2012-01:Konsumkritikkritikkritik

Aus grünes blatt
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Inhaltsverzeichnis

Wieso über Konsum reden?

Floh Im Fremdwörterbuch nachgeschlagen heißt „Konsum“ nicht mehr als „Verbrauch (bes. von Nahrungsmittel“, oder „Verzehr, Genuss“. Dinge, (bes. Nahrungsmittel) tun wir alle verbrauchen, und auch gegen Genuss findet sich schwerlich etwas einzuwenden. Was also soll denn am Konsum zu kritisieren sein, könnte mensch fragen. Und das tut vega in seinem Artikel in dieser Ausgabe und kommt mit dem Titel zu der Antwort: „Wer die falsche Frage stellt kann keine richtige Antwort bekommen“, denn „das Problem ist immer der Kapitalismus“. die Frage die gestellt wurde ist aber nicht: „Wie sieht richtiger Konsum im Kapitalismus aus?“, sondern „wie verhalten wir uns um den Kapitalismus zu überwinden und welche Rolle spielt dabei unser Konsum?“

Allein um den Verbrauch von Dingen, (bes. Nahrungsmittel) kann es tatsächlich nicht gehen, dass ist klar; Sonnennahrung soll hier nicht propagiert werden, und selbst das wäre ja noch Konsum. Eine Kritik am Konsum muss eine Kritik an den Rahmenbedingungen sein, innerhalb denen er stattfindet. Also im Endeffekt auch eine Kritik an der Produktionsweise. Dennoch den Fokus auch auf den Konsum zu legen macht trotzdem Sinn, weil der Konsum von Dingen, als Resultat einer Strategie der Bedürfnisbefriedigung, ja gerade der Moment ist durch den jede_r Einzelne_r in Beziehung zum Produktionssystem tritt (neben anderen jeweils unterschiedlichen Beziehungen). Fremdbestimmtes Leben wird in hohem Maße genau durch diese Abhängigkeit produziert: Auf ein abstraktes Produktionssystem angewiesen zu sein, in der Rolle des passiven Konsumenten, aus der Unfähigkeit Dinge anders zu organisieren/zu produzieren.

Wie ich versuchen werde zu erklären, denke ich dass Strategien der Emanzipation - wohlgemerkt nicht solche die das bestehende Produktionssystem meinen verbessern zu können - auch genau dort ansetzten müssen. Emanzipation ist dann der Schritt der Überwindung der Degradierung zum Konsumierenden, also zum passiven Objekt in der Produktions-Konsum-Kette. Wer konkrete Ansätze zur schrittweisen Befreiung aus der Degradierung zur_zum Konsument_in als „individuelle Lösung“ kritisiert und meint wirklich radikal sei nur die Bewusstseinsschaffung zur Kapitalismuskritik, der_die hält den Basiskurs für die Meister_innenprüfung. Dass das bestehende Produktionssytem eine aberwitzige Angelegenheit, ist steht außer Frage. Was zur Debatte steht ist aber der Weg zu dessen Überwindung. Und die passiert nicht mit reiner Theoriearbeit und Analyse des Bestehenden, sondern durch Organisierung. Um es mit den Worten des „Aufrufs“ des „unsichtbaren Komitees“ zu sagen: „Und der Sport der endlosen, mal mehr mal weniger genüsslichen Beschreibungen der gegenwärtigen Katastrophe ist nichts als eine andere Art zu sagen: Es ist halt so“. Ganz ähnlich klingt das bei Holloway: „Die Ungerechtigkeiten, Gewalt und Ausbeutung sind so offensichtlich, dass kein Ausweg möglich scheint. (...) Die einfachste Antwort ist pessimistische Desillusionsierung. Der (…) Wutschrei gegen den Horror des Kapitalismus wird zwar nicht aufgegeben, aber wir lernen damit zu leben. Wir verwandeln uns zwar nicht in Anhänger des Kapitalismus, aber wir akzeptieren, dass das was ist, ist. Beinhaltet schließlich an der Trennung von Schaffen und Geschaffenem teilzuhaben.“ Und zwar dadurch, dass mensch sich selber die Fähigkeit abspricht aktiv in die Gestaltung von Gesellschaftsprozesse einzugreifen, oder besser gesagt, das Eingreifen nur auf der diskursiv-analytischen Ebene möglich erscheint. „Wenn wir definieren, klassifizieren und quantifizieren oder wenn wir die Ansicht vertreten, dass das Ziel der Sozialwissenschaften sei, die Gesellschaft so zu verstehen wie sie ist oder wenn wir die Gesellschaft objektiv studieren wollen – als wenn sie ein von uns getrenntes Objekt wäre – dann nehmen wir aktiv an der Negation des Tun teil durch die Trennung von Subjekt und Objekt, durch die Aufspaltung von Schaffendem und Geschaffenem.“

