2006-02:Bildung von unten

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Bildung von unten

fb Es ist schon einige Jahre her, dass es in Magdeburg einen Anlauf für ein alternatives Bildungsnetzwerk gab: Unter dem Titel "Bildung von unten" fand eine Veranstaltungswoche statt, aus der eine lokale Alternative zum staatlichen Bildungssystem entwickelt werden sollte. Die Idee entstand aus der Erfahrung, dass Schule, Ausbildung und Uni den AktivistInnen der verschiedenen beteiligten Gruppen viel zu viel Zeit raubten und der Wunsch bestand, eine selbstbestimmte Bildungsmöglichkeit aufzubauen.

Einige Leute überlegten zu diesem Zeitpunkt ihre Ausbildung abzubrechen und hatten aber das Bedürfnis danach sich trotzdem weiter bilden zu können. Es bestand der Wunsch danach, eine Alternative aufzubauen, die nicht nur zu speziellen linken Themen Weiterbildungsmöglichkeiten schafft, sondern ein breites Allgemeinwissen bedienen kann. Da sollte es also auch Bildungsangebote geben, die Grundlagenwissen z.B. aus der Biologie oder der Mathematik - alles eigentlich keine Schwerpunktthemen der beteiligten Leute - vermitteln sollten.

So wurde eine gruppenübergreifende Vernetzung geschaffen, die zunächst diese Veranstaltungswoche organisieren sollte und die später eine Grundlage der Bildungsalternative sein konnte. Eingeladen wurde in Magdeburg recht breit über thematische Grenzen hinweg zu diesem Organisierungsansatz. Es waren dann auch Menschen aus Ökogruppen, autonomem Spektrum, JungdemokratInnen und eine Parteijugend beteiligt.

Veranstaltungswoche zum Auftakt

Im Vorfeld der Veranstaltungswoche gab es viele Diskussionen über Inhalte und Methoden. Zunächst waren Texte aus dem K.R.Ä.T.Z.Ä.(KinderRÄchTsZÄnker)-Umfeld Grundlage der inhaltlichen Auseinandersetzung, später kamen weitere bildungs- und schulkritische Materialien hinzu. Um bei den geplanten Veranstaltungen möglichst optimale Voraussetzungen zu schaffen, entstand ein Reader mit vielen zum Teil auch gegensätzlichen Grundsatztexten und eine Dokumentationsseite im Internet.

Die Idee zu dieser Woche entwickelte sich in einer Zeit, in der einige Magdeburger Gruppen gerade eine intensive Auseinandersetzung mit internem Dominanzverhalten geführt hatten und einen verhältnismäßig reflektierten Umgang mit Hierarchien und Gruppenprozessen führten. So sollten auch die Veranstaltungen Experimentierfelder für hierarchiearme Methoden werden. Beispielsweise wurde überlegt, wie die Veranstaltungen möglichst wenig fremdbestimmt gestaltet werden könnten. Dazu sollte es beispielsweise keine Moderation, sondern einen allgemein bewussten Umgang mit dominantem Verhalten geben. Weiterhin sollten nicht einzelne Leute "wichtig" auftreten und Programmvorschläge unterbreiten. Es wurde überlegt, wie die methodische und inhaltliche Gestaltung der Veranstaltungen in einer Anfangsphase gemeinsam mit den TeilnehmerInnen erfolgen könnte.

Eine an der Vorbereitung beteiligte Gruppe - die JungdemokratInnen/Junge Linke (jdjl) Sachsen-Anhalt - bestanden dagegen auf einer Moderation, weil ihr Vertreter meinte, dass es ohne diese keine gleichberechtigte Debatte geben könne und sagte daher eine zuvor überlegte Finanzierung der Veranstaltungsreihe ab. Vereinbart wurde, dass JdJL trotzdem anwesend und die eigenen Positionen in die Veranstaltungen einbringen würde, was dann aber nicht geschah. Trotz der Beteiligung vieler Gruppen und einer Parteijugend war die Kampagne "Bildung von unten" weitgehend unabhängig von einzelnen Organisationen und wenig durch diese dominiert. Dies konnte u.a. dadurch erreicht werden, dass darauf bestanden wurde, keine einzelnen Gruppen zu benennen, Logos oder Förderhinweise aufzudrucken etc. Es war trotzdem möglich, Plakate und Karten zu drucken, den Reader in großer Zahl herzustellen und auch verschicken zu können und eine breite Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Veranstaltungswoche zu führen. Es gab ein schulkritisches Theaterstück in der Magdeburger Innenstadt, Flyer in tausenden Briefkästen und vieles mehr. Die Veranstaltungswoche umfasste Infoveranstaltungen und Diskussionsabende zu Schulpflicht, Alternativschulen, Erziehungskritik und Benotung. Diese fanden an verschiedenen Veranstaltungorten statt und erreichten ganz unterschiedliche Menschen. Den Abschluss der Woche sollte ein Seminar bilden, das auch der Entwicklung eines Konzepts für den Aufbau einer "Bildung von unten" dienen sollte. Dieses Seminar fiel aber buchstäblich ins Wasser bzw. wurde von der "Jahrhundertflut" überspült. Diese hatte gerade zu diesem Zeitpunkt ihren Höhepunkt in Magdeburg und viele AktivistInnen halfen beim Sandsack-Schleppen. So kam nur eine sehr kleine Runde von Leuten zusammen, die vor allem beim AntiCastorNetz Magdeburg oder den Greenkids aktiv waren.

