2016-01:Jean Ziegler und die Revolution

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Inhaltsverzeichnis

Jean Ziegler und die Revolution

fb Einen radikal klingenden Untertitel hat Jean Zieglers neues Buch: "Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen". Die öffentliche Lesung im Museum der Bildenden Künste Leipzig im Rahmen des MDR Kulturcafé zog ein großes Publikum an und hätte Bühne sein können, um revolutionäre Ideen einer breiteren Masse nahe zu legen. Doch die Veranstaltung reizte dieses Potenzial nicht aus. Zieglers aus dem Nähkästchen geplauderte Geschichten aus revolutionäreren Zeiten, wie zum Beispiel seine Rolle als Chauffeur Che Guevaras bei dessen Tour durch Europa, waren spannend und teils amüsant. Überzeugende Gesellschaftsanalysen und Argumente für die postulierte Zerstörung des Kapitalismus gab er jedoch nicht ab, sondern blieb bei nicht weiter begründeten Statements zum Stand der Gesellschaft und einem nicht linksradikal konditionierten Publikum kaum nachvollziehbaren Forderungen. Er machte auch einen sonderbaren Spagat zwischen der Botschaft, das System müsse gestürzt werden, und dem Appell dazu sollten nur die demokratisch bereitgestellten Mittel genutzt werden. Peinlich waren die wiederholten Bekräftigungen, die BRD hätte die lebendigste Demokratie der Welt, und darauf solle mensch stolz sein. Erklären lässt sich das vielleicht durch seine als Schweizer Staatsbürger gegen das eigene Land gerichtete Kritik, die ihn womöglich andere Staaten etwas unpassend aufwerten lässt.

Der von den Massenmedien als "prominenter Globalisierungsgegner" titulierte[1] Kommunist arbeitet seit Jahren für die UNO. In der genannten Veranstaltung benutzte er exzessiv anti-semitisch besetzte Begriffe wie den des "Finanzkapitals". Angesichts der im Zuge seiner öffentlichen Veranstaltung fehlenden Argumentation wirkten die von ihm verwendeten radikalen Schlagworte rein plakativ, die Erläuterung seiner populistischen Bezeichnung des Systems als "kannibalische Weltordnung", auf die er von Journalisten naheliegenderweise häufig angesprochen wird, überzeugte nicht. Dazu nannte er Statistiken zur Reichtumsverteilung und zur Häufigkeit des Verhungerns von Kindern auf der Welt. Die Zahlen mögen stimmen, aber all das scheint eher auflagensteigernd für seine beim Bertelsmann-Verlag, einem der aggressivsten auf Politik und Gesellschaft Einfluss nehmensten Verlagshäuser, erschienene neueste Veröffentlichung zu sein, eine nachvollziehbare politische Argumentation brachte er nicht vor.

Der Hass auf den Westen

Deutlich anders als dieser wenig tiefgehende öffentliche Auftritt gestaltet sich sein bereits 2011 erschienenes Buch "Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren". Hier legt er detailreich und mit referenzierten Fakten seine Sicht auf die Weltpolitik dar. In einer Mischung aus Schilderungen eigener Begegnungen und historischen Beschreibungen zeigt Ziegler in diesem Buch die widerliche Geschichte des Reichtums und der Macht der westlichen Staaten auf. Wie europäische Großmächte andere Kontinente kolonisierten, den dort angetroffenen Menschen alle Rechte absprachen und die Realität verbogen, um argumentativ die Grundlage für ihre Unterdrückung, Misshandlung, Ausbeutung und Vernichtung zu schaffen. Indem er die Perspektive unterschiedlicher Beteiligter auf die gleichen Sachverhalte wiedergibt, werden die geschilderten Umstände authentischer und seine Kritik gewinnt an Überzeugungskraft.

