2017-02:Homo Ökonomikus

Aus grünes blatt
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Homo Ökonomikus

Ich habe schon viele Sachen in meinem Leben „meine Kinder“ genannt. Manche existierten nur auf dem Papier, andere hatten 300 PS und wieder andere waren aus Schokolade. Die habe ich allerdings aufgegessen.

Irgendwann habe ich aber entschieden auch ein eigenes Kind zu besorgen. Ich suchte mir also eine passende Frau, welche die selben Werte vertrat wie ich, und wir setzten uns an die Vorplanung. Da es sich dabei natürlich um einen rechtsgültigen Vertrag handelte, haben wir die ganzen Vertragsverhandlungen aufgezeichnet.

Ich: „Ich würde als Zeugungstermin den 23. November vorschlagen, dann würde das Kind vermutlich im Sommer auf die Welt kommen und wir könnten in ein Land fahren, das günstige Krankenhäuser hat.“

Sie: „Ja, aber wir sollten auch darauf achten, dass man per Geburt in diesem Land die Staatsbürgerschaft bekommt; kann man als Eltern ja auch gut nutzen.“

Ich: „Ja, du hast natürlich Recht. Dann nehmen wir Brasilien. Gute medizinische Versorgung, niedrige Kosten, Staatsbürgerschaft per Geburt und für die Eltern de-facto eine Aufenthaltsgenehmigung.“

Sie: „Ja, Brasilien gefällt mir auch.“

Ich: „Lass uns am besten einen Termin ausmachen, der auf das Ende eines Monats fällt, dann kassieren wir für einen Tag noch Kindergeld.“

Sie: „Aber wenn es sich dann nicht an den Termin hält?“

Ich: „Dann müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen. Oder den Arzt schmieren.“

Sie: „Gut, einverstanden. Kommen wir zu den ersten Jahren. Was kaufen wir dem Kind da?“

Ich: „An die ersten Jahre wird es sich später nie erinnern. Also gucken wir, was wir aus den Kleidercontainern raus bekommen. Oder aus irgendwelchen Kleiderkammern. Für Kinder gibt es da immer was.“

Sie: „Und Essen?“

Ich: „Na, wir präsentieren das Kind möglichst vielen Verwandten, damit wir dort zum Essen eingeladen werden. Ansonsten gibt es da sicher was Billiges im Discounter.“

Sie: „O.K., kommen wir zum Kindergarten. Wo soll das Kind da bloß hin?“

Ich: „Wir nehmen einen von einer religiösen Gruppe. Die sind meist günstiger, weil die Menschen sich da besser ausbeuten lassen und nicht streiken dürfen.“

Sie: „Aber wenn unser Kind dann religiös wird?“

Ich: „Da halten wir Zuhause dagegen. Wir machen uns einfach ein bisschen über die lustig.“

Sie: „Das ist eine dumme Idee. Wir suchen uns lieber eine Religion, in der man lernt Vater und Mutter zu ehren. Das macht das Kind später fügsamer.“

Ich: „O.K., einverstanden. Kommen wir zur Grundschule.“

Sie: „Was in der Nähe wäre praktisch, weniger Opportunity Costs.“

Ich: „Aber wir achten darauf, dass es das richtige Umfeld bekommt. Nicht, dass es mit Menschen zusammenkommt, die nicht leistungsbereit sind.“

Sie: „Na ja, dann müssen wir wohl in eine bürgerliche Gegend ziehen.“

Ich: „O.K., kommen wir zur Grundschule. Da können wir sicher irgendwelche kostenlosen Starterkits abgreifen. Und in dem Alter reicht ja auch Billigspielzeug und Billigessen.“

Sie: „Nein, das kostet langfristig doch viel mehr. Besser gesundes Essen, sonst wird das Kind später krank. Und giftiges Spielzeug ist auch schlecht.“

