2018-01:Die Räumung

Aus grünes blatt
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Die Räumung

Jean Trauerweide Ich hatte schon viele Jobs in meinem Leben. So war ich Glaubensbeauftragter der Katholischen Kirche - ein Job ohne Zukunft, aber mit Messwein, Teilchenbeschleuniger für die Drogenmafia - ein Job, der nicht mal eine Gegenwart hatte, aber mit Drogen und Geschichtsforscher für Gerechtigkeit - ein Job ohne Vergangenheit, wo ich mir auch noch den Schnaps selbst besorgen musste, um den Schwachsinn zu verkraften, der mal als gerecht angesehen worden war. Weil ich aber auch einen Job haben wollte, der mich auch im Alter satt und high machen sollte, ging ich in den Staatsdienst. Dort hatte ich mich schnell bei ein paar Runden Bier mit ein paar wichtigen Kollegen angefreundet und wurde kurzerhand zum Einsatzleiter einer kleinen Truppe verwegener Polizisten befördert, welche immer dann gerufen wurden, wenn die normalen Polizisten überfordert waren.

Die ersten Wochen in dem Job waren auch noch ruhig mit Routineeinsätzen, aber wie erwartet änderte sich das. An einem Sonntag wurde ich extrem früh, noch mitten in der Nacht angerufen, um irgendetwas zu räumen, das sich nicht räumen lassen wollte. Da ich gerade erst nach einer netten Saufrunde mit SEKlern ins Bett gestolpert war, gönnte ich mir erst mal einen Muntermacher und stand dann fast wieder nüchtern auf.

Ich rief meine Männer zusammen ließ mir per App die Adresse auf mein Smartphone anzeigen, packte die gesamte Ausrüstung meiner Einheit ein und machte mich auf den Weg. Es dauerte nur ein paar Minuten und wir waren vor Ort. Das Szenario war wirklich krass. Scheinbar hatten über 100 Menschen einen kleinen Wald besetzt und hatten nicht vor rauszukommen. Grässliche Musik schallte viel zu laut aus dem Wald und ein großes Transparent hing an einigen Bäumen am Rand, aber ich war Profi genug es gar nicht weiter zu beachten. Wenn man verstand, um was es ging, bestand immer die Gefahr, dass man sich für die Argumente der Chaoten öffnete. Daher hatte ich auch meinen Männern eingetrichtert alle Informationen zu ignorieren. Nur das ermöglicht effektive Einsätze.

Ich sprang als Erster aus dem Wagen und ließ meine Männer antreten. Danach nahm ich mein Megaphon und brüllte in den Wald hinein: „Sie befinden sich widerrechtlich in diesem Wald, wenn Sie ihn nicht verlassen, werden wir unmittelbaren Zwang anwenden, um ihn zu räumen. Dies ist die erste Aufforderung.“ Leider schien die Anlage der BesetzerInnen stärker zu sein als mein altes Megaphon. Meine Dienstanweisung, es immer erst mit Psychologie zu versuchen, war zum Scheitern verurteilt. Wenn sie mich nicht hören konnten, würde ich sie so nicht überzeugen aus dem Wald zu kommen.

Ich hatte sogar das Gefühl, als ob die Musik aus dem Wald noch lauter geworden war. Auf jeden Fall ignorierte man meine Anweisung komplett und die schlechte Musik aus dem Wald ließ meinen Kopf dröhnen bis an meine persönliche Schmerzgrenze. Ich nahm mein Megaphon wieder in die Hand und brüllte so laut wie möglich: „Und das sind Aufforderung zwei und drei.“

„Wie bitte?“, schallte es aus dem Wald zurück. Aber auf so einen Trick fiel ich nicht rein, ich griff mir ein Gasgewehr, legte eine Tränengaskartusche ein und schoss auf den Wald. Leider hatte ich die Struktur von Wäldern nicht bedacht. Die Kartusche fiel auf die Bäume und rollte das Blätterdach hinunter, direkt auf meine Truppe zu. Eine Viertelstunde später konnten meine Männer wieder stehen. Die Besetzer*innen lachten, als ob sie sich köstlich amüsieren würden. Was mich aber am meisten ärgerte war, dass es sich anhörte, dass sie noch nicht einmal über uns lachten, sondern nur über ihre eigenen Witze.

„OK, dann eben auf die harte Tour“, entschied ich und ließ meine Männer ihre Knüppel rausholen. „Holt sie da raus, Knüppel frei“, rief ich und meine Männer stürmten auf den Wald zu. Das war nicht ganz nach Handbuch, aber ich war zu erfahren, um mich auf ein Handbuch zu verlassen. Höchstens das Kapitel 2: „Kunden Sie das Terrain bei einer Räumung so weit wie möglich aus.“ oder auch das Kapitel 27: „Leuchten Sie die Einsatzstelle bestmöglich aus“, machten vielleicht Sinn. Zumindest wären, wenn ich eins der beiden Kapitel beachtet hätte, meine Männer nicht alle in den Wassergraben vor dem Wald gefallen. So waren sie allerdings erstmal nicht mehr in der Lage den Einsatz fortzusetzen.