Jean Ziegler geht im "Hass auf den Westen" insbesondere auf die dramatische Geschichte konkreter afrikanischer und südamerikanischer Länder ein und macht damit das Misstrauen und die Ablehnung, auf die westliche Repräsentant*innen bei Vertreter*innen des globalen Südens treffen, nicht nur nachvollziehbar, sondern zeigt deren Notwendigkeit auf: Nicht nur in der Vergangenheit, auch in der Gegenwart behandeln Diplomat*innen, Wirtschaftvertreter*innen und Regierungsvertreter*innen der Weltmächte ihre Verhandlungspartner*innen aus den ärmsten Ländern mit Arroganz, historischer Blindheit und Verbohrtheit und teilweise immer noch mit rassistischer Grundhaltung. Ziegler beschreibt den Weg einiger südamerikanischer Länder im vergangenen Jahrzehnt aus der kolonialen Abhängigkeit heraus, auf welche Hindernisse und Widerstand sie dabei getroffen sind und wie es insbesondere Evo Morales in Bolivien gelang Souveränität für sein Land zu erkämpfen, ohne den üblichen Attentaten oder wirtschaftlichen Kriegserklärungen von Konzernen und Weltbank zum Opfer zu fallen.

Bolivien ist in dieser Hinsicht ein sehr beeindruckendes Beispiel vom Leiden der indigenen Bevölkerung seit der Unterjochung durch die europäischen Großmächte bis in dieses Jahrtausend. Ziegler berichtet von den Nazis, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges einen Fluchtplan nach Lateinamerika entwarfen, um den in Europa gescheiterten Faschismus zu retten und aus dem Exil wieder aufzubauen. Bolivien war einer der Zufluchtsorte vieler Nazi- und SS-Größen, nicht nur aus dem Deutschen Reich, sondern auch aus Kroatien, Ukraine und anderen Ländern. Viele von ihnen wurden wegen ihrer Verbrechen international gesucht; in späteren Zeiten war Boliviens Tiefland auch Ausgangs- und Zufluchtsort wieder bzw. immer noch aktiver Nazis, die im Außeneinsatz beispielsweise im Balkankrieg der 1990er Jahre waren. Nicht nur Faschisten wurden über die von ihnen als "Rattenlinie" bezeichnete Fluchtroute zum Ende des zweiten Weltkrieges nach Bolivien und einige andere südamerikanische Regionen gebracht, sondern auch Reichtümer, die dem Naziprojekt zugute kommen sollten: Kisten mit Gold, Diamanten und Silber sowie weitere Geldanlagen. Allein im Monat April 1945 hatte die in drei Regionen Lateinamerikas transferierte Nazibeute amerikanischen Regierungsangaben zufolge einen Wert in Höhe etwa einer Milliarde Dollar (Geldwert 1945). Heute sind die Nachfahren dieser Leute oft Eigentümer von Infrastruktur und wichtiger Unternehmen, Großgrundbesitzer etc. und haben lange Zeit hohen Einfluss auf die Politik Boliviens gehabt. Gegen die Intrigen und auch gewalttätigen Anschläge solcher Interessengruppen musste sich Evo Morales bewähren, das mag einige intransparente und rücksichtslose Maßnahmen seiner Regierung gerechtfertigt haben.

Als Hoffnungsträger der unterdrückten Länder der Welt, insbesondere der indigenen Menschen, die Morales repräsentiert, lobt Ziegler ihn hoch und ausgiebig in seinem Buch. Fraglich ist, ob mittelfristig eine solche romantische Sichtweise auf einen Regierungschef sinnvoll ist, auch wenn er Bedeutendes geleistet hat und gefährlichen mächtigen Gegnern gegenübersteht. Am Beispiel seiner Energiepolitik, auf die wir im letzten und diesem Heft ausführlich eingehen (insbesondere der rücksichtslose Aufbau der Atomindustrie unter Diffamierung ihrer Kritiker*innen), zeigt sich, dass die Wege der Macht, auch eines Revolutionärs, meist schmutzig, undemokratisch und anti-emanzipatorisch sind. Ob Evo Morales auch mit seiner Atompolitik eigentlich weiterhin seine hehren Ziele verfolgt, und sich lediglich durch die politischen und wirtschaftlichen Umstände genötigt sieht einer gefährlichen Industrie nach der anderen den Zugang zu bolivianischen Ressourcen zu erweitern, bleibt offen. Jean Ziegler konnte zum Zeitpunkt des Erscheinens von "Hass auf den Westen" zumindest von dieser Politik noch nichts wissen, zumindest unserem Kenntnisstand nach war diese damals noch in den Anfängen. Vielleicht würde er heute kritischer auf Boliviens Realpolitik blicken.

