Hungerkrise durch Fleischkonsum? Zur Kritik des politischen Veganismus

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hungerkrise durch Fleischkonsum? – Zur Kritik des politischen Veganismus

Es kann einem der Schauer über den Rücken laufen, wenn man über das Elend auf der Welt liest. Laut Mike Davis z. B. leben eine Milliarde Menschen in Slums – das entspricht der Weltbevölkerung zu der Zeit als Engels über die Lebenssituation der englischen Arbeiterklasse schrieb. 2030 sollen es nunmehr 2 Milliarden sein [1].

Eine der großen Leistungen des Kapitalismus besteht nach wie vor darin, völlig unfähig zu sein, den Welthunger zu beseitigen. Von veganer Seite wird oft die Ursache für den Hunger im exorbitanten Fleischkonsum, vor allem der westlichen Welt gesehen [2]. In stofflicher Hinsicht ist es durchaus richtig, dass mehr Menschen ernährt werden könnten, wenn man die Fleisch- und Käseproduktion reduzieren (d.h. nicht notwendigerweise gänzlich abschaffen wie es der politische Veganismus fordert) würde. Schließlich wird viel Land für Weidefläche verschwendet und etwa die Hälfte des produzierten Getreides oder Soja wird an die Tiere verfüttert [3]. Aber die Tatsache, dass Millionen Menschen hungern, liegt nicht daran, weil es objektiv zu wenig Nahrung gibt (oder zu viele Menschen auf der Welt sind wie Ökofaschisten z.B. von Earth First behaupten [4]), sondern weil diese Menschen einfach kein Geld dazu haben [5]. Man sollte dabei auch erwähnen, dass große Flächen für den Anbau von Nullkalorien-Pflanzen verwendet werden, wie Blumen, Tabak und Kaffee.

Was in dieser Debatte in der Regel völlig außer Acht gelassen wird, ist die Logik kapitalistischer Produktionsweise. Diese nämlich ist verantwortlich für die Industrialisierung der Landwirtschaft, für Monokulturen, für die Enteignung und Vertreibung von Kleinbauern, die die Megastädte und Slums anschwellen lässt [6]. Im Prinzip wiederholen sich im Trikont die Prozesse auf viel höherer Stufenleiter, wie sie im 19. Jahrhundert in Europa geschahen. Der Unterschied besteht aber darin, dass die in die Städte hinzugezogenen, nicht von einer Industrie absorbiert werden, sondern überflüssiges „Menschenmaterial“ bilden. Ihre Überflüssigkeit ist das Resultat der Krise der Arbeitsgesellschaft, die einen Menschen grundsätzlich nur als verwertungsfähigen Arbeitskraftbehälter anerkennt. Im Kapitalismus ist der Mensch nur ein Toter auf Urlaub.

Gegenstand und Ziel kapitalistischer Produktionsweise ist nicht die Befriedigung irgendwelcher Bedürfnisse. Ziel ist es einen möglichst großen Mehrwert sich in der Konkurrenz anzueignen um quasi aus einem Euro zwei zu machen. In der Konkurrenz setzt sich derjenige durch der am produktivsten ist, der am billigsten anbieten kann. Das kann erreicht werden durch Kostenreduktion, durch Reduzierung der „gesellschaftlichen notwendigen Arbeit“ (Marx) z.B. durch den Einsatz von Maschinen. Eine Folge der Konkurrenz und der Marktdynamik ist, wie Marx feststellte, die „wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals“, also das Zurücktreten unmittelbarer Arbeit Einzelner und der zunehmende Einsatz von Maschinen was zu einer wachsenden Kapitalkonzentration führt. Das Ergebnis ist der moderne Agrarkapitalismus und die Massentierhaltung [7]. Einfach kein Fleisch und Käse mehr oder selbst kein Honig mehr wie Vegan-Ideologen meinen, beseitigt diese Verrücktheit keineswegs. Wenn die Nahrungsmittelkonzerne durch die Konkurrenz, gerade in der Krise, ihre Profite einbüßen, ist die Tendenz sehr stark die Kosten jetzt erst recht zu senken, um in der Konkurrenz zu bestehen, was die ökonomische Ursache für die Qualitätsminderung und Vergiftung der Nahrung ist. Die Vergiftung und zunehmende Ungenießbarkeit der Nahrung hat dabei viele längst bekannte Facetten: Gemüse ist vergiftet, gespritzt oder gentechnisch geändert durch Konzerne wie Monsanto. Mit dieser „Nahrung“ werden Tiere gefüttert und werden obendrein mit Antibiotika „behandelt“ [8]. Das hat zweifellos katastrophale Folgen für Mensch und Umwelt. Die agrarkapitalistischen Sojamonokulturen sind gentechnisch verändert und mit Pestiziden behandelt. Vegane Nahrung enthält oftmals Palmöl, für dessen Herstellung sehr gerne Regenwald vernichtet wird [9]. Veganismus ist daher alles andere als nachhaltig und offensichtlich eine eher Konsum-moralisierende Haltung, die einer fundamentalen Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise ausweicht. Als Beispiel bei dem das noch mehr offensichtlich wird, mag ein Fisch-kritischer Flyer von Peta genügen der skandalisiert, dass in Fisch sehr viel Quecksilber zu finden ist. Aber statt dass gefordert wird, dass die Verseuchung der Welt aufhöre, möge man bitte der Gesundheit willen keinen Fischer mehr verzehren...

