2006-02:Verhältnis von Emanzipation und kollektiven Identitäten

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Inhaltsverzeichnis

Überlegungen über das Verhältnis von Emanzipation und kollektiven Identitäten

Identität ist die gewaltsam hergestellte Gemeinsamkeit von Individuen

Sagt man über einen Menschen, er habe eine Identität, dann kann das vernünftigerweise meinen, dass er sich als denkendes Wesen in einem Körper weiß, dass dieses Wesen in dieser Einheit einiges mitzumachen hat und dies auch bereits getan hat, ehe es so recht angefangen hat, begrifflich zu denken. Menschen wird aber noch eine andere Art Identität zugeschrieben: "Wir brauchen die emotionale Intelligenz der Frauen" (Heiner Geissler), "Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher" (der Staat), "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" (Kinderspiel), "Das schwule U-Boot in den sicheren Hafen der Ehe einlaufen lassen" (Volker Beck) Usw. Usf. Bei diesen und anderen Beispielen ist Gewalt im Spiel.

Menschen werden als Gruppen zusammengefasst: Als Geschlechter, Völker, Rassen, Hetero- oder Homosexuelle und noch einiges mehr. Und das ist mehr als die harmlose Angabe, welche physischen Eigenschaften ein Mensch hat, wie stark pigmentiert seine/ihre Haut ist, wo er/sie lebt und in wen er/sie sich verliebt. An diesen Sortierungen entscheidet sich einiges an materiellen Umständen und psychischen Zustände und auch der Dauer der eigenen Existenz.

Wir werden nicht als Frauen geboren, zu Frauen werden wir gemacht

Mit dieser Wahrheit haben feministische Kritikerinnen bereits über dreißig Jahren die Unterschiede, die von verschiedenen Gruppen behauptet werden, als gesellschaftlich hergestellte entlarvt. Menschen werden unterschiedslos darunter subsumiert, Teil eines Kollektivs zu sein. Ihnen werden Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben, die auf ihr angebliches Wesen zurückgeführt werden. Die Aussagen über Volk, Geschlecht, "Rasse", sexuelle Orientierung, Behinderung, Klassenzugehörigkeit kommen als Wesensaussage daher: Hier sollen über den betreffenden Menschen Aussagen gemacht werden, die sein Leben wesentlich kennzeichnen, prägen, bestimmen, den Inhalt seines Denkens und Handelns festlegen, ihn von einem Teil der Menschheit unterscheiden, mit einem anderen Teil der Menschheit eng verbinden und einem gemeinsamen Schicksal unterwerfen. Diese angeblichen Eigenschaften der Gruppen sind oft einfach falsch ("Schwarze haben lange Schwänze"), manchmal sind sie unzulässige Generalisierung ("Alle Italiener essen Spagetti") und selbst wenn viele Leute ihren Zuschreibungen entsprechen ("Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf"), sind diese gesellschaftlich hergestellt.

Das alles ist etwas anderes als die Aussage, dass alle Fußballspieler Idioten sind, weil dies eben ein bösartiger Schluss von einer sozialen Praxis auf die Denkbereitschaft eines Menschen ist, im polemischen Interesse, das Balltreten anzugreifen. Mit dem Fußballspielen kann man aber aufhören, mit dem "schwarz" sein nicht, denn Fußballspielen ist eine soziale Praxis, "schwarz" sein gilt als Wesen.

Stehen diese "Wesensurteile" einmal im Raum, muss die Gruppe, auf die sie sich beziehen, darauf reagieren: Die Urteile werden zurückgewiesen, positiv oder negativ aufgenommen, oder auch kritisiert. Oder sie spalten sich in Unterkollektive anhand der Debatte über die ,Antwortstrategie'. Eine zusätzliche Schärfe gewinnen solche Urteile, wenn sie Teile einer ,Abwertungsstrategie' oder sogar Legitimation von Ausschluss und Unterdrückung bestimmter Gruppen sind. Wenn also, um die soziologische Sklavensprache zu verlassen, die Urteile über eine Gruppe ihre Minderwertigkeit nach- und die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses, der Verfolgung oder Unterdrückung beweisen sollen.