Sehr interessant ist es also erstmal, sich die Diskurse zum Thema in zwei sehr unterschiedlichen, jeweils sehr deutschen Bewegungen anzuschauen:

Die Konsumbewegung

Fälschlicherweise als Konsumkritik bezeichnet, wird oft das was eigentlich genau eine Konsumbewegung ist: Die verbürgerlichten Umweltbewegungen vergangener Jahrzehnte, sowie andere Besserverdienende. Diese üben eben keine Kritik - von einer Praxis ganz zu schweigen - an den gegebenen Konsumverhältnissen, sondern sehen genau darin ihre Möglichkeit der Partizipation. Also darin den etwas besser riechenden Kackehaufen auszuwählen, sprich die plastikverpackte Biotomate aus Spanien, anstatt die plastikverpackte Konvitomate aus Argentinien.

Ebenso wie seit dem Aufkommen der grünen Partei Mitte der 80er Jahre emanzipative Politikkonzepte eingetauscht wurden, gegen die Möglichkeit den weniger übel riechenden Haufen wählen zu können. Mehr ist zu dieser Bewegung wohl nicht zu sagen. Der grüne Konsum ist das Opium der derzeitigen Umweltbewegung.


Konsumkritik-Kritik

Aus der sogenannten linksradikalen (oder post-linksradikalen) Bewegung entwickelte sich die Kritik an der eben fälschlicherweise Konsumkritik genannten Bewegung (interessant übrigens dass diese Kritik bei Antideutschen und orthodox-kommunistischen Gruppen fast identisch ausfällt). Durch diese völlig falsche Zuordnung wird auch genau das Falsche kritisiert: Nämlich der Glaube hier und heute etwas verändern zu können, anstatt die Art und Weise auf die das versucht wird. Konsumkritik.kritiker_innen hingegen erkennen (zurecht) das kapitalistische System als unfähig innerhalb von ihm etwas „richtiges“ anzustellen, blasen aber genau dieses System als allmächtig auf um jede konkrete Handlungsoption zu negieren und als lächerlich erscheinen zu lassen. Eine Handlungsalternative dazu haben sie allerdings nicht, außer dem Gerede vom richtigen Bewusstsein das erzeugt werden müsse, um den Kommunismus möglich zu machen. Bis dahin müsse mensch wohl oder über warten. Wer die Möglichkeit hat sich ein Geschichtsbuch auszuleihen, der_die sollte das tun und sich in ihm historische Bewegungen anschauen. Dort wird mensch feststellen, dass der goldene Engel des Kommunismus bisher statistisch nicht öfters vorbeigeflogen kam, als der Messias bisher wiedergeboren wurde. Auch wenn für beide Ereignisse abertausende Menschen ihr Leben mit Warten verbrachten.


Was sonst?

