2009-01:Atommüll 2.0 – CO2 soll unter die Erde

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Atommüll 2.0 – CO2 soll unter die Erde

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Hanno Böck Kohlekraftwerke sollen sauber werden – zumindest versprechen das die Energiekonzerne. Da Kohlekraftwerke zunehmend der Kritik von Umweltschützer_innen ausgesetzt sind – tragen sie doch stärker als alle anderen Formen der Stromerzeugung zum Klimawandel bei – wird gerne darauf verwiesen, dass man das Problem ja quasi schon im Griff habe – CCS (Carbon dioxide Capture and Storage) heißt dabei das Zauberwort. Das Treibhausgas CO2 soll bei der Verbrennung im Kraftwerk abgefangen werden. Anschließend soll es unterirdisch, etwa in alten Gasfeldern, für alle Zeiten gelagert werden.

Zunächst einmal gilt festzuhalten: Selbst wenn CCS-Technologie irgendwann funktioniert, als Argument für den Neubau von Kohlekraftwerken heute ist es nicht zu gebrauchen. Selbst den Befürworter_innen ist klar, dass auch im günstigen Fall CCS frühestens in 10 bis 20 Jahren kommerziell einsatzfähig sein wird. Gerade in dieser Zeit müssen aber die Weichen für den Klimaschutz gestellt werden, will man auch nur die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe aufhalten.

Die Technologie wirft einige Fragen auf: Der Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken ist sehr schlecht, nur etwa 40 % der Energie werden in Strom umgewandelt. Durch den Einsatz von CCS müsste weitere Energie zur Abscheidung des CO2s aufgewendet werden – der Wirkungsgrad würde weiter fallen und Kohlekraftwerke würden noch ineffizienter. Auch ist davon auszugehen, dass nicht das komplette CO2 abgefangen werden kann – CO2-frei werden die Kraftwerke also auch nicht. Das musste unlängst auch Vattenfall zugeben: In einer Gerichtsentscheidung wurde dem Konzern untersagt, seine CCS-Demonstrationsanlage in Spremberg-Schwarze Pumpe weiterhin als erstes CO2-freies Kohlekraftwerk zu bezeichnen [1].

Aber die weit gravierendere Frage ist, wie es um die Sicherheit der Lagerstätten bestellt ist. Hierüber kann man – bei einer Technologie, die es bislang nur auf dem Papier gibt – allenfalls spekulieren. Es müsste in jedem Fall gewährleistet sein, dass das CO2 dauerhaft gespeichert bleibt. Selbst kleine Lecks wären nicht verantwortbar – würden sie doch das Problem der klimaschädlichen Gase lediglich auf zukünftige Generationen abschieben. Ein kurzfristiger Ausstoß des Gases, wie er häufig im Zusammenhang der Katastrophe von Nyos [2] diskutiert wird, hätte fatale Folgen. Dort trat CO2 aus einer natürlich entstandenen unterirdischen Blase aus – Menschen erstickten.

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In Deutschland existiert bislang das oben bereits erwähnte CCS-Demonstrationskraftwerk in Schwarze Pumpe. Das CO2 von dort soll nahe der Orte Maxdorf und Mahlsdorf in der Altmark (Sachsen-Anhalt) eingelagert werden [3]. Ein weiteres Projekt befindet sich im brandenburgischen Ketzin – dort wird im Rahmen des CO2SINK-Projekts des Helmholtz-Instituts seit 2008 CO2 zu Forschungszwecken in ein altes Gasfeld verbracht. Nicht ganz uninteressant ist es, einen genaueren Blick auf den Betreiber_innen zu werfen – das Helmholtz-Institut war unter anderem auch für den Betrieb des Atommüll-Lagers Asse II zuständig. Die Verantwortung dafür wurde dem Institut inzwischen entzogen – wegen unverantwortlichem Umgang.

Im Rahmen von EU-Forschungsprojekten sollen in den kommenden Jahren mehrere große CCS-Demonstrationsanlagen in Betrieb gehen. RWE kündigte 2007 an, in Hürth bei Köln ein Kraftwerk mit CO2-Abscheidung bauen zu wollen. Für die Lagerstätten sind Standorte in Schleswig-Holstein und Brandenburg im Gespräch.

Für die zukünftigen Projekte ist ein »Gesetz zur Regelung von Abscheidung, Transport und dauerhafter Speicherung von Kohlendioxid« vorgesehen [4]. Während die Industrie und die Kohlelobby das Gesetz begrüßen [5], wird es von Umweltverbänden scharf kritisiert [6]. Die Haftung für CO2-Speicher soll nach maximal 30 Jahren auf den Staat übergehen. Sicherheitsaspekte scheinen kaum eine Rolle zu spielen – bei einer Technologie, über die man heute faktisch nichts weiß. Desweiteren wird befürchtet, dass CCS-Projekte die Nutzung regenerativer Energien in Form von Erdwärme verhindern. Ob und wann das Gesetz verabschiedet werden soll, ist im Moment unklar. Inzwischen gibt es auch in SPD und CDU von Einzelpersonen Widerstände – vor allem in Schleswig-Holstein.

In den letzten Wochen haben sich mehrere Bürgerinitiativen gegründet. In Schleswig-Holstein hat der Bauernverband seine Mitglieder dazu aufgerufen, Mitarbeiter_innen von RWE den Zutritt zu ihren Grundstücken zu verwehren. In Dänemark wurde ein Projekt von Vattenfall nach den Protesten von Landwirt_innen zunächst nicht durchgeführt. Es scheint so, als ließen sich CCS-Projekte nur gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung durchsetzen.

Links

Infoseite zu CCS und zum CCS-Gesetz:

Bürgerinitiativen:

Quellen

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_Schwarze_Pumpe

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Nyos-See#Die_Katastrophe_von_Nyos

[3] http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/5909613.html

[4] http://www.bmu.de/gesetze_verordnungen/bmu-downloads/doc/43640.php

[5] http://www.presseportal.de/pm/9341/1380639/debriv_dt_braunkohlen_industr_verein

[6] http://www.duh.de/uploads/media/DUH_zu_CCS_Gesetzentwurf_STN_010409.pdf