In dieser Runde bestand Einigkeit, nicht über die Köpfe anderer potentiell Beteiligter hinweg und auch nicht in Serviceleistung für andere ein Konzept absprechen zu wollen. Wenn es eine "Bildung von unten" geben sollte, müsste diese auch "von unten" von vielen Betroffenen gemeinsam und gleichberechtigt initiiert werden. Dies kam aber auch nach der Aufregung um das Hochwasser, das dann für Magdeburg doch glimpflich verlief, nicht mehr zustande. Es schien, als wäre "Bildung von unten" für die vielen TeilnehmerInnen der Veranstaltungswoche doch nur etwas zum Konsumieren gewesen, aus dem sich keine eigene Aktivität entfalten würde.

Das Konzept von "Bildung von unten"

Die Idee ist deswegen trotzdem nicht verloren gegangen und wurde manchmal wieder diskutiert, ohne dass es bisher eine Aussicht gab, sie noch einmal umzusetzen zu versuchen. Einzelne Leute verfolgen noch immer die Vorstellung, das Konzept einmal im Detail auszuformulieren und daraus einen Reader oder eine Internetseite zu basteln. Bis jetzt konnte dies noch nicht realisiert werden, aber wenn weitere Menschen Lust darauf haben, können sie sich bei bildung-von-unten@magdeburg.gruenes-blatt.de melden.

Grundsätzlich sollte Bildung von denen kommen, die sich diese auch aneignen wollten - von den Menschen "von unten". Wir gehen davon aus, dass alle Leute Wissen und Kompetenzen in Bereichen haben, in denen sie anderen dieses weitergeben können. So sollte dazu aufgerufen werden, dass sich viele Menschen überlegen, welche Themen sie anbieten könnten, um daraus dann einen Angebotskatalog zu entwerfen. Die Vorgehensweise sollte sich an der Form der Arbeitskreise beim JUKSS5 orientieren: an zentralen Stellen gibt es Aushänge mit Arbeitskreisen, Veranstaltungen, Workshops etc., die von den ReferentInnen angeboten oder zu denen von Leuten, die mehr zu einem Thema wissen wollen, eingeladen wird. Allerdings sollten diese Arbeitskreise nicht - wie meistens beim JUKSS - isoliert für sich stehen, sondern auch aufeinander aufbauen können und nach Möglichkeit zu verschiedenen Zeitpunkten angeboten werden, um damit umzugehen, dass es selten gelingt einen Termin zu finden, der allen passt. Die Arbeitskreise sollten unter Angabe von Termin, Ort und AnsprechpartnerIn zusammen mit einer Kurzbeschreibung und Informationen zur Veranstaltungsart (Vortrag, Diskussion, Film etc.) bzw. anderen Veranstaltungen, auf die aufgebaut wird, angekündigt werden. Auch sollte es eine Möglichkeit geben, dass die Interessierten sich ankündigen, um abschätzen zu können, ob die Veranstaltung stattfinden kann.

Alle möglichen Formen könnten diese Arbeitskreise haben: Frontalvorträge, gemeinsame Erarbeitung von Themen, Diskussionsrunden, Filmvorführungen, praktische Workshops und mehr. Wenn jemand meint, es sollten externe ReferentInnen eingeladen werden, wäre auch das nicht ausgeschlossen gewesen. Trotzdem sollte das Grundprinzip bleiben, dass die Veranstaltungen aus dem Interesse der Menschen, die Bildung suchen, heraus entstehen. Es war auch gewünscht, umfangreichere Veranstaltungsreihen auf die Beine zu stellen, um nach einer Einführung in Themen auch entsprechende Vertiefungen zu ermöglichen. Vieles hätte in der Praxis experimentiert werden können, um irgendwann möglichst optimale Bildungsmöglichkeiten zu schaffen.

Klar war unter den Beteiligten von Anfang an, dass es kein Streben nach staatlicher Anerkennung geben sollte. Zum einen wäre ein solches Anerkennungsverfahren aufwendig und nervig gewesen und zum anderen wollten wir gerade aus diesem Verwertungsmechanismus ausbrechen. So gingen wir aber auch davon aus, dass "Bildung von unten" zunächst ein Parallelangebot zum staatlichen Bildungssystem werden würde und Menschen erst nach und nach für sich entscheiden würden, ob sie den vorgegeben Schulbildungsweg (oder andere) verlassen und lieber selbstbestimmt leben und lernen könnten.