Da meine Männer aber jetzt so nass waren, dass sie unmöglich Feuer fangen konnten, kam mir der erlösende Einfall: Brandmunition. Es mag sein, dass irgendein Gericht das Ganze nicht mehr als verhältnismäßig ansehen würde, aber so besoffen wie ich war, würde ich sicher mildernde Umstände bekommen. Und danach einen Posten in dem Aufsichtsrat des Unternehmens, für das wir den Wald räumen sollten. Ich entlud also meine Pistole, nahm Brandmunition aus der unnötig gut gegen Funken gesicherten Kiste und lud ein Magazin in meine Pistole. Ich erinnerte mich gerade noch daran, dass meine Erfahrung mit Schießen nicht die beste war und entschied mich erstmal für einen Probeschuss. Dazu opferte ich meine angefangene Schnapsflasche, warf sie in die Luft und versuchte sie zu treffen. Und der 16te Schuss traf die Flasche sogar. Der 15te traf leider vorher meine Alkoholvorräte, die ich in meinem Auto gelagert hatte. Zum Glück war das nicht so schlimm. Meine Einheit brauchte immer mal wieder neue Autos. Ärgerlicher war, dass die 11te oder 10te Kugel die jetzt offene Kiste mit Brandmunition getroffen hatte, diese unverständlicherweise explodiert war und jetzt meine ganze Truppe neue Autos brauchte. Aber das würden wir einfach den Chaoten im Wald anlasten. Wie immer. Wirklich ärgerte ich mich nur darüber, dass ich keinen Schuss mehr für den Wald übrig hatte.

Ich überlegte meine Optionen und sah, dass ich noch eine Option hatte. Da alle andere Ausrüstung in Flammen stand, blieb mir nur noch der Polizeipanzer. Es war ein neues Geschenk für meine Einheit, weil wir vor ein paar Tagen ein paar Drogenhändler dingfest gemacht hatten. Der Einsatz damals verschaffte meiner Einheit viel Prestige und mir ein paar Drogen. Und außerdem einen nagelneuen Polizeipanzer, der fast alles konnte und - das war am besten - unbrennbar war. Ich stieg daher in den Panzer und raste neben dem Wassergraben einfach direkt auf den Wald zu. Da ich Angst vor Gegenwehr hatte, zündete ich schon kurz vor den ersten Bäumen die Tränengaswerfer. Leider kannte ich mich noch nicht gut genug aus und erwischte den Nebelwerfer, der mir die Sicht, aber nicht die Motivation, nahm. Blind fuhr ich bis in die Mitte des Waldes, genau neben die Musikanlage. Während die Besetzer*Innen um mich herum langsam unsicher wurden, fand ich sogar noch den richtigen Knopf und setzte Tränengaswerfer ein, bis mir die Munition ausging. Und dieses Mal lief es genau wie geplant. Die BesetzerInnen rannten so schnell aus dem Wald, dass ich auch ohne Nebel kaum hinterherschauen konnte.

Warum ich jetzt noch immer Geschichten schreibe, statt meine Pension zu genießen? Zum Einen hat das mit dem In-die-Schuhe-schieben dann doch nicht geklappt und ich muss der Polizei ein halbes Dutzend Einsatzwagen bezahlen. Etwas ärgerlicher war, dass ich gar keinen Wald, sondern ein Haus räumen sollte. Besonders ärgerlich aber war, dass die blöde App mir die Adresse des Anrufers mitgeteilt hat, statt die Adresse meines Einsatzes. Immerhin, das Waldfest der Polizeiführung von diesem Jahr wird garantiert niemand mehr vergessen.


Der Autor hat eine Menge Kurzgeschichten und mehrere Bücher verfasst. Das meiste davon sind Originalausgaben, die bislang nur einem exklusiven Kreis von Freund*innen zugänglich sind. Im grünen blatt dürfen wir die eine oder andere der aus dem Politleben des Schreibers gegriffenen und oft witzig überzogenen Geschichten abdrucken, von denen Jean Trauerweide in einer Inhaltsangabe sagt: "Manche dieser Geschichten sind politisch korrekt. Oder überhaupt politisch. Dies ist keine ernsthafte Literatur." Und: "Sämtliche Rechtschreibfehler stammen aus Freilandhaltung und sind antiautoritär erzogen worden."