2016-01:Das Imperium der Schande

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Jean Ziegler:

Das Imperium der Schande

fb Der Titel dieses Buches leitet sich von einem Ausspruch Benjamin Franklins, einem der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der USA aus dem Jahr 1776, ab. Angesichts der hehren Ziele und Ansprüche dieses Statuts der Vereinigten Staaten angesprochen auf das in Welt vorherrschende Elend und Ungerechtigkeit und gefragt danach, welcherlei Macht in der Lage sei den hohen Zielen der Menschlichkeit zur Geltung zu verhelfen, antwortete dieser "die Macht der Schande" (the power of shame). Gemeint ist damit, dass selbst die Täter*innen, und seien es die Staatschefs der Weltmächte oder Konzernbosse, mindestens unterschwellig eine Wahrnehmung des Unrechts und der Unmenschlichkeit, die sie betreiben und deren Nährboden sie herstellen, haben, die im Zusammenspiel mit dem aufkeimenden Wille zum Kampf seitens der Unterdrückten, sobald sie erkennen, dass ihre Lage nicht aussichtslos ist, zum Umsturz der herrschenden Verhältnisse führen können.

Das "Imperium der Schande" ist die kapitalistische Weltordnung, die in einer Zeit materiellen und finanziellen Überflusses den Mangel organisiert, damit Konzerne noch mehr Profit machen können. Eindrücklich zeigt Ziegler, wie die Überschüsse der mächtigsten Unternehmen der Welt kontinuierlich steigen, so dass diese mit ihrem Geld regelrecht schon nichts mehr anfangen können, während die Statistiken von Hungertoten, hungerbedingten Erblindungen, Analphabet*innen, Armen und was es sonst so an offiziellen Faktoren der Elendserfassung gibt ständig weiter ausufern. Die Herrscher des Imperiums der Schande, weltweit operierende Privatgesellschaften aus Industrie, Bankwesen, Dienstleistungssektor und Handel, bezeichnet er als "neue Feudalherren". Deren Waffen sind die Verschuldung und der Hunger - beide gemacht und gepflegt von denselben Kräften. Einen objektiven Mangel an Nahrung gibt es nach Ziegler heutzutage genauso wenig wie an finanziellem Vermögen. Der reale Mangel leitet sich lediglich von der ungerechten Verteilung ab.

Ziegler: "Die Herrscher des Imperiums der Schande organisieren ganz bewusst den Mangel. Und dieser Mangel gehorcht der Logik der Profitmaximierung."[1]

Im Vorwort schon listete Ziegler akribisch auf, welche Flüchtlingsboote mit Menschen, die der in vielen afrikanischen Regionen vorherrschenden Hungerkatastrophe entkommen wollten, in einem Zeitraum weniger Tage auf verschiedenen Meeren gesunken sind. Anhand konkreter Beispiele zeigt er die systematische unterlassene Hilfeleistung militärisch organisierter Flüchtlingsabwehrtruppen wie Frontex auf, dass diese oft von den in Seenot befindlichen Flüchtlingsbooten wissen, aber die staatlichen Organisationen der betreffenden Länder, wie Küstenwache oder Militärschiffe, deren Rettung verweigern. Dem gegenüber stellt er politische Strategien, wie die Dumpingpreispolitik der EU auf landwirtschaftliche Produkte, die im Zusammenspiel mit der erzwungenen Öffnung der einheimischen Märkte zur Zerstörung von Landwirtschaft und eigener Produktion führen und damit einen wesentlichen Anteil am strukturellen Hunger in afrikanischen Ländern haben. Ziegler: "Der Zynismus der EU-Kommissare in Brüssel ist bodenlos. Sie fabrizieren den Hunger in Afrika und organisieren auf den Meeren die Jagd nach den Hungerflüchtlingen."[2]

Sehr informativ ist auch die Beschreibung des internationalen Rechts und der UNO, die Ziegler nicht nur benennt, sondern zum Teil auch ihre Entstehungsgeschichte und politischen Kontexte erläutert. Dabei analysiert er auch, warum trotz der ständigen Weiterentwicklung und Verbesserung der Schutzrechte von Menschen und Menschengruppen gegenüber den Herrschenden das internationale Recht als zusammenbrechend betrachtet werden sollte.