Derartige Kritik soll die Leistungen und Errungenschaften eines revolutionären Staatschefs nicht komplett in Frage stellen. Fakt ist, dass Mittel und Machenschaften westlicher Konzerne und Regierungen nicht besser, meist schlimmer sind. Dass die beschriebene Wut auf die Weltpolitik der Großmächte gerechtfertigt ist, wird klar. Ziegler setzt sich am Rande aber auch mit kontraproduktiven Artikulationen des Hasses auf die westliche Ungerechtigkeit auseinander und legt dar, dass ebenfalls vorhandene rassistische oder religiös motivierte Bewegungen gegen den Westen bzw. die sogenannten "Westlichen Werte" eine Gefahr für den emanzipatorischen Befreiungskampf der kolonial und imperialistisch unterdrückten Länder darstellt.

Etwas qualitätsmindernd erscheinen einige wenige Abschnitte im Buch, die offenbar aus taktischen Gründen eingebaut wurden, denen es aber erheblich an Substanz mangelt. So beschreibt Ziegler im Kapitel "Als Angela Merkel Wole Soyinka ohrfeigte" den G8-Gipfel in Heiligendamm, wobei er insbesondere die Proteste wohlwollend heraushebt und die versammelten Politiker*innen diskreditiert. Die inhaltliche Beschreibung mag mensch teilen, aber das Kapitel selbst wirkt künstlich eingefügt, passt nicht zum sonstigen Fokus des Werkes. - So als müsse es in diesem in der BRD veröffentlichten Buch noch etwas Spezielles geben, wo sich die zu erwartenden deutschen linken Leser*innen wiederfinden könnten. Auch der Titel des Kapitels ist irreführend und erst auf der letzten Seite erklärt Ziegler den Hintergrund der Überschrift: Wole Soyinka, afrikanischer Freiheitskämpfer, schrieb in einer französischen Wochenzeitschrift, dass er die Einladung von Umaru Yar'Adua, per Wahlbetrug 2007 nigerianischer Präsident geworden, zum G8-Gipfel als "Ohrfeige" empfinde. Und da Angela Merkel als Chefin der einladenden Nation dafür verantwortlich war, besagt also die Kapitelüberschrift "Angela Merkel" habe "Wole Soyinka" "geohrfeigt"... - An solchen Punkten zeigt sich die marktorientierte Aufmachung eines Ziegler-Buches. Schade drum. Bleibt zu hoffen, dass der überwiegende Rest so glaubwürdig ist wie er scheint.

  • Jean Ziegler: "Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren"
  • Goldmann Verlag, München, 2011
  • ISBN 978-3-442-15649-8
  • 288 Seiten, Taschenbuchformat, 9,99 €

Ändere die Welt!

Einen weitaus selbstkritischeren Ansatz verfolgt Zieglers neueste Publikation, die auch Anlass der zu Beginn erwähnten öffentlichen Veranstaltung mit ihm in Leipzig war: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen". In diesem Buch nimmt der Autor eine kritische Bewertung seines Wirkens und Schaffens vor, gesteht ein, dass auch er sich trotz aller Kritik an den herrschenden Umständen und im angesicht seines sehr speziellen Wissens der konkreten Fakten in einer für ihn praktikablen Weise mit dem System arrangiert hat und nicht immer alles Menschenmögliche getan hat, um die leidenden Menschen, die er traf, zu unterstützen. Diesen Anspruch muss wohl auch niemand stellen, weil es keiner Einzelperson möglich sein kann, all die vorherrschende Ungerechtigkeit zu besiegen und immer und ausschließlich nur zu kämpfen. Positiv zu bewerten ist, dass in diesem autobiographisch motivierten Werk ein deutlich reflektierterer Blickwinkel auf Jean Zieglers Kampf für eine bessere Welt eingenommen wird, verglichen mit anderen seiner Buchveröffentlichungen. Bezugnehmend auf einen Roman, den er zitiert, gesteht er ein: "Wie Iwan Karamasow (Person aus dem Roman, Anm. d. Red.) lehne ich intellektuell diese Weltordnung ab. Aber wie er habe ich mich darin eingerichtet. Implizit nehme ich sie als normal hin. Durch mein alltägliches Handeln reproduziere ich sie".