Die Kraft gewinnen wir, aus dem Strom gegen den wir schwimmen

Jede/r Angehörige einer solchen Gruppe ist damit konfrontiert, dass es diese Urteile gibt. Sie sind Teil der gesellschaftlichen Praxis, die sich gegen ihn oder sie richtet. Noch mehr: Sie sind sogar vorhanden in den eigenen Vorstellungen, Ängsten und Bedürfnissen. Die Urteile sind - im Regelfall - präsent; sie werden von den Angehörigen der Mehrheitskultur wie auch von den Angehörigen der unterdrückten Gruppe ausgesprochen, angedeutet, zumindest geglaubt und damit reproduziert. Jeder Mensch muss sich zu diesen Urteilen verhalten. Wie, ist damit nicht festgelegt: Er kann diese Urteile annehmen oder bestreiten, sie positiv oder negativ besetzen, sich individuell davon distanzieren, oder als Allgemeines gelten lassen oder sie erklären und als Teil einer abschaffenswerten Praxis bekämpfen.

Wo Menschen die Unterdrückung, die ihnen angetan wird, bekämpfen wollen, sind sie darauf angewiesen, die Legitimation dieser Unterdrückung zu kritisieren und anzugreifen. Ein paar Beispiele für Gruppen die es bitter nötig hatten und haben sich zu wehren, in denen sich aber grundsätzliche Kritik nicht durchgesetzt hat:

  • Die Arbeiterklasse bekämpfte die Theorie der Unmündigkeit der ,gefährlichen Klassen' und des notwendig barbarischen Niveaus des arbeitenden Paupers mit dem Lob der Produktivität der unteren Klassen als Kritik an den nicht-arbeitenden Klassen und erstritt sich, Teil der Nation zu sein. Was nicht Auftakt, sondern das Ende des sozialistischen Teils der ArbeiterInnenbewegung war und den Klassenkampf endgültig auf den Kampf um die Lohnhöhe reduzierte.
  • Die Frauenbewegung forderte die Gleichberechtigung der Frau als Staatsbürgerin, entdeckte die tragende Rolle des weiblichen Teils der Menschheit für jede Gesellschaft und verlangte gegenüber der Reduzierung auf Sexobjekt und Reproduktionsagentin die Gleichberechtigung als bürgerliches Subjekt, das über sich selbst bestimmt und sich in seinen Handlungen selbst als Zweck setzt. Einige Teile der feministischen Bewegung stellen das Sich-Einfügen in die bestehende Ordnung überhaupt in Frage und forderten eine weibliche Gegengesellschaft.
  • Auch die "Schwarzen" in den USA wiesen die Behauptung von der natürlichen Unterlegenheit und Triebhaftigkeit zurück, entdeckten Künstler & Krieger mit stärkerer Pigmentierung in der Geschichte, dass die Eule der Minerva aus Afrika kommt, black beautiful ist und setzten das formale Recht auf das gleiche Glücksschmieden durch. Die Enttäuschung über die praktizierte Gleichheit findet in der "Black Muslim"-Bewegung, die den Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft umdreht und einen eigenen 'schwarzen' Staat fordert, ihre gelungene Ergänzung.
  • Die Schwulenbewegung hat seit dem nullten Christopher-Street-Day festgestellt, dass schwul ein Grund zum Stolzsein ist. Größere Teile der schwulen Szene widerlegen alle Gerüchte über die Bindungslosigkeit aufgrund narzistischer Selbstbezogenheit durch den Sturm aufs Standesamt. Auch das Märchen von der Verweichlichung wird von schwulen Mackern und anderen Unteroffizieren energisch bestritten. Hier lieben Männer Männer und so sieht das denn auch aus, mittlerweile gibt's auch Schwule und Lesben in der Union.
  • Die jüdischen Gemeinschaften in Europa und den USA spalteten sich anhand des Antisemitismus in Zionisten, die dem `wurzellosen Volk´ endlich wieder einen Mutterboden verschaffen wollten und Staatsbürger jüdischer Konfession, die treu ihrem Vaterland dienten und jede andere Loyalität verneinten. Mittlerweile ist die Produktion eines Volks anhand einer Konfessionsgrenze für manchen aufgeklärten Israeli ein echtes Problem und der sozialistisch gemeinte Zionismus sitzt in seinen sozialdemokratischen Endprodukten wiederholt mit religiösen Tickern in einer Regierung.

