2008-02:Situationistische Revolutionstheorie

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Situationistische Revolutionstheorie

jhc In der im Schmetterling Verlag erscheinenden linken Theorie-Reihe "theorie.org" erschien kürzlich der Band "Situationistische Revolutionstheorie", der eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der Situationistischen Internationalen (SI) bieten soll, in der sich ursprünglich Künstler organisierten und die eine gedankliche Grundlage für den Mai 1968 in Paris legte. Das Buch ist auf einem hohen akademischen und "intellektuellen" Niveau geschrieben, was die Zugänglichkeit für viele Menschen durchaus schwer machen wird. Viele Punkte düften deshalb auch für Menschen ohne marxistisches Grundvokabular unverständlich bleiben oder mehrmaliges Lesen erforderlich machen.

Wer diese Hürden überwinden möchte und kann, findet eine detaillierte Kritik an Ware, Geld, Kapital und Staat aus situationistischer Perspektive. Ein Schwerpunkt situationistischer Revolutionstheorie, so wird erläutert, liegt auf einer Neu-Interpretation des Marxismus, besonders dessen Entfremdungsbegriffs. Als Anwort auf die sozialistische Realität formulierte die Situationistische Internationale eine Theorie, die mit dem Credo "der Zweck heiligt die Mittel" radikal aufräumt und eine Praxis im Hier und Jetzt fordert, die dem Anspruch einer bedürfnisorientierten Utopie gerecht wird. Das aktuelle scheinbare Spannungsfeld zwischen einem starken repressiven Staat und seinem gesellschaftlichen Rückzug im Namen der Deregulierung werden situationistisch beleuchtet.

Besonders interessant für Umweltschutz von Unten ist das leider sehr kurze Kapitel über das Ökologieverständnis der Situationistischen Internationalen. Auf der einen Seite wird Umweltschutz von Oben in Form von Staats- und Marktlösungen eine herrschaftskritische Absage erteilt, auf der anderen Seite eine leider enttäuschende Kritik an Subsistenz, Kommunen und "Müllökonomien" geübt, dessen Schwäche scheinbar durch komplizierte Formulierungen übertüncht werden soll. Hier wären tiefer gehende Recherchen interessant.

Alles in allem also eine gelungene, wenn auch reichlich komplizierte und wenig zugängliche, Einführung in diese an sich inspirierende emanzipatorische Theorie und Praxis. Diejenigen, die durch das Buch "Die Kunst frei zu sein" auf die Situationistische Internationale aufmerksam und dessen liebevolle und leichtgängige Betrachtung durch Tom Hodgkinson neugierig geworden sind, werden von diesem Buch eher abgeschreckt.

  • Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie, Vol. 1. Eine Aneignung. Enchiridon
  • Schmetterling Verlag, 2007
  • ISBN 3-89657-650-X.