2020-01:Das umstrittene Ecopornprojekt Fuck for Forest ist 15 geworden

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Ficken für den Regenwald!

Das umstrittene Ecopornprojekt Fuck for Forest ist 15 geworden

Seit Jahren ist es still geworden um das Projekt „Fuck for Forest“. Man könnte fast glauben, dass es entschlafen ist... Im Januar 2019, zum 15. Jubiläum des Projekts, annoncierten die Macher*innen Tommy und Leona, dass sie einen Relaunch der Website planen – und derzeit am Aufbau eines ökologischen Zentrums in Mexiko beteiligt sind. In Anlehnung an die vielzitierte Phrase von Donald Trump fordern sie: „Make Fuck for Forest great again!“

Die Hochzeiten von Fuck for Forest liegen mittlerweile schon ein paar Jahre zurück. Vor nunmehr 16 Jahren starteten sie ihre Website – basierend auf dem Konzept mit pornographischem Material Geld für ökologische Projekte zum Schutz des Regenwaldes zu sammeln. Aktivist*innen stellen kostenlos Material (Fotos, Videos) zur Verfügung, die sie auch jeder Zeit ohne Angabe von Gründen wieder löschen können, da sie nicht die Rechte am Material abtreten. Im Gegenzug erhalten sie auch kostenlosen Zugang zur Seite. Alle anderen, die das Material konsumieren wollen, müssen eine Mitgliedschaft erwerben. Diese beträgt monatlich mindestens 10 Euro, wovon ca. 3–5% für die laufenden Kosten des Projekts aufgewendet werden, während der Rest ökologischen Projekten zufließt. FFF nahm damit in gewisser Hinsicht eine Vorreiterrolle ein.

Über die Verbindung von Ökologie und Pornografie erklären sie im Interview:

„Die Entkopplung von unserem Planeten und die Entkopplung von unserem Körper sind sich sehr ähnlich. Für uns ist es unmöglich, an einem Thema zu arbeiten, ohne das andere mitzuberücksichtigen. Wir sind das einzige Tier, das seine eigene Umwelt zerstört und wir sind das einzige Tier, das sich vor seinem natürlichen Zustand fürchtet; unsere Körper und unsere Sexualität wurden kommerzialisiert und pervertiert, sodass wir nicht mehr wissen, was natürlich ist und was nicht. Unsere Körper sind der Grundausdruck unserer Natur. Unsere Körper sind all das, was wir sind. Was wir wirklich haben sollten, ist die Freiheit auszudrücken, was wir wollen. Eigentum und Privatisierung von Land und Wasserressourcen ist in gewisser Weise das gleiche, wie unsere Körper und Sexualität unter ein moralisches Stigma zu stellen, diktiert von einer gewalttätigen und ausbeuterischen Gesellschaft. Das einzige, was wir wirklich als »unsers« bezeichnen können, sind unser Körper und unser Geist. Aber die Gesellschaft will die Kontrolle über diese Freiheit mit Hilfe von Religion und Politik. Zur gleichen Zeit werden uns die essentiellen Ressourcen zum Leben wie Wasser, Nahrung und ein sicherer Platz zum Leben gestohlen. Und die Natur wird immer noch nicht als etwas erkannt, das Rechte hat. Sie ist lediglich ein Objekt der Profitmaximierung. Das ist dasselbe, was die Werbe-, Mode- und Pornoindustrie mit unseren Körpern und der Sexualität gemacht hat. Sie haben uns objektiviert, um den Profitfluss am Laufen zu halten. Wie können wir da wegschauen, wenn wir über Ökologie sprechen?“[1]

Ohne sich dem klassischen Vokabular des Ökofeminismus zu bedienen, weisen ihre Argumentationen teilweise Überschneidungen zu diesem auf. Die Gleichsetzung von Frau und Natur, die im patriarchal geprägten Kapitalismus vorgenommen wird, um die Ausbeutung der Frau zur rechtfertigen, wird auch von FFF aufgegriffen und kritisiert. Gleichzeitig ist es sicherlich schwierig, sich in einen Sektor von kommerzieller Sexualität / Pornografie zu bewegen, um etwas zu verändern. Kann das Motto „Sex sells“ positiv gewendet werden? In ähnlicher Weise lässt sich der SM-Kalender zu Gunsten des Hambacher Forstes verstehen, bei dem ein ähnliches Konzept die Grundlage bot. Beide Projekte sind in der Szene auf Widerstände gestoßen. Im Falle des Kalenders weigerte sich eine Szenedruckerei, ihn zu drucken. Pornografie bzw. die kommerzielle Verwertung von Nacktheit sind nach wie vor in der linken Szene umstritten – trotz dem Aufkommen von feministischer Pornografie und Pornfilmfestivals.