All diesen Versuchen ist gemein, dass nicht die Einteilung in Gruppen, die Gründe dafür und noch weniger die Gesellschaft, die solche Gründe produziert, angegriffen wird, sondern nur die daraus entstehenden Folgen.[1] Ziel der hier angesprochenen Gruppen ist aber zunächst die Integration in die Mehrheitsgesellschaft und wenn diese an den Regeln der Mehrheitsgesellschaft scheitert, entsteht eine sich abgrenzende Bewegung, die eine eigene Gesellschaft aufmachen will, in der die eigene Gruppe die Mehrheitsgesellschaft stellt.

I wasn't born there/perhaps I die there/there's no place left to go: San Francisco

Da es in diesem Text um Identitätspolitik als Mittel der Befreiung geht, taucht im folgenden die Identitätspolitik der `Unterdrücker' nur negativ auf: Sie ist das, wovon sich diejenigen, die nicht als vollwertige Rechtssubjekte anerkannt werden/wurden abgrenzen und absetzen mussten, wenn sie grundsätzlich an den Zuständen, die solche Identitätszuschreibungen hervorbringen, etwas ändern wollten. Das ist etwas, was mit der bloßen Einsicht nicht getan ist. Auch die Erkenntnis, dass es sich um eine gesellschaftliche Sortierung handelt, beendet nicht notwendig die Internalisierung der Zuschreibung: Die Unsicherheit des Arbeiters vor Behörden, die Bereitschaft auch den prügelnden Partner zu akzeptieren, weil "stand by your man" ein schöner Lebenszweck ist, der Hass auf die eigene schwarze Haut, weil das weiße Schönheitsideal als sexy gilt (dafür gibt es die Hautbleichmittel!), die Angst, die Eltern durch das Coming Out zu verlieren, die Präsenz der antisemitischen Vorurteile in den jüdischen Kulturen.

Menschen messen sich an den Normen der weißen, heterosexuellen, bürgerlichen, gesunden, männlichen Welt. Auch die Umkehrung dieser Normen heißt übrigens sich an ihnen abzuarbeiten. Dies geht bis in die Ängste und Bedürfnisse der Betroffenen (Menstruationsblut, Angst des Mannes penetriert zu werden, Schweiß + Schmutz, sexuelle Anziehung nach Hautfarbe). Notwendige Voraussetzung für eine vernünftige Praxis ist die richtige Kritik solcher internalisierten Vorstellungen. Diese Internalisierung tatsächlich vollständig zu überwinden ist unter den herrschenden Verhältnissen aber sehr unwahrscheinlich, nahezu unmöglich. Sowohl, weil viele dieser Vorstellungen mit der Ich-Konstitution so eng verknüpft sind, dass ihre Transzendierung ein ebenso schmerzhafter wie aufwendiger Prozess ist. Als auch, weil die gesellschaftliche Praxis, der man sich nicht entziehen kann, diese Normen an alle Mitglieder - auch einer "Gegengesellschaft" - heranträgt. Denn diese Normen sind im Verhalten der anderen Menschen präsent.

Sie sind präsent in der Massenkultur, in den Lebensberichten, -beichten und -konzepten der anderen. Es ist die Erfahrung, dass von einem nicht die Rede ist, wenn von dem, was üblich ist, gesprochen wird; die Erfahrung ein nicht- vorgesehener Sonderfall zu sein. Es ist die permanente Verunsicherung durch die gesellschaftliche Praxis der Herrschaft, die manchen sogar davon Abstand nehmen lässt, mit seinem Verhalten von den Normen abzuweichen - und es allen anderen zumindest erschwert, dies zu tun. Genau das ist es, was `Communities` und Subkulturen so attraktiv macht: Sie sind Freiräume, in denen Menschen mit anderen Menschen, die nach gleichen oder ähnlichen Kriterien ausgegrenzt oder unterdrückt werden, zusammen die Erfahrung machen können: Du bist nicht allein.