Weil nur der Tauschwert zählt und der Gebrauchswert daher für die Profitmaximierung zugerichtet wird, ist der Gebrauchswert einer Ware durch die Form der Produktionsweise vergiftet: sprich „formvergiftet“. Das zeigt sich besonders in der „geplanten Obsoleszenz“ von Waren, also der Produktion von Waren die planmäßig frühzeitig kaputt gehen. Das hat den Grund in der beabsichtigten Absatzerhöhung. Die Formvergiftung führt aber eben auch zu der zunehmenden Ungenießbarkeit der Nahrung. Der Unterscheid zwischen veganer Ernährung und fleischlicher ist letztendlich, dass die vegane Nahrung nur einfach verseucht ist.

Ein weiterer Grund für Hunger ist die Tatsache, dass pflanzliche Nahrung für „Biodiesel“ verwandt wird – weil das mehr Profit verspricht und das hat außerdem zur Folge, dass die Nahrungsmittelpreise ansteigen. Eine Reduktion von Fleischkonsum – ohne dass die Verwertungslogik berührt wird, führt womöglich nur dazu, dass der Anreiz aus Soja – Sojadiesel- zu machen ansteigt – und es eben nicht zu einer Linderung des Hungers verwendet wird- denn zur Bedürfnisbefriedigung findet Produktion im Kapitalismus grundsätzlich nicht statt. Am Ende vergammeln die Sojaberge, weil diese nicht mehr abgesetzt werden können. Den Fleischkonsum für den globalen Hunger verantwortlich zu machen ist daher fundamental falsch.

Steigt die Produktivität der Landwirtschaft kommt es eben nicht zu einer mehr schonenden Landwirtschaft oder zu mehr Wohlstand wie z.B. die Produktion von Mais in den USA zeigt. Man plagt sich dann mit Maisbergen herum, deren Zucker deswegen zahlreichen Nahrungsmittel zugesetzt wird, was die massenhafte Verbreitung von Fettleibigkeit und Diabetes zur Folge hatte. Die „Formvergiftung“ der Nahrung durch die Verwertungslogik, führt eben dazu, dass Essen krank macht – und das betrifft nicht nur Fleischkonsum. VerganerInnen leben also nicht unbedingt gesünder. Individualverkehr, Schwermetalle und Radioaktivität, Arbeitsterror und Einsamkeit nehmen eben keine Rücksicht auf Essgewohnheiten. Was kritisiert werden muss ist die ökonomische Form als solche. Dazu müssen sich man und frau notwendigerweise mit der Wertabspaltungskritik beschäftigen….[10]

Wie Jutta Ditfurth [11] immer wieder in ihrer Kritik gegen Ökofaschisten und ähnlichem argumentiert, ist die Lösung der ökologischen Frage nicht ohne Lösung der sozialen Frage zu haben. Prinzipiell ist es richtig bestehende Konsumstrukturen und -inhalte zu hinterfragen und zu ändern. Ein reduzierter Fleischkonsum ist aus Umweltschutzgründen ganz sicher richtig, ebenso wie die Abschaffung des Individualverkehrs [12]. Auch wenn die Kultur des Fleischessens sexistische Vorstellungen und Praxen mittransportiert, wie Rifkin in seinem Buch „Imperium der Rinder“ zeigt, ist das radikal zu kritisieren. Ausgangspunkt muss aber eine Kritik des Kapitalismus und seiner Katastrophen sein. Aber Tatsache ist, dass der politische Veganismus an einem solchen Zugang im Wesentlichen vorbeigeht und daher an einer möglichen Kritik der „politischen Ökonomie der Nahrungsmittel“ scheitert. Man will eben das Fell waschen ohne es nass zu machen.


Sebastian


  1. Mike Davis: Planet der Slums, Assoziation A 2011.
  2. Zahlen und Fakten zur globalen Fleischproduktion, siehe: http://www.boell.de/downloads/2013-01-Fleischatlas.pdf
  3. Exemplarisch für die Rinderzucht: Jeremy Rifkin: Das Imperium der Rinder, Campus 1994.
  4. Tomasz Konicz: All you can eat – Ist das Wachstum der Weltbevölkerung schuld an der globalen Nahrungsmittelknappheit?, in Konkret 3/2013
  5. Hunger gibt es auch in den USA http://www.welt.de/wall-street-journal/article114918996/47-Millionen-US-Buerger-leben-von-Essensmarken.html.
  6. Peter Jonas: Jenseits der Agrarrevolution, http://www.kosmoprolet.org/jenseits-der-agrarrevolution
  7. Anselm Jappe: Gene, Werte, Bauernaufstände, http://exit-online.org/pdf/Jappe-Gene-Okt2001.pdf
  8. Tomasz Konicz: Wohl bekomm’s ! In der Nahrungsmittelindustrie wird der Irrsinn des Kapitalismus besonders deutlich, in Konret 5/2013
  9. Ist aber auch eine Quelle von „Biodiesel"
  10. Siehe dazu die Selbstdarstellung der Gruppe Exit: http://exit-online.org/text.php?tabelle=selbstdarstellung
  11. Z.B. in Entspannt in die Barbarei: Esoterik, (Öko)faschismus und Biozentrismus, Konkret Literatur-Verlag 1996
  12. Klaus Gietinger : Totalschaden, Westend 2010.