Um sinnvolle Handlungsoptionen zu entwickeln ist es notwendig ein bißchen tiefer zu analysieren was in der herrschenden Realität eigentlich passiert. Spannender als die klassisch-marxistischen Ansätze, die zu den Praktiken des Wartens führen und führten (was ja Marx selber schon propagierte, anstatt reale Aufstände zu unterstützen) ist da zum Beispiel der Ansatz von John Holloway. Er unterscheidet Macht in kreative und funktionalisierte Macht. Kreative Macht entsteht durch das selbstbestimmte Tun von Menschen, im Fluss eines Netzwerkes selbstbestimmter Menschen. Das Tun genauso wie das Getane (also die Produkte des Tuns), was sowohl hergestellte Gegenstände, wie auch gesellschaftliche Organisierung oder Kulturelles sein kann, steht unter der Kontrolle der Tuenden (nicht zu verwechseln damit, dass nur jene Zugang zu den Ergebnissen hätten, die selber an der Produktion teilgenommen haben). Herrschaftsausübung hingegegn ist der Prozess der Instrumentalisierung kreativer Macht, also dass einige Wenige, das Tun und das Getane von Vielen kontrollieren. „Die Transformation kreativer Macht in instrumentelle Macht unterbricht (…) (den) gesellschaftlichen Handlungsfluss. Jene, welche die instrumentelle Macht ausüben, trennen das Geschaffene (hecho) vom gegenwärtigen Schaffen und erklären das Geschaffene zu ihrem. Die Aneignung des Geschaffenen ist gleichzeitig die Aneignung der Mittel des Schaffens und vom Schaffen selbst. Damit sind sie von sich selbst getrennt. Diese Trennung ist die Basis jeder Gesellschaft, in der einige Macht über andere ausüben. Im Kapitalismus erreicht diese Trennung ihren Höhepunkt. Der gesellschaftliche Fluss der Handlungen wird zerstört. Kreative Macht transformiert sich in instrumentelle Macht. Jene die das Tun anderer kontrollieren erscheinen nun selbst als die Macher der Gesellschaft (...) In der gegenwärtigen Gesellschaft existiert kreative Macht jedoch nur in Form ihrer eigenen Negation als instrumentelle Macht. Das bedeutet nicht, dass die kreative Macht aufhört zu existieren. Aber sie existiert in ihrer negierten Form, in einer antagonistischen Spannung zu ihrer eigenen Existenzform als instrumentelle Macht.“ (Holloway) Diese Negation der „kreativen Macht“ ist aber kein statischer Zustand, sondern ein ständig aufs neue fortwährender Prozess. „Wenn wir jedoch die Trennung von Tun und Getanem (Schaffen und Geschaffenem) nicht als etwas Endgültiges betrachten, sondern als einen Prozess, beginnt sich die Welt zu öffnen. Schon die Tatsache, dass wir von Entfremdung sprechen, bedeutet, dass die Entfremdung nicht total sein kann. Versteht man Trennung, Entfremdung etc. als Prozess, dann bedeutet das, dass die weitere Entwicklung nicht vorherbestimmt ist, dass die Transformation der kreativen in instrumentelle Macht immer offen ist, immer in Frage gestellt. Ein Prozess beinhaltet eine Bewegung der Entstehung, bedeutet, dass das was geschieht (Entfremdung), immer ist und gleichzeitig nicht ist... Die Existenz der instrumetellen Macht impliziert die Existenz der Anti-instrumentellen Macht – oder in anderen Worten – die Emanzipationsbewegung von der instrumentellen Macht.“ (Holloway) Wer nun also konkrete Handlungsansätze zur Negierung der Transformation kreativer Macht zur instrumentellen Macht kritisiert als individuelle Lösungen, mit der Argumentation, der Kapitalismus sei allumfassend und vor seiner Überwindung gäbe es rein gar nichts was nicht komplett von ihm geschluckt würde, der_die macht genau mit dieser Argumentation die instrumentalisierte Macht tatsächlich unüberwindbar: Die einzige Möglichkeit die übriggelassen wird ist ein kollektiver Systemwechel, wie ein Hebel den es umzulegen gilt, also ein Wechsel der Programmatik der instrumentalisierten Macht. „Die einzige Form , um radikale Veränderungen zu erreichen, ist nicht die Eroberung der Macht, sondern die Auflösung der Macht“. Hinter diese, hier von Holloway ausgeführte anarchistische Banalität fallen die Marxist_innen mit obriger Kritik zurück.

Der Kapitalismus ist allgegenwärtig: Als Prozess der Negierung kreativer Macht. Und das als Prozess zu erkennen ist von fundamentaler Relevanz. Denn orthodox-marxistische Analysen mit ihrem statischen Verständnis von Kapitalismus - als etwas das solange als Ganzes einfach ist bis es als Ganzes nicht mehr ist bzw. übernommen ist, anstatt etwas dass in seiner ständigen Reproduktion und Reorganisierung immer gleichzeitig ist, und nicht ist - können nicht anders als die Macht übernehmen zu wollen, anstatt sie zu zersetzen. Die Parole: „ums Ganze“ drückt das gut aus. Das Ganze als Ganzes ist vordefiniert und die Frage ist bloß: Wer schmeißt den Laden? Wie libertär ihre Utopien auch sein mögen, wer meint Selbstorganisation sei abhängig davon, dass erst das „richtige System“ dafür geschaffen wird, der_die setzt eben doch die Systeme über die Menschen, sieht die einzelnen Menschen als Zubehör eines solchen und glaubt nicht an ihre Emanzipationskräfte aus sich heraus.