Auf der Suche nach einem Sinn im Leben und nach Handlungsansätzen die kapitalistische Weltordnung zu beseitigen, stellt Ziegler sich zunächst die Frage nach dem Nutzen eines Intellektuellen im Kampf gegen Unterdrückung. Er versucht Ursprung und Wirkung von Ideologien zu ergründen und zeigt auf, dass auch Wissenschaft nie neutral ist, sondern ein Instrument, das in die eine oder andere Richtung eingesetzt werden kann. Weitere Themen seiner sozialwissenschaftlichen Erörterung sind Staat, Nation und Gesellschaft. Zuletzt versucht er einen hoffnungsvollen Ausblick zu geben, wie die Zivilgesellschaft den Kampf gegen das von ihm als "kannibalische Weltordnung" bezeichnete Herrschaftssystem antreten könnte. Dabei fokussiert Ziegler auf die jüngsten emanzipatorischen Kämpfe in verschiedenen Teilen der Erde, die er direkt oder indirekt miterlebte bzw. auf die Themengebiete, in denen er sich betätigte.

Jean Ziegler führt hier einen interessanten Diskurs über die Ideologien, wobei er recht differenziert vorgeht, beispielhafte Zitate und Definitionen historischer Wissenschaftler*innen einbaut und immer wieder auch eigene Begegnungen und Eindrücke einfließen lässt. Dabei kommt teilweise eine seltsam dualistische Betrachtungsweise zustande, die vielleicht wegen der von ihm benutzten Begrifflichkeiten aufstoßen lässt: "richtige" und "falsche" Ideologien angewandt in "gutem" oder "falschem" Glauben[2]. Da der Soziologe diese Termini korrekt definiert und verdeutlicht, dass diese abhängig von Umständen und Kontext keineswegs nur schwarz-weiß zu betrachten sind, relativiert sich die irritierende Wortwahl etwas.

Trotzdem bleiben einige Aspekte unberücksichtigt, die es erschweren sich Zieglers Betrachtungsweise umfassend anzuschließen. Auch wenn "richtige Ideologie" definiert wird als eine solche, "die Emanzipation, Selbstbestimmung und Menschwerdung des Menschen" fördert, wird es in der Praxis oft schwer bis unmöglich sein, eine eindeutige Zuordnung vorzunehmen - sofern ein kritischer Blick in die Tiefe geworfen wird. Denn was sich eine Ideologie auf die Fahnen schreibt, muss nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen. Und in vielen Situationen mag der Wille im Hintergrund emanzipatorisch motiviert sein, aber die Wirkung ist antiemanzipatorisch, weil nicht alle Umstände zutreffend eingeschätzt wurden, die schließlich zur Wirkung kommen. In vielen Fällen wird es erst im Rückblick, wenn die Auswirkungen bereits erfolgt sind und diverse Informationsquellen zugänglich sind, aus denen ein realistisches Bild gezeichnet werden kann, möglich sein, eine solche zutreffende Einordnung zu unternehmen.

Deshalb ist es vielleicht besser, gar nicht erst derartige dualistische Deutungsmuster einzuführen, die von einem richtig-falsch bzw. gut-falsch ausgehen (selbst wenn Ziegler sie dann noch kontextbezogen bewertet), sondern sich Konzepten zu bedienen, die ausdifferenzierter, aber vermutlich auch komplexer sein müssen. Aber trotz solcher Mankos sind Zieglers Erörterungen zur Wirkung der Ideologien wertvoll, weil sie verständlich und eindrucksvoll die Dimension und Konsequenzen neoliberaler, aber auch religiöser und anderer unterdrückerischer Weltdeutungsstrategien vermittelt.

