2017-01:Das Ende der kapitalistischen Maschinerie

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Das Ende der kapitalistischen Maschinerie

sebastian Fabian Scheidler[1] legt mit seinem Buch „Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ eine m. E. sehr lesenswerte und nachvollziehbare Abrechnung mit dem Kapitalismus vor. Falls die Menschheit und die Natur eine lebenswerte Zukunft haben wollen, muss dieser überwunden werden. Die Gründe dafür sind bekanntlich unzählbar.

Schaut man den Kapitalismus, insbesondere seine „aus allen Poren schmutz- und bluttriefende“, (wie Marx es formulierte) Durchsetzungsgeschichte an, dann kann die Geschichte der Moderne unmöglich als eine positive Fortschrittsgeschichte abfeiert werden, wie es nach wie vor von seinen Apologeten betrieben wird.

Scheidler trägt zur Geschichte des Kapitalismus und seinen verheerenden Auswirkungen vielfältiges Material zusammen. Sicherlich kann darüber gestritten werden, ab wann etwa tatsächlich von Kapitalismus zu reden ist und welche vormodernen Herrschaftspraktiken (Herrschaft sowohl über den Menschen als auch über die Natur) modifiziert in den Kapitalismus übernommen worden sind. Insofern ist es nicht verkehrt, mit dem geschichtlichen Material lange Zeit vor dem eigentlichen Kapitalismus anzusetzen. Allerdings wird dabei riskiert, die Besonderheit des Kapitalismus zu verwischen bzw. nicht deutlich genug herauszuarbeiten.

Sehr erfreulich an diesem Buch ist, dass Scheidler sich die vielen Facetten der Konstitutionsgeschichte der Moderne anschaut wie den Kolonialismus und die Rolle des Christentums bei diesem; die Entstehung der modernen (mechanischen/mathematischen) Wissenschaften und damit die moderne Form der Naturbeherrschung; die Rolle der Feuerwaffen und des Militärs; die Disziplinargeschichte, „die innere Kolonialisierung“, die darin bestand, das Menschenmaterial den Zwängen der entstehenden und flächendeckend sich durchsetzenden Lohnarbeit zu unterwerfen und endlich die Industrialisierung mitsamt den bürgerlichen Revolutionen.

Die aus diesen Revolutionen hervorgegangenen bürgerlichen Demokratien, deren Versprechungen in der Regel nichts mit der sozialen Realität zu hatten, sondern sich sehr gut mit Rassismus und Klassenherrschaft[2] arrangieren konnten, hatten immer – und zwar bis heute – die Unterwerfung unter das Kapitalverhältnis als Voraussetzung. Folgerichtig wurde jeder soziale Widerstand gegen den Kapitalismus bekämpft (und war er noch so oberflächlich). Mit letzterem im Blick skizziert Scheidler die Geschichte des Kapitalismus vom 16. Jahrhundert an, behandelt den Imperialismus, den Faschismus, die Entkolonialisierung – bis zu der Krise des Keynesianismus in den 70er Jahren – der Geburt des Neoliberalismus, der Automatisierung, den seitdem nicht aufhörenden Verwerfungen und Verwüstungen und der zunehmend deutlich werdenden ökologischen Krise. Viele Themen werden zwar eher knapp gehalten, aber Scheidlers Schilderung motiviert einen sich mit diesen Themen dann ausgiebiger zu beschäftigen – dazu kann man sich als Erstes seines Literaturverzeichnisses bemächtigen.

Historisch werden zwar interessante Fakten zusammengetragen, aber vom Standpunkt einer Ideologiekritik hat das Buch trotzdem deutliche Schwächen. Obgleich er Kolonialismus und die damit verbundene Unterwerfungsgeschichte thematisiert, findet sich zum Rassismus und seiner „wissenschaftlichen“ Rechtfertigung praktisch nichts; Scheidler legt seinen Schwerpunkt sozusagen auf die äußere Gewaltgeschichte des Kapitalismus[3]. Des Weiteren findet sich zur Entstehung des modernen Geschlechterverhältnisses so gut wie nichts, obwohl er die Hexenverfolgung – sich beziehend auf Sylvia Federici´s „Caliban und die Hexe“ thematisiert. Ähnlich ist seine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Immerhin begeht er nicht die Dummheit, die Sowjetunion als Alternative zum Kapitalismus und seiner Form der Naturbeherrschung anzusehen, was manche Linke und der bürgerliche Mainstream sowieso bis heute nicht begreifen können oder wollen (oft als eine Abwehrhaltung verstehbar, sich nicht kritisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzen zu müssen).