Zur generellen Verteufelung der Pornografie lautet die Position von Fuck for Forest:

„Wir glauben, dass die Vereinheitlichung von Pornographie unter dem Aspekt des Sexismus eine Art antisexuellen Verhaltens ist. Sorry, Leute! Sex is here to stay. Wir filmen und fotografieren all anderen menschlichen Ereignisse, warum nicht auch den Sex? Der einzige Weg, schlechte Pornographie zu bekämpfen, ist, bessere zu produzieren. Eine große Anzahl von Erwachsenen benötigt wirklich sexuelle Aufklärung. Gute Pornographie kann Pärchen helfen, eine erfülltere Sexualität zu haben und ihnen einiges über Kommunikation und gegenseitigen Respekt beibringen. Das Problem ist, dass es zu wenig gute Pornographie gibt. Da Werbung und Pornographie den menschlichen Körper bis zum äußersten ausnutzen, verstehen wir die Konfusion. Viele Menschen werden in der Erotikindustrie ausgebeutet und unsere Körper wurden als Teil der kapitalistischen Gesellschaft objektiviert. Ich denke, dass FFF häufig zu kindisch und zu verspielt für die politische Szene war. Der einzige Weg, auf dem die linke Szene uns und die Welt unterrichten kann, ist in Form des etwas besser Machens. Oder denkt ihr alle, dass Sex eine Sünde ist und es niemand sehen sollte? Das würde ein bisschen befremdlich für uns klingen. Wir wünschen uns, dass mehr sexpositive Feminist*innen und politisch-interessierte Leute ihre Blickwinkel ausdrücken würden. Wenn sich die Kritik gegen uns richtet, wären wir froh darüber, Inspiration zu erhalten und uns zu verbessern, in dem was wir ausdrücken.“

Ähnlich wie Akteur*innen der queeren und feministischen Pornoszene sehen sie die von ihnen bzw. ihren Unterstützern zur Verfügung gestellte Pornografie als eine Art Aufklärung. Das erinnert auf den ersten Blick ein bisschen an den vermeintlichen Aufklärungsanspruch von den westdeutschen Sexfilmen der 70er Jahre à la „Schulmädchenreport“, aber bei ihnen ist dieser Anspruch authentisch. Aufklärung heißt in diesem Kontext die Pluralität von Sexualitäten und Begehren abzubilden – auch jenseits eines Mainstream-Lookismus. Dies spiegelt sich auch in den zur Verfügung gestellten Materialien wieder. Es finden sich dort junge und alte Menschen, dicke und dünne, Heten und Homos, Transen und Transvestiten[2]... So lange die Teilnehmer*innen das Mindestalter haben, ihre Einstimmung gegeben haben und keine lgbtiq-Phobien, Rassismen oder Abwertungen von Menschen gezeigt werden, wird das Material zur Verfügung gestellt.

Sie sind dabei vielleicht stärker in einem hippieesken Ideal von freier bzw. befreiter Sexualität verfangen.

„Sexuelle Befreiung meint für viele Leute etwas Unterschiedliches. Du kannst sagen, dass der Kampf für Schwulenrechte eine Form von sexueller Befreiung ist. Der Kampf für Frauenbefreiung ist auch eine Art von sexueller Befreiung. Exhibitionismus ist auch eine Form von sexueller Befreiung. Wir sollten stolz auf unsere Körper und Sexualität sein, aber unsere Gesellschaft hat andere Regeln geschaffen: Autos, Fabriken und sogar Militär und Krieg haben mehr Rechte, sich auszudrücken, als die natürliche Präsentation des nackten Körpers. Das ist unfair. Wir sind keine wirklichen Exhibitionist*innen. Wir würden nicht mit Sexualität arbeiten, wenn es nicht mit einer wichtigeren Idee verbunden wäre. Vor FFF waren Tommy und Leona niemals Nudist*innen und hatten auch keinen Sex vor anderen Leuten. Es war die Idee, die uns animiert hat. Wir wollten sehen, was wir erreichen können, wenn wir über unsere eigenen Grenzen hinauswachsen. Wir haben vielen Menschen geholfen, ihre Fantasien zu realisieren und offener über Sexualität zu sprechen. Diesbezüglich wissen wir, dass wir mit sexueller Aufklärung und Befreiung arbeiten. Wir haben kein Problem damit, als Exhibitionist*innen klassifiziert zu werden, weil wir es viel wichtiger finden, die Schönheit der Natur zu zeigen als die Zerstörung der industrialisierten Gesellschaft.“

