2015-01:Bloß nicht genau hingucken???

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Bloß nicht genau hingucken???

jb Analytisches Denken ist anstrengend. In einer komplexer werdenden oder aufgrund des Zugangs zu mehr Informationen so erscheinenden Welt geht Orientierung verloren. Diese muss durch intensiveres Hinschauen, Hinterfragen, Recherchieren und Abwägen wiedergewonnen werden - oder mensch geht den bequemeren Weg und schließt sich vorgegebenen Meinungen, Ideologien und Sinnstiftungen an.

Eine dritte Variante wäre, im Trüben der Informationsüberflutung nach vereinfachten Welterklärungen zu fischen, die einem zumindest scheinbar wieder ein Handwerkszeug geben, die so anstrengend komplizierte Welt zu erklären. Sie geben Antworten darauf, wo die Guten (einschließlich einer/m selbst) und wo die Bösen (Anderen) stehen, machen die Welt des Bösen sichtbar und sind dabei nicht allzu anstrengend für den eigenen Kopf. Um diese Weltvereinfachungen soll es hier gehen. Mit ihrer Hilfe wird der (anstrengende) Versuch aufgegeben, die eigene Lage, das Umfeld und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen. Auf diese Weise entsteht nicht nur Anfälligkeit gegenüber gefährlichen, z.B. diskriminierenden Denkschablonen, sondern die verkürzten Analysen sind einer der Gründe, warum politischer Protest ständig ins Leere läuft. Denn wo die Fähigkeit zur analytischen Kritik des Ist-Zustandes fehlt, mutiert die Gegenwehr zum Kampf gegen Windmühlen oder zerläuft im Gefühl von Ohnmacht gegenüber den vermeintlich entdeckten, bösen Mächten dieser Welt, die alles steuern und in den Händen halten.

Was dieses Böse ist, fällt dabei je nach politischer Strömung oder ideologischem Background sehr unterschiedlich aus - es reicht von abstrakten Sphären wie „dem Kapital“ oder noch vereinfachter „dem Finanzkapital“ über zur Achse des Bösen erklärten Staaten oder Konzernen bis zu konkreten Bankerfamilien, die die Welt lenken. Je steiler das Welterklärungsmodell auf eine einzige Ursache eingeengt wird, desto kruder fallen in der Regel die Erzählungen über das Böse in der Welt aus. KritikerInnen solch vereinfachter Erklärungen werfen deren UrheberInnen mal „verkürzte Kapitalismuskritik“ oder Antiamerikanismus vor. Für die am stärksten auf einzelne Ursachen oder VerursacherInnen zugespitzten Theorien wird in der Regel der Begriff „Verschwörungstheorien“ gebraucht. Angegriffen würde damit die Vorstellung, dass kleine Kreise bewusst das Böse organisieren, die Welt unterwerfen und nach ihren eigenen Interessen oder Kriterien sortieren. Welche das sein soll, ist in den „Verschwörungstheorien“ überraschend häufig gar nicht benannt. Das Böse in der Welt ist einfach so da. Es steuert und zerstört mit seltsamen Motiven - oder schlicht ohne.

Dieser Schwerpunkt soll einen einführenden Blick auf die Logiken vereinfachter Welterklärungen werfen - ob nun naive Verkürzungen oder zugespitzte „Verschwörungstheorien“. Er enthält weder eine vollständige Liste der vielen Einzelfälle und -erzählungen noch der verschiedenen Welterklärungen, die mit Vereinfachungen arbeiten. Außerdem muss hinzugefügt werden, dass es hier nur um die nicht-offiziellen Vereinfachungen geht. Letztlich bilden alle Religionen und jede andere umfassende Heilslehre (z.B. in der Esoterik) solche Vereinfachungen. Statt Analyse und Erkenntnisgewinn, präsentieren sie globale Großerklärungen, die mensch glauben soll. Sie stellen damit einen Großangriff auf das menschliche Denkvermögen dar. Bislang unerklärliche Naturphänomene und aus Interessenlagen heraus geschaffene Hierarchien werden auf eine externe Größe (Gott, kosmische Energie, Weltgeist oder was auch immer) projiziert und damit dem menschlichen Erkenntnisdrang entzogen. Das wollen auch vereinfachte Welterklärungen und „Verschwörungstheorien“. Religionen, Esoterik, viele politische Ideologien und Diskurse sind wesentlich verbreiteter als die Beispiele dieses Textes. Das darf nie vergessen werden. Wer zu den Vereinfacher_innen des Weltgeschehens auf Distanz geht, sollte Religionen, Esoterik, staatlich dominierte Diskurse usw. nicht vergessen. Es gibt viel zu tun auf dem Weg, das eigene Denken und eine kritische Debatte zu entfachen - als Gegengift gegen alle, die uns Schubladen anbieten, in die wir unseren Kopf legen sollen ...


