2019-01:Atomkraft als Rettung des Klimas

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Atomkraft als "Rettung des Klimas"?

Zurzeit erleben wir in Belgien eine „erstaunliche Bewegung“, um das Klima zu retten. Es zeichnen sich eine Vielzahl von Vorschlägen, aber auch Ablehnungen, ab. Jede*r versucht, die Aufmerksamkeit der Teilnehmer*innen für einem Gedankenaustausch zu erregen, manchmal konstruktiv, manchmal antagonistisch.

Im Kampf um das Klima gibt es mehrere Ansatzpunkte: die wichtigsten sind Industrie, Dämmung, Verkehr, Landwirtschaft und Stromerzeugung. Im Bereich der Stromerzeugung gibt es einen breiten Konsens, die Nutzung von Kohle und Öl – den umweltschädlichsten fossilen Brennstoffen – zu verurteilen. Erdgas, auch fossiler Herkunft, produziert deutlich weniger CO2 pro Kilowattstunde (kWh) und könnte die Versorgungslücken überbrücken, die die aktuellen Erneuerbaren je nach Wind und Sonnenschein hinterlassen. Pro-Atom-Strömungen haben in jüngster Zeit „klimafreundliche“ Tugenden bei den Atomreaktoren entdeckt und versuchen nun, die Nukleartechnik als eine Variante im Kampf gegen die Klimakatastrophe zu etablieren.

Was ist davon zu halten? Wir stellen elf Argumente vor

Atomkraft erzeugt auch CO2, ist also keineswegs CO2-frei

Atomkraft ist nicht CO2-emissionsfrei! Derzeit werden während des gesamten Verarbeitungszyklusses spaltbaren Materials – also von der Mine bis zum Abfall – zwischen 88–146 g CO2 durch Atomstromerzeugung emittiert, viel mehr als Wind (10 g), Photovoltaik (32 g) oder Geothermie (38 g)[1]. Der CO2-Ausstoß ist vergleichbar mit einem Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD-Kraftwerk)[2]. Die thermische Umweltverschmutzung durch Druckwasserreaktoren ist nicht unerheblich: Nur ein Drittel der Wärmeenergie des Reaktors wird in Strom umgewandelt, die restlichen zwei Drittel werden in Form von Wasserdampf in die Atmosphäre oder über Wärmetauscher in den angrenzenden Fluss oder das Meer freigesetzt.

Globale Energieversorgung: Atomkraft hat nur bescheidenen Platz

"Nuklear" werden weltweit nur 10 % des Stroms und weniger als 5 % der Gesamtenergie produziert. 85 Prozent der weltweiten Energie stammen aus Öl, Kohle und Gas. Auf globaler Ebene betrachtet, könnte die Atomkraft gleichzeitig mit fossilen Energieträgern aufgegeben werden. In Belgien, das heute bei seiner Stromversorgung zur Hälfte von Atomkraft abhängig ist, wird es eines mehrjährigen Plans bedürfen, um aus der Atomenergienutzung auszusteigen.

Atomenergienutzung verschmutzt Umwelt und Trinkwasser

Die Atomindustrie erzeugt fortlaufend für jedes Kilo spaltbares Material 4 bis 5 Tonnen Uranabfälle. Ein Teil davon vergiftet Erde, Luft und Trinkwasser. Die Reaktoren produzieren weltweit 10.500 Tonnen abgebrannte Kernbrennstoffe sowie eine Vielzahl weiterer radioaktiver Abfälle und Emissionen. Reaktoren benötigen für ihre Kühlsysteme gigantische Mengen Wasser, bis zu 4 Milliarden Liter Wasser pro Tag, was die verbleibende Trinkwassermenge reduziert und die aquatischen Ökosysteme schädigt.

