2018-01:Blockade des RWE-Kraftwerks Niederaußem

Aus grünes blatt
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Blockade des RWE-Kraftwerks „Niederaußem“ in Solidarität mit den Menschen im Hambacher Forst

Aktionskollektiv „niederAUSmachen“ „Kohleausstieg ist Handarbeit.“ Parallel zur Räumung der Baumhäuser im Hambacher Forst, dem Symbol des europäischen Braunkohlewiderstands, wird die Leistung des Kohlekraftwerks Niederaußem durch eine Blockade auf 21% gedrosselt.

Mehr als 20 Aktivist*innen schlossen sich am 15.09.2018 zur Aktionsgruppe „niederAUSmachen“ zusammen, um in Solidarität mit den Bewohner*innen des Hambacher Forsts den Betriebsablauf des Braunkohlekraftwerks Niederaußem empfindlich zu stören. In den Morgenstunden gegen 6:45 Uhr starteten die Aktivist*innen ihre Blockaden an drei verschiedenen Stellen im Bereich der Kohlebunker.

Die Ansage ist eindeutig: „Unsere Aktion steht in Solidarität mit dem Kampf um den Hambacher Forst und mit allem, für was er steht. Seit Jahren ist er ein Kristallisationspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung und ein Ort des Widerstands gegen das bestehende, auf Herrschaft und Ausbeutung basierende, System. RWE, die Polizei und die Landesregierung glauben vielleicht, dass eine Räumung den Widerstand schwächen wird. Aber ganz im Gegenteil: Wenn der Wald, von unter der Erde bis zu den Baumhäusern, geräumt wird, kommen wir nur umso entschlossener wieder – auf der Straße, auf Bäumen, auf Baggern. Klimakiller wie dieses Kraftwerk sind angreifbar! Und wir sagen: Für jeden Baum eine Mega-Wattstunde!“, so Myriam, eine Aktivistin aus der Aktion heraus.

Seit Jahren formiert sich breiter Widerstand gegen die Abbaggerung und Verstromung von Braunkohle im Rheinischen Revier. Zuletzt haben sich auch Gewerkschaften und Kirchen für einen Räumungs- und Rodungsstopp ausgesprochen. „Für die Profitinteressen eines einzelnen Konzerns setzt der Staat im Hambacher Forst gewaltvoll eine Räumung durch und damit auch die Rodung einiger Bäume. Er zeigt damit einmal mehr, dass er nicht die richtige Antwort auf die Interessen von Lebewesen und Klima hat“, heißt es in der Pressemitteilung zur Aktion.

Durch die Besetzung von drei Baggern und der Förderbandanlage, welche die Braunkohle direkt in die Kraftwerksblöcke befördert, wurde der Kraftwerksbetrieb über sieben Stunden so effektiv blockiert, dass die Kraftwerksleistung um 79% reduziert wurde. Drei der sieben Kraftwerksblöcke wurden komplett heruntergefahren.

Drei Bagger am kleinen Kohlebunker in unmittelbarer Nähe der Anlage wurden von kletternden Aktivist*innen besetzt und somit außer Betrieb genommen. Dort schaufelten zeitweise RWE-Mitarbeitende von Hand Braunkohle auf das Förderband, welches von den Baggern nicht länger bedient werden konnte. Ein skurriles Bild vom verzweifelten Versuch, das Kraftwerk „am Leben“ zu erhalten.

An zwei weiteren Stellen im Bereich der großen Kohlebunker wurden die Kohleförderbänder durch sogenannte Lock-ons und einen Tripod blockiert und standen somit ebenfalls für mehrere Stunden still. Lock-ons sind Vorrichtungen, mit deren Hilfe sich Personen an den zu blockierenden Strukturen festketten. Das Tripod ist ein ca. 5 Meter hohes Dreibein, in dessen oberem Bereich sich eine oder mehrere Personen befinden, was eine Räumung erschwert. Ein Aktivist berichtet, dass Werksfeuerwehr und Polizei die Fragezeichen augenscheinlich ins Gesicht geschrieben standen.

Die Blockierer*innen lösten durch ihre Aktion einen Großeinsatz der Polizei aus, die mit einer Vielzahl sogenannter Technischer Einheiten und Klettereinheiten anwesend war. „Wenn die Technischen Einheiten der Polizei hier räumen, ziehen wir sie von anderen Orten, wie dem Hambacher Forst, ab. Das war auch unser Ziel“, so die Aktivistin Shirin Ploen. Zu einer lebensgefährlichen Situation kam es, als Polizeikräfte versuchten, das Tripod mit der noch dort verankerten Person hoch zu heben. „Das ist lebensgefährlich. Bei Tripods muss auf jeden Fall mit einer Hebebühne oder ähnlichem geräumt werden, um die Beteiligten nicht zu gefährden.“ Ausgerechnet hier wurde auf den Einsatz der anwesenden Technischen Einheiten verzichtet.

Während politische Bemühungen um eine Begrenzung des Klimawandels bislang fruchtlos bleiben, zeigte 2015 eine Analyse der britischen Klimaschutzorganisation Sandsack auf Basis der offiziellen europäischen Emissionsdaten deutlich auf, wie groß der deutsche Einfluss auf das Klima ist. Vier der fünf Kraftwerke in Europa mit dem höchsten CO2-Ausstoß stehen auf deutschem Boden. Drei davon, die Kraftwerke Niederaußem, Neurath und Weisweiler, werden von RWE betrieben.

Das Kraftwerk Niederaußem hat eine Leistung von 3.396 MW und stößt 27,3 Millionen Tonnen C02 jährlich aus. Es wird mit Kohle aus den Tagebauen Hambach und Garzweiler befeuert. Der Preis für den Betrieb solcher gigantischen Emissionsquellen ist hoch: Sie tragen sowohl zur Zerstörung von Landschaften vor Ort, als auch zur globalen Erwärmung bei. „Dieses Kraftwerk steht ganz real für die tödlichen Auswirkungen von Kapitalismus und Kolonialismus hier und weltweit. Es ist Teil der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Das wollen wir mit unserer Aktion stoppen und nicht an die Regierenden appellieren, die gerade mit der Kohlekommission versuchen, einen Konflikt zu befrieden, der erst zu Ende ist, wenn es global ein gutes Leben für alle gibt. Niederaußem muss sofort abgeschaltet werden – das haben wir heute selbst in die Hand genommen“, erklärt die Aktivistin Myriam weiter.

Nach der Räumung wurden alle Aktivist*innen zur Gefangenensammelstelle (GeSa) in Aachen gefahren. Schikanen und Gewalt seitens der Polizist*innen, bereits beim Transport als auch beim Aufenthalt in der GeSa, sind allen Gefangenen widerfahren. Wenngleich 24 Stunden nach der Räumung auch die letzte gefangene Person wieder auf freiem Fuß war, wird das Engagement für den Klimawandel mit einem juristischen Nachspiel belohnt werden. Und dennoch werden sich Menschen nicht davon abhalten lassen, selbstbestimmt für Klimagerechtigkeit einzustehen – ob lokal im Rheinischen Braunkohlerevier oder weltweit.