2007-03:"Grüne Anarchie" - Teil 1

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"Grüne Anarchie" - Teil 1

NaturIstVernunft. Dieser Artikel basiert auf dem Einführungstext "What is Green Anarchy? An Introduction to Anti-Civilisation Anarchist Thought and Practice" das in der Serie "Back to the Basics" als "Volume 4" herausgegeben wurde. Verfasst wird diese Serie vom "Green Anarchy Collective" das auch die Zeitschrift "Green Anarchy" (http://greenanarchy.org/) in den USA herausgibt. Übersetzt wurde der Text im Knast Regensdorf in der Schweiz von Marco Camenisch. Gefunden auf Indymedia Schweiz (http://switzerland.indymedia.org/de/2005/04/31460.shtml). So musste ich den mir vorliegenden Text nicht selbst übersetzen. Der Text spiegelt nicht meine eigene Meinung wieder soll aber in einen "Anarchismus" einführen den ich für im deutschsprachigen Raum unterrepräsentiert halte. Viel Spass beim Lesen.




Was ist "Grüne Anarchie"? Eine Einführung in anti-zivilisatorisch, anarchistisches Denken und Handeln. - Teil 1

Diese Einführung ist weder als "Bestimmung der Prinzipien" für eine anarchistische "Bewegung" noch als antizivilisatorisches Manifest gedacht. Es ist ein Blick auf einige grundsätzliche Ideen und Begriffe, die das Kollektiv und andere Leute, die sich mit der grünen Anarchie identifizieren, miteinander teilen. Wir haben den Anspruch, und setzen das Bedürfnis voraus, unsere Visionen und Strategien offen zu halten und Diskussion ist immer willkommen. Wir finden, dass, wenn wir uns weiterentwickeln wollen, jeder Aspekt unseres Denkens und Seins einer konstanten Infragestellung und Flexibilität bedarf. Uns interessiert keine Entwicklung einer neuen Ideologie und auch keine Verewigung einer besonderen Weltanschauung. Wir setzen voraus, dass nicht alle grünen AnarchistInnen spezifisch antizivilisatorisch sind (wobei wir schon Mühe haben zu verstehen, wie es möglich sein kann gegen jede Herrschaft zu sein ohne dieselbe an ihren Wurzeln, d. h. radikal, in Frage zu stellen). Immerhin prangern viele Leute, die den Begriff "grüne Anarchie" verwenden die Zivilisation und ihre Aspekte (Abrichtung/Domestizierung, Patriarchat, Arbeitsteilung, Technologie, Produktion, Stellvertretung und Darstellung, Entfremdung, Verdinglichung, Kontrolle, Zerstörung des Lebens usw.) an. Während es Leute gibt, die sich im Sinne der direkten Demokratie und dem städtischen Gartenbau selbstverwirklichen würden, sind wir der Meinung, dass das wieder grün oder "gerechter" machen der Zivilisation eine unmögliche und lästige Aufgabe ist. Wir finden es wichtig uns in Richtung einer radikal dezentralisierten Welt zu bewegen, die Logik und Mentalität der Todeskultur herauszufordern, jeglicher Stellvertretung/Vermittlung in unserem Leben ein Ende zu setzen und alle Institutionen und materiellen Ausdrücke dieses Albtraumes zu zerstören. Wir wollen entzivilisiert werden. Allgemeiner ausgedrückt, das wäre der Weg der grünen Anarchie im Denken und Handeln.

