2015-03:Empörung und Verschwörung

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Update in Sommerausgabe 2016: Rechtspopulist Strohm verliert Klage gegen kritischen Film


Über den Weg eines alten Anti-Atom-Kämpfers nach rechts

Empörung und Verschwörung

jb Demonstrationen, Klickaktionen, Unterschriftensammlungen und Spendenaufkommen - seit einiger Zeit wächst all das. Gibt es Hoffnung auf eine Renaissance politischer Widerstandskultur? Ist Masse auch Klasse? Oder wächst eher zusammen, was zusammen gehört: Jahrelang gleichgültige Menschen reiben sich angesichts der Nachrichtenflut von Kriegen, menschlichen Tragödien, brutalen Staats- und Konzernpraktiken empört die Augen. Doch eigenes Nachdenken ist anstrengend. Viele laufen lieber blind den einfachen Parolen moderner NGOs und gefährlicher Rattenfänger hinterher.

Weitverbreitet sind einfache Feindbilder in platten Positionen und Parolen: Flüchtlinge, Islam-Gläubige, Amis oder, bei manchen ganz Geschichtsvergessenen, die Juden. Dahinter steht keine faschistische Gesinnung, sondern meist der Unwillen, näher hineinzuhorchen in politische Sphären. Irgendwas läuft nicht rund - da kommt ein einfaches Feindbild gerade recht. Mensch kann sich auf der Seite der Guten und unschuldig wähnen.


Inhaltsverzeichnis


Von der Empörung zur Verschwörung - am Beispiel

Holger Strohm ist seit Jahrzehnten eine bekannte Figur in der Anti-Atom-Welt. Sein Buch "Friedlich in die Katastrophe" gehörte zu den ersten Werken überhaupt, die systematisch die Kritik an der verantwortungslosen Technik zusammenstellten. Damit hat Strohm einen wertvollen Beitrag zur Protestkultur geschaffen. Auch in anderen Themenbereichen war er als Vordenker unterwegs, z.B. in der Kritik an Gentechnik oder autoritärer Erziehung. 2012 machten sich Marcin El und sein Team auf, den alten Bestseller in einen Film zu wandeln. Er war der erste Beleg, dass der ewige Kampf, die Angst vor der Apokalypse und die fehlende emanzipatorische Gesinnung aus dem "linken Anarchisten" (Selbsteinschätzung von Holger Strohm) einen strammen Rechten gemacht haben, der billige Schuldige sucht für das „Teuflische“ in der Welt.

Film dokumentiert den Weg nach rechts

Strohms Biographie, sein Weg vom Anti-Atom-Aktivisten zu rechtsextremen Weltsichten ist ein einprägsames Beispiel, was es heißt, sich in seiner Empörung von einfachen Welterklärungen mitreißen zu lassen. Die zutiefst anti-emanzipatorischen Sichtweisen entwickelten sich aus seiner ständigen Beschäftigung mit dem Grauen staatlich-militärischen und kapitalistischen Herrschens und Wirtschaftens. Apokalyptische Vorstellungen vom Ende der Welt treiben ihn in wahnhafte Projektionen, teuflische Mächte am Werk zu sehen. Der Film "Empörung und Verschwörung" aus dem Filmstudio der Projektwerkstatt zeigt den Wandel über Verzweifelung zu Verschwörungstheorien, primitive Feindbilder und platteste Hetze. Verzweifelt suchte er nach den Gründen. Statt einer Systemanalyse, statt einer Beschäftigung mit den Antriebskräften im Kapitalismus oder in Herrschaftssystemen allgemein, witterte Holger Strohm - religiösen Fanatikern gleich - das Böse am Werk. "Empörung und Verschwörung" zeigt Strohm dabei im Original - in eigenen Filmen, bei Vorträgen oder im Interview. Immer wieder schimpft er über die USA, die Deutschland besetzt hält und zur Kolonie machen will. Als Strippenzieher benennt er wahlweise die Bilderberger, die Mafia oder, in seiner plattesten Bemerkung, die Juden. Alle Politiker, die in Deutschland was zu sagen hätten, seien Juden: Merkel, Kohl... Die seien zudem alle geisteskrank, ihre Politik teuflisch. Das Böse regiert die Welt, heißt es im Film "Friedlich in die Katastrophe". Dort und auch an anderer Stelle wird das Gute als so selten bezeichnet, dass die aktuelle Zeitrechnung darauf abstelle (Gutes gab es also das letzte Mal vor 2015 Jahren!).

Quellen und Argumente nennt Strohm kaum, aber viele Beispiele. "Die EU ist eine Verschwörung! Ursprünglich stammte die Idee von Adolf Hitler", schimpft er an einer Stelle, um an anderen immer wieder die Verbrechen der Nazis als Vergleichsgröße zu den seiner Meinung nach viel größeren Schandtaten der Gegenwart und vor allem der USA zu bemühen. In jeder deutschen Redaktion gäbe es ein Zimmer, in dem CIA-Leute sitzen und die Artikel schreiben würden. Die Redakteur_innen müssten dann ihren Namen darunter setzen.

Selbstbejammerung plus Angriff

Auch sich selbst sieht Strohm als Opfer des langen CIA-Arms. Über Greenpeace hätten die seinen Film "Friedlich in die Katastrophe" ausgebremst. Außerdem würden Antifaschisten ihm zusetzen. Da stecke ja schon der Begriff „Faschisten“ drin, also seien sie auch welche. Zudem seien sie vom Mossad gesteuert, behauptet Strohm. Eine Quelle nennt er nicht. Seine Bücher würden zensiert und er dürfte seinen Beruf nicht ausüben. Wie solche Zensur funktioniert, erklärt er nicht - einer seiner Berufe, die er nach eigenem Bekunden nicht ausüben durfte, war der des Industrieberaters. 50 Bücher seien zensiert worden. Von wem und wie das alles gelungen sein soll - es bleibt in allen Interviews und Vorträgen unklar.

Stattdessen zeigt sich Strohm selbst als Zensierer. Er versucht, eine kurze Vorfassung des Films "Empörung und Verschwörung" per Klage vor dem Landgericht Hamburg verbieten zu lassen. Austeilen kann er also - Zensur ist nur doof, wenn sie sich gegen ihn richtet.

Deutschnationale Wiederauferstehungsphantasien

Überall auf der Welt ist also das Böse. Nur eine Insel ist übrig - aber auch damit trifft er nur das Abziehbild der meisten Verschwörungsgläubigen: Deutschland trifft keine Schuld. Ganz im Gegenteil - die Deutschen sind unterdrückt, besetzt, versklavt. Alles, was als Bedrohungsszenario der armen Deutschen taugt, wird herangezogen. Passend wird auch gleich die Kriegsschuldfrage neu beantwortet - und die Besatzungsmächte könnten jede_n jederzeit erschießen, auch den Bundeskanzler, wenn er nicht nach deren Pfeife tanzt.

Der Film "Empörung und Verschwörung" zeigt all diese und viele weitere Weltvereinfachungen - in Werken oder Reden von Strohm. Am Ende finden sich deutliche Warnungen und Tipps zum Umgang mit solchen Populismen, die bis tief hinein in alle politischen Strömungen reichen. Mehr auf http://www.kopfentlastung.de.vu.

Aktuell: Strohms Prozess gegen den Autor findet am 21. Januar 2016 um 14 Uhr am Landgericht Hamburg, Sievekingplatz 1 im Ziviljustizgebäude, Saal A 265, statt.