2007-02:World Future Council - Oder: Mein neues Gewissen

Aus grünes blatt
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jhc Ja. Richtig gelesen: Ich habe ein neues Gewissen. Aber nicht nur ich, sondern jeder einzelne auf diesem Planeten. Das jedenfalls kündigte der Weltzukunftsrat (World Future Council, WFC) bei seiner Gründungsveranstaltung vom 11.-13. Mai in Hamburg an. Als "Weltgewissen" wolle er sich für ökologische, soziale und ethische Belange auf globaler Ebene einsetzen. Na, dann brauchen wir uns ja keine Sorgen mehr zu machen. Noch mehr Leute, die das Handeln für mich übernehmen. Und nicht nur das. Sie übernehmen auch mein Denken, mein Gewissen. Ich kann mich also entspannt zurücklehnen und "die Guten" Entscheidungen für mich treffen lassen.

So oder ähnlich hätte man die Nachricht des Wochenendes zusammenfassen können. Woher genau dieser Rat der Weisen seine Legitimität bezieht, bleibt schleierhaft. Aber den Anspruch hat die Institution auch scheinbar gar nicht: "Der World Future Council behauptet nicht, irgendjemand anderen zu repräsentieren."

Umrahmen wir dieses Projekt also erst mal. Das Geld dieses Rates wird bei Berenberg, "der ältesten Privatbank Deutschlands" angelegt, die nicht nur mit dem ersten Aktienfonds der Ukraine auftrumpfen kann, der vom baldigen WTO-Beitritt des Landes profitieren wird, sondern auch "Wealth Management" für die gehobene Gesellschaft im Programm hat. Die ersten vier Millionen Euro kommen vom Otto Versand, dem im Schwarzbuch Markenfirmen "Ausbeutung, sexuelle Belästigung und andere Missstände in Zulieferbetrieben" vorgeworfen werden, und vom konservativen Hamburger Senat, der eines der repressivsten Polizeigesetze in Deutschland durchgedrückt hat und in Folge dessen sich uns Ole von Beust (CDU), Hamburgs Bürgermeister, als Freund der Gutmenschen präsentiert. Schließlich wird auch die Pressearbeit an Privat delegiert, nämlich "Straub & Linardatos", die sich damit rühmen, bei der Auftaktveranstaltung "13 TV-Teams, 50 Journalisten" angelockt und die Veranstaltung bis in die Bild-Zeitung gebracht zu haben. Zur Kompetenzliste des Medienunternehmens zählen dann unter anderem auch Axel Springer AG und Masterfoods GmbH. Man merkt, wohin die Reise geht.

Aber zum Glück gab es Bio-Essen und Leitungswasser für alle. Fürs Gewissen, versteht sich.

Das World Future Council sei "frei von Dogmen", so heißt es. Wohl aber nicht von jenem, welches besagt, dass Menschen nicht autonom handeln können und beshalb bevormundet werden müssen von einer Elite von Gutmenschen. Das Weltgewissen schlägt dann auch gleich auf: Mit einem brennenden Appell an den G8-Gipfel. Schließlich gilt das Credo: "Regierungsentscheidungen bestimmen Regeln und beeinflussen unsere Werte. Sie befähigen den Privatsektor und uns alle, effektiver zu handeln." Genau: Regierungen bestimmen und beeinflussen. Und auch dem Privatsektor wird gerne geholfen effektiv zu handeln. Aber dem Rest ganz sicher nicht. Auf eine grundsätzliche Kritik an der Legitimität der G8, am internationalen Staatensystem und am globalisierten Kapitalismus als Wurzeln der heutigen Ausbeutung wird bewusst verzichtet. Frei nach dem Motto: Lobbying und elitäres Klüngeln mit Wirtschaft und Staat statt herschaftsfreier Partizipation und selbstbestimmtem Handeln gegen die Ausbeutung und Vernichtung unserer Erde. Dazu passt die innovative Idee, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von Deutschland nach Afrika zu exportieren.

Traurig nur, dass sich so emanzipatorische Persönlichkeiten wie Vandana Shiva unter diesen elitären Klüngel mischen. Und Jakob von Uexküll, Gründer des Rates, hatte mit der Einführung des Alternativen Nobelpreises auch schon mal bessere Ideen. Die Mitglieder des WFC sollten sich besser wieder ihrer teils bemerkenswerten Basisarbeit widmen statt in ein solch visionsloses Unterfangen wie den Weltzukunfsrat ihre Energie zu stecken.

Alles in allem: Dieser "Rat der Seher in die Zukunft“ kann emanzipativem Umweltschutz gestohlen bleiben und gehört enttarnt als das, was er ist. Nämlich ein entmündigender, gutmenschlicher Elite-Zirkel.

Quellen: