2017-01:Das letzte Stadium des Antiimperialismus

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Zur Kritik von Peter Priskils „Der Kalte Krieg – Wie der Monoimperialismus in die Welt kam"

sebastian In der Zeit um den Irakkrieg von 2003 herum warf Robert Kurz diversen Linken (zumeist den Antiimperialisten und den Antideutschen) einen „anachronistischen Zug“ vor[1]. Damit war gemeint, dass mit ihrem Denken sich die Gegenwart gar nicht adäquat verstehen ließe, weil es in einer vergangenen Epoche steckengeblieben sei und die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nicht zur Kenntnis nehme. Denn es gehe beim gegenwärtigen Imperialismus nicht wie noch vor 100 Jahren darum, die Welt unter den kapitalistischen Mächten aufzuteilen[2], ebenso wenig hatten wir es im Krieg gegen Saddam Hussein mit einer Anti-Hitler-Koalition zu tun, bei denen die USA die Guten waren.

Ein extremes Beispiel für ein anachronistisches antiimperialistisches Denken ist das oben genannte Buch, das 2013 im Ahriman-Verlag erschienen ist. Es ist der Verlag der Gruppe „Bund gegen Anpassung“, gegen den meines Erachtens zurecht Kritik entgegen gebracht wird[3]. Nichtsdestotrotz bringt der Verlag zum Teil lesenswerte Bücher heraus, die aber oft nicht aus der Feder besagter Gruppe stammen (so wie die von Efraim Zuroff und Jaya Gopal).

Doch nun zu Priskils Buch. Auf über 1000 Seiten werden die verschiedenen historischen Stationen des Kalten Krieges und dessen Vorgeschichten ausgebreitet. Das Buch (bzw. der Doppelband im Schuber) ist in der Tat sehr lebendig und flüssig geschrieben und erfreut mit zahlreichen Hintergründen, die für sich sehr interessant sind und die einem auch nicht unbedingt schon bekannt waren (so z. B. der Einsatz von biologischen Waffen im Koreakrieg, oder dass Kommunisten in der BRD der 50er der Status als Opfer des Faschismus aberkannt(!) werden konnte). Allerdings zählt das Buch nicht nur Jahreszahlen und Ereignisse auf; es werden auch politische Hintergründe verständlich dargelegt und den sozialen Bewegungen um 1968 herum und ihrem schriftstellerischen Ausdruck (Peter Weiss u. a.), dem Wahnsinn der atomaren Rüstung und ihrer propagandistischen Rechtfertigung, wird viel Raum gewidmet. Es ist auch erschreckend zu lesen, wie der ach so freie Westen mit seiner (linken) Opposition umging, wie es beispielsweise bei der Liquidation der führenden Köpfe der Black Panther Party besonders deutlich wurde.

Vom Quellenapparat bezieht sich Priskil teilweise auf sehr interessante Bücher, die für eine tiefer gehender Auseinandersetzung lohnend sein könnten, wie dem von Alfred McCoy, der eine Geschichte der Folter in den USA schrieb. Priskils Buch ist daher in der Tat sehr informativ, auch wenn man bei den Ausführungen zur Vorgeschichte des Kalten Krieges, zu der ja auch die Oktoberrevolution und die Folgezeit zählt, vorsichtig sein muss: denn diese ist aus einer streng bolschewistischen Sicht geschrieben[4]. Es kann beispielsweise aus guten Gründen angezweifelt werden, dass es sich beim Kronstädter Aufstand tatsächlich um einen „vom imperialistischen Ausland unterstützten konterrevolutionären Aufstand“ (S.935) gehandelt hat[5]. Ebenso, dass die Sowjetunion erst unter Stalin reaktionär wurde[6]. Allerdings hat dieses Buch, wie es exemplarisch für die Gruppe „Bund gegen Anpassung“ stehen kann, auch schwerwiegende ideologische Seiten. Kurz zusammengefasst schildert es das „antiimperialistische Weltbild“, nach dem die USA für alles Unglück in der Welt verantwortlich sind und mit allen, die dagegen Widerstand leisten oder gegen die USA sind (warum auch immer), wird Solidarität eingefordert (z.B. mit Diktaturen). Im Buch wird daher immer wieder Bezug auf Gegenwärtiges genommen, wie auf die Konflikte in Syrien und Afghanistan; der Epochenbruch nach 1989 wird dabei als solcher natürlich nicht wahrgenommen (abgesehen vom Zusammenbruch der Sowjetunion). Dieser Bruch besteht auch u. a. darin, dass das Paradigma der Entkolonialisierung längst vorbei ist. Die postkolonialen Modernisierungsregime sind vor dem Weltmarkt längst gescheitert und wir haben es zunehmend mit „failed states“ zu tun[7]. Afghanistan und Vietnam sind daher etwas sehr Verschiedenes.