Ich: „Na gut, was das wieder kosten wird. Aber dann wenigstens Konsumverzicht predigen, sonst wird das zu teuer. Wir machen irgendwas mit öko und so. Nach dem Motto: wenn du das Spielzeug kaufst, stirbt ein Robbenbaby.“

Sie: „Das finde ich gut. In dem Alter sollten wir aber auch daran denken dem Kind zu sagen, dass wir es lieben.“

Ich: „Genau, das sorgt dann in der rebellischen Phase für ein schlechtes Gewissen, wenn es nicht auf uns hört. Und später für ein folgsames Kind.“

Sie: „Dann sollten wir uns Gedanken machen über die weiterführende Schule.“

Ich: „Da kommt nur das Gymnasium in Frage. Da sind die richtigen Menschen für das Kind. Menschen, die Eltern haben, die so wie wir denken und sich um die Zukunft ihrer Kinder Gedanken machen.“

Sie: „In der Phase müssen wir dem Kind klar machen, dass es was besonderes ist. Und dass es in irgendwas das Beste werden soll.“

Ich: „Das ist gut. Dadurch bekommt das Kind ständig Versagensängste, dass es nicht gut genug ist. Es wird sich anstrengen und Andere mit allen Mitteln ausstechen. Das erhöht die Chancen, dass es die Loser als 'Andere' wahrnimmt. Und auf keinen Fall dazugehören will. Nicht, dass wir es später noch mal unterstützen müssen. Selbstverständlich werden wir aber weiter mitteilen, dass wir es lieben.“

Sie: „In dem Alter sollten wir auch das Taschengeld bedenken.“

Ich: „Stimmt, so lernt es, dass es nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung hat, mit dem es wirtschaften muss. Wir könnten unsere Grundbedürfnisse wie Miete und Essen zuerst abziehen und das restliche Einkommen unter uns Dreien gleichmäßig aufteilen.“

Sie: „Finde ich gut. Das wäre absolut gerecht. Schließlich muss das Kind in der Phase auch genausoviel arbeiten wie wir. Wenn nicht sogar mehr.“

In der Aufnahme hört man ein kurzes aber heftiges Lachen von mir und ihr.

Ich: „Der Scherz war gut. Wir geben ihm ein bisschen Kleingeld und reduzieren gleichzeitig die kleinen Geschenke und die Süßigkeiten. So bekommt das Kind das Gefühl, dass es mehr bekommt als vorher und wir können noch Kosten sparen. Außerdem lernt es dann gleich prekär zu leben und sich wenig zu gönnen.“

Sie: „Alles klar. Dann kommen wir zur Berufsausbildung.“

Ich: „Studium wäre gut. Das gibt uns die Möglichkeit das Kind noch ein paar Jahre von der Steuer abzusetzen und gleichzeitig das schlechte Gewissen uns gegenüber zu vergrößern. Außerdem glauben die Kinder ja meist, dass Armut zum Studium dazu gehört.“

Sie: „Wie wäre es, wenn wir es motivieren ein Stipendium zu beantragen?“

Ich: „Optimal, dann brauchen wir dem Kind gar nichts zu geben, außer einem Taschengeld, und setzen es dann trotzdem von der Steuer ab. Da können wir schon anfangen direkt was daran zu verdienen.“

Sie: „Stimmt, wenn wir dem Kind wenig genug geben, können das gute Jahre für uns werden.“

Ich: „Ja, und falls das mit dem Stipendium nicht klappt, haben wir ja neben den Steuervorteilen auch noch den Ansehensgewinn in der Gesellschaft, die Rentenpunkte, die Abschreibungen für den gekauften Wohnraum und die Altersvorsorge. Alles in allem wird sich das auf jeden Fall rechnen.“

Sie: „Dann kommen wir zu den Fallstricken. Was, wenn das Kind uns das mit der Liebe nicht abnimmt und seinen 'fairen' Anteil will.“

