2015-03:Die Anti-Atom-Bewegung. Geschichte und Perspektiven

Aus grünes blatt
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Rezension:

Die Anti-Atom-Bewegung. Geschichte und Perspektiven

fb Ein beeindruckendes Geschichtsbuch hat das Herausgeber*innenkollektiv "Tresantis" zusammengestellt, in dem eine Vielzahl Akteure zu Wort kommen und Meilensteine der Anti-Atom-Bewegung in der BRD aus ihrer Sicht wiedergeben. Dabei ist offenkundig und auch gewollt, dass es keine immer ganz einheitliche Beschreibung von Kampagnen, wichtigen Aktionen oder auch Strategieeinschätzungen gibt. Vielmehr kommen Aktivist*innen aus den Anfängen der hiesigen Anti-Atom-Bewegung in den 1970er Jahren zu Wort, die sowohl Blickwinkel aus militanter, autonomer bzw. herrschaftskritischer Sicht aufmachen, als auch solche, die aus einem bürgerlichen oder NGO-Spektrum stammen.

In die Schilderungen von Anti-Atom-Arbeit aus den 70er und 80er Jahren einzutauchen und dabei Eindrücke über Vorbereitungen, Überlegungen und die diversen Spannungsfelder zwischen Politik und Gesellschaft, schon Aktiven sowie Ortsansässigen ohne Widerstandserfahrung, zwischen eher Staatskritischen und empörten Bürger*innen zu erhalten, ist sehr spannend. Dabei ist der Hauch der Geschichte regelrecht zu spüren, wenn es in detailreiche Schilderungen geht, mensch an den Gedankengängen der Akteur*innen teilhaben kann.

Die Leser*in erfährt von den ersten Massenprotesten in Süd und Nord mit interessanten Einschätzung verschiedener Zeitzeug*innen zur Relevanz der anderen Bewegungsteile zur selben Zeit in den anderen Regionen, die gewiss nicht von allen geteilt wurden. Es wird von den frühen Versuchen des Staates berichtet, die Bewegung in die "guten", weil gewaltfreien oder sich lediglich im staatlich vorgesehenen Protestrahmen haltenden, und die "bösen" Demonstrant*innen, die auch illegale Aktionen gutheißen oder gar bereit sind die Gewalt des Staates mit Gewalt zu beantworten, zu unterscheiden. Dieser Diskurs, der heute unter dem Begriff "Gewaltdebatte" wiederzufinden ist, hat eine lange Tradition und wird in dieser historischen Aufarbeitung deutlich als gezieltes Mittel den Widerstand zu schwächen gezeichnet.

Die Schilderung der vielen mir bekannten Stationen des Atomkraft-Widerstandes der BRD ist beeindruckend und inspirierend. Von den meisten der behandelten Aktionen und Kampagnen hat mensch als schon mehr als ein Jahrzehnt BewegungsaktivE immer wieder gehört - doch hier findet mensch auf fast 400 großformatigen Seiten so viel Authentisches, weil sehr individuell Berichtetes, und trifft auf elektrisierend wirkendes Insiderwissen von Großereignissen der Anti-Atom-Bewegung wie auch bekannten Sabotage-Aktionen, die seit den Anfängen der Bewegung zur Vielfalt und Stärke des Widerstandes gehörten.

Kurz: die Lektüre ist für alle, insbesondere Aktivist*innen nicht aus der "ersten Stunde der Bewegung", empfehlenswert. Das Buch gehört ins Bücherregal jeder Anti-Atom-Gruppe.

  • Tresantis (Hg.): "Die Anti-Atom-Bewegung. Geschichte und Perspektiven"
  • Assoziation A, Berlin, 2015
  • 382 Seiten
  • ISBN 978-3-86241-446-8


Anmerkung: Ein bisschen schade ist das reflexartige Abwehrverhalten zum Ende des Buches, wo zu einem vorsichtigen, auch den Repressionsschutz berücksichtigender Beitrag zur Kreativen Antirepression extra noch die Gegendarstellung eines linken Anwalts eingeholt wird. Die wiederum ist eine peinliche Überreaktion auf scheinbare Vorwürfe gegen Anwält*innen, die im kommentierten Beitrag gar nicht so erhoben werden, gefolgt von einem armseligen Werbeblock für das Jurist*innengewerbe im allgemeinen. Positiv dabei ist immerhin, dass der Artikel mit Bezug zur Kreativen Antirepression nicht gleich zensiert wurde, wie es in der linksradikalen Szene in den letzten zehn Jahren immer wieder geschah. Trotzdem mutet nach all den anderen vielseitigen und reflektierten Beiträgen, die gemeinsam mit dem Antirepressionsartikel eine gute Komposition ergeben haben, ein solcher, offenbar aus der Komposition herausfallender Einschub gemacht werden musste.