Diese Bildungsalternative könnte auf bisherige Veranstaltungen aufbauen, z.B. die Infoveranstaltungen, die von beteiligten Gruppen immer wieder organisiert wurden. Das würde aber nicht genügen, sondern eine Vielzahl weiterer Themen sollte angeboten werden, um eine wirkliche Alternative darstellen zu können. Eine Frage war auch, wieviele Menschen zum funktionieren des Projektes sinnvoll wären. Damals errechneten wir, dass es mindestens zwanzig bis dreißig Leute sein müssten, die in größeren Abständen Veranstaltungen anbieten müssten, damit der Aufwand für die Einzelnen nicht zu hoch würde. Ein erster Ansatz würde etwa drei feste Zeiträume pro Woche umfassen, in denen dann diese Bildungsangebote stattfinden würden 2. Einer der Zeitpunkte sollte am Wochenende, einer an einem Nachmittag in der Woche und einer an einem Vormittag liegen, um verschiedenen Zeitbedürfnissen gerecht werden zu können. In der Anfangsphase - noch vor der Veranstaltungswoche - sammelten wir Themen und Menschen, die für den Anfang an "Bildung von unten" mitwirken würden. Bis zum gescheiterten Konzeptfindungs-Workshop fanden wir leider nicht die aus unserer Sicht notwendige Anzahl an Mitwirkenden.

Gründe für das Scheitern

Gewiss gab es zum Zeitpunkt der Bildungswoche einige ungünstige Rahmenbedingungen: die Flut und die Räumungsandrohung gegen das Hausprojekt "Ulrike", das soziale und kulturelle Zentrum in Magdeburg, in dem sich linksradikale und renommierte Gruppen trafen und ein Austausch über thematische und ideologische Grenzen hinweg stattfand. Die Veranstaltungswoche lief vom 12. bis 18. August 2002. Am 6.8. war bereits der Strom durch die Stadtwerke abgestellt worden. Es gab Aktionen vor Filialen der verantwortlichen Firmen. Die geplante bildungskritische Veranstaltung in der Ulrike zum Thema "Konzepte bestehender freier Schulen: Summerhill, Sudburry & Co." fand dort mit Kerzenlicht trotzdem statt. Am 1. September nutzte die Polizeiführung eine Hausdurchsuchung zu einer vermutlich rechtswidrigen Räumung des Hauses. Kurze Zeit später wurde ein skandalöses Terroristen-Verfahren gegen frühere HausbewohnerInnen eingeleitet, das auch seinen Anteil dazu beitragen sollte, dass linke AktivistInnen andere Schwerpunkte für Aktivitäten wichtiger fanden als gerade jetzt ein Bildungsnetzwerk aufzubauen.

Aber auch die von uns als stark konsumorientiert wahrgenommene Haltung der meisten AktivistInnen auch in der Magdeburger Szene dürfte einen wesentlichen Anteil daran haben, dass sich niemand wieder rührte, um die Idee von "Bildung von unten in Magdeburg" wieder aufzunehmen. Dies war jedenfalls schon in unserer kleinen Runde beim Konzeptfindungs-Seminar der Eindruck, den wir von den Leuten hatten. Das kann falsch gewesen sein, allerdings gab es keine Anhaltspunkte dafür, dass es anders gewesen wäre.

Uns schien es, dass wir "den anderen" diese "alternative Bildung" auf dem Tablett servieren müssten, so dass sie nur noch teilnehmen müssten. Das widersprach aber unserer Vorstellung von gleichberechtigter Bildung, die von denen kommt, die sich bilden wollen. Wahrscheinlich wäre 2002 eine Chance gewesen, kurzzeitig eine Alternativbildung zu schaffen, wenn einige CheckerInnen dies forciert, beworben und organisiert hätten. Aber das wollten wir nicht. So verlief "Bildung von unten" in Magdeburg im Sande.

Nachdem die Idee einer breiten "Bildung von unten" nicht umgesetzt werden konnte, gab es zumindest unter den AktivistInnen des AntiCastorNetzes das Bedürfnis, sich zumindest auf ihren Themenbereich begrenzt verstärkt gegenseitig weiterzubilden. So gab es Verabredungen für "interne" Themenveranstaltungen, auf die sich einzelne Leute vorbereiteten und dann für die anderen tiefergehende Informationen aufbereiteten. In größeren Abständen fanden drei oder vier dieser Veranstaltungen statt, bevor auch hier das Interesse abebbte.

Inzwischen sehe ich in Magdeburg noch weniger Chancen ein solches horizontales Bildungsnetzwerk aufzubauen, da ich die Szene als noch zersplitterter bis gar nicht vorhanden wahrnehme und mir auch scheint, dass die Orientierung auf einige CheckerInnen, die vieles am Laufenden halten müssen, mindestens so stark wie damals ist. Auch die neuerlichen Erfahrungen beim Versuch, gleichberechtigte Prozesse zu initiieren wirken auf mich eher desillusionierend. Möglicherweise ändert sich dies aber auch in einiger Zeit wieder. Wenn andere Lust haben, sich hier einzubringen, könnte vielleicht der Schwung entstehen, um ein solches Projekt wieder realisierbar zu machen.