2017-01:Das potenzielle Atomklo Bure - aktuelle Situation des Widerstands

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Das potenzielle Atomklo Bure

aktuelle Situation des Widerstands

vmc Das Mindeste, was wir in Bure sagen können ist, dass wir ein außergewöhnliches Mobilisierungsjahr gegen das größte Atommüllendlagerprojekt in Europa hatten. Tausende Menschen entdeckten im Laufe des Jahres den Widerstand gegen dieses Projekt und säten mit uns im Frühling, teilten mit uns die harten und schönen Momente des besonders intensiven Sommers der Besetzung und Verteidigung von Bois Lejuc, manche blieben und andere kommen seitdem regelmäßig zurück.

Dem Unvermeidlichen standhalten

Ein großartiges soziologisches Konzept der räumlichen Planung großer Konzerne ist die Akzeptierbarkeit - oder wie zwingst du die Bevölkerung, dort wo du einmarschierst, das Unakzeptable zu akzeptieren? So wie bei sterbebegleitender Pflege, bei der der Patient langsam den Tod akzeptiert.

Nach einer ersten Phase der gewaltsamen Ablehnung in den 90ern, als 10.000 Menschen in den Straßen von Bar-le-Duc demonstrierten, zwei Drittel der Anwohner gegen den Bau „einer einfachen Forschungseinrichtung“ von ANDRA Petitionen unterschrieben haben (ANDRA ist die französische Bundesbehörde, die für die "Entsorgung" des Atommülls zuständig ist) und als wütende Landwirte Strohballen vor der Baustelle anzündeten, machte sich erst Resignation und dann Fatalismus breit.

Vor 15 Jahren profitierte ANDRA von der großen finanziellen Unterstützung der Meuse-Abteilung GIP, einer Agentur, die für die Finanzierung dieser Behörde verantwortlich ist und die Sympathie der Lokalpolitiker*innen mittels einer "ökonomischen Unterstützung" kauft, was schwer abzulehnen ist in einer entvölkerten und verarmten postindustriellen Gegend. Die, die es dennoch versuchten, verloren ihre Gemeinde und mussten zusehen, wie ihre Stadtverordnete die Seiten wechselte.

Gleichzeitig wurde den Bauern und Bewohnern von Bure sowie der Umgebung bis zu einer Entfernung von einigen dutzend Kilometern beträchtliche Mengen an Geld für ihr Land angeboten, wodurch ANDRA kontinuierlich Land erwarb: „Wenn du mir dein Land in Bure gibst, bekommst du 2 weitere Quadratkilometer drauf und wir addieren weitere 30% auf deinen vorherigen Landpreis“. Am Ende hat ANDRA mehr als 1000 Hektar Farmland und 2000 Hektar Wald sowie weiteres Land erworben, obwohl das Atommülllager laut Planung eigentlich nur 300 Hektar an der Oberfläche benötigen soll. Diese aggressive Kaufpolitik zusammen mit der Drohung der zukünftigen Ausbeutung sowie die wiederholten Anrufe und Besuche von ANDRA überwältigten viele Menschen und ihre Illusionen.

Eine gefakte öffentliche Debatte 2013, intensive Propaganda in den lokalen Zeitungen, Schulen und Läden war ausreichend, um innerhalb weniger Jahre den Gedanken der Unausweichlichkeit des Projekts den Köpfen der Menschen aufzuzwingen. Währenddessen entwickelte sich die Idee der Forschungseinrichtung weiter zu einem Atommülllager von hochradioaktivem Material und dazu ein Projekt für die oberflächliche Lagerung von niedrig bis mittel radioaktiv verseuchtem Müll. [...]

Obwohl mit der Baugenehmigung erst 2018 zu rechnen ist, wurden schon 11 Hektar Wald gerodet und ein 3 Kilometer langer Zaun gebaut. Aber der Widerstand regt sich. Mitte Juni ist Bois Lejuc besetzt von 250 Menschen, wobei circa 60 Menschen es für 3 Wochen besetzt halten, bevor eine gewaltsame Räumung durch die Polizei es ANDRA ermöglicht wieder Fuß zu fassen. Darufhin wurde eine zwei Meter hohe Mauer errichtet, die diese „wilden Horden“ aus dem Wald fernhalten soll. Am 1. August entscheidet ein Gericht, dass die Abholzung des Waldes illegal war und die Baumaßnahmen eingestellt werden sollen. Und zwei aktionsreiche Wochen später ziehen sich Polizei und Sicherheitskräfte aus dem Wald zurück. 400 Menschen zerstörten die Mauer und weitere hunderte Menschen kamen die folgenden Monate zur Besetzung, so dass durch Spenden und Hilfe die Infrastruktur und das Netzwerk des Widerstands vor Ort gefestigt werden konnte.[…]

Aktuelle Lage

Am 23. Januar hat die ANDRA (Nationalagentur zur Entsorgung von radioaktivem Müll) einen Versuch gestartet, den seit 6 Monaten durch Projektgegner*innen besetzten Wald „Bois Lejuc“ in ihrem Besitz zurückzunehmen. Mehrere Barrikaden wurden mittels Schaufellader und Bagger der Firma Chardot zerstört. Einen Bagger steuerte Emmanuel Hance, der Chefplaner der ANDRA für die Außenaktivitäten, persönlich.

Einige Aktivist*innen stiegen in ihre Baumhäuser in ca. 20 Meter Höhe, andere blockierten die Bagger. Der durch die ANDRA beauftragte Sicherheitsdienst (Firma EPR) versuchte die Besetzer*innen, die sich den Maschinen in den Weg stellten mit Gewalt wegzudrängen. Die ANDRA scheiterte schließlich am entschlossenen Widerstand der Aktivist*innen. Eine Aktivistin wurde durch den Sicherheitsdienst verletzt und hat sich für eine Strafanzeige entschieden.

Die Situation wird sich in den kommenden Tagen möglicherweise weiter zuspitzen!

Am 25. Januar fand vor dem Gericht in Bar-le-Duc die Verhandlung über die Räumungsklage der ANDRA gegen die Besetzer*innen statt. Am 31. Januar wurde die Klage von Einwohner*innen von Man-dres-en-Barrois gegen den durch den Gemeinderat in einer Sitzung im Frühtau im Sommer 2015 beschlossenen Tausch des Waldes der Gemeinde mit der ANDRA verhandelt – dadurch wurde sie Eigentümerin des Bois Lejuc, Voraussetzung für die Verwirklichung von Cigéo, dem Atommülllagerprojekt. Eine juristische Auseinandersetzung um die Erteilung der Rodungsgenehmigung durch die Umweltbehörde steht auch noch an. Die ANDRA scheint jedoch gewillt zu sein, sofort Tatsachen zu schaffen.

Wir freuen uns auch über dezentrale Soliaktionen!


Dieser Artikel wurde erst von John für Bure’s automedia ins Englische und später von Reka ins Deutsche übersetzt und gekürzt sowie am Ende um eine Ergänzung zur aktuellen Lage erweitert.

Quellen und weitere aktuelle Infos gibts auf: