2016-02:Abermals krähte der Hahn

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Karlheinz Deschner:

Abermals krähte der Hahn

fb Mit weit mehr als Zweitausend Quellenangaben ist dieser tausendseitige Wälzer ein gut belegtes Werk zur kritischen Aufarbeitung der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums. Dem Autor Karlheinz Deschner gelingt es den Stoff trotz der schwierigen Thematik interessant und leicht lesbar zu vermitteln. Es ist eine beeindruckende Auseinandersetzung mit der Frage nach historisch verlässlichen Grundlagen der christlichen Religion, wobei deutlich herausgestellt wird, dass von Anfang an in der Überlieferung Geschichten zu Jesus' Wirken erfunden, Worte in den Mund gelegt und vor allem die christliche Religion historisch nachweisbar immer wieder an die neuerlichen Herausforderungen der nach Anerkennung und Machtsicherung strebenden Kirche angepasst wurde.

Zu Beginn erläutert Deschner verschiedene Ansätze kritischer Theologieforschung und stellt dar, warum diverse Theolog*innen und andere Persönlichkeiten zu vielen Zeitpunkten der Geschichte davon ausgingen, dass Jesus als historische Persönlichkeit überhaupt nicht existierte. Dann macht er einen Bogen zu der Grundannahme seiner Arbeit, dass es vermutlich einen Menschen gab, der in begrenzten Kreisen beeindruckend auftrat und Viele inspirierte, aber dessen Taten bei weitem nicht übernatürlich waren und der auch von sich nie behauptete Sohn Gottes zu sein.

In chronologischer Vorgehensweise und unter Verweis auf die diversen kritischen Theologiediskurse und Forschungsarbeiten wird belegt, wie regelrecht alles, was die Kirche zu großen Teilen bis heute Jesus in den Mund legt oder von seinem Handeln berichtet, von deutlich späteren historischen Persönlichkeiten erdacht und teils dichterisch ausgeschmückt wurde. Deschner erklärt dabei auch, dass sowohl Wundertaten als auch die krassen Übertreibungen in den Biographien von Persönlichkeiten dieser Zeit allgemein üblich waren, der Glaube an wundersame Heilungen, Wiederauferstehungen und Anderes verbreitet war und dass sämtliche Wundertaten und Begebenheiten im Leben Jesus' Kopien aus den Geschichten anderer, älterer Religionen bzw. Glaubensrichtungen waren.

Herausfordernd ist allerdings der Seitenumfang, der trotz des angenehmen Lesens und der interessanten Schilderungen und Erklärungen manchmal das Gefühl vermittelt im Buch nicht voranzukommen. Das zwar stabile, aber sehr dünne, Papier verstärkt diesen Eindruck, obwohl es sicherlich mit dickeren Seiten unmöglich gewesen wäre das Buch in nur einem Band herzustellen. Auch wenn es als Spielerei erscheinen mag, wären die Lesebändchen, die in manchen anderen hochwertigen Hardcover-Produktionen eingeflochten werden, hilfreich gewesen, um leicht zwischendurch zwischen dem allein schon 150 Seiten umfassenden Quellenangaben- und Erläuterungsteil und dem Haupttext wechseln zu können.

Mensch erfährt hier viel über wenig bekannte oder zumindest von der christlichen Kirche wenig der allgemeinen Öffentlichkeit vermittelten Geschichte der ersten Jahrhunderte des Christentums, was sicherlich auch im Zusammenhang damit steht, dass vieles angesichts der nachgewiesenen Fälschungen und offensichtlich widersprüchlichen Dogmendarstellungen peinlich sowie die christliche Religion diskreditierend ist.

In diesem Buch gibt es auch viel über andere noch heute relevante, ebenso wie inzwischen fast vergessene Glaubensrichtungen zu lernen. Hintergrund ist zum einen, dass die christliche Geschichte viele damals übliche religiöse Überzeugungen übernahm, wohl um Anhänger*innen zu gewinnen, aber auch weil manche Argumentationen gegen die insbesondere katholische Sichtweise durch Gelehrte anderer Religionen aufbereitet wurden.


  • Karlheinz Deschner: "Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten"
  • Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2015
  • ISBN 978-3-86569-188-0
  • 1.019 Seiten, Hardcover, 44 EUR