2012-02:Für eine antikapitalistische Konsumfrage

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Konsum, das Glück und die Rettung der Welt

Nachtrag zur Konsumdebatte, Ergänzung zu dem Artikel "Wer die falsche Frage stellt, ..." von vega

(Dä) Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, in der angehäutes (/akkumuliertes) Kapital eine das Leben der Menschen bestimmende Eigendynamik entwickelt.

Für die Anhäufung von Kapital hat Lohnarbeit die vorrangige Schlüsselrolle. Arbeiter*innen schaffen (/produzieren) durch ihre Arbeit Werte, bekommen aber nur einen Teil des von ihnen geschaffenen Wertes als Lohn ausbezahlt. Das Kapital häuft sich bei denen an, die Menschen für sich arbeiten lassen, da sie die Produkte dieser Arbeit für mehr Geld verkaufen können, als sie als Lohn ausbezahlen müssen. Streik und Forderungen nach Lohnerhöhung gehören so zur traditionellen Praxis der antikapitalistischen Linken, da sie als geeignet angesehen werden, der Anhäufung von Kapital einen Riegel vorzuschieben.

In unserer Gesellschaft ist die Produktion in der oben genannten Weise kapitalistisch organisiert. Es ist für eine ökologisch-antikapitalistische Praxis wichtig, dies im Hinterkopf zu behalten. Neben der Produktion ist allerdings die Vermarktung der Waren bzw. Arbeitsprodukte ein gesellschaftlicher Schlüsselbereich des Kapitalismus. Die kapitalistische Produktion braucht einen Absatzmarkt, braucht Konsument*inn*en. Wenn der Schrott, der produziert wird, nicht mehr gekauft wird, kriegt der Kapitalismus die Krise. Es stellt sich also die folgende K-Frage: Kann es Kauf- und Konsumentscheidungen geben, die geeignet sind, die kapitalistische Logik zu durchbrechen oder anzugreifen?

Von mir gibt es dazu ein klares Ja! Doch zuerst zu den verkürzten und problematischen Antworten auf diese Frage:

  1. Moralische Selbstbegrenzung beim Konsum
  2. Scheiß egal, alles konsumieren, es gibt kein richtiges Leben im falschen, Helau!

zu 1.: Ist in der Szene weit verbreitet. Ob Containern oder nur vegan, ‘bio’ und ‘fairtraide’ kaufen dürfen, spielt hier keine große Rolle, die Motivation ist die gleiche: es geht darum als Konsument*in möglichst keine negativen Auswirkungen auf Arbeiter*innen und ‘den Planeten’ zu haben. Oft steht dahinter die Überzeugung, dass sich durch richtigen Konsum die Welt retten oder zumindest deutlich verbessern ließe, wenn nur alle mitmachen würden. Das gute an diesem Ansatz ist die kritische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des eigenen Handelns auf andere, wir können berechenen, wie groß unserer ökologischer Fußabdruck ist, realisieren wieviel Tierleid unserer Konsum auslöst, können dies im Hier und Jetzt ein ganzes Stück reduzieren und lernen so einiges über ökologische Zusammenhänge.

Problematisch an diesem Ansatz ist die Selbstwahrnehmung als vereinzelte*r Schuldige*r. Ich fühle mich schlecht, habe ein schlechtes Gewissen und bin unter Umständen bereit, harte Arbeit und Entberungen auf mich zu nehmen, um dieses schlechte Gewissen los zu werden und dabei nicht auf mich selbst und meine eigenen Grenzen zu achten. Hinzu kommt, dass die Auswirkungen des eigenen Verzichts kaum zu einem sichtbaren Erfolg führen. Dies führt oft zu Frustration mit fatalen sozialen Folgen wie:

  • weiteres sich in den Konsumverzicht hineinsteigen,
  • Leben auf Sparflamme, schlechte Ernährung, politisch Handlungsunfähig werden.
  • Agressives Missionieren gegenüber Leuten, die nicht aus dem Container oder nicht vegan leben,
  • abschreckendes und unfreundliches Auftreten, Verbitterung, soziale Isolation.
  • verstärkter Drogen- und Alkoholkonsum, um Schuld und Scheitern ertragen zu können.


zu 2.: klingt zwar cool, ist aber einfach nur dumm. Adorno würde sich im Grab umdrehen.