Es verwundert aber schon sehr, wenn er sich den Faschismus anschaut und dabei die Spezifik des deutschen Faschismus, d.h. des Nationalsozialismus, kaum erwähnt. Praktisch kein Wort zum Holocaust! Die Feststellung, dass die Nationalsozialisten fordistische Produzenten von Toten waren, würde nahelegen, sich mit der Antisemitismustheorie von Moishe Postone3 auseinanderzusetzen, da dieser es fast identisch formuliert; aber das tut Scheidler bedauerlicherweise nicht. Es ist daher schon sehr verharmlosend und unüberlegt, den Antisemitismus als „Ablenkungsmaschinerie“ zu bezeichnen[4]; denn das würde implizieren, dass der antisemitische Wahn nicht wirklich ernst gemeint war oder nur Mittel zum Zweck, was aber nach Daniel Goldhagen („Hitlers willige Vollstrecker“) oder Robert Wistrich beispielsweise auf keinen Fall haltbar ist. Ihm ist aber zuzustimmen, wenn er den Nationalsozialismus nicht als Rückfall ins Irrationale, sondern als ein Phänomen der Moderne (wie Enzo Traverso) selbst begreift[5]. Des Weiteren erwähnt er, wenn auch nur in einem Nebensatz, dass der Nationalsozialismus durchaus „antisystemisch“ war, also sich selbst als in der Revolte stehend und gewissermaßen als antikapitalistisch verstand. Was daraus aber folgt oder folgen sollte, gerade für die Praxis, führt Scheidler leider nicht aus.[6]

Was die „Praxis“ angeht, zu der sich Scheidler stellenweise äußert wird er sehr unkritisch. Die Revolte um 1968 herum beispielsweise hatte zwar zweifellos viele positive Aspekte (auch wenn weite Teile der Linken nach einigen Jahren in autoritäre K-Sekten und in den Antizionismus abdrifteten[7]), aber es irritiert doch sehr wenn er es anscheinend für unproblematisch ansieht, dass die damalige Ökologiebewegung sich teilweise auf die alte Lebensreformbewegung bezog. Diese war nämlich stark von völkischem Gedankengut und Antisemitismus durchzogen, was dem Scheidler offenbar entging (bis heute gibt es braune Ökologen[8] oder Ökologiebewegte, die manifest menschenfeindlich sind, wie „Earth First“ beispielsweise).

Vergleichbar unkritisch ist auch das letzte Kapitel, das sich explizit mit Praxisvorschlägen beschäftigt. Sicherlich gibt es überall auf der Welt nachvollziehbaren Widerstand gegen die Zumutungen des Kapitals, sei es gegen neostalinistische Großprojekte wie Riesenstaudämme, gegen Großkonzerne wie Monsanto, Agrarkapitalismus und Landgrabbing, Krieg und Rüstung, was auch immer. Ich finde es aber etwas übereilt, davon zu reden, dass sich dort tatsächlich zahlreiche Alternativen zum Kapitalismus formieren, sei es in Form der Commons oder Besetzungsbewegungen. Es ist sicher richtig, dass sich aus Einzelaspekten davon durchaus etwas entwickeln könnte, dass über den Kapitalismus tatsächlich hinausweist. Aber auch das Gegenteil ist möglich: Denkbar ist die Option, die sich umschreiben lässt mit „Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln“! (Robert Kurz).

Scheidler verweist zwar auf die Gefahr von Populisten, liefert aber meines Erachtens nach selbst Anschlussmöglichkeit an diese: So verweist Scheidler unkritisch auf das Weltsozialforum, welches mittlerweile aufgrund seiner inhaltlichen Beliebigkeit offenbar für jeden Dreck offen ist, selbst für Antisemiten und Islamisten[9]! Sicherlich ist es weiterhin wichtig, dafür zu kämpfen, dass die Produktion, das soziale Leben usw. entkoppelt werden von der Verwertungsbewegung des Kapitals. Eine Alternative zum Kapitalismus ist aber nicht nur auf der Ebene des Lokalen zu suchen oder das Lokale als prädestiniert für Alternativen anzusehen, denn das kann auch den Staatszerfall, Banden- und Ethnoherrschaft forcieren. Aus dem Kreislauf der Weltwirtschaft werden ohnehin immer mehr Weltregionen aufgrund ihrer Überflüssigkeit ausgekoppelt – was diese Regionen keinesfalls vom Kapitalismus befreit; eine Ausdrucks– und Verlaufsform davon kann die Etablierung von Lokalwährungen sein, die alles andere als über den Kapitalismus hinausweisend sind[10]. Diese kommen bei Scheidler aber erstaunlich gut weg, angeblich könne es so was wie ein „gemeinwohlorientiertes Geldsystem“ geben, wie es bereits in der Einleitung heißt. Es ist auch nachvollziehbar, dass die Menschen in der Krise in ihrer Überflüssigkeit solidarisch sind, aber eine „solidarische Ökonomie“ ist bisher alles andere als antikapitalistisch. Geradezu begeistert stellt Scheidler fest, dass die solidarische Ökonomie in Brasilien mittlerweile einen Milliardenumsatz macht (hier ist also die Plusmacherei plötzlich in Ordnung?!). Ja und „arbeiten ohne Chef“ ist ohnehin äußerst emanzipatorisch! Denn auf nichts Anderes läuft die neoliberale Ideologie mit ihren Idealen der flachen Hierarchien, des unternehmerischen Selbst und des Arbeiters als Unternehmer seiner Arbeitskraft hinaus (alles Umschreibungen für das Arbeiten ohne Chef).