Anarchie oder Anarchismus

Eine unserer Meinung nach zu Beginn wichtige Qualifizierung ist die Unterscheidung zwischen "Anarchie" und "Anarchismus". Etliche werden das als rein semantische Angelegenheit oder Trivialität abtun, aber für einen großen Teil der post-linken und antizivilisatorischen Anarchistinnen ist diese Unterscheidung wichtig. Anarchismus kann als bedeutender geschichtlicher Bezugspunkt zur Inspiration und als Lehrmittel dienen, ist aber zu systematisch, erstarrt und ideologisch geworden... alles Dinge, die nichts mit Anarchie zu tun haben. Notorisch ist, dass das weniger mit dem Anarchismus als soziale, politische und philosophische Orientierung zu tun hat und mehr mit denjenigen, die sich als AnarchistInnen identifizieren. Unter unseren anarchistischen Vorfahren gäbe es sicher etliche, die mit uns denselben Ärger über diese Tendenz teilen würden, dasjenige zur Erstarrung zu bringen, was immer flüssig bleiben müsste. Die ersten, die sich als AnarchistInnen identifizierten, (Proudhon, Bakunin, Berkman, Goldman, Malatesta, usw.) entsprachen mit eigentümlichen Motivationen und Wünschen genauso eigentümlichen Kontexten. Viel zu viel betrachten zeitgenössische Anarchistinnen diese Individuen als Vertreter der Grenzen der Anarchie und stellen eine Haltung gegenüber der Anarchie her, die wir WWBT ("Was Würde Bakunin Tun" - oder besser "Denken") nennen können, ein tragisches und potentiell gefährliches Verhalten. Heute lehnen einige, die sich mit dem klassischen Anarchismus identifizieren, alle Bemühungen in unerforschten Bereichen innerhalb des Anarchismus (d.h. Primitivismus, Post-Linksorientierung/Post-leftism) einfach ab, und tun dasselbe mit Tendenzen, die vom Gesichtspunkt der anfänglichen Massenbewegung her als abwegig betrachtet wurden (d.h. Individualismus, Nihilismus, usw.). Dieser extrem kreativitätsarme Dogmatismus einiger AnarchistInnen ist so weit gegangen, den Anarchismus zur sehr spezifischen wirtschaftlichen und sozialen Methodologie für die Organisierung der ArbeiterInnenklasse zu erklären. Das ist selbstverständlich ein absurdes Äußerstes, aber solche Tendenzen sind in etlichen Ideen und Vorhaben einer großen Anzahl von zeitgenössischen AnarchistInnen der linksorientierten Tendenz auszumachen (Anarchosyndikalismus, Anarchokommunismus, "Plattformismus", Föderalismus). Im aktuellen Zustand ist "Anarchismus" eine zu überwindende linksextreme Ideologie. Ganz im Gegenteil ist "Anarchie" formlos, flüssig und eine organische Erfahrung, die vielseitige und vielschichtige sowohl persönliche als auch kollektive und immer offene Befreiungsvisionen umfasst. Als AnarchistInnen sind wir an der Herstellung eines neuen Systems oder einer neuen Struktur, worin wir wohl am ehesten untergeordnet leben sollten, nicht interessiert, so "ethisch" oder "unauffällig" ihr Anspruch auch daherkommen mag. Wir AnarchistInnen können anderen keine andere Welt liefern, wir können aber Ideen und Fragen aufwerfen und versuchen jegliche Herrschaft und all das zu zerstören, was uns daran hindert eine direkte Beziehung zu unseren Wünschen und Bedürfnissen zu träumen und zu erleben.

Was ist Primitivismus?

Auch wenn nicht die gesamte grünanarchistische Szene sich spezifisch als "primitivistisch" identifiziert, so anerkennt der größte Teil die Bedeutung der primitivistischen Kritik für die antizivilisatorische Perspektive. Primitivismus ist schlicht eine anthropologische und intellektuelle Prüfung der Erfahrung und der Ursprünge der Zivilisation und der Umstände, die zu dem Albtraum führten, in dem wir heute leben. Der Primitivismus anerkennt, dass während dem größten Teil der Menschheitsgeschichte unser Leben sich von Angesicht zu Angesicht in der Gemeinschaft, im Gleichgewicht untereinander und mit unserer Umgebung und ohne formale Hierarchien und Institutionen zur Kontrolle und Vermittlung unserer Leben abspielte. Wer primitivistisch eingestellt ist will von den in der Vergangenheit und in den zeitgenössischen JägerInnen- und SammlerInnengesellschaften (die außerhalb der Zivilisation lebten und immer noch leben) gültigen Abläufen lernen. Während im Primitivismus einige eine unverzügliche und vollständige Rückkehr zur Gesellschaft der Banden wünschen, die vom Sammeln und Jagen leben, begreifen die meisten, dass die Bewusstheit, das etwas in der Vergangenheit erfolgreich war, nicht bedingungslos bestimmt was in der Zukunft funktionieren wird. Der Begriff "primitive Zukunft", der vom anarchoprimitivistischen Schriftsteller John Zerzan geprägt wurde, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass eine Synthese der primitiven Techniken und Ideen mit zeitgenössischen anarchistischen Konzepten und Motivationen vereint werden kann um gesunde, nachhaltige, gleichheitliche und dezentralisierte Situationen zu bilden. Unter der Voraussetzung einer nicht ideologischen Anwendung kann der Anarchoprimitivismus ein bedeutendes Mittel im Projekt der Abschaffung der Zivilisation sein.

Was ist Zivilisation?