Wie also richtig Konsumieren? Das wesentliche Kriterium von dem wir ausgehen müssen, wenn wir ein gutes Leben leben wollen, sind die eigenen Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse sind vielfältig und irrational. Neben der Sicherung des eigenen physischen Überlebens leben wir vor allem von Geschichten, rücksichtsvoller Sexualität, Spannung, Spiel und Spaß gut und dürfen das auch. Wir dürfen weich, bunt, kreativ, verrückt und auch mal für andere unnütz sein, egal was (Szene-)Normen und Autoritäten dazu sagen.

Wenn wir so unseren Bedürfnissen nachgehen, ist es auf jeden Fall sinnvoll dies auf anderen Wegen als durch einkaufen zu tun, einfach weil es mehr Spass macht und besser funktioniert. Wenn wir tatsächlich mal das pralle selbstorganisierte Leben hinter uns lassen und Dinge gekauft werden sollen, halte ich die folgenden drei Kriterien für sinnvoll: (AL-LAA-WI-Regel)

  1. Gibt es realistische & zufriedenstellende Alternativen zum Kauf (Ausleihen, Klauen, Umsonstladen, Selbermachen,...)?
  2. Habe ich möglichst lange (nachhaltig!) etwas von diesem Produkt oder hat es langfristig sogar negative Auswirkungen: Schädigt es meine Gesundheit/ meine Psyche, bringt es mich in eine Abhängigkeit, verursacht es für mich weitere Arbeit, gibt es Folgekosten?
  3. Befriedigt das Produkt meine Bedürfnisse wirklich oder stellt es sich nach dem Kauf dafür als unbrauchbar heraus?

Ganz entscheidend geht es darum, das Glück, den Wahnsinn, die Liebe, das Gute, die Rettung der Welt und die ganze Wunderbarkeit des Lebens NICHT in den kapitalistischen Waren zu suchen. Das sind nur schöde Gegenstände, das ist da nicht drinnen! auch wenn die Werbung immer wieder das Gegenteil verspricht.

Wir können durch richtigen Konsum nicht die Welt retten.

Wir können unsere Teilnahme am kapitalistischen Markt reduzieren und
wir können diesen Markt nutzen, um in gutes Material und gesunde Nahrung zu investieren, um auf dieser Basis die Welt posiv und antikapitalistisch weiterzugestalten
- ohne Warenkonsum könnten wir das oft (leider noch) nicht.


zusammenfassende und weiterführende Gedanken:

Vereinzelt geht nicht viel. Wirksam handlungsfähig werden wir nur in der möglichst unkontrollierten, unideologischen, konkurrenzfreien und spontanen Interaktion mit Anderen, deren Gleichwertigkeit mit uns selbst uns bewußt ist.

Konsum und Einkaufen ist idelogisch und mystisch aufgeladen: durch Werbung etc. wird uns suggeriert, das Glück und das gute Leben alleine kaufen zu können. Dies ist nicht der Fall. Eher macht uns der Krempel oft unglücklich, ertrinken wir vereinzelt in sinnlosen Waren, die ihr Glücksversprechen nicht halten, sondern uns im Gegenteil eher lästig werden und zur Last fallen.

Grundlage eines Antikapitalistischen Konsums muss es sein, das Glück außerhalb der kapitalistischen Waren zu suchen. Der Motor der Produktion brummt, weil immer neue letztendlich leere Glücksversprechen auf den Markt geworfen werden, die Maschienen (die Nähmaschienen in Indien wie die Druckmaschinen die der Esoterikverlage) laufen für unsere vergebliche Suche nach verlorenem Glück, sie laufen, weil wir unglücklich sind.

Eine Gruppe glücklicher Individuen wird die zur Erhaltung ihrer Existenz notwendige Kreativität und Fähigkeit aufbringen. Wer glücklich ist, findet dafür soziale und materielle Wege, erfriert und verhungert unter den hiesigen technologischen und klimatischen Bedingungen nicht. Wir können in diesem Fall annehmen: Wo ein gemeinsamer Wille ist, ist ein Weg. Wenn uns Leser*innen des Grünen Blatts existezielle materielle Angst packt, ist dies meißt irrational - wohl auch eine Angst vor materieller Kooperation und den damit zusammenhängenden sozialen Prozessen.