2016-02:Ein paar Gedanken zur Utopie

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Ein paar Gedanken zur Utopie

Michael Zukunftsprognosen oder vielmehr -phantasien sind so eine Sache. Sind sie von der optimistischen Art, extrapolieren sie meist nur die Ignoranz der Gegenwart. Sind sie pessimistisch, resignativ oder gar apokalyptisch, ist mit ihnen jedes Streben, jeder Kampf um Alternativen aufgegeben. Versuchen wir die Zukunft zu denken, die nicht bloß eine schlechte Verlängerung der Gegenwart ist! Doch die Ohnmacht den Verhältnissen gegenüber lässt jede Hoffnung, es könne vielleicht auch anders sein, als Naivität, als Vergeblichkeit erscheinen.

Nimmt man jedoch den Mut auf sich, Utopien zu denken, ist oftmals der Vorwurf des Totalitarismus nicht weit: Hatten nicht wenige Utopien, die ganz genau vorgaben zu wissen, was die ideale Gesellschaft sein müsse, Schreckensherrschaft antizipiert[1]. Schaut man sich insbesondere das 20. Jahrhundert an, sollte man daher schon skeptisch gegenüber (vermeintlich) utopischen Weltentwürfen sein[2].

Auf der anderen Seite ist das utopische Denken insofern wichtig und notwendig, da es zumindest eine gedankliche Distanz zur Gegenwart schafft, Tendenzen und Widersprüche aufgreift und neue Möglichkeiten sehen lässt. Träume können, ein scheinbar naiver Utopismus, jedoch zusammen mit kritischer Reflexion und Analyse ein schlagkräftiges Instrument des Denkens und Handelns werden. Ohne Träume wird man kaum wissen, wonach man strebt, wofür man eigentlich kämpft, wofür es sich zu leben lohnt. Ohne Analyse jedoch verliert man sich in den Träumen. Beide zusammen machen erst das kritische Denken. Oscar Wilde schrieb 1891 in seinem Essay „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“:

„Bis jetzt war der Mensch bis zu gewissem Grade der Sklave der Maschine, und es liegt etwas Tragisches in der Tatsache, dass der Mensch, sowie er eine Maschine erfunden hatte, die ihm seine Arbeit abnahm, Not zu leiden begann. Das kommt indessen natürlich von unserer Eigentums- und Konkurrenzwirtschaft. Ein einzelner ist der Eigentümer einer Maschine, die die Arbeit von fünfhundert Menschen tut. Fünfhundert Menschen sind infolgedessen beschäftigungslos; und da man ihre Arbeit nicht braucht, sind sie dem Hunger preisgegeben und legen sich auf den Diebstahl. … Wäre diese Maschine das Eigentum aller, so hätte jedermann Nutzen davon. Sie wäre der Gemeinschaft von größtem Nutzen. Jeder rein mechanische, jede eintönige und dumpfe Arbeit, jede Arbeit, die mit widerlichen Dingen zu tun hat und den Menschen in abstoßende Situationen zwingt, muß von der Maschine getan werden….Jetzt verdrängt die Maschine den Menschen. Unter richtigen Zuständen wird sie ihm dienen…..so wird die Maschine, während die Menschheit sich der Freude oder edler Muße hingibt – Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel des Menschen – oder schöne Dinge schafft oder schöne Dinge liest oder einfach die Welt mit bewundernden und genießenden Blicken umfängt, alle notwendige und unangenehme Arbeit verrichten.“

Wenn man sich also zum Beispiel über die Zukunft der Arbeit Gedanken macht, so muss man natürlich der besonderen historischen Form gewahr werden, in der die Arbeit in unserer Gesellschaft stattfindet. „Arbeit“ besteht nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen, sie ist keine anthropologische Konstante. Im Mittelalter war sie eine grundsätzlich andere und „Lohnarbeit“, wie sie im Kapitalismus entstand, existierte nicht. Die moderne Arbeit ist ein Produkt der Geschichte und hat die Form der Lohnarbeit. Sie ist abgekoppelt vom Rest des Lebens und es gelten für sie spezielle „ökonomische Gesetzmäßigkeiten“ wie sie z.B. für die Kinderpflege nicht gelten (können): denn bekanntlich verliert man Zeit bei der Kindererziehung, statt dass man sie einspart (Frigga Haug). Die moderne Arbeit hat die Tendenz, das ganze Leben einem rigiden Leistungsschema zu unterwerfen. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ war und ist das mörderische Credo der modernen Arbeitsgesellschaft[3].

Die Frage ist, ob es nicht naiv ist oder gar sinnlos, die moderne Form der Arbeit beliebig in die Zukunft zu extrapolieren? Kann es so was wie eine Gesellschaft der Lohnarbeit überhaupt noch geben, wenn die Produktion komplett automatisiert ist (oder schon lange davor?) und daher die Voraussetzung eines Menschen, am produzierten Reichtum teilhaben zu können, von der tatsächlichen individuellen Leistung komplett entkoppelt ist? Ist die „Krise der Arbeitsgesellschaft“, von der heutzutage an manchen Stellen die Rede ist[4], nicht bereits ein Anzeichen dafür, dass die Arbeitsgesellschaft, sprich der Kapitalismus, an ihre historische Grenze stößt? Was in dieser Situation ist mit jenen, denen es nicht mehr oder immer weniger gelingt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen?

