2018-01:Lasst uns Happyland niederbrennen

Aus grünes blatt
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jes Man hat mir einmal gesagt, dass der Unterschied zwischen Rechts- und Linkssein darin besteht, dass die Linken der Meinung sind, alle Menschen seien gleichwertig, und die Rechten, der Wert eines Menschen sei schon bei Geburt unterschiedlich. Deswegen ist es gerade in der „Linken“ normal zu sagen, dass man gegen jegliche Diskriminierung ist.

Wenn man sich die linken Gruppen aber anschaut, dann bemerkt man schnell, dass es dort scheinbar zufällig kaum Menschen gibt, die bestimmten Diskriminierungen ausgesetzt sind. Die meisten Gruppen bestehen vorwiegend aus weißen jungen Mittelschichtsangehörigen mit deutschem Pass. Also Privilegierten in dieser Gesellschaft. Sehr selten hört man die Frage, warum das so ist, wo doch gerade Benachteiligte sich in linken Gruppen wohl fühlen müssten.

Das Problem am Privilegiertsein besteht nicht nur darin, dass man als Privilegierter selten seine Privilegien sieht. Als Mann zum Beispiel bemerkt man Sexismus weniger, weil man selbst weniger betroffen ist. Als Weißer rassistische Werbung weniger, aus demselben Grund. Und als Angehöriger der ökonomischen Mittelschicht bemerkt man weniger, wie viel Geld man braucht, um bei einer Gruppe mitmachen zu können. Ein Teil der Privilegien besteht gerade darin, die Privilegien und Diskriminierungen nicht zu sehen und damit leichter durch das Leben gehen zu können. Selbst wenn man es nicht will. Man lebt im Happyland.

Den Begriff Happyland habe ich aus dem Buch „exit Racism“ von Tupoka Ogette. Er beschreibt die Welt, in der viele Menschen in Deutschland, aber auch in der übrigen privilegierten Welt leben. Diese Welt ist eine, in der es sich schön leben lässt, die aber leider nur auf Kosten anderer möglich ist. Wir leben alle in dieser Welt, aber nur für die Privilegierten ist dies das Happyland. Für andere kann es die Hölle sein.

Diese Welt möchte ich abschaffen, weil sie alles andere als links ist, und der Weg dazu kann intersektorales Denken sein.

Intersektional bedeutet, dass es viele verschiedene Diskriminierungen gibt, die alle miteinander interagieren. Es war Sojourner Truth, die 1851 anlässlich einer Frauenrechtstagung fragte: „Ain't I a woman?“ (Bin ich keine Frau?), weil sie feststellte, dass die Rechte, welche die weißen FrauenrechtlerInnen forderten, nicht ihre Perspektive beinhalteten. Meist werden mit dem Begriff der Intersektionalität die Diskriminierungen Rassismus, Sexismus und Klassismus betrachtet. Aber ich möchte diesen Begriff noch um alle anderen denkbaren Diskriminierungen erweitern wie Ableismus, Lookismus oder auch Ageismus, ohne dass ich auch nur annähernd alle nennen kann.

Die Ausgrenzungsmechanismen sind dabei so vielfältig wie die Diskriminierungen. Und leider kann das Bekämpfen einer Diskriminierung eine andere sogar verstärken. Ein Beispiel hierfür ist das Gendern in der Sprache. Wenn ich versuche einen Text so zu schreiben, dass ich die Geschlechtlichkeit vermeide, kann es für Menschen, die gerade die Sprache noch nicht so gut können, nahezu unlesbar werden. Auf der anderen Seite kann ein Text, der in möglichst einfacher Sprache geschrieben wurde, gerade Personen ausschließen, welche in der Zweigeschlechtlichkeit nicht repräsentiert werden.

Ein weiteres Problem ist, dass über die intersektionalen Benachteiligungen nachzudenken nicht alle Probleme löst. Weder wird der Kapitalismus durch Intersektionalismus besiegt noch die Klimaerwärmung aufgehalten. Nur selten hilft ein Reflektieren dabei, ein konkretes Problem zu bekämpfen. Meist macht es den Prozess eher schwieriger und langwieriger.

Das alles sind für mich keine Gründe, nicht in die politischen Kämpfe die intersektionale Perspektive hineinzudenken. Denn konkret kann ich mir eine bessere Welt nur vorstellen, wenn auch alle diese Welt mitgestalten können. Und im Moment werden viele ausgeschlossen.