Konnte man aus guten Gründen vielleicht noch mit Ho Chi Minh solidarisch sein, so mutet es absurd an, es auch mit Ahmadinejad zu tun. Aber Priskil hat damit anscheinend kein Problem: „Bereits bei den US-Überfällen auf den Irak und der NATO-Aggression gegen Jugoslawien untersagten die Organisatoren der durchaus zahlreichen Demonstrationen das ‚Mitführen von nationalen Symbolen‘ […] Unter der Federführung friedensbewegter Pazifisten und von Schlägern aus dem Schwarzen Block wurden Protestkundgebungen so unter der Hand zu potentiellen Pogromunternehmen umfunktioniert. […] Es zählt mittlerweile zum guten Ton, gegen die Opfer imperialistischer Angriffskriege als ‚Verbrecher gegen die Menschlichkeit‘ vom Leder zu ziehen; man lese einfach die wortreichen, gewundenen, Feigheit ausdünstenden Wortkanonaden, mit denen sich die Wortführer der ‚Linken‘ mit Diäten gut gemästet, vom Libyer Ghaddafi, vom Iraner Ahmandinejad und vom Syrer Assad ‚distanzieren‘ [...] “ (S. 546f).

Die Weltordnungskriege des Westens sind ganz sicher zu kritisieren, wie es Robert Kurz im Buch „Weltordnungskrieg“ tat; aber die Art und Weise wie Priskil dies tut, führt zur Verharmlosung und Apologie von Diktaturen, wie beispielsweise dem iranischen Regime. Priskil bedauert auch, dass der Iran die Atombombe nicht hat, da der Iran dann „von einem Überfall [Israels] sicherer“ wäre (S. 642). Wie auch bei Günter Grass‘ Gedicht wird die Natur des Konfliktes komplett auf dem Kopf gestellt[8]. Das ist eben die Konsequenz, wenn man die ganze Welt nach diesem mehr oder weniger verschwörungsideologischen Schema betrachtet, wie es in antiimperialistischen Kreisen immer wieder anzutreffen ist. Beim „Bund gegen Anpassung“ ist dieses eben nur besonders deutlich und konsequent ausgeprägt. Welche Meinung hat Priskil zu anderen Linken oder zu den als links geltenden?

Nun, dass die hiesigen Linken, insbesondere der „Schwarze Block“ vom Staat bezahlt werden, behaupten nicht nur rechte Verschwörungsideologen (z. B. S. 547, 437). Es gibt des Weiteren sicher berechtigte Kritik gegen die Grünen[9] und die deutsche Friedensbewegung, was aber schreibt Priskil dazu?: „In Wirklichkeit hatten die Grünen mit dem Umweltschutz, ihrer angeblich ureigensten Domäne, nie etwas am Hut gehabt, denn die wichtigste diesbezügliche Forderung, Geburtenkontrolle und Bevölkerungsreduktion, suchte und sucht man bis heute bei ihnen vergeblich; statt dessen propagieren sie Verzicht und Senkung des Lebensstandards auf Drittwelt-Niveau; Hauptsache Verzichten und Gebären, auf daß es keine Streikerfolge mehr geben kann, weil die Besitzlosen um die ‚Arbeitsplätze‘, d. h. abhängige Stellungen konkurrieren.“ (S. 919)

Das ist finsterster Malthusianismus. Dass so viele Menschen ihre Arbeitskraft nicht mehr verkaufen können (oder nur unter prekären Bedingungen) und dass sie damit vom Standpunkt des Kapitals in der Tat überflüssig, und Störfaktoren sind, liegt also nicht am Kapitalismus (und seiner Krise), sondern daran, weil es eben zu viele Menschen auf der Welt gibt. Das war bereits vor 200 Jahren der Standpunkt eines Robert Malthus mit seinem „Bevölkerungsgesetz“. (Übrigens ist der „Bund gegen Anpassung“ vor Jahren mit der Forderung bekannt geworden die Weltbevölkerung auf 1 Milliarde zu reduzieren!), vgl. Fußnote 3! Auch ist das Buch, bei einer berechtigten Kritik des Vietnamkrieges und der Kriegsverbrechen der USA, von einem Antiamerikanismus durchzogen, der an folgender Stelle nichts zu Wünschen übrig läßt: „Joseph Goebbels proklamierte den ‚totalen Krieg‘, doch die Vereinigten Staaten führten ihn: in Vietnam“ (S. 451). Klingt an dieser Stelle so, als wenn Priskil der Meinung wäre, dass die Nazis keinen totalen Krieg geführt hätten! (Allerdings wird das weiter unten wieder zurückgenommen: so hätten die Vereinigten Staaten in Fernost das fortgeführt, was Hitler mit den slawischen Völkern tat.)