Detailliert beschreibt er die Situation in beispielhaften Regionen der Welt, in denen die ärmsten Menschen leben. Dabei geht er zwar auch auf das Elend und seine zumeist in der Politik der westlichen Staaten und deren Konzerne begründeten Wurzeln ein, aber zeichnet oft auch ein informatives, beeindruckendes Bild der verschiedenen Kulturen, des Kampfes gegen die Unterdrückung oder des Bewahrens eines letzten Zipfelchens an Menschenwürde unter menschenunwürdigen Umständen. Während Ziegler in seinem Buch "Der Hass auf den Westen" insbesondere auf das südamerikanische Land Bolivien und seine jüngste Befreiungsgeschichte eingeht, behandelt er hier als lateinamerikanisches Beispiel Brasilien und den wechselhaften Weg seines (mehr oder weniger) revolutionären Staatschefs Lula da Silva. Intensiv behandelt der Autor in diesem Buch außerdem die Situation Äthiopiens.

In dieser Hinsicht haben Zieglers Werke den Charakter von Reiseberichten - anschaulich beschreibt er Regionen und Menschen, die er auf seinen Reisen besucht und trifft. Dabei geht er auf den politischen Werdegang, Geschichte und gegenwärtige Problematiken ein. Leicht und trotz der oft niederdrückenden Inhalte schön zu lesen. Nicht immer ist die seine Analyse tiefgehend (zumindest nicht ausreichend selbst nachvollziehbar erörtert), sondern die Leser*in muss sich schon darauf verlassen, dass seine Einschätzung zutreffend sein wird. Es gelingt ihm jedoch den Eindruck zu vermitteln, dass seine vielfältigen Kontakte und Erfahrungen eine solide Basis für die Schlussfolgerungen, die er veröffentlicht, bilden.

Den abschließenden Abschnitt bildet eine detaillierte Erörtung der Macht und nachhaltigen Einflussnahme einiger Großkonzerne auf das Elend vor allem in den ärmsten Ländern dieser Welt, aber auch deren Kampf gegen die Arbeiterorganisierung und soziale bzw. ökologische Standards in ihren westlichen Heimatländern. Hier geht er insbesondere auf die Ideologie der Marktgesetze und wie diese benutzt wird, um sich von Gewissensbissen befreit um immer höhere blutgetränkte Profite schlagen zu können, ein. Wenn Ziegler Zahlen aus den Konzernstatistiken (wo es um plötzliche extreme Profitsteigerungen geht) mit plötzlich eingetretenen Armutskatastrophen in Ländern, wo genannte Unternehmen besondere Aktivitäten haben, vergleicht, wird deutlich, wie eng die Gewinne der Großunternehmen mit dem Elend auf der Welt zusammen hängen.

Ein optimistisches Gefühl für die weiteren Entwicklungen gibt dieses Buch definitiv nicht. Vielmehr verdeutlicht es die aktuellen Machtverhältnisse in der Welt und mit welcher Aggressivität der Raubtierkapitalismus seit dem Zusammenbruch des Ostblocks die wenigen demokratischen und sozialen Zugeständnisse des letzten Jahrhunderts bekämpft und scheinbar überall unstoppbar vorwärts dringt. An der fehlenden hoffnungsvollen Perspektive ist sicherlich nicht Jean Ziegler schuld; vielmehr ist es eine realistische Bestandsaufnahme auch der mangelnden Stärke und Resolutheit von Widerstandsbewegungen insbesondere in den privilegierten Ländern. Etwas, an dem dringend gearbeitet werden muss.

  • Jean Ziegler: "Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung"
  • Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2008
  • ISBN 978-3-442-15513-2
  • 315 Seiten, Taschenbuch, 8,95 €


Mehr zum Autor dieses Buches und einigen seiner Veröffentlichungen ist im Artikel "Jean Ziegler und die Revolution" auf Seite 54 zu erfahren.


  1. Jean Ziegler: "Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung"; Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2008; S. 44
  2. Jean Ziegler: "Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung"; Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2008; S. 13