Abschließend lässt sich sagen, dass Scheidler außer Autoren wie Mike Davis oder Immanuel Wallerstein (so lesenswert diese auch sind) auch noch das Werk von Karl Marx und Robert Kurz[11] ausführlich hätte rezipieren sollen, dann wären ihm solche unkritischen Exzesse womöglich erspart geblieben! Ein dem „Ende der Megamaschine“ thematisch verwandtes Buch, allerdings ohne dessen teils gravierenden Defizite, ist das kürzlich (Herbst 2016) von Tomasz Konicz verfasste namens „Kapitalkollaps – Die finale Krise der Weltwirtschaft“. Im Unterschied zu Scheidlers werden sehr ausführlich die Ursachen der Krise (die sich nicht auf eine ökologische reduzieren lässt) und die Funktionsweise der kapitalistischen Verwertungsdynamik referiert und den ideologischen Reaktionen der dem Kapitalismus unterworfenen Subjekte wird viel Raum gewidmet. Dementsprechend legt Konicz sein historisches Hauptaugenmerk nicht auf die Geschichte des „Weltsystems“ (Wallerstein) seit seiner Entstehung, sondern auf das Ende des Keynesianismus und der Krise des Kapitalismus (dessen Ausdruck der Siegeszug des Neoliberalismus und der Untergang der Sowjetunion im Übrigen war). Nichtsdestotrotz ist das Buch von Scheidler meines Erachtens nach sehr lesenswert, wenn man sich einen geschichtlicher Überblick über den Kapitalismus verschaffen will.

Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation, Promedia Verlag, Wien 2015, 272 S.

  1. Scheidler betreibt auch ein Nachrichtenmagazin namens „Kontext – die anderen Nachrichten“, www.kontext-tv.de.
  2. Speziell für die USA vgl: Howard Zinn: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Hamburg 2015.
  3. Zur Geschichte des Rassismus vgl. Manfred Kappeler: Rassismus – Über die Genese einer europäischen Bewußtseinsform, Frankfurt 1994.
  4. Vgl. dazu diverse Texte von Postone auf www.krisis.org.
  5. Vg.. Robert Wistrich: Der antisemitische Wahn – Von Hitler bis zum heiligen Krieg gegen Israel, Ismaining bei München 1987.
  6. Vgl: Enzo Traverso: Moderne und Gewalt – Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors, Köln 2003.
  7. Vgl. speziell zu den deutschen Linken: Jens Benicke: Von Adorno zu Mao – Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung, Freiburg 2013 [2010] (2.Auflage).
  8. Vgl. z.B. Oliver Nüchter: Braune Ökologen: Hintergründe und Strukturen am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns, Heinrich-Böll-Stiftung 2012.
  9. Vgl. Richard Aabromeit: Postmodernes Eventreisebüro mit Hindernissen, auf www.exit-online.org.
  10. Zur Kritik von Regionalgeld: Peter Bierl: Regionalgeld und Sozialdarwinismus – Oder: Die Attraktivität der einfachen falschen Lösungen, in: Associazione Delle Talpe/ Rosa Luxemburg Initiative Berlin (Hg.): Maulwurfsarbeit III (2015), S.28-38.
  11. Ein sehr guter Start dazu kann beispielsweise eine Marx-Rezeption auf der Höhe der Zeit sein! Dazu ist sehr zu empfehlen: Robert Kurz (Hg): Marx lesen! - Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert – Herausgegeben und kommentiert von Robert Kurz, Frankfurt 2006