Ich: „Dann machen wir es platt mit Undankbarkeit. Das wird schon kapieren, dass es damit keinen Fuß mehr auf die Erde bekommt. Ein Kind, das mehr will, ist in der Gesellschaft ruiniert. Natürlich werden wir ihm immer sagen, dass wir ihm helfen, wenn es mal Hilfe braucht. Solange es nie nach Hilfe fragt, wird es nie wissen, dass es eine Lüge ist. Und ein gut erzogenes Kind fragt nicht nach Hilfe.“

Sie: „Was, wenn es lieber eine Ausbildung statt ein Studium macht?“

Ich:“ Dann müssen wir eben von den Fähigkeiten profitieren. Ein Handwerker ist auch nicht billig. Und Förderungen für die Eltern gibt es trotzdem. Wir können ihm ja in der Ausbildung auch schon mal sein Zimmer vermieten. Mit der Begründung, dass es lernt wie das so läuft. Und dann auch noch die Kosten für das Haus von der Steuer absetzen, weil wir das Haus ja teilweise vermieten.“

Sie: „Was, wenn es doch mal nach mehr fragt oder kapiert, wieviel Geld wir wirklich haben?“

Ich: „Wir nehmen ein paar Kredite auf das Haus auf. Damit können wir immer begründen, warum wir kein Geld mehr übrig haben. Und da das Kind glaubt, später mal das Haus zu erben, wird es schon nichts dagegen haben. Und wenn wir älter sind, veräußern wir das Haus einfach und machen uns eine schöne Zeit. Dabei fällt mir ein, dass wir dem Kind, wenn es auszieht, noch seine Möbel verkaufen sollten. Wir können den Schrott ja dann nicht mehr brauchen, aber für das Kind können wir es als günstiges Angebot darstellen.“

Sie: „Dann müssen wir jetzt nur noch die Einnahmen aufteilen.“

Ich: „Ich würde sagen, wir machen halbe halbe. Sowohl bei den Ausgaben wie bei den Gewinnen.“

Sie: „Und wer wird das Kind austragen?“

Ich: „Du natürlich, ich kann das nicht.“

Sie: „Dafür will ich aber 75% der Einnahmen und zahle trotzdem nur die Hälfte. Ich riskiere meine Gesundheit mit einer Schwangerschaft doch nicht umsonst.“


An dieser Stelle endet die Aufzeichnung. Den darauf folgenden Streit habe ich nicht mit aufgezeichnet. Wir sind uns nicht einig geworden. Wie kann man auch nur so gierig sein wie diese Frau? Nebenbei, wenn Sie zufällig eine Frau sind, an einen Kind interessiert sind und sich mit 25% des Reingewinns zufrieden geben, melden Sie sich. Ich verspreche Ihnen, vertraglich zugesichert, mindestens 3mal am Tag zu sagen, dass ich Sie lieben würde. Hochzeit ist inklusive. Eine gemeinsame Ökonomie ist selbstverständlich nicht vorgesehen. Welche moderne emanzipierte Frau würde auch noch gemeinsam mit ihrem Mann Konten haben wollen. Bei einem Kind geht es ja auch nicht um das Geld. Es geht um Liebe.

Jean Trauerweide

Der Autor hat eine Menge Kurzgeschichten und mehrere Bücher verfasst. Das meiste davon sind Originalausgaben, die bislang nur einem exklusiven Kreis von Freund*innen zugänglich sind. Im grünen blatt dürfen wir die eine oder andere der aus dem Politleben des Schreibers gegriffenen und oft witzig überzogenen Geschichten abdrucken, von denen Jean Trauerweide in einer Inhaltsangabe sagt: "Manche dieser Geschichten sind politisch korrekt. Oder überhaupt politisch. Dies ist keine ernsthafte Literatur." Und: "Sämtliche Rechtschreibfehler stammen aus Freilandhaltung und sind antiautoritär erzogen worden."