2016-02:Knäste machen alles schlimmer

Aus grünes blatt
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Der erste Chef eines Gefängnisses redet endlich Klartext

Knäste machen alles schlimmer

jb Das ist spannend: Der Chef des Gefängnisses in Zeithain (Sachsen), Thomas Galli, tritt seit Monaten in den Medien auf mit einer grundlegenden Kritik am Knast. Aus seiner Innenperspektive stellt er alles in Frage, was das Gefängnis angeblich an Wohltaten für die Gesellschaft bringen soll. Sein Fazit: „Das Gegenteil ist der Fall“. Wir veröffentlichen Auszüge aus seinen verschiedenen Schriften, Interviews und Vorträgen.

„Was will der Staat mit einer Gefängnisstrafe erreichen? Zunächst vor allem eines: Vergeltung. Schuld und begangenes Unrecht sollen vergolten werden, indem dem Täter ein Übel zugefügt wird. Allerdings funktioniert diese Vergeltung auf einer sozialen Ebene nicht. Das würde nämlich voraussetzen, dass jemand, der seine Haft verbüßt hat, wieder als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft auf Augenhöhe aufgenommen wird. Das Gegenteil ist der Fall. Je länger jemand in Haft war, desto größer wird sein Makel, desto weniger wert ist er in den Augen vieler, wahrscheinlich der meisten.“ So schreib Galli in der Freien Presse am 18.3.2016. Und greift die Befürworter_innen von Haftstrafen an: „Wer meint, „denen ginge es noch viel zu gut“, hat noch nie versucht, sich vorzustellen, wie es wäre, Jahre und Jahrzehnte in einem Raum eingesperrt zu sein und diesen nur verlassen zu dürfen, wenn jemand anderes aufsperrt, und auch dann nicht weit zu kommen. Der Kontakt zu Familie und Freunden ist auf wenige Stunden im Monat beschränkt, partnerschaftliche Beziehungen sind fast unmöglich. Nun wird oft eingewandt, die Gefangenen seien ja selbst schuld, und das Leid, das sie ihren Opfern zugefügt hätten, sei oft noch viel größer. Über 90 Prozent aller Inhaftierten sind jedoch keine Mörder oder Vergewaltiger. Und sehr viele haben, meist schon von Kindheit an, mit großen Problemen zu tun gehabt. Das rechtfertigt überhaupt nicht, dass sie nun ihrerseits anderen Schaden zufügen, macht es aber erklärbar.“ Er stellt die Frage: „Gibt es in unserer aufgeklärten Moderne keine sinnvolleren und humaneren Möglichkeiten der staatlichen Interventionen?“

Eine umfangreiche Kritik trug Galli im Eröffnungsvortrag auf der Tagung: „Macht Gefängnis Sinn?“ am 2.2.2015 in Tutzing vor. Er nannte die Idee der Resozialisierung in Gefangenschaft einen „logischen Widerspruch“, da „ein Leben in sozialer Verantwortung voraussetzt, Teil der Gesellschaft zu sein, aus der der Gefangene aber gerade ausgeschlossen wird.“ Dann zählte er fünf Gründe auf, warum Gefängnisse unsinnig seien:

  • Manche Inhaftiere kommen erst im Gefängnis so richtig auf falsche Ideen oder geraten in falsche Kreise. Aktuelles Beispiel sind die Attentäter von Paris, die erst im Gefängnis radikalisiert worden sein sollen.
  • Der Selbstwert der Inhaftierten wird durch und in Haft eher zerstört. Instinktiv neigt man ja dazu, Menschen die andere verletzen oder ihnen sonst Schaden zufügen, kleiner zu machen. In aller Regel erreicht man damit aber nicht, dass deren schädigendes Verhalten weniger wird, sondern das Gegenteil. Wir müssen versuchen, Selbstwert und andere positive Ressourcen aufzubauen, und das ist unter den Bedingungen der Haft oft nur schwer möglich.
  • Beziehungen können zerstört werden. Allgemein wird die soziale Einbindung, die ja nicht immer nur kriminogenen Charakter haben muss, sondern auch präventiv wirken kann, in vielen Fällen zerstört (gerade bei langen Freiheitsstrafen oft unwiderruflich).
  • Oft ist es gar nicht so sehr die Tat an sich, sondern die Gefängniszeit, die zum Makel wird: Der Makel der Freiheitsstrafe macht die Wiedereingliederung schwierig. Vergeltung „funktioniert“ auf einer sozialen Ebene nicht, die Schuld kann eben nicht verbüßt werden. Niemanden sagt zu einem Entlassenen: „Du hast jetzt 15 Jahre in Straubing verbüßt, jetzt sind wir wieder gut, wir fangen wieder bei Null auf Augenhöhe an“. Wir wissen alle, genau das Gegenteil ist der Fall.
  • Selbst wenn wir davon ausgingen, dass alle Ziele, die der Staat mit dem Gefängnis verbindet, erfüllt würden, bleibt ein humanistisches Problem, ein Problem, mit dem sich jeder Mitarbeiter im Strafvollzug konfrontiert sieht, der nicht selbst sadistische Neigungen hat (und das sind die allerwenigsten).“

Viele Inhaftierte seien selbst Opfer gewesen, z.B. bis zu 35% der Sexualstraftäter hätten sexuellen Missbrauch erlitten. Viele Inhaftierte kämen aus schwierigen familiären Verhältnissen. In solchen Fällen den moralischen Zeigefinger zu erheben, sei unangebracht. Zudem gäbe es bundesweit etwa 60 Suizide in Haft pro Jahr. Damit seien die Zahlen etwa 6-mal so hoch wie die der „Normalbevölkerung“. Auch Gewalt im Gefängnis sei immer wieder ein Thema. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hätte 2012 eine Studie vorgelegt, nach der jeder vierte Gefangene innerhalb eines Monats Opfer von Gewalt würde. Galli schlägt Alternativen vor: „Es dürfte auch unstrittig sein, dass es sinnvoller ist, langfristiger und nachhaltiger dazu beizutragen, schädigendes Verhalten Einzelner zu reduzieren, als erst zu reagieren, wenn der Schaden schon angerichtet ist.“ Dies sei ein Plädoyer dafür, soziale Strukturen zu hinterfragen, die zu schädigendem Verhalten führen. „Fehlende Zuwendung oder gar Missbrauch im Kindesalter, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit sind immer noch der beste Nährboden für Gewalt! ... Durch das Gefängnis haben wir gelernt, dass ein Auslebung des Vergeltungsdranges auf staatlicher Ebene oft keine Probleme löst, sondern neue schafft.“ Außerdem sieht Galli eine Ungerechtigkeit in der Strafverteilung: „Ich weiß nicht, ob Sie auch die Erfahrung gemacht haben, aber mancher Straftäter hat einen besseren Charakter als mancher Mensch, der nie gegen das (Straf-) Gesetz verstößt, sondern sich vielleicht die Gesetze zu Eigen macht, um seine Interessen auf Kosten Anderer durchzusetzen.“