interesse" erlaubten. Außerdem wurde mittels Aushungern und verschiedenster Mechanismen bewirkt, dass Indigene im Tausch gegen Nahrung ihre Landrechte abgaben. 1888 schließlich gab die kleine First Nation das Papaschase Reserve Number 136 auf, da sie hier ohne Lebensmittel und staatliche Hilfe nicht überleben konnte. Seit 2001 fordert sie ihr Gebiet nun zurück.[10]

Indianeragenten

Die Indianeragenten (später bezeichnet als "Government Agent") waren in Kanada von 1876 bis 1969 im Einsatz. Sie fungierten als lokale Repräsentanten des Department of Indian and Northern Affairs mit polizeiähnlichen Befugnissen[18], das dem Innenministerium unterstand und vor allem der Landerschließung und der Ausbeutung seiner Ressourcen diente. Es agierte auf der Grundlage des Dominion Lands Act von 1872. Das genannte Gesetz ermöglichte es Siedlern, billiges Land in den Prärien Zentralkanadas zu erwerben und sollte die Besiedlung vorantreiben. Die Qualifikation eines solchen Agenten musste lediglich Ortskenntnis und die Fähigkeit mit internen Verwaltungsabläufen klarzukommen umfassen - Sprachkenntnisse der örtlichen indigenen Gemeinschaften waren irrelevant. Die First Nations wurden vor allem als Hindernis betrachtet und sollten in vollständiger Assimilation integriert werden. Zeitweise war die Rolle des Indianeragenten identisch mit der des Gold Commissioners. Diese Leute waren meist sehr lange im Amt und hatten gegenüber den Indigenen das Sagen hinsichtlich der Verteilung staatlicher Zuwendungen, wobei die meisten die Aushändigung soweit wie möglich minimierten, ob Ärzt*innen entsendet würden und ob die Reservate verlassen werden dürften.[19]

Das heute als gesetzwidrig betrachtete kanadische Passsystem verlangte von indigenen Menschen, in ihren Reservaten zu bleiben; die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen wurde durch die Indianeragenten sparsam gehandhabt. Wer ohne Pass oder mit abgelaufenen Dokumenten außerhalb des zugeordneten Reservats angetroffen wurde, konnte eingesperrt werden.[20] Dies führte umso mehr zu Konflikten, wenn auf diese Weise Ehepartner unterschiedlicher Reservatsherkunft getrennt wurden oder die Sesshaftigkeit der früheren Büffeljäger erzwungen werden sollte. Das Passsystem war Bestandteil einer Politik zur Besiedlung des Westens, wofür die Bewegungsfreiheit der einheimischen Bevölkerung limitiert werden sollte. Dies beeinträchtigte auch den indigenen Handel und die Entwicklung einer eigenen Wirtschaft, unterband die Beteiligung an kulturellen oder sozialen Ereignissen benachbarter Gemeinschaften und isolierte die indigenen Menschen von der kanadischen Gesellschaft. Berichten zufolge nutzten christliche Missionare das Passsystem zur Einschränkung der spirituellen Glaubensausübung der indigenen Gemeinschaften, denen hiermit die Reise zu ihren "Sonnentänzen"[21] nicht mehr erlaubt war.[18][19]

1888 wurde der Hardliner Hayter Reed neuer Commissioner of Indian Affairs nach Edgar Dewdney. Die Richtlinie des Departments "Beschützen, zivilisieren und assimilieren" wurde von ihm resolut in die Tat umgesetzt. Welchen Rolle den indigenen Einheimischen zugeordnet wurde, macht folgende Aussage Reeds deutlich: "If the Indian is to become a source of profit to the country, it is clear that he must be amalgamated with the white population."[22] Er setzte das ungesetzliche Passsystem gegen den Willen des Chefs der North-West Mounted Police (NWMP), Commissioner Lawrence William Herchmer, durch. In einem Schreiben an Herchmer erkennt er die Illegalität dieser Repressionsmaßnahme an, rechtfertigte ihre Fortführung und meint, mensch solle das Gesetz nicht so genau nehmen: "I beg to inform you that there has never been any legal authority for compelling Indians who leave their Reserve to return to them, but it has always been felt that it would be a great mistake for this matter to stand too strictly in the letter of the law."[23]


Fortsetzung folgt! Weiter geht es mit diesem Hintergrundbericht in der nächsten Ausgabe. Oder, wer nicht so lange warten will, kann auf der Internetseite des grünen blatts bereits weiterlesen.

