2008-03:Die Situationistische Internationale

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Die Situationistische Internationale

Rezension von Roland O. Amann

Das Paris der 1950er Jahre war das Sammelbecken für Abenteuersuchende, Glücksjäger, Künstler aller Art und Berufung. Bürgerliches Leben, muffiger Kulturbetrieb und die Halbwelt trafen hart aufeinander. Zahllose junge Menschen wurden von der Metropole angezogen. Sie kamen als Touristen, Studierende oder Herumtreiber, die dem langweiligen und beschränkenden Leben der Provinz entfliehen wollten. Die Cafés und Bistrots in Saint-Germain-des-Prés dienten ihnen gleichermaßen als Kneipe, Zuhause, Bühne und zentraler Kommunikationsort. Dort traf sich auch „der Stamm“, über den Jean-Michel Mension sagt: „Im großen und ganzen bestand die eigentliche Atmosphäre des Stamms in der Aufforderung, noch weiter zu gehen, alles hinter sich zu lassen, zu zerstören und über alles Vorgefundene hinauszugehen, aber manchmal gab es auch den Rückzug, das waren die Momente, in denen man sich ein wenig ausruht, bevor man wieder zum Angriff auf eine oder zwei Flaschen und die Welt gleichzeitig übergeht.“ Der Stamm war eine kleine Gruppe Jugendlicher, die sich hier herumtrieben, der Arbeit aus dem Weg gingen, kleine Diebstähle verübten und ansonsten den Tod der bürgerlichen Kultur planten. Sie zelebrierten eine extreme Philosophie des Nichtstuns und des Genusses. Das Finden und Ausleben des Begehrens, unter Zuhilfenahme von reichlich Alcohol und Cannabisprodukten war ihre Hauptbeschäftigung. „Und das war das Delirium, das war Alcohol. Außerdem rauchten wir sehr regelmäßig Haschisch. Heute raucht es jeder.“ erinnert sich Mension.

In dieses „verlockende Milieu“ kam 1951 Guy Debord als Student, der sich der Lettristischen Bewegung zugeneigt fühlte. Er, der von 1957 – 1972 der Situationistischen Internationalen (SI) als „informelle Leitfigur, Stratege und Triebfeder“ angehörte, lebte bald mit dem Stamm und ließ sich von ihm, und der sich von ihm inspirieren. So fand sich ein Bodensatz zusammen, aus dem 1968 eine Revolution entstehen sollte. Eine Revolution braucht die Entschlossenheit und den Trotz, sie braucht Menschen die rebellieren. Wer jetzt aufmuckt und meint ’68 sei ein alter Hut und längst perdu, übersieht welchen Einfluß die Methoden und Ideen der SI im Feld der kreativen politischen Aktion und des cultural hacking heute noch haben. 1958 schon steht in internationale situationniste, dem Mitteilungsorgan der SI zu lesen: „Zweckentfremdung von ästhetischen Fertigteilen. Integration aktueller oder vergangener Kunstproduktionen in eine höhere Konstruktion des Milieus. In diesem Sinne kann es weder eine situationistische Malerei noch ein situationistische Musik, wohl aber eine situationistische Anwendung der Mittel geben. In einem ursprünglicheren Sinne ist die Zweckentfremdung innerhalb der alten kulturellen Gebiete eine Propagandamethode, die die Abnutzung und den Bedeutungsverlust dieser Gebiete aufzeigt.“ Dabei zielten die Mitglieder der SI stets darauf ab, sowohl die kapitalistische, als auch die verhaßten sozialistischen, als Bürokratie beschimpften Gesellschaftsordnungen aufzuheben. Folgerichtig fand sich an den Mauern der Sorbonne im Mai 1968 die Parole: „Die Menschheit wird erst an dem Tag glücklich sein, wenn der letzt Bürokrat mit den Gedärmen des letzten Kapitalisten aufgehängt ist.“ Dabei darf bezweifelt werden, daß damit die Personifikationen, die Charaktermasken des Kapitals, oder der Bürokratie gemeint waren, denn Debord merkte dazu an „Die Revolution zeigt den Menschen nicht das Leben, sondern bewirkt, daß sie leben. Eine revolutionäre Organisation muß immer berücksichtigen, daß ihr Ziel nicht darin besteht, ihre Anhänger dazu zu bringe, überzeugenden Ansprachen von erfahrenen Führern zu lauschen, sondern dazu, für sich selbst zu sprechen, damit wenigstens versucht wird, das gleiche Maß an Beteiligung zu erreichen.“

Simon Ford ist Schriftsteller und Kunsthistoriker. Er schreibt spannend, dicht und lebendig eine kompakte Kulturgeschichte der SI und ihrer Konzepte der totalen Revolution des Lebens auf, die er etwas großspurig als „Gebrauchsanweisung“ bezeichnet. Herausgekommen dabei ist eine kurze Einführung, die man als Rahmen betrachten kann, durch den der Neugierige einen ersten Überblick erlangt über Beteiligte, Begebenheiten, Ideen und Publikationen der LI (Lettristischen Internationalen) und der SI, sowie deren Epiphänomenen. Vom Lesenden wird dabei ein hohes Quantum Mitarbeit eingefordert, denn durch die Begrenztheit der Präsentation werden viele Bereiche nur angerissen. Ford nennt viele Namen, die im Text meist spärlich kommentiert als Symbole stehen bleiben; denen es dann nachzuforschen gilt. So z.B. in einem schnell hinskizzierten Exkurs über Constant, einem niederländischen Architekten und Künstler, der einen „unitären Urbanismus“ andachte: „dieser bildet die Grundlage für die Entwicklung der Konstruktion von Situationen als Ausdruck von Spiel und Ernst einer freieren Gesellschaft“. Seinen damaligen Entwurf nannte er „New Babylon“. Die Entwicklung einer Situationistischen Revolutionstheorie bleibt leider, der dem Format geschuldeten Kürze wegen, fast vollkommen ausgespart. Wer sich für diesen Aspekt der SI interessiert sei unbedingt auf das gleichnamige Projekt der theorie.org Reihe verwiesen. (Anmerkung: Besonders im zweiten Band Kleines Organon finden sich eine ausführlich kommentierte Zeitgeschichte, der Anmerkungsapparat, eine umfangreiche bewertete Literaturliste, ein Glossar[!] sowie ein Register) Für den Suchenden bietet sich Fords Buch trotzdem als grundlegende Informationsquellen an und verweist auf zusätzliche Portale im Netz, wo Situ-, und Pro-Situ-Gruppen ein ausfransendes Archiv an Texten und Analysen eingestellt haben. Das Buch ist als ein Vorspann zu lesen für den Hauptfilm, der sich an seine Lektüre anschließend beim Lesenden im Kopf (und Herz) konstruiert, sobald dieser in die Originaltexte und Pamphlete der SI hinabtaucht, um diese wieder zurück ans Licht zu zerren.

Das Buch erschien 2006 in besserer Ausstattung und einem größeren Format im Original bei Black Dog. Wer des Englischen mächtig ist, dem sei diese Ausgabe empfohlen, denn die zahlreichen Graphiken und Faksimiles (die in der vorliegenden Ausgabe von Nautilus knapper, und schwerer zu entziffern sind) werden in dieser durch farbig Abbildungen aus „Memoirs“, einem gemeinsam von Debord und Ansgar Jorn produzierten Buch ergänzt.