Eine Sache, die Linke als Linke genauso kennen: Die Erfahrung, dass man mit seinem abweichenden Verhalten/ Ansichten nicht allein dasteht, ist zwar nicht notwendig, aber hilfreich dafür, sich kritisch mit der bestehenden Gesellschaft auseinander zu setzen: Das beruhigende Gefühl, nicht bei allen Fragen bei Adam und Eva anfangen zu müssen und die Bestätigung, dass es "ganz normal" bzw. "voll in Ordnung" ist, so zu sein, wie man ist. Sie ist auch hilfreich dafür, der eigenen Kritik praktische Geltung verschaffen zu wollen, weil man Leute findet, mit denen man das tun kann. Aber die Sehnsucht nach Normalität ist bereits die Verabschiedung davon, prüfen zu wollen, ob es sich um ein Bedürfnis oder Verhalten handelt, welches mit der Vernunft zumindest vereinbar ist. Auch wird übrigens ein Argument nicht dadurch richtig, dass viele es glauben.

Don't you need society?

Und das ist die eine Crux jeder Bestätigungspolitik, d.h. eine Politik die darauf abzielt, eine unterdrückte Gruppe dadurch zu emanzipieren, dass sie ihre Mitglieder in ihrer kollektiven Identität bestätigt und bestärkt: Die beste Bestätigung verschafft allemal die Integration in die bestehende Mehrheitsgesellschaft, das, was man platt die "Integration in den Mainstream" nennen könnte - außer natürlich man gründet selber eine Mehrheitsgesellschaft. Die Herausbildung von Konteridentitäten pflegt deswegen begleitet zu werden von der Aufforderung sowohl zur anpasslerischen Identitätsveränderung als auch zur Akzeptanz von Teilen der eigenen Gruppe, die dies bereits vollzogen haben. Dementsprechend sind Vertreter der ,Community' häufig groß darin, selbstkritisch die Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft als Voraussetzung für die Integration anzuerkennen.

Die zweite Crux besteht in der repressiven Tendenz der subkulturellen Homogenisierung. Anders ausgedrückt: Auch abweichendes Verhalten kann eine Norm werden, vom Kleiderkult bei den Autonomen bis zum Verratsvorwurf bei einer heterosexuellen Liebelei. Nicht zu reden von der positiven Besetzung der Essentialisierung: Auch die VertreterInnen unterdrückter Gruppen halten oft ihre ,Identität' für einen Nachvollzug ihrer Natur. "Ich bin, was ich bin, weil ich so bin".

Freiheit, Gleichheit, Eigentum für jedermensch?

Jede Gruppe, die Gleichberechtigung fordert, will die vollwertige Integration in die Nation als vollwertige StaatsbürgerInnen und die Anerkennung ihrer Mitglieder als gleichberechtigte Konkurrenzsubjekte. Dabei scheint die bürgerliche Gesellschaft den Betroffenen entgegenzukommen, bietet sie doch Gleichheit vor dem Gesetz sowie allgemeine Konkurrenz und lässt z.B. ihren ehemaligen Bundespräsident Rau den Gesellschaftskritiker Adorno zurechtbiegen, wenn er eine Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann, verspricht. Auch wenn die Rechtfertigungen für die Unterdrückung fallen gelassen oder stark relativiert werden, ist in den Identitäten die Gewalt, die zu ihrer Herstellung aufgewandt wurde, enthalten und jederzeit abrufbar, selbst wenn sie sich nicht unmittelbar als Hass, Gewalt, Terror oder Vernichtung äußert. Bei jeder unpassenden Gelegenheit wird die festgestellte Differenz hervorgeholt und gegen die Ausgesonderten angewandt. Darum ist die Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft im Regelfall kein Mittel für die eigene Emanzipation.

Gruppe "Kritik im Handgemenge" Bremen, http://www.junge-linke.de



  1. http://www.junge-linke.de/sexismus
    Unsere Kritik der Gründe des Rassismus kann man unter http://www.junge-linke.de unter dem Titel "Warum bleiben die anderen immer anders?" nachlesen.