Ein anderes spannendes und sowohl sachlich als auch tiefgehend behandeltes Thema ist die Wissenschaft, konkreter der Mythos der ideologiefreien, unparteiischen einzig der Wahrheit verpflichteten Wissenschaft. Ziegler zeichnet eindrucksvoll theoretisch-soziologisch ein kritisches Bild von der Wissenschaft, belegt anhand dramatischer Beispiele wie "Wissenschaft" in der Geschichte benutzt wurde, um Herrschaftsinteressen zu legitimieren oder sich Menschen untertan zu machen, aber verdeutlicht auch, dass die Universität mit all ihren Widersprüchen doch ein bedeutender und wichtiger Freiraum für Andersdenkende und für die Befreiung aus den verschiedensten Unterdrückungsmustern darstellt. Es ist schön seiner wissenschaftlichen Argumentation zu folgen, die sich sehr reflektiert und differenziert vermittelt.

Um die systematische neoliberale geistige Gehirnwäsche, der die Menschheit seit Jahrzehnten und noch verstärkt mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Gegenspielers Anfang der 1990er Jahre unterworfen wird, und die hier als "homogenisiertes Bewusstsein" bezeichnet wird, geht es in einem weiteren Teil von "Ändere die Welt!". Einleitend beschreibt Ziegler die quasi freiwillige Gleichschaltung von Massenmedien, die gesteigerte marktlobbyistische Diskursmacht und den damit einhergehenden Verlust der Fähigkeit immer größerer Teile der Gesellschaft selbständig zu denken und eigene Fragen aufzuwerfen. Der Wahlspruch der Aufklärung "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" ist wieder aktueller denn je. Nach Immanuel Kant definiert sich "Aufklärung" folgendermaßen: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen."[3]

Nach einem Exkurs in die Welt der herrschenden Klasse, deren Mitglieder sich selbst ebenso der von ihren Diskursen veranlassten Gehirnwäsche unterziehen und die dadurch ebenfalls unter dieser leiden, veranschaulicht Jean Ziegler die Thematik am Beispiel der Schweiz: hier hat die Bevölkerung mittels Initiativrechts und Referendumsrechts weitgehende Möglichkeiten Einfluss auf die politische Umwelt ihrer Gesellschaft zu nehmen. Aber in immer mehr Volksabstimmungen entschieden klare Mehrheiten gegen die Erhöhung der Mindestrente, gegen Mindestlohn, gegen die Verlängerung des Urlaubsanspruchs der Arbeitnehmer*innen etc. Zieglers Kommentar: "Weil die Schweizer Opfer ihres homogenisierten Bewusstseins und einer weit fortgeschrittenen Entfremdung sind, stimmen sie freiwillig - und regelmäßig - gegen ihre eigenen Interessen."[4]

Ein Defizit dieses Buches im Vergleich mit Jean Zieglers "Hass auf den Westen" ist die arg reduzierte Angabe von Quellen - obwohl doch gerade die wissenschaftlichere Herangehensweise eine detaillierte Referenzierung von Fakten, wie sie in seinem anderen Buch weitgehend vorliegt, nahelegt. Stattdessen behandeln die seltenen Fußnoten zwar hilfreiche Erläuterungen zu benannten Vorgängen oder referenzierer Quellliteratur, aber die minutiöse Belegung von Fakten, die Ziegler an anderer Stelle durchaus bereitgestellt hat, fehlt.

An manchen Stellen mangelt es "Ändere die Welt!" aber auch an inhaltlicher Konsistenz. So zum Thema "Nation" - zu Beginn des siebenten Kapitels erklärt Ziegler, dass der Prototyp des heutigen Begriffes von einer Nation im nachrevolutionären Frankreich lag, wo Ende des 18. Jahrhunderts die Monarchie gestürzt wurde und "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ausgerufen wurden. Der Autor weist darauf hin, dass die entstehende Nation keineswegs Ausdruck des Willens der Massen aus den armen Klassen, die in der Revolution gekämpft und viele Opfer gebracht hatten, war, sondern dass das Bürgertum die Zügel übernahm und der Revolution eine ihren Klasseninteressen entsprechende neue Richtung gab. Ziegler: "Die Nation entstand mit der Etablierung der Warenökonomie, aus dem Kampf, den das neue, Handel treibende Bürgertum gegen die Feudalherren und den König führte (...)". Im weiteren Verlauf des Textes wechselt der Autor jedoch von dieser kritischen Sichtweise auf eine geradezu beschwörende Preisung von Nationalstaaten, ohne auch nur eine weitere kritische Anmerkung. Seine Kritik an den meisten Staaten Afrikas, die er aufgrund des fehlenden Nationalgeistes infolge der Einflussnahme der Kolonialmächte als (unvollendete) "Protonationen" bezeichnet, reduziert sich darauf das Fehlen von Kernelementen moderner Nationalstaaten einschließlich der Identifikation mit der Nation anstelle der Stammeszugehörigkeit anzuprangern. In Zieglers Augen sind Nationen definitionsgemäß multiethnisch und damit von Hause aus antirassistisch konfiguriert. Zum Abschluss des siebenten Kapitels resümiert er: "Die Nation ist eine der wunderbarsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation."[5]

