2017-01:Frauen im Widerstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa

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Frauen im Widerstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa

reka Zur Thematik „Frauen im Widerstand am Beginn des 20. Jahrhunderts“ bieten die beiden Publikationen „Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern – Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933“ von Silke Makowski und „Entfachte Utopie – Emma Goldmann über die Spanische Revolution“ von David Porter, jeweils ein Kapitel, welches das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln interessant beleuchtet.

So ist Ersterem zu entnehmen, dass Frauen schon in der Weimarer Republik eine große Rolle in der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) gespielt haben - beispielsweise in der Unterstützung von politischen Gefangenen und deren Familien mit der Organisation von Geld- und Lebensmittelspenden, da in solchen Fällen ja ein wichtiger „Hauptverdiener für die Familie“ weggefallen ist1 oder durch das Verbot aller anderen politischen Organisationen nach der Machtübernahme der Nazis und die damit einhergehenden massenhaften Ingewahrsamnahmen und Verurteilungen politisch andersdenkender Menschen, welche durch die gesellschaftlich-patriachale Sichtweise der Gestapo vor allem männlich gelesene Menschen waren. Somit blieben vor allem Frauen zurück, die dann im Untergrund teilweise die Aufgaben ihrer Partner übernahmen, weil sie u.a. bereits mit den Abläufen und Verbindungsleuten vertraut waren.2

Des Weiteren haben Frauen durch die traditionelle Verantwortung für die Kinder auch weniger Zeit und Möglichkeiten für politische Tätigkeiten gehabt, weshalb die Masse bis 1933 diese eher in „Hintergrundtätigkeiten“ ausführte.3 Als dann durch die Verbote und Verhaftungen die Arbeit in der Illegalität notwendig wurde, übernahmen Frauen also mehr und mehr auch leitende Positionen. Beispielsweise übernahmen sie wichtige Aufgaben bei der Initiierung und Durchführung von Protesten vor Gefängnissen und KZs u.s.w.4

Die gesellschaftlich verankerte, patriachale Sichtweise der NS-Behörden führte regelrecht zu einem „geschlechtsspezifischen NS-Terror“4, denn bei den Ermittlungen gegen Widerstandsgruppen wurde sich vor allem auf die männlich gelesenen Menschen konzentriert, da „Politik als reine Männerdomaine betrachtet wurde“5. Dazu gehörte auch die Annahme Frauen seien nur „loyale Gattin und Mutter“6 sowie „unpolitisch und nur zu subalternen Aufgaben auf Anweisung fähig“. Dies wiederum führte dazu, dass Frauen besonders gefährliche Aufgaben z.B. als Reichskurierinnen übernahmen7.

Dies setzte sich auch auf gerichtlicher Ebene fort, wo das Urteil gegen Frauen im Durchschnitt milder ausfiel als bei ihren männlichen Genossen, weil u.a. „ein fehlendes Bewusstsein für politische Dimensionen unterstellt wurde“ oder bei Spendensammlungen von „einem fehlgeleiteten karitativen Engagement“ ausgegangen wurde7. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Repression gegen Frauen gegeben hätte. So wurden vor allem hochrangige Funktionärinnen der RHD mit langen Gefägnisstrafen, Hinrichtungen etc. bestraft und waren Opfer geschlechtsspezifischer Schikanen wie sexualisierter Gewalt8. Besonders perfide war die Erpressung von inhaftierten Müttern mittels ihrer Kinder, die teilweise zwangsweise in Erziehungsanstalten untergebracht wurden oder den Müttern gegen umfangreiche Aussagen gegen andere Angeklagte die Freiheit angeboten wurde und den Kindern somit das Waisenheim erspart wurde8.

Damalige Arbeit in der Illegalität

Die Aufgaben, welche in der Illegalität vor allen von Frauen durchgeführt wurden, reichten vom klandestinen Sammeln der Spendengelder und RHD-Mitgliedsbeiträgen, über Lebensmittelsammlungen in Geschäften bis zu internationaler Öffentlichkeitsarbeit, der Produktion und Verteilung illegaler Flugblätter und der Beschaffung illegaler Quartiere. Durch die persönliche Betreuung der betroffenen Angehörigen wurde außerdem der Austausch sowie die politische Vernetzung der Betroffenen gefördert.

Während laut Porter viele Aktivisten der anarchistischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts trotz feministischer Rhetorik im Alltag in alte patriachale Verhaltensmuster zurückfielen, besonders im Umgang mit Frauen, denen die Verantwortung des gesamten Haushalts aufgetragen wurde und der daraus folgenden nicht gleichberechtigten Teilnahme beider Partner an Protesten, lebte Emma Goldmann ihre Freiheit und ließ sich auch durch Liebesbeziehungen nicht an der politischen Arbeit hindern. Und dies obwohl ihr beispielsweise von Edward Brady nahe gelegt wurde, "sie solle vorübergehend das aktivistische Leben aufgeben, um die Rolle als Hausfrau (und vermutlich auch Mutter) zu übernehmen".9

So schrieb sie an Max Nettlau 1935: "hier stehst Du, ein Anarchist, der an die uneingeschränkte Freiheit des Menschen glaubt, und doch glorifizierst Du die Frau als Köchin und Bruthenne großer Familien.".10

Eine ebensolche Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis beobachtete Goldmann auch in der anarchistischen Bewegung in Spanien der 30er Jahre. Besonders angetan war Goldmann hingegen von der eigenständigen anarchistischen Frauenorganisation Mujeres Libres, welche sie mittels eigener Artikel unterstützte. Die Frauen der Mujeres Libres gaben Kindern und Erwachsenen Unterricht, beispielsweise im Autofahren und besuchten Verwundete in den Krankenhäusern, um sie moralisch zu unterstützen11.

Insgesamt sind beide Bücher empfehlenswert, um sich mit linker Bewegungsgeschichte zu beschäftigen, wobei sich das Buch von Silke Makowski mehr zur speziellen Thematik der Frauen im Widerstand beschäftigt.

Silke Makowski: Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern– Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933, Verlag gegen den Strom, Hans-Litten-Archiv München, 2016

David Porter: Entfachte Utopie – Emma Goldmann über die Spanische Revolution, Unrast Verlag, Münster 2016

1 „Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern – Die Rote Hilfe Deutschlands in der Illegalität ab 1933“ von Silke Makowski, S. 58

2 Ebenda, S. 54

3 Ebenda, S. 54

4 Ebenda, S. 55, S. 58-59

5 Ebenda, S. 61

6 Ebenda, S. 59

7 Ebenda, S. 61

8 Ebenda, S. 63

9 "Entfachte Utopie – Emma Goldmann über die Spanische Revolution" von David Porter, S. 330-331

10 Ebenda, S. 338

11 Ebenda, S.343