Die grüne Anarchie hat die Tendenz die Zivilisation als Logik, Institutionen und materielle Apparate zur Abrichtung, Kontrolle und Herrschaft zu begreifen. Während etliche Individuen und Gruppen besonderen Aspekten der Zivilisation (z.B. Primitivismus konzentriert sich typischerweise auf die Frage der Ursprünge, Feminismus auf die Wurzeln und Äußerungen des Patriarchats und Insurrektionalismus auf die Zerstörung der zeitgenössischen Kontrollinstitutionen) Priorität einräumen, teilt ein guter Teil der grünen AnarchistInnen die Ansicht, dass das Problem oder die Wurzeln der Unterdrückung die darunterliegende Zivilisation ist, und dass deren Auflösung notwendig ist. Die Entstehung der Zivilisation kann grob als die vor 10'000 Jahren stattgefundene Wende beschieben werden, die von einer zutiefst in der Vernetzung allen Lebens integrierten Lebensweise zur Existenz führte, die aus der Kontrolle und der Trennung vom Rest des Lebens besteht. Weitgehend gab es vor der Zivilisation sehr viel Freizeit, eine kräftige körperliche Konstitution und Gesundheit, eine beträchtliche Gleichheit und Autonomie der Geschlechter, ein nicht zerstörerisches Verhalten gegenüber der natürlichen Welt, keine organisierte Gewalt und keine formale Vermittlung und Institutionen. Die Zivilisation führte den Krieg, die Unterwerfung der Frau, das Bevölkerungswachstum, die Ausbeutung der Arbeit, den Begriff Besitz, die tief verwurzelten Hierarchien und eigentlich jegliche heute bekannte Krankheit ein, bloß um einige ihrer verheerenden Ergebnisse aufzuzählen. Die Grundlage und Anfänge der Zivilisation bestehen im zwangsmäßigen Verzicht auf instinktive Freiheit. Sie ist nicht reformierbar und daher unser Feind.

Biozentrismus vs. Anthropozentrismus

Die Prüfung der Gegenüberstellung von Biozentrismus und Anthropozentrismus ist ein wirksames Mittel um die extreme Uneinigkeit zwischen der Zivilisation und den Weltanschauungen der primitiven/in der Erde verwurzelten Gesellschaften zu analysieren. Biozentrismus ist eine Perspektive, die uns mit der Erde und dem komplexen Netzwerk des Lebens vereint und wieder verbindet, Anthropozentrismus hingegen die vorherrschende Weltanschauung der westlichen Kultur, die unsere hauptsächliche Aufmerksamkeit unter Ausschluss des Restes des Lebens auf die menschliche Gesellschaft richtet. Eine biozentrische Anschauung lehnt die menschliche Gesellschaft nicht ab, will sie aber vom Thron ihres Überlegenheitsstatus stürzen und wieder ins Gleichgewicht mit den anderen Kräften des Lebens bringen. Sie stellt die Priorität der bioregionalistischen Perspektive auf, was eine tiefe Beziehung mit den Pflanzen, Tieren, Insekten, dem Klima, den geographischen Bedingungen und mit dem Geist des Ortes den wir bewohnen heißt. Es gibt keine Trennung unter uns und zwischen uns und der Umwelt, daher kann es keine Verdinglichung des Lebens oder eine Fremdheit gegenüber dem Leben geben. Während die Trennung und die Verdinglichung grundlegend für unsere Fähigkeit zur Herrschaft und zur Kontrolle sind, ist die Verbindung die Voraussetzung für zutiefst gegenseitige Fürsorge und gegenseitiges Verständnis. Grüne Anarchie kämpft, um uns auf die Überwindung der auf die Menschen zentrierten Ideen und Entscheidungen hin zu bewegen und um eine demütige Hochachtung für jegliches Leben und jeglichen Ablauf des uns tragenden Ökosystems zu erreichen.