Atomkraft übergeht Menschenrechte + das indigene Recht auf Land

Die meisten Uranminen befinden sich in Gebieten, die von indigenen Völkern, Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ oder einkommensschwachen Bevölkerungen bewohnt werden. Radioaktive Strahlung ist für Frauen und Mädchen im Vergleich zu Männern doppelt schädlich. Und sie ist besonders schädlich für Föten und Babys, deren Pflege meist in der Verantwortung der Frauen liegt. Radioaktive Verseuchung wird der Umwelt (und den Menschen) für Hunderttausende von Jahren schaden.

Atomenergie blockiert den Einsatz erneuerbarer Energien

Die Atomkraft benötigt hohe direkte und indirekte Subventionen. Dabei handelt es sich um Finanzierung, Forschung und Entwicklung, Steuervorteile, Verlagerung der Haftpflichtversicherung, staatliche Versicherung und letztendlich die Sorge für Abfälle und den Rückbau der AKW durch die Gesellschaft; die Liste ist nicht vollständig. All dies lenkt das Eingreifen des Staates von dem Feld ab, wo es wirklich nützlich wäre: den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen.

Atomkraft ist gefährlich

Katastrophen wie Three Mile Island/Harrisburg (1979), Tschernobyl (1989) und Fukushima (2011) beeinträchtigen eine nationale Wirtschaft oder können sie sogar zum Kollabieren bringen, unerwünschte politische Instabilität schaffen und die Energiepolitik zum Scheitern bringen, die eigentlich notwendig wäre, um der Klimakatastrophe entgegenzuwirken. In Belgien steht das AKW-Doel mit vier Reaktorblöcken nur 12 km vom Grote Markt in Antwerpen entfernt. Es stellt in einer potenziell gefährlichen petrochemischen "SEVESO"-Zone eine ständige Bedrohung für unser Land dar. Die durch Risse geschwächten Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 müssen sofort und endgültig geschlossen werden!

Die "zivile Atomenergie" ist untrennbar mit dem Militär verbunden

Druckwasserreaktoren wurden ursprünglich aus den Anlagen der nordamerikanischen U-Boote entwickelt, aber auch von den Erkenntnissen aus den auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben abgeleitet. Die Wiederaufbereitungsanlagen liefern aus dem Abfall der zivilen AKW die nötigen Materialien, um Atombomben herzustellen. Oft werden militärische Argumente vorgeschoben, um dadurch nukleare Probleme als „Verteidigungsgeheimnis“ zu verschleiern und die Einrichtungen vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Zwanzig US-Atombomben sind in Kleine-Brogel stationiert, unter dem Befehl des obersten Befehlshabers der US-Armee: Präsident Trump.

Atomenergie ist teuer für Haushalte

Da die zwei Firmen Engie Electrabel[3] (Tochterfirma des französischen Engie-Konzerns, zuvor unter „Gaz de France“ und „GDF Suez“ bekannt)[4] und EDF Luminus[5] (EDF ist ein anderer französischer Konzern, dem über dieses Tochterunternehmen 10 % der belgischen AKW gehören) ALLE belgischen Atomkraftwerke besitzen und weil diese die Hälfte des belgischen Stroms produzieren, können die beiden Unternehmen den Strompreis bestimmen, ohne dass die Konkurrenz sie daran hindern kann. Der Strompreis für private Haushalte ist sehr hoch, wohingegen die Großindustrie von einem niedrigen Tarif profitiert, um zu verhindern, dass Konkurrenten auf den Markt kommen. Der freie Markt funktioniert in der Praxis nicht.