„Aufhören den Kapitalismus zu schaffen“

Wenn wir den Kapitalismus als etwas begreifen, dass deswegen existiert, weil wir ihn jeden Tag von neuem erschaffen, dann verliert er seine Allmächtigkeit, und wir erkennen unsere Macht einfach einen Schlussstrich zu ziehen und selber unsere kreative Macht nicht mehr instrumentalisieren zu lassen für fremde Herrschaft. Zwar strahlt der Kapitalismus tatsächlich aus bis in alle Bereiche des Lebens, alles tendiert in Richtung Verwertbarkeit und übt Druck aus, selber in den Kategorien der Kapitalverwertung zu denken, auch wenn es nur mensch selber ist der_die sich verwerten lässt. Dieses Tendieren und der Druck bedeuten aber noch lange nicht, dass mensch sich ihnen nicht entgegenstellen könnte. Denn beides sind Bewegungen und keine Zustände. Wenn vega schreibt: „Es gibt nichts was außerhalb des Kapitalismus steht“, macht er also genau den unter Marxist_innen gängigen Fehler, aus einer sich zwangsläufig ständig erneuernden Bewegung, einen festen Zustand zu formen. Aus einem flüssigen Aggregatzustand einen Festen zu machen. „Der Angriff auf die Dauerhaftigkeit ist für den Angriff auf die kapitalistische Arbeitsorganisation von zentraler Bedeutung“ schreibt Holloway, und „sobald die Subjektivität wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt wird ist die Dauerhaftigkeit gebrochen. Es kann nicht länger davon ausgegangen werden, dass morgen genauso wie heute sein wird, weil wir es anders machen können“ (Holloway)

Der Kapitalismus ist nicht deswegen so stabil, dass selbst seine Kritiker_innen ihn als Allmächtig oder als Naturgesetz wahrnehmen, weil er Stabilität in seiner festen Form besitzen würde, sondern, weil die Herrschaft über die Köpfe so stabil ist, dass kapitalistische Kategorien eben als einzig mögliche Rahmen erscheinen, in denen das Leben denkbar ist und sie eben zu scheinbaren Naturverhältnissen mutieren. Eben das wird aber von jenen Marxist_innen unterstützt, die sich rein auf die Kapitalismus-Analyse beschränken und zu dem Ergebnis kommen: Es gibt nichts außerhalb des Kapitalismus. „Wenn es außerhalb nichts gibt, dann richte ich es mir in ihm ein, und bin mit meiner Analyse und Kritik dennoch auf der richtigen Seite“ mag sich dann mensch eine_r denken, und das ist wohl auch die gängige Praxis in der linken Szene.

Wenn ich, um bei einem Beispiel von vega zu bleiben, mir meine Klamotten aus dem Umsonstladen hole anstatt von C&A, dann ist das sicherlich nichts was komplett auserhalb jeder kapitalistischen Sphäre geschieht. Klar die Sachen wurden dennoch kapitalistisch produziert, genauso wie das beim containern der Fall ist. Das bringt Vega zu folgenden Schlussfolgerung: „Containern ist eine begrenzte, kapitalismusimmanente Nische. Das ist als eine Kritik an dem Verständnis von Containern als vermeintlich politischer Praxis zu lesen, nicht am Containern an sich. Natürlich macht es Sinn diese Nische zu nutzen. Einerseits um die individuellen Konsummöglichkeiten zu erweitern. Andererseits ist ja schon ein alter Hut, dass die Zeit die Mensch so nicht mit Lohnarbeiten verbringen muss, beispielsweise auch für emanzipatorisch-radikales politisches Engagement genutzt werden kann. “ Die Frage die sich da aufwirft ist, in welchen Kategorien „politische Praxis“ hier verstanden wird, wenn eine auf politisch-emanzipatorisches Engagement ausgerichtete Lebensgestaltung eine solche nicht sein soll. Selbstverständlich hat containern nichts mit einer herrschaftsfreien Utopie zu tun, weil es nur schwerlich vorstellbar ist, was dort Menschen dazu antreiben soll, große Plastikbehälter aufwendig zu produzieren, um sie mit Gemüse und durch Tierausbeutung hergestellte Tierprodukte zu füllen um sie abholen zu lassen von fossil angetriebenen Lastern, die damit riesige Müllhalden füllen (wichtig ist noch dass das Gemüse und die Tierprodukte plastikverpackt sind, damit sie nicht verrotten!). Aber „Freiheit besteht nicht, wie uns die Liberalen glauben machen wollen, als etwas Unabhängiges von den gesellschaftlichen Antagonismen, sondern als einzig mögliche Form in einer von Herrschaftsverhältnissen durchzogenen Gesellschaft: Als Kampf gegen diese Herrschaft.“ (Holloway, 12 Thesen gegen die Macht)