Eine Kritik der symbolischen Kultur

Ein weiterer problematischer Aspekt der üblichen Weltanschauung und Beziehung zur Welt ist, da er uns teilt und eine unvermittelte Interaktion verhindert, die Wende in Richtung einer fast ausschließlich symbolischen Kultur. Wenn diese Frage aufgeworfen wird, ist die Antwort oft: "Ach so, du möchtest also bloß noch grunzen?" Das kann der Wunsch einiger sein. Allgemein aber ist es ein Blick in die Probleme, die von einer Kommunikations- und Verständnisform geschaffen werden, die sich vorrangig symbolischem Denken auf Kosten (und sogar unter Ausschluss) anderer sinnlicher und unmittelbarer Bedeutungen anvertraut. Der übertriebene Drang zum Symbolischen ist eine Bewegung, die uns aus der direkten Erfahrung heraus katapultiert um uns in die vermittelte Erfahrung der Sprach-, Kunst-, Nummern-, Zeitform, usw. zu tauchen. Die symbolische Kultur filtriert unsere gesamte Wahrnehmung durch formale und informale Symbole. Dies bedeutet nicht bloß, den Dingen Namen zu geben, sondern auch eine vollständige Beziehung mit der Welt zu haben, wie wir sie durch die Brille der Darstellung sehen. Diskutabel ist, ob die Menschenwesen so oder so zum symbolischen Denken neigen und davon abhängen, oder ob sie es als kulturelle Veränderung oder Anpassung entwickelt haben, sicher ist aber, dass die symbolische Art sich auszudrücken und des Verständnisses begrenzt ist, und dass die von ihr hergestellte übertriebene Abhängigkeit zur Verdinglichung, zur Entfremdung und zum Tunnelblick führt. Viele grüne AnarchistInnen fördern und praktizieren die Wiederaneignung und Wiederbelebung der ausgeschalteten und entkräfteten Methoden zur Interaktion und Erkenntnis, wie Berühren, Riechen, Telepathie oder auch die Experimentierung und Entwicklung von einzigartigen und persönlichen Arten des Verständnisses und des Ausdruckes.

Abrichtung/Domestizierung des Lebens

Abrichtung/Domestizierung ist das Verfahren, das die Zivilisation gebraucht um das Leben seiner Logik entsprechend zu indoktrinieren und zu kontrollieren. Diese mit der Zeit ausgefeilten Unterwerfungsmechanismen beinhalten u.a.: Bändigung/Zähmung, Aufzucht und Anbau, genetische Veränderungen, Schulpflicht, Käfige, Einschüchterungen, Zwang, Erpressung, Versprechen, Regierung, Versklavung, Terror, Mord..., diese Liste ist noch viel länger und beinhaltet mindestens jede zivilisierte soziale Interaktion. Ihre Umtriebe und Wirkungen können in der Gesellschaft geprüft und ausgemacht werden und werden durch verschiedene Institutionen, von den Ritualen und Gepflogenheiten verstärkt. Es ist also der Vorgang, in dem menschliche Bevölkerungen, vermutlich NomadInnen, mit der Entwicklung der Landwirtschaft und der Aufzucht von Tieren die Wende Richtung einer sesshaften Existenz in Siedlungen vollführen. Diese Art und Weise der Abrichtung bedingt ein totalitäres Verhältnis zum domestizierten Boden und zu den abgerichteten Pflanzen und Tieren. Während im wilden Zustand jedes Leben die Ressourcen konkurrierend mit den anderen Leben teilt, zerstört die Abrichtung dieses Gleichgewicht. Die abgerichtete Landschaft (Weiden/Felder und in kleinerem Maße Gartenbau) schafft die Notwendigkeit, der vorher bestehenden Ressourcenteilung ein Ende zu bereiten: wo einmal "das gehört allen" vorherrschend war, gilt jetzt "das gehört mir". In seiner Novelle Ishmael erklärt Daniel Quinn diese Verwandlung als die Bewegung vom "wer um Erlaubnis bitten" zum "wer nimmt", anders gesagt von der Annahme des von der Erde Angebotenen zum Nehmen des ihr Abverlangten. Als Eigentum und Macht aufkamen hat dieser Besitzbegriff die Fundamente der sozialen Hierarchie gebildet. Indem die freiheitliche Ordnung durch eine totalitäre Ordnung abgelöst wird, verändert die Abrichtung nicht bloß die Ökologie, sondern versklavt auch die abgerichteten Spezies. Im Allgemeinen ist eine Umwelt um so weniger nachhaltig, um so mehr sie kontrolliert wird. Die Abrichtung der Menschheit selbst enthält haufenweise der nomadisierenden Jagd- und Sammellebensweise unbekannte endgültige Verbote ä la "Halt! Wer da?". Es lohnt sich hier anzufügen, dass viele der Schritte, die von der nomadisierenden Jagd- und Sammellebensweise zur Domestizierung führten, nicht autonom vollzogen, sondern mit Schwert und Gewehr erzwungen wurden. Noch vor 2000 Jahren lebte die Mehrheit der menschlichen Bevölkerung vom Jagen und Sammeln, jetzt bleiben noch 0,01% übrig. Der Pfad der Abrichtung ist eine kolonisatorische Gewalt, die den eroberten Völkern und den Auslösern dieser Praktiken unendlich viele Krankheiten gebracht hat. Unter den vielen Beispielen: der Niedergang der ernährungsbedingten Gesundheit durch die übertriebene Abhängigkeit von nicht abwechslungsreicher Kost; mindestens 40 bis 60 Krankheiten wurden auf die menschliche Bevölkerung durch die Domestizierung der Tiere übertragen (Grippe, Erkältung, Tuberkulose, usw.), die Entstehung eines Ernährungsüberschusses, der eingesetzt werden kann um eine aus dem Gleichgewicht geratene Bevölkerung zu ernähren, bedingt ausnahmslos den Besitz und das Ende des unbegrenzten miteinander Teilens.