Zum Ende hin wird das Buch diffuser, wenn Ziegler sich damit beschäftigt, wie die menschliche Gesellschaft entstanden ist und sich entwickelt hat. Zum Abschluss versucht er einen eher positiven Ausblick dahingehend, dass und wie die eindrücklich als grausam und inakzeptabel dargestellte kapitalistische Weltherrschaft, die von undurchsichtigen und immer wieder mit den dem Schutz der Schwächeren zugedachten demokratischen Institutionen wechselwirkenden personellen, strukturellen, ideologischen und sachlogikbedingten Verflechtungen durchzogen ist, und der es gelingt sich demokratischer Einflussnahme oft weitgehend zu entziehen, beseitigt werden kann. Leider ist dieser letzte Teil seines Werkes eher schwach und beinhaltet lediglich die Beschreibung zweier Bewegungen, die in der Lage waren Details kapitalistischer Entgleisungen einzudämmen. Wenn Ziegler aus der wachsenden Entwicklung und Bedeutung zivilgesellschaftlicher Strömungen optimistisch ableitet, "Alles, was es braucht, ist, die verfassungsmäßigen Waffen zu ergreifen und sie gegen die weltbeherrschende Finanzoligarchie zu richten ... und morgen früh bricht die kannibalische Weltordnung zusammen"[6], bleibt er doch sehr unkonkret und naiv - ganz entgegen der analytischen Schärfe, die er an anderer Stelle bewiesen hat.

Den plakativen Untertitel seines Buches (kannibalische Weltordnung) erklärt Jean Ziegler auf 288 Seiten nicht. Irgendwie ist schon klar, dass er damit seine Abscheu gegenüber dem Kapitalismus zum Ausdruck bringen möchte, obwohl "Menschen fressen Menschen" eine nur im sehr übertragenen Sinne korrekte Beschreibung der widerlichen Unterdrückungsverhältnisse auf unserer Welt darstellt. "Kannibalische Weltordnung" scheint eine Wortneuschöpfung Jean Zieglers zu sein - jedenfalls gibt eine schnelle Begriffsabfrage im Internet zwar unzählige Ergebnisse, aber alle beziehen sich auf sein letztes Jahr erschienenes Buch. Das ist zumindest eine erfolgreiche Verkaufsmethode... "Kannibalisch" ist synonym u.a. für brutal, gnadenlos, grausam, herzlos, inhuman oder rücksichtslos[7] - also in vielerlei Hinsicht auf das Wirken marktwirtschaftlicher Prinzipien auf einen Großteil der ärmeren Menschen überall auf der Erde anwendbar. Weitere Recherchen verweisen wenigstens auf eine inhaltlich brauchbare Quelle: Der indigene US-Amerikaner Jack D. Forbes beschreibt in seinen Werken die legalisierten Auswüchse des Kapitalismus[8], die mit der rücksichtslosen Ausbeutung und Beherrschung von Mensch und Natur in allen nur denkbaren Erscheinungsformen einhergehen, als "Kannibalismus"[9].

  • Jean Ziegler: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen"
  • C. Bertelsmann Verlag, München, 2015
  • ISBN 978-3-570-10256-5
  • 288 Seiten, Hardcover, 19,99 €

Wie kommt der Hunger in die Welt?