Dazu gehört es, die Strukturen in „linken Gruppen“ zu analysieren und sich zu fragen, ob diese nicht von Anfang an ausschließend sind. Dabei gibt es offensichtlichere Ausschlusskriterien wie ein nicht barrierefreier Ort oder fehlende Übersetzungen. Aber auch sehr versteckte, wie Plena, die eine bestimmte Sprache und Kommunikationsweise voraussetzen, oder der Wunsch nach Umarmungen zur Begrüßung, was eine Norm erzeugt, welche Menschen, die solche Berührungen nicht aushalten, dazu bringen kann, nie wieder zu kommen.

Das Reflektieren darüber findet oft nur sehr oberflächlich statt. So sagen Menschen immer wieder, dass sie doch für Kritik offen sind, vergessen dabei aber, dass es gar nicht so einfach ist Kritik zu äußern, wenn man diskriminiert wird. Und selbst wenn Kritik dann geäußert wird, ist die Bereitschaft sich damit auseinanderzusetzen oft nur oberflächlich vorhanden. So erwartet man beim Kritisieren eine bestimmte Form. Am besten eine gewaltfreie Kommunikation, und die Kritik darf auch nicht wehtun. Da dies Betroffene fast nie hinbekommen, wird sich auch mit der Kritik nicht auseinandergesetzt. Und man bleibt happy im Happyland, während die „Anderen“ einfach nach und nach verschwinden.

Ich weiß, dass es nicht angenehm ist, sich mit seinem eigenen rassistischen, sexistischen oder anders diskriminierenden Verhalten auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, es tut weh. Weil man ja gerade niemandem weh tun möchte. Es braucht Zeit zu verstehen, dass die Intention weit weniger wichtig ist als die konkrete Handlung. Und wenn man den Prozess erst einmal begonnen hat, kann man nie wieder in das Happyland zurück.

Ich sehe es trotzdem als Geschenk, wenn überhaupt einmal eine diskriminierte Person den Mut aufbringt, Diskriminierungen anzusprechen. Denn meist haben die Diskriminierten schon gelernt, dass es nur Ausschlüsse mit sich bringt, wenn sie zu viel über ihre Diskriminierungen reden. Und daher sprechen selbst Betroffene selten darüber oder verniedlichen das Verhalten.

Das kommt mir ungerecht vor. Dazu erscheint es mir auch noch absurd, dass gerade benachteiligte Menschen auch noch den Privilegierten ihre Privilegien erklären müssen. Das bedeutet, dass Menschen, die eh weniger Ressourcen haben, diese dazu verwenden, den Privilegierten als Bildungsträger zur Verfügung zu stehen. Und normalerweise auch noch unbezahlt.

Dabei ist das gar nicht nötig. Denn zum Glück haben Menschen viele Bücher darüber geschrieben, wie sie die Privilegien ihrer Mitmenschen sehen und wie sie diskriminiert werden. Es gibt Blogs und Videos, Audiobeiträge und wissenschaftliche Analysen.

Schon jetzt gibt es de facto Selbsthilfegruppen wie solche zur kritischen Männlichkeit, in der Privilegierte ihre Privilegien zu reflektieren versuchen. Aber das kann nur ein Anfang sein. Ich möchte eine Welt, in der Reflexion normal wird. Und dazu müssen wir das linke Happyland erst einmal niederbrennen. Um vielleicht einen Garten anlegen zu können, der voll mühsamer Arbeit doch noch blühen und nett werden kann. Aber dann für alle.

Mehr Informationen und Hintergründe unter: www.die-intersektionale.de


  • Sexismus: Die Diskriminierung aufgrund von Gender, also dem von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlecht.
  • Rassismus: Die Diskriminierung aufgrund von angeblichen Menschenrassen.
  • Klassismus: Die Diskriminierung aufgrund des zugewiesenen sozialen Status.
  • Ableismus: Die Diskriminierung aufgrund von angeblich normalen Fähigkeiten.
  • Lookismus: Die Diskriminierung aufgrund von angeblich gutem oder schlechtem Aussehen.
  • Ageismus: Die Diskriminierung von Menschen aufgrund vom Alter.