Dieser Artikel basiert auf Vorort-Recherchen in Alberta, Interviews mit Vertreter*innen von kanadischen Umwelt-NGOs, First Nations, aus Ölindustrie und Politik sowie auf Internet-Recherchen.


<= Teil 13 | Teil 15 =>


Weiterführende Informationen

Tar Sands-Pipelines:

First Nations:

Initiativen, Gruppen, NGOs:

Fort McMurray:

Tar Sands-Lobby:


  1. 1,0 1,1 https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Cree&oldid=898567258 - gesichtet 4. Juni 2019
  2. http://atc97.org/about-atc/what-is-a-tribal-council - gesichtet 3. Februar 2017
  3. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Chipewyan&oldid=186424725 - gesichtet 25. Mai 2018
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 http://fortmckay.com/visitors/ - gesichtet 26. Mai 2019
  5. http://fortmckay.com - gesichtet 26. Mai 2019
  6. 6,0 6,1 6,2 https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Fort_McKay_First_Nation&oldid=880347569 - gesichtet 26. Mai 2019
  7. 7,0 7,1 http://www.fortmckayvirtualmuseum.com - gesichtet 26. Mai 2019
  8. Quelle: Indian and Northern Affairs Canada (INAC): Registered Population as of April, 2011
    in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cree&oldid=188108910 - gesichtet am 24. Mai 2019
  9. http://fnp-ppn.aandc-aadnc.gc.ca/fnp/Main/Search/FNRegPopulation.aspx?BAND_NUMBER=467&lang=eng - gesichtet 26. Mai 2019
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 10,5 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cree&oldid=188108910 - gesichtet 4. Mai 2019
  11. http://www.fortmckayvirtualmuseum.com/our-home/ - gesichtet 26. Mai 2019
  12. http://fortmckay.com/about/ - gesichtet 26. Mai 2019
  13. http://www.acfn.com/history - gesichtet 3. Februar 2017
  14. Patricia McCormack: "Conflicting Obligations: Oil Sands Development and Treaty No. 8."; Paper presented at the Energy in the Americas Conference, Calgary, Alberta, October 23–24, 2014; in: https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Treaty_8&oldid=733786523 - gesichtet 3. Februar 2017
  15. https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Treaty_8&oldid=733786523 - gesichtet 3. Februar 2017
  16. 16,0 16,1 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Amerikanischer_Bison&oldid=188473440 - gesichtet 29. Mai 2019
  17. http://media.wix.com/ugd//75b7f5_8cbde24a19745ce155be22f595cc9362.pdf - gesichtet 29. Mai 2019
  18. 18,0 18,1 18,2 https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Pass_system_(Canadian_history)&oldid=899453598 - gesichtet 3. Juni 2019
  19. 19,0 19,1 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Indianeragent_(Kanada)&oldid=187873934 - gesichtet 3. Juni 2019
  20. https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Indian_agent_(Canada)&oldid=863502340 - gesichtet 3. Juni 2019
  21. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sonnentanz&oldid=187202156 - gesichtet 3. Juni 2019
  22. Quelle: Brian Titley. The Indian Commissioners. p.101. In:
    https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Pass_system_(Canadian_history)&oldid=899453598#cite_note-12 - gesichtet 3. Juni 2019
  23. Quelle: Stephanie Cram (2016-02-19). "Dark History of Canada's First Nations pass system uncovered in documentary". CBC News. In:
    https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Pass_system_(Canadian_history)&oldid=899453598#cite_note-13 - gesichtet 3. Juni 2019