2017-01:Postfaktische Gesellschaft?!

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Postfaktische Gesellschaft?!

sebastian Spätestens seit dem Wahlsieg von Donald Trump ist davon die Rede, dass wir in einer „postfaktischen Gesellschaft“ leben. Damit ist gemeint, dass nicht die Tatsachen zählen, sondern bloße Gefühle und Stimmungen, die obendrein durch Populismus aufheizt werden und dass auf diesen basierend Entscheidungen getroffen werden. Es ist zwar richtig, dass der öffentliche Diskurs zunehmend verroht (z. B. dadurch, dass man gegen Rechtspopulisten vorgeht, indem versucht wird sie rechts zu überholen), aber dass die Zeit vor den Wahlsiegen der Rechtspopulisten eine auf Fakten beruhende oder eine an Fakten sich orientierende gewesen sein soll, ist keinesfalls haltbar. Das soll im Folgenden an einigen Beispielen gezeigt werden.

Es ist an verschiedenen Stellen kritisiert und belegt worden, dass die Mainstreampresse ein einseitiges Bild von der Welt zeichnet[1]. Die Mainstreampresse bedient konkrete Interessen und ist oftmals nichts anderes als Hofberichterstattung. Nicht nur das: Geht es um politische und wirtschaftliche Interessen, wie sie beispielsweise beim Ukraine-Konflikt sichtbar wurden, wird von den Mainstreammedien nicht nur mit zweierlei Maßstab gemessen (Verletzung des Völkerrechts etwa), es wird auch Propaganda gemacht was das Zeug hält und politische Konflikte werden nach dem Format einer Verschwörungstheorie abgehandelt (der Westen will Menschenrechte und Frieden – der Putin aber Krieg und Macht)[2]. So ist auch hochgradig peinlich, wenn hiesigen Putinfans unterstellt wird, sie würden vom „Kreml“ manipuliert oder bezahlt; als wenn sie sich nicht aus freien Stücken dazu entschieden hätten in Putin ihre Sehnsucht nach Autorität erfüllt zu sehen![3]

Des Weiteren werden Kriege durch Gerüchte und durch Verdrehung der Tatsachen legitimiert; immer wieder wird der Schutz von Menschenrechten bemüht, um eine militärische Intervention zu rechtfertigen! Doch am Ende entpuppt sich so manche angeblich sichere Tatsache als handfeste Lüge, wie vor einiger Zeit beim Irakkrieg[4]. Viele heizen zudem in Zeiten des Konfliktes die Stimmung zusätzlich an, eine mögliche Eskalation wird in Kauf genommen, wie beispielsweise der FAZ-Redakteur Berthold Kohler, der bedauert hat, dass aus der Ukraine die Nuklearwaffen abgezogen worden sind[5]!

Die Schlussfolgerung, dass es sich hierbei um eine agitatorische „Lügenpresse“ handelt ist daher nicht weit. Sicher ist dieses Urteil in dieser Form zu kritisieren, aber andererseits ist es auch nicht wirklich falsch. Eine Kritik der Mainstreammedien führt aber zu nichts, wenn die eine Einseitigkeit durch eine andere (möglicherweise noch viel schlimmere) ausgetauscht wird. Es ist daher ein großes Problem, wenn die „Lügenpresse“-Schreihälse dann zu unkritischen Lesern von RT-Deutsch oder Compact mutieren. Eine ressentimentgeladene Medienkritik ist aber genauso abzulehnen, wie eine pauschale Verteidigung derselben. Im Medienbetrieb, wie z. B. auch im Staatsfernsehen, haben nicht Fakten und Inhalte Priorität, sondern Auflagen und Einschaltquoten d. h. Profit; dass das zu einem verzehrenden Blick auf die Faktizität der Außenwelt führt, ist naheliegend. Es ist also nicht unbedingt allein der direkte Wille zur Desinformation und Propaganda, strukturelle Ursachen und die Arbeitsbedingungen von Journalisten spielen eine ebenso wichtige Rolle[6].

Es ist auch bekannt, dass mit Statistiken gelogen wird, selbst wenn die Wahrheit gesagt wird. So kritisiert Gerd Bosbach („Lügen mit Zahlen“), dass Statistiken durch die Art und Weise wie sie sich darstellen, bestimmte Stimmungen erzeugen sollen, etwa dann, wenn ein winziges Wirtschaftswachstum als größer gefühlt werden soll, als es in Wirklichkeit ist. Bei den Statistiken der Arbeitslosenzahlen weiß ohnehin (fast) jeder/jede dass diese frisiert sind, so zählt jemand nicht als arbeitslos, wenn dieser/diese durch das Job-Center in eine „Maßnahme“ gesteckt wird. Allen diesen absurden Maßnahmen liegt die Tatsache der Krise der Arbeitsgesellschaft zugrunde – aber es wird vollkommen kontrafaktisch auf das persönliche Versagen Einzelner zurückgeführt. Es ist wie das Wüten einer irren Sekte – durch Beschäftigungstherapie soll eine Normalität simuliert werden, die sich nie einstellen wird, was viele wenigstens ahnen, aber kaum jemand spricht es offen aus. Betroffene sowie Kritiker von Hartz IV sind da oft nicht weniger postfaktisch als die Verantwortlichen. Ähnlich wie die Anhänger Trumps sind viele Menschen rückwärtsgewandt und wünschen sich nostalgisch eine Welt der „Vollbeschäftigung“ zurück!