Ursprünge und Dynamiken des Patriarchats

Kurz vor den Anfängen der Wende zur Zivilisation, ist eines der ersten Ergebnisse der Abrichtung das Patriarchat: die Formalisierung der männlichen Vorherrschaft und die Entwicklung von Institutionen zu seiner Verstärkung. Durch die Bildung falscher Unterschiede zwischen den Geschlechtern bildet die Zivilisation, einmal wieder, ein "Anderes", das verdinglicht, kontrolliert, beherrscht, benutzt und kommerzialisiert werden kann. Das entwickelt sich parallel zu den anderen allgemeinen Vorgängen der Abrichtung der Pflanzen und der Tiere zur Viehzucht und auch zu den spezifischen Dynamiken wie z.B. die Kontrolle der Reproduktion. Analog zu den anderen Bereichen der sozialen Schichtung werden den Frauen Rollen zugewiesen, um eine sehr starre und voraussehbare Ordnung zur Bevorzugung der Hierarchie herzustellen. Die Frauen beginnen genau wie die Ernte der Felder oder das Schaf auf der Weide als Besitz betrachtet zu werden. Der totale Besitz und die totale Kontrolle des Bodens, der Pflanzen, der Tiere, der SklavInnen, der Kinder oder der Frauen sind Teil der durch die Zivilisation hergestellten Dynamik. Das Patriarchat erfordert die Unterjochung der Frau und, ebenfalls wider natürliches Recht, die Aneignung der Natur, was uns Richtung totale Zerstörung stürzt. Es führt Macht, Kontrolle und Herrschaft über das Wilde, die Freiheit und das Leben ein. Die patriarchale Konditionierung diktiert alle unsere Verbindungen, die Beziehung miteinander und unserer Sexualität, die Beziehungen zwischen uns und der Natur und sie schränkt die Bandbreite der möglichen Erfahrungen strengstens ein. Die Verbindung zwischen der Logik der Zivilisation und dem Patriarchat ist unbestreitbar, beide haben Jahrtausende lang gefräßig Leben verschlungen und so die menschliche Erfahrung auf allen Ebenen, von den institutionellen bis zu den persönlichen, geformt. Um gegen die Zivilisation zu sein, müssen wir gegen das Patriarchat sein, und um das Patriarchat in Frage zu stellen, so sieht es nun mal aus, muss auch die Zivilisation in Frage gestellt werden.

Arbeitsteilung und Spezialisierung

Die Annullierung der Geschicklichkeit uns selbst um unsere Angelegenheiten zu kümmern und unsere Bedürfnisse selbst zu befriedigen, das ist eine von der Zivilisation verewigte Technik der Trennung und Schwächung. So sind wir dem System nützlicher als wir es uns selber sind, wenn sie uns durch Arbeitsteilung und Spezialisierung untereinander und von unseren Wünschen entfremden. Wir sind nicht mehr imstande ins Freie zu gehen und unser Essen und die Ressourcen zum eigenen und kollektiven Überleben zu beschaffen. Wir sind hingegen einem merkantilen Produktions- und Konsumsystem zwangsweise einverleibt, demgegenüber wir immer Schulden haben. Mangel an Einflussgleichheit entsteht über die effektive Macht der verschiedenen Expertinnen. Dem Begriff Spezialisierung ist sowohl die Bildung von Machtdynamiken als auch die Korrosion der gleichheitlichen Beziehungen eigen. Während die Linke ab und zu diese Konzepte politisch anerkennt, sie aber als notwendige in Schach und Verwaltung zu haltende Prozesse betrachtet, hat die grüne Anarchie die Tendenz, Arbeitsteilung und Spezialisierung als grundlegende, unvereinbare und entscheidende Probleme für die sozialen Beziehungen in der Zivilisation zu betrachten.