2016-01:Verschwörungstheorien zu Migration

Aus grünes blatt
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Update zu vereinfachten Welterklärungen

Neues Lieblingsthema „Migration“

jb Vereinfachte Welterklärer_innen (wobei es eine fast reine Männerdomäne ist) wechseln ihre Lieblingsthemen wie andere die Unterhose. Das ist nicht überraschend, denn es geht darum, den dominanten gesellschaftlichen Fragestellungen den eigenen Interpretationsstempel aufzudrücken. Seit Frühjahr 2015 beschäftigt die Flüchtlingsfrage fast alle Medien – und folglich auch die, hier hinter allen Ereignissen Verschwörungen wittern.

Ob Jürgen Elsässer, Michael Vogt, der Kopp-Verlag oder wie sie alle heißen: Die Welle von Flüchtlingen, die im letzten Jahr endlich mal die Festungsmauern um Europa durchbrechen konnten, wurde von ihnen zu einer Verschwörung umdefiniert. Sie machten aus der Flucht eine Waffe, die Migrationswaffe. Sie sei, so ihre Gedankenpirouetten, gegen die vermeintlich guten Staaten wie Deutschalnd gerichtet, um diese zu destabilisieren. Dahinter würdenen die Schurkenstaaten stecken, also vor allem – wie immer – die USA. Genau das behauptet Gerhard Wisnewski in seinem Jahrbuch „2016: verheimlicht, vertuscht, vergessen“ (2016, Kopp-Verlag in Rottenburg, 368 S.). Dort deckt er vermeintlich auf, was in den Medien verschwiegen wurde. Dass er komplett ohne Quellenangaben auskommt, gibt dem Buch schon auf den ersten Blick ein merkwürdiges Design. Die Flüchtlinge sind sein Hauptthema – und er zieht ordentlich vom Leder, was wohl die bösartigen Ziele einer vermeintlichen Überflutung Deutschlands mit Menschen aus anderen Ländern ist. Für Wisnewski gibt es ein Hauptmotiv aller internationaler Politik: Die neue Weltordnung mit einer Einheitsrasse und die Vernichtung Deutschlands. Selbst die Atombomben, die in Israel stationiert sind, sollen am Ende auf Deutschland geworfen werden. Die Bibel sagt das. Ähnlich seriös sind auch andere Statements. Autoabgase sind sauberer als die Luft drumherum. Wisnewski weiß das von EIKE, einem Tarnverein der Atom- und Kohlelobby. Jaja, und Flüchtlinge sind eine Waffe und die Erde eine Scheibe ...

Etwas fundierte geht da schon Kelly M. Greenhill in ihrem Buch „Die Migrationswaffe“ vor (2016, Kopp-Verlag in Rottenburg, 429 S.). Sie zählt eine Vielzahl von Beispielen auf, die Flüchtlingsströme Regierungen unter Druck setzten und somit erpressbar waren für Forderungen anderer. Allerdings nimmt sie ständig an, dass solches geplant war und nicht im Laufe der Prozesse als nützlicher Nebeneffekt entstand. „Cui bono?“ (wem nützt es) wird so zu einer Beweisführung, wer etwas geplant und verursacht hat. So durchdacht aber funktioniert Politik selten. Dennoch nützt das Buch, um zu begreifen, wie relevant Migration auch in der jüngeren Geschichte war und ist. Sie als Waffe zu bezeichnen, ist jedoch eine absurde Unterstellung, solche Bewegungen genau planen und steuern zu können.


Phalanx der Russland-Versteher_innen

Gut und Böse sind die wirkungsvollste Logik in der Überzeugungskraft vereinfachter Welterklärungen. Die konkreten Feinde lassen sich dabei beliebig austauschen: Juden, Jesuiten oder der Islam, Monsanto oder BlackRock, Illuminaten oder Bilderberger, Amerika oder Russland. Letztere hatten vorübergehend an Wirkungskraft verloren, war das große eurasische Land doch etwas zerfallen. Spätestens seit den Kämpfen zwischen hegemonialen Gruppen in der Ukraine ist das alte Feindbild aber wieder entstanden – und so haben Welterklärer_innen wieder die Chance, sich den richtigen „großen Bruder“ auszusuchen und den anderen zu verdammen. Jürgen Roth, bisher bekannt durch viele spannende Recherchebücher, wählt die antirussische Karte. Er macht das in „Verschlussakte S... - Smolenks, MH 17 und Putins Krieg in der Ukraine“ (2015, Econ/Ullstein in Berlin, 317 S., 19,99 €) nach allen Regeln der Kunst: Zuerst an das Verbrechen von Katyn, dann an die jahrzehntelange Vertuschung danach erinnern und im anschießenden Kapitel den Flugzeugabsturz mit polnischem Führungspersonal behandeln. Da braucht es schon kaum noch irgendwelcher Argumente, um Aha-Effekte zu landen. Das ist auch nötig, denn das Buch ist zwar dick, aber es erinnert eher an Bücher zum 11.9.2001: Einzelne Fakten werden aneinandergereiht und durch eine von Beginn an vorhandene Brille der Interpretation gewertet. Vereinfachte Welterklärung bestätigt sich so immer selbst.

Vereinfachung geht aber auch anders herum. Thomas Fassbender zeichnet in „Freiheit statt Demokratie“ (2015, manuscriptum in Waltrop, 361 S., 19,80 €) ein russlandfreundliches Bild. Zumindest entschuldigt er russische Politiken nach Innen und Außen, deren autoritären bis unmenschlichen Zügen sogar ab und zu anklingen, mit einer besonderen Mentalität, die er wahlweise der Geschichte, dem Klima oder einer vermeintlich asiatischen Mentalität zuschreibt. „Der“ Russe ist irgendwie eigen, anders und eben nicht europäisch. Sagt der Europäer, der seit zwanzig Jahren in Russland lebt – im europäischen Teil. Sein Buch handelt auch viel von Zaren und Zarenmörder_innen, wenig vom Leben in Russland, von Menschen und ihren Mühen, Macht und Auflehnung. Das wiederum ist eine eher europäische Art, die Welt zu betrachten.