In der linken Szene begegnet man dem Projekt dennoch immer noch sehr skeptisch. Die Konflikte von früher, d.h. aus der Zeit vom A-Kongress (2010) und Slutwalk (2011), wo man die Aktivist*innen ausschloss, und diverse Vorwürfe und Gerüchte über die vermeintlichen Praktiken sind noch in den Köpfen. Ihnen wurde unterstellt, Leute gedrängt zu haben bzw. unter Drogen gesetzt zu haben, um sie gefügig zu machen. Die Aktivist*innen weisen jene Vorwürfe als unhaltbar zurück – und erklären rückblickend - „Wir hätten uns gewünscht, dass die linke und alternative Szene in Berlin mehr konstruktive Kritik geäußert hätte.“

Bezüglich des A-Kongresses und des Slutwalks fehlte den Aktivist*innen ein Stück weit die Empathie, dass ihre Form des sexuellen Aktivismus bei den konkreten Aktionen missverständlich bzw. fehl am Platze war. Das Eintreten für freie Sexualität und Pornografie bei einer Demonstration gegen die Reduzierung von Frauen auf ihren Körper waren völlig undurchdacht. Das gestehen sie im Nachhinein auch ein…

Ein anderer Aspekt ist sicherlich die Sicht der Natur. Der von den Macher*innen zu Grunde gelegte Naturbegriff ist ein romantisierter Naturbegriff, der fast schon spirituelle Züge trägt, wie man sie aus den Anfängen der Öko-Bewegung Post-68 noch kennt. Dieser Naturbegriff gilt vielen von uns als überholt und veraltet – und verleiht ihnen manchmal den Anschein des Hippietums. Dabei sollte aber auch nicht übersehen werden, dass das Projekt FFF sehr heterogen ist und sich im stetigen Prozess befindet. Manche Aktivist*innen vertreten jenen spirituell-geprägten Naturbegriff, andere wiederum kommen aus einer ökofeministischen oder queeren Szene und vertreten ihren Naturbegriff. Gemeinsamer Nenner ist dabei:

  • die Ansicht von Sexualität als etwas „natürlichem“, d.h.etwas, wofür sich der Mensch nicht zu schämen hat und was zum Leben dazugehört – wie z.B. Essen und Schlafen
  • dass Sexualität auf Konsens und Einvernehmlichkeit beruhen muss
  • dass es eine Pluralität von Geschlechtern und Sexualitäten gibt, die gleichberechtigt nebeneinander existieren
  • dass die Natur und Umwelt, im Sinne eines Ökosystems, geschützt werden muss

Ob der Weg, über pornografisches Material Geld für den Umweltschutz zu sammeln der richtige ist bzw. ob die Verbindung von sexueller Befreiung und Ökologie eine sinnvolle Symbiose eingehen kann, ist dem*der Leser*in überlassen. Es ist auf jeden Fall ein diskussionswürdiger Ansatz – ggf. auch abstrahiert von FFF.

Vielleicht ist es aber generell an der Zeit, das Projekt neu zu evaluieren – und den Aktivist*innen zuzugestehen, dass Sie aus den Fehlern der damaligen Zeit gelernt haben und nun reflektierter, ihren Kampf für die Rettung des Planeten bzw. des Regenwaldes fortzusetzen – verbunden mit der Idee sexueller Befreiung.

Maurice Schuhmann

Website:

Vollständiges Interview mit Leona und Tommy (aus der Zeitung Contraste):


  1. Alle Zitate sind dem in der Contraste erschienen Interview entnommen. Vgl.: https://bis201908.contraste.org/index.php?id=400
  2. Anm. d. Redaktion: Die benutzten Worte werden hier als Selbstbezeichnungen wiedergegeben, jedoch können sie je nach Kontext auch als respektlos und gewaltvoll verstanden werden.