Um den oben beschriebenen Druck in Richtung Verwertbarkeit etwas entgegenzusetzten sind einfache Konzepte wie containern, Umsonstläden, offene Infrastrukturen, sowie einiges an Kreativität bei der Beschaffung aller möglichen Dinge notwendig. Entscheidend ist dann nicht inwiefern diese Dinge komplett außerhalb des Kapitalismus stattfinden, natürlich tun sie das nicht, sondern inwiefern sie dazu geeignet sind, Räume zu gestalten innerhalb derer Menschen weniger abhängig davon sind, ständig aufs neue daran mitzuwirken den Kapitalismus neu zu schaffen, oder um es mit Holloway zu sagen, eigene kreative Macht instrumetaliseren zu lassen.

Natürlich sind das nur Ansätze in sehr begrenztem Rahmen, „aber es gibt zweifellos viele Beispiele, die darüber hinausgehen von Menschen die Fabriken oder Schulen besetzen und versuchen, sie auf einer anderen Grundlage zu organisieren, indem sie Bäckereien, Werkstätten oder Gärten für die Gemeinde erschaffen, freie Radios aufbauen und so weiter. Alle diese Projekte und Revolten sind begrenzt, unzureichend und widersprüchlich (wie sie es in einem kapitalistischen Kontext auch sein müssen), aber es ist schwer erkennbar, wie wir ein emanzipatorisches Tun anders erschaffen können als in Form dieser Zwischenräume, durch einen Prozess des Ineinanderverwebens verschiedener Formen des Kampfes des Tuns gegen die Arbeit, des Verknüpfens der verschiedenen Tuns in-und-gegen-und-jenseits des Kapitals.“ (Holloway)

Vega schreibt: „Wer Alternativen aufbauen will, braucht dafür Produktionsmittel. Und wer Alternativen zu einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft aufbauen will, muss dafür im großen Stil Produktionsmittel aneignen. Solange das nicht passiert ist, geht es diesen Produktions-Alternativen ähnlich wie den Konsum-Alternativen: Sie bleiben widersprüchlich, ungenügend und zeigen auch nur bedingt auf, wie eine befreite Gesellschaft aussehen kann.“

Richtig ist sicherlich, dass ohne die Kontrolle über Produktionsmittel keine selbstorganisierte Produktion stattfinden kann. Das „Aneignen in großem Stile“ klingt mir aber zu sehr nach „den ganzen Laden übernehmen“. Rein auf der technischen Ebene befürchte ich, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, wenn ganze Produktionseinheiten übernommen werden, dass sich der Logik dieser unterworfen wird (oder Teile der Logik sich einschleichen), die auf der Instrumetalisierung der kreativen Macht beruht. Stichwort: Die Maschine gibt den Takt vor. Deshalb sympatisiere ich eher mit dem Gedanken, dass sich tausende Kleinprojekte als Keimzellen formieren um eine Gesellschaft zu schaffen, in der „es von losen, kreuz und quer wuchernden, ungleichzeitigen Fäden nur so wimmelt, heterogenes Tätigsein, dessen gesellschaftlicher Nutzen alles andere als offensichtlich ist, oder deren einziger direkt gesellschaftlicher Nutzen die Freiheit ist, nach eigenem Gutdünken zu leben.“ (Holloway) Dass dabei vielerlei brauchbare Infrastruktur übernommen werden kann, glaube ich schon, aber Arbeitsrhytmen und -abläufe müssen neu gestaltet werden, vieles wird umfunktioniert werden und so weiter. Und noch ein Punkt: Gerade wenn das alles eigentlich in größerem Stile notwendig wäre, ist doch das einzig sinnvolle wenigstens auf kleiner Ebene bereits jetzt damit anzufangen.