Bei bei den immer wiederkehrenden „Armutsberichten“ war der Skandal meist nicht der, dass es Armut gibt und sie sich ausweitet, sondern es wurde immer wieder kritisiert wie die Studien durchgeführt worden sind oder wie Armut „definiert“ wurde; passt einem also das Ergebnis einer Studie nicht ins Konzept, so wird sie ohne Analyse einfach zurückgewiesen (das schließt nicht aus, dass es durchaus Studien gibt, die methodisch und begrifflich fragwürdig arbeiten). Dieses Vorgehen erinnert an diverse „Klimaleugner“.

Auch ist jedem die Zerstörung der Umwelt, Klimakrise usw. bekannt und mittlerweile ist es offensichtlich, dass diese Probleme nicht unter kapitalistischen Bedingungen gelöst werden können (immer vorausgesetzt, dass es ist nicht schon objektiv zu spät ist)[7]. Aber wen kümmert es? Eher soll diese Welt untergehen, als dass man den Kapitalismus infrage stellt oder wenigstens die zahlreichen Weltprobleme mit ihm in Verbindung bringt (wäre ja immerhin ein Anfang – dazu müßte man aber auch verstehen was Kapitalismus überhaupt ist, mit Sarah Wagenknecht jedenfalls nicht.).

Es kann noch gefragt werden, warum eigentlich die Menschen, was die vielen Krisen angeht, sich zu ihnen postfaktisch oder verdrängend verhalten: Es hat meines Erachtens damit zu tun, dass würde zur Kenntnis genommen werden, dass der Kapitalismus objektiv an historische Grenzen stößt, dass dann die eigene Lebensart dann vollständig infrage gestellt werden müßte (Lohnarbeit, Geld, Warenkonsum). Da die meisten, das nicht wahrhaben wollen, wird entweder alles verdrängt oder die Menschen sehnen sich postfaktisch und nostalgisch in die Vergangenheit zurück. Die Leute würden ja auch erst einmal vor einem „Loch“ stehen, würden sie tatsächlich eine Infragestellung wagen (für die meisten ist es aber unvorstellbar die Lohnarbeit infrage zustellen), denn ein „Masterplan“, wie wir uns den Kapitalismus vom Hals schaffen könnten, gibt es nicht und eine praktische Infragestellung – wäre sie noch so bescheiden – würde auch Reaktionen seitens der Staatsgewalt auslösen…

Diese Gesellschaft ist definitiv eine die Fakten ignorierende oder sie verdrängende. Dass mit der Verkündung der „Postfaktizität“ alles noch schlimmer und dümmer zu werden droht (z. B. dadurch das bisher eher Randständiges an Einfluss gewinnt, wie „Reichsbürger“ etwa), ist kein Argument für jene, die doch einiges zu dieser Situation beigetragen haben: so wird z. B. festgestellt, dass AfD, Pediga & Co nichts anderes fortsetzen und zuspitzen würden, was nicht schon durch u.a. dem Thilo-Sarrazin-Diskurs gesetzt wurde. Was in Dresden etwa, auf der Straße marschiert, ist die sog. „Generation Sarrazin“[8]! So viel also zur kürzlichen Proklamation der postfaktischen Gesellschaft!


  1. Dazu gibt es durchaus mehr oder weniger lesenswerte linke Literatur wie z. B. Ronald Thoden (Hg.): ARD & Co - Wie Medien manipulieren, Selbrund Verlag, Frankfurt 2015
  2. Zum Ukraine-Konflikt vgl.: Jörg Kronauer: „Ukraine über alles!“ - Ein Expansionsprojekt des Westens, Konkret-Verlag, Hamburg 2014
  3. Vgl. Tomasz Konicz: Vom Anti- zum Alternativimperialismus, Konkret 11/2016
  4. Vgl. die sehr lesenswerten Studien von der „Informationsstelle Militarisierung“, www.imi-online.de.
  5. Berthold Kohler: „Zur Abschreckung“, FAZ vom 6.2.2015
  6. Vgl. Tomas Konicz: Die erste Macht im Staate, Telepolis vom 17.01.2015
  7. Vgl. Tomasz Konicz: Kapitalkollaps – Die finale Krise der Weltwirtschaft, Konkret-Verlag, Hamburg 2016
  8. Vgl. Tomasz Konicz: Generation Sarrazin auf streifzuege.org