Der „Bund gegen Anpassung“ bezieht sich immer wieder gern auf Wilhelm Reich, hat daher gegenüber Sexualität eine liberale Einstellung und stellt sich folglich einer lebensfeindlichen und sexualrepressiven Religion zurecht entgegen (sei es das Christentum oder der Islam). In diesem Zusammenhang schreibt Priskil über die sozialpsychologischen Ursachen für die Vergewaltigungen in Vietnam. Dem kann auch sicher zugestimmt werden, aber es ist doch erschreckend welche autoritären Forderungen dabei erhoben werden:

„Wir schlagen nun das mit Abstand scheußlichste Kapitel des an Scheußlichkeiten reichen Vietnamkrieges auf und schicken voraus, daß auf das Verbrechen der Vergewaltigung in Friedens- wie in Kriegszeiten die Todesstrafe stehen sollte. Warum? Das Opfer ist irreversibel geschädigt und eine Wiedergutmachung nicht möglich. Die Hinrichtung des Täters sollte zu keinem anderen Zweck als der Abschreckung potentieller Nachfolgetäter erfolgen. Voraussetzung ist allerdings ein fairer, öffentlich geführter Prozess. […] Im Falle des Schuldspruchs sollte die Hinrichtung öffentlich erfolgen und auf allen Fernseh-Kanälen übertragen werden. Ehrenvolle und leidensabkürzende Formen der Hinrichtung wie Erschießen oder Köpfen sollten ausscheiden; Hängen wäre das Mittel der Wahl. Bei erwiesener Falschbeschuldigung sollte nach dem Talionsprinzip dieselbe Strafe an der Person vollzogen werden, die die falsche Beschuldigung (nur niedere Motive sind denkbar: Rache oder Erpressung) erhoben hat.“ (S. 554f)

Zu Israel weiß Priskil nur zu sagen dass es „der Pfahl des US-Imperialismus im Fleisch des arabischen Volkes“ sei, mit anschließender mehrseitiger Fußnote (S. 638f)… Von trotzkistischen Sekten und manchen anderen Antiimperialisten sind Israelhass und das vollständige Unverständnis von Antisemitismus bekannt. So ähnlich ist bei Priskil zu lesen, dass beim Nationalsozialismus die Judenvernichtung nur eine „mitgeschleppte katholische Marotte“ (S. 57) aus dem Mittelalter gewesen sei. Auch die Behauptung, dass zu den „Semiten“ Juden und Araber[10] zählen, dient bis heute als dümmste aller Ausreden dafür, warum Araber unmöglich Antisemiten sein können[11]. Priskil bezieht sich dabei explizit auf den Antisemiten Wilhelm Marr, den er bloß „Journalist“ nennt[12] (S. 639).

Abschließend sei noch zu erwähnen, dass dem Buch jede Ökonomiekritik fehlt (bzw. jeder Sinn für diese), was in folgender Randbemerkung Priskils überaus deutlich wird: „Welches Maß an Realitätsverleugnung, beim von den USA in Szene gesetzte gigantischen Bankenschwindels des Jahres 2008 von ökonomischen Faktoren zu phantasieren und medientreu-nachplapperig von ‚Wirtschaftskrise‘ zu faseln, anstatt die simple Tatsache planen Raubs zu benennen.“ (S. 68) Mit anderen Worten: Krisen sind aus Gründen der Gier nur inszeniert. Dies kennt man schon aus diversen Verschwörungsideologien!


  1. Robert Kurz: Weltordnungskrieg – Das Ende der Souveränität und die Wandungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Bad Honnef 2003
  2. Vgl. Tomasz Konicz: Tod und Zerstörung – Der "Krisenimperialismus" ist kaum mehr auf Beherrschung aus. Ziel ist, die "Überflüssigen" von den kapitalistischen Zentren fernzuhalten, streifzuege.org vom 19.September 2016.
  3. Marcus Hammerschmidt: Ahrimans Erben – Von der "Marxistisch-Reichistischen-Initiative" zum "Bund gegen Anpassung", Telepolis vom 05. Juli 2004; vgl. auch: Lucius Teidelbaum: Im Zeichen des Teufels: Der "Bund gegen Anpassung", hagalil.com vom 13.November 2016.
  4. Vgl. Hendrik Wallat: Staat oder Revolution, Münster 2012
  5. Vgl. Volin: Die unbekannte Revolution, Berlin 2015, zuerst 1947
  6. So hat Trotzki den Machtapparat selbst mit aufgebaut, dem er dann, durch Stalin ausgebaut, erlag, vgl. Willy Huhn: Trotzki – der gescheiterte Stalin, Berlin 1973
  7. Gerd Bedszent: Zusammenbruch der Peripherie – Gescheiterte Staaten als Tummelplatz von Drogenbaronen, Warlords und Weltordnungskriegen, Berlin 2014
  8. Dazu gibt es diverse Bücher, vgl. z. B.: Stephan Grigat/ Simone Dinah Hartmann (Hrsg.): Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer, Innsbruch 2008.
  9. Vgl. dazu diverse Bücher von Jutta Ditfurth.
  10. In der Tat sind einige (frühe) Werke von Reich, wie "Massenpsychologie des Faschismus"“ sehr lesenswert; zur Kritik vgl. Wilhelm Burian: Sexualität, Natur, Gesellschaft – Eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs, Freiburg 1985
  11. Dabei gibt es genug Belege für diesen. Man muss schon extrem verblödet sein, um diesen nicht zur Kenntnis nehmen zu können, vgl. z. B.: Robert S. Wistrich: Muslimischer Antisemitismus – Eine aktuelle Gefahr, Berlin 2011.
  12. Vgl. z. B.: Jacob Katz: Vom Vorurteil bis zur Vernichtung – Der Antisemitismus 1700-1933, Berlin 1990