Atomkraft bedroht unsere demokratischen Rechte

Engie Electrabel hat eine so große finanzielle Macht und einen so starken Einfluss auf den Strom-Markt, dass das Unternehmen vom Parlament schon verabschiedete Gesetze ignorieren kann oder sogar die Gestaltung von Gesetzen so beeinflussen kann, dass diese ihren Interessen entsprechen. So schreibt das Gesetz aus dem Jahr 2003 den Ausstieg aus der Atomkraft dahingehend vor, dass die Atom-Reaktoren nach 40 Betriebsjahren stillgelegt werden müssen. Und dann wurde die Laufzeit der drei Reaktoren, die diese 40 Jahre erreicht haben, auf einmal um zehn Jahre verlängert! Es wurde ein Sondergesetz verabschiedet, um das durch den Staat getragene nukleare Risiko festzuschreiben (Pariser Konvention 1960, belgisches Gesetz 1964–85). Die Bundesagentur für Kernsicherung ist nicht in der Lage, notwendige Kontrollen in den AKW durchzuführen. Und selbst eine Menschenkette von 50.000 Menschen zwischen Tihange und Aix (Juni 2017), sowie eine Petition von 500.000 Unterschriften (übergeben Juli 2018) haben auf unsere Behörden bisher keine Auswirkungen gehabt.

Atomkraft ist schlecht für die Gesundheit

In jeder Phase der Erzeugung von Atomstrom, bei jedem Schritt des „nuklearen Verarbeitungszyklusses“ kann die Gesundheit von Mensch und Tier langfristig beeinträchtigt werden. Dabei handelt es sich vor allem um Krebserkrankungen wie Schilddrüsenkrebs oder Leukämie, aber auch um andere Krankheiten und genetische Probleme wie angeborene Fehlbildungen; selbst bei minimalen Dosen, aber langer Strahlungsexposition.

Atomkraft ist zu „langsam“

Der Bau neuer Reaktoren – die weniger gefährlich als die aktuellen Modelle wären – ist deutlich zu langsam, um die Klimaherausforderung zu bewältigen, wenn die bestehenden Reaktoren endgültig im Jahr 2025 abgeschaltet werden würden. Das geplante EPR-AKW Flamanville in Frankreich, dessen Inbetriebnahme im Jahr 2011 für den Preis von 2,5 Milliarden Euro erwartet wurde, soll nun 2020 – und jetzt zu einem Preis von 11 Milliarden Euro! – ans Netz geschaltet werden.

Fazit: Lösungen für die Klimakatastrophe sind leicht zu finden ... aber schwer anzuwenden

Eine schnelle und sozial gerechte Lösung für die Klimaherausforderung wäre es, die Stromerzeugung aus fossilen UND nuklearen Brennstoffen zu beenden. Es ist notwendig, ein intelligentes Netz zu etablieren, das es ermöglicht, die Quellen erneuerbarer Energien: den Wind, das Meer, die Sonnenstrahlen, die Erdwärme, die Energie der Flüsse hinzuzufügen, damit sie sich gegenseitig die Lücken füllen. Der Einsatz von Elektrizität muss reduziert werden, indem unnötige und sogar schädliche Nutzungen beseitigt und die Effizienz von Strom in allen Anwendungen erhöht werden. Wir nennen das die „Negawatt“, also die überflüssigen 30 % der Stromnutzung.

All dies muss Teil eines gesellschaftlichen Plans der belgischen Elektrizitätsversorgung sein, der sich über fünf Jahre erstrecken sollte und etliche Milliarden Euro kosten wird. Ein solcher Plan ist zu wichtig, als dass er dem Verwaltungsrat der ENGIE in Paris übertragen werden sollte, der sich seit 2003 weigert, solche Ideen umzusetzen, durch die der von unserem Parlament beschlossene Atomausstieg bewältigt werden kann. Die Bürger*innen müssen gemeinsam ihre Bedürfnisse und die Mittel bestimmen, um sie umzusetzen. Inzwischen müssen die gefährlichsten Reaktoren, Doel 3 und Tihange 2, sofort und dauerhaft abgeschaltet werden.

Leo Tubbax, Nucléaire Stop Kernenergie


  1. http://www.dont-nuke-the-climate.org/activities/ - gesichtet 14. Mai 2019
  2. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk&oldid=188422575 - gesichtet 14. Mai 2019
  3. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Engie_Electrabel&oldid=187390857 - gesichtet 14. Mai 2019
  4. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Engie&oldid=187629258 - gesichtet 14. Mai 2019
  5. https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=EDF_Luminus&oldid=894867032 - gesichtet 14. Mai 2019