Definitionen

Als „Verschwörungstheorie“ werden im weitesten Sinne alle Versuche bezeichnet, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also als zielgerichtetes, konspiratives Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck. Sie bieten damit einfache Erklärungsmodelle für die als unbefriedigend empfundene Lage. Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer bedrückenden Lage ist, kann mit „Verschwörungstheorien“ zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage klären, ohne allzuviel Denkkraft zu investieren.
Die bestehenden Herrschaftsverhältnisse hingegen sind komplex. Es wäre anstrengend, die verschiedenen Mechanismen, Konkurrenzen und Elitestrukturen auch nur annähernd zu erfassen, um zu begreifen, warum was und wie geschieht (siehe die Texte, Definitionen und Thesen auf www.herrschaftsfrei.de.vu sowie in den Büchern des Seitenhieb-Verlages). Denn bei genauerem Hinsehen fehlt ein klar lokalisierbares Zentrum der Welt - ebenso ein alles prägender, außerhalb der Gesellschaft liegender Mechanismus. Daraus folgt nicht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, sondern die Menschen haben je nach Stellung, Beziehungen, Fähigkeiten und Mitteln unterschiedliche Gestaltungsmacht in dieser Gesellschaft. Aber niemand, auch keine Institution oder Gruppe, hat den Steuerknüppel exklusiv in der Hand. Es gibt sie einfach nicht, die oft gesuchten und mitunter vermeintlich gefundenen StrippenzieherInnen der Welt. Das ist doof für alle, die schnell und einfach die Welt erklären wollen. Denn gerade darum haben „Verschwörungstheorien“ Hochkonjunktur: Sie entlasten so schön den Kopf, wenn mensch sich einreden kann, irgendwo säßen die Bösen, die alles lenken - oder es existiere ein diffuser großer Keilriemen im metaphysischen „Off“, der die Welt antreibt. Doch solche Sparsamkeit im Denken ist nicht nur gefährlich, weil auf diesen Bildern auch alle bisherigen Vernichtungsphantasien (historisch vor allem gegen „die Juden“, heute oft als „die Zionisten“, zudem gegen „den Islam“, „die Ausländer“, „das Finanzkapital“ oder „die USA“) basieren. Sie sind zudem eher für die nützlich, denen sie eigentlich entgegentreten sollen: Den Funktionseliten moderner Herrschaftssysteme. Sie können ungestört in den intransparenten und zentrumslosen Sphären gesellschaftlicher Gestaltungsmacht agieren, während viele unzufriedene Menschen sich mit Chemtrails, Zinseszins- und Finanzkapitalhetze oder an ausgewählten Bankiersfamilien dieser Welt abarbeiten ...


Was braucht eine vereinfachte Welterklärung und was macht sie attraktiv?

Wodurch überzeugen „Verschwörungstheorien“ oder einfache Welterklärungen? Was macht sie aus? Es sind mehrere Merkmale.

  1. Vereinfachungen, gepaart mit schlichten Ursache-Wirkungs-Ketten, möglichst klaren Feindbildern und eine Einteilung in Gut und Böse (wahlweise auch wahr-unwahr, desinformiert-wissend). Die Grenzlinie verläuft immer so, dass mensch selbst auf der Seite der Guten steht. Das verleiht dem Gedankenmodell Charme. Mensch wird selbst zum Guten, in dem das Andere als Böse definiert wird. Komplexe Herrschaftsanalyse gerät ebenso in Vergessenheit wie die eigene Verwobenheit in die Verhältnisse.
  2. Ein ständiges Einhämmern der simplen Losungen, z.B. einer ständigen Interpretation mit „Siehste“ oder „schon wieder!„ und stetiger Wiederholung. Der Siehste-Effekt wird benutzt, um eine bestimmte Wahrnehmung in die Köpfe zu bringen. Er trägt sich aber auch unbewusst von Person zu Person weiter.
  3. Dazu ein Schuss geheimnisvoller Welten, denn ganz klare Feindbilder würden unmittelbare Handlungsoptionen nach sich ziehen. „Verschwörungstheorien“ dienen aber der Kultivierung eigener Ohnmacht.
  4. Garniert mit dem Charme von Weltrettung, die mensch einfordert (aber natürlich nicht macht), um die eigene Position auf der Seite der Guten zu bestärken.
  5. Diffamierung jeder Kritik als Teil der Verschwörung bzw. neuen Weltordnung.
  6. Aber eigentlich ist es selten mehr als die Projektion eigener Annahmen auf das Geschehen in der Welt. Die Abläufe werden vom Zeitablauf auf den Kopf gestellt. Es gibt keine Ursache, aus der sich das Geschehen entwickelt, sondern es passiert etwas und dann wird es der Denkschablone entsprechend interpretiert. Anschließend erscheint die Sache dann so, als hätte sie die benannte Ursache. Berühmtestes Beispiel sind die einstürzenden WTC-Türme in New York am 11.9.2001. Angesichts der Vielzahl an Interpretationen ist ein Durchdringen zu den Ursprungsvorgängen kaum (noch) möglich. Aber es geschah, was vorher klar war: JedeR an den Spekulationen Beteiligte projizierte seine Erwartung in das Geschehen. So fand die US-Regierung islamistische Gruppen als Täter - es hätte nicht anders kommen können im Jahr 2001. US-feindliche „VerschwörungstheoretikerInnen“ entdeckten hingegen, was sie immer schon im Kopf hatten: Die CIA. Einige Antideutsche nannten die Palästinenser. Recherche ist dafür nicht nötig.