In einem ganz anderen Stil ist das schon vor 14 Jahren veröffentlichte Buch "Wie kommt der Hunger in die Welt?" aufgemacht. In einem gestellten Gespräch mit seinem Sohn, das nebenbei gesagt gekünstelt erscheint, erklärt der frühere Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung[10] mit einfachen Worten die Arbeitsweise der Welternährungsorganisation (FAO), des Welternährungsprogramms[11] und die Hintergründe der fortwährenden Hungerkatastrophe auf der Erde. Er geht dabei detailliert und anschaulich auf einzelne Beispiele ein, berichtet von eigenen Erlebnissen und erläutert Widersprüche zwischen Hunger und Nahrungsüberschüssen sowie die politischen und wirtschaftlichen Ursachen der Hungersnöte in der Welt.

Viele Zahlen und Fakten fließen hierbei unauffällig in die kurzweilig angelegten Texte ein. Bei der Erörterung der Ursachen für Ernteausfälle geht Ziegler auf Naturkatastrophen wie jahrelange Dürren oder extreme Überschwemmungen und Orkane ein, die viele unerwartete Hungerkrisen auslösen. Auch regionale klimatische Veränderungen, wie die Ausdehnung von Wüsten infolge von Abholzungen oder der Verlust fruchtbaren Bodens nach der Rodung von Regenwäldern, werden thematisiert.

In den holprigen Dialogen, die eher wirken als habe Ziegler erst seine Antworten geschrieben und dann nach einigermaßen passenden Fragen gesucht, geht er auch auf verschiedene Formen der hungerbezogenen Repression ein: das taktische Aushungern von Feinden durch Kriegsherren sowohl der armen Regionen der Welt als auch der reichen Staaten, Folterformen, die auf Nahrungsentzug aufbauen, die Auslöschung ganzer als Regimefeinde verorteter Menschengruppen in Ländern wie Nordkorea und eine Menge Greueltaten mehr. So informativ und wichtig dieses wenig bekannte Wissen zu verbreiten ist - kindergeeignet ist das Buch trotz der leichten Sprache angesichts seiner Inhalte sicherlich nicht.

  • Jean Ziegler: "Wie kommt der Hunger in die Welt? Ein Gespräch mit meinem Sohn"
  • Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2002
  • ISBN 3-442-15160-8
  • 169 Seiten, Taschenbuch, 8,00 €

Notizen

Dass Ziegler in manchen linken Kreisen eine gewisse Beliebtheit gewonnen hat, zeigt sich in der Verehrung, die ihm viele entgegenbringen. Nicht nur in persönlichen Gesprächen, sondern auch an öffentlichen Wänden ist dies zu erfahren. Beispiel: ein Graffiti in Linz, Österreich, in einer Fußgänger-Unterführung im Mai 2015 bekundete "Obey Jean Ziegler"[12].


Ein weiteres Buch Jean Zieglers, passend zum Thema des hier zuletzt erörterten, wird im Artikel auf Seite 59 vorgestellt und diskutiert: "Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung".


  1. http://wirtschaftsblatt.at/home/nachrichten/europa/4693825/Jean-Ziegler_TTIP-ist-das-Armageddon-der-Endkampf - gesichtet 31. März 2015
  2. Jean Ziegler: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen", C. Bertelsmann Verlag, München, 2015. S. 63 ff.
  3. http://www.dhg-westmark.de/immakant3.html - gesichtet 16. Mai 2016
  4. Jean Ziegler: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen", C. Bertelsmann Verlag, München, 2015. S. 122
  5. Jean Ziegler: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen", C. Bertelsmann Verlag, München, 2015. S. 164
  6. Jean Ziegler: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen", C. Bertelsmann Verlag, München, 2015. S. 278
  7. http://www.duden.de/rechtschreibung/kannibalisch - gesichtet 19. Mai 2016
  8. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kannibalismus&oldid=154300462 -gesichtet 19. Mai 2016
  9. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jack_D._Forbes&oldid=145529851 - gesichtet 19. Mai 2016
  10. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jean_Ziegler&oldid=152417046 - gesichtet 19. Mai 2016
  11. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ern%C3%A4hrungs-_und_Landwirtschaftsorganisation_der_Vereinten_Nationen&oldid=154160864 - gesichtet 19. Mai 2016
  12. Linz, 18.5.2015