Die Tendenz besteht darin, dass durch die Entwicklung der „Produktivkräfte“ Arbeit immer mehr überflüssig gemacht wird und daher immer mehr „Überflüssige“ produziert werden. Der Widerspruch ist, dass es keineswegs an materiellem Reichtum, Technik und Kreativität mangelt, sondern an „Arbeitsplätzen“. Eigentlich sollten die Produktivkraftentwicklung und die Automatisierung zu mehr Muße für alle führen, wie Oscar Wilde schon bemerkte, aber es führt zu Massenarbeitslosigkeit für die einen und Arbeitsterror für die anderen.

Durch die Produktionsverhältnisse ist die Lohnarbeit ohnehin obsolet geworden und die Arbeit der Zukunft wäre eine, die keine Lohnarbeit ist, die keinem Leistungsethos mehr zu Grunde liegt; fraglich bleibt, ob man die Mannigfaltigkeit an menschlichen Tätigkeiten dann noch „Arbeit“ nennen kann. Bezeichnen würde diese ganz andere Dinge – wenn der Gegensatz zwischen Muße und Arbeit fällt, wenn es keinen Arbeitsmarkt mehr gibt – was ist dann noch Arbeit? Wahrscheinlich werden die Menschen eines Tages auf unsere Welt genau so angeekelt zurückblicken, wie die Menschen heutzutage – die sich ja für so aufgeklärt halten – auf die Barbarei der Kreuzzüge oder Menschenopfer zurückblicken.

Wie könnte man die Welt einrichten, damit diese Absurdität endlich Geschichte wird? Was würde sich ändern, wenn der kapitalistische Verwertungszwang Geschichte werden würde?

Man würde sich darum kümmern und debattieren, was und wozu produziert werden sollte und man würde sich Gedanken machen, wie man das umsetzen kann unter Beteiligung aller gesellschaftlichen Mitglieder und beurteilt nach Kriterien wie Nachhaltigkeit, Gesundheit, Freude und Freundschaft. Das Geschrei nach „Arbeitsplätzen“ (wobei der Inhalt und der Sinn und Unsinn der Arbeit scheissegal sind), das Geraune über „Wirtschaftswachstum“ (wobei nicht wirklich debattiert wird, was eigentlich wozu „wächst“) würde endlich aufhören. Das würde auch implizieren, dass Produktionen, die destruktiv und sinnlos sind, stillgelegt werden. Die Tatsache, dass Produktionen in destruktiven Formen ablaufen, liegt in der Regel nicht an der Sache selbst, sondern an der Tatsache, dass die Produktion blind erfolgt, gemessen am einzigen Kriterium: dem Profit. Es liegt daran, dass jeder Produzent sich in der Konkurrenz durchsetzen, und dazu seine Kosten möglichst minimal halten muss und dadurch einen möglichst großen Absatz und Profit erzielt.

In Endeffekt ist es genau andersherum: Nicht das Nachsinnen über eine Alternative zum Kapitalismus ist naiv oder utopisch, sondern das Beharren darauf, die Welt müsse trotz allem kapitalistisch verfasst sein, denn ein Großteil der Menschheit ist vom Kapitalismus bereits für überflüssig erklärt worden und vom kapitalistischen Standpunkt ist er es auch real[5]. So gesehen ist der Kapitalismus eine bereits verwirklichte Schreckensutopie. Wie auch beim Stalinismus produziert der Kapitalismus fortlaufend Leichenberge; dass die Menschen aber meistens von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes totgeschlagen werden, statt von der „sichtbaren Hand“ des Staates (wobei sich beide auch bekanntlich gern ergänzen), macht die Sache keineswegs besser.

Es wird an keinem Zwang gespart, die Menschheit unter die Knute des Kapitalismus zu zwingen, eher opfert man die Menschen, als dass man den Kapitalismus in Frage stellt. Es ist tatsächlich eine naive Träumerei, zu glauben, die Menschheit könnte unter kapitalistischen Bedingungen so etwas wie eine Zukunft haben, bei all den permanenten Katastrophen. Ebenso, dass die zahlreichen längst bekannten Weltprobleme irgendwie unter kapitalistischen Bedingungen gelöst werden könnten. Zwar erdenkt man sich durchaus was zu tun wäre, tut es dann aber doch nicht (so richtig), weil es „nicht finanzierbar“ ist oder weil das geheiligte Wirtschaftswachstum sonst darunter leiden würde.

Wer ist hier also naiv – derjenige der sich analysierend und träumend Gedanken macht, was falsch an der Welt ist, wie sie sein könnte; oder derjenige der bloß „Realist“ ist und über einen konformen Alltagshorizont – mag er noch so „wissenschaftlich“ fundiert sein – nicht hinauszukommen vermag?


  1. Meistens geschah das in literarischer Form wie beispielsweise im Buch „code de la nature“ von Morelly 1717-1778
  2. Vgl. Karl Schlögel: Terror und Traum – Moskau 1937, (2011). Zur linken Kritik am Bolschewismus: Hendrik Wallat: Staat und Revolution – Aspekte und Kritik linker Bolschewismuskritik, (2012)
  3. Zur Entstehungsgeschichte der Arbeit gibt es auch schon längst diverse historische Untersuchungen, wie z.B. Gerhard Pfeisinger: Arbeitsdisziplinierung und frühe Industrialisierung 1750-1820, (2006), sowie Götz Eisenberg: „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ – Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft, online auf www.krisis.org
  4. So wie in dem „Manifest gegen die Arbeit“, online auf www.exit-online.org
  5. Sehr erschreckend wird es beschrieben in dem Buch von Mike Davis: Planet der Slums, (2011)