2014-01:Tar Sands

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Teil 4

"Tar Sands":
Nachhaltige Zerstörung von Urwäldern und Feuchtgebieten, Enteignung indigener Menschen und größter Einzelverursacher des Treibhauseffekts

fb Die ersten drei Teile dieses Artikels gaben einen Überblick über die Tar Sands-Vorkommen und die Ölindustrie in Alberta. Weiterer Fokus waren die ökologischen Auswirkungen der Tar Sands-Industrie und die Technologie der Rohölerzeugung aus den Tar Sands von der Konditionierung bis zum Upgrading. Der letzte Artikel endete mit einer Betrachtung der Klimaauswirkungen dieser Industrie. Nun setzen wir uns mit den Abbauverfahren auseinander.


Inhaltsverzeichnis


Abbau der Tar Sands

Ursprünglich war die Bergbau-Technologie zur Gewinnung der Tar Sands von Schaufelradbaggern und kilometerlangen Förderbändern geprägt, inzwischen wurden diese aber von Monsterbaggern und riesigen Trucks verdrängt. Um ein Barrel Öl aus den Tar Sands zu gewinnen, müssen 2 Tonnen Teersande abgebaggert werden - gewaltige Mengen Erz werden daher 24 Stunden am Tag, jeden Tag, das ganze Jahr über, bewegt. Dies führte zur Verwendung sehr großer Apparaturen, zuerst durch Suncor 1967, dann stieg 1978 auch Syncrude mit ein. Beide Unternehmen verwenden Maschinen, die robust genug sind, um die Teersande abbagern und kontinuierlich in Betrieb bleiben zu können und dabei dem abrasiven Gestein und extremen Klima zu trotzen. Etwa 3.000 km², 3,6mal die Fläche New Yorks, sind die von der Tar Sands-Industrie gepachteten Tagebauflächen groß - davon wurden bereits 300 Quadratkilometer "verarbeitet" und sind vom All aus als Kraterlandschaften sichtbar[1].

Neben der Erzgewinnung im Tagebau, die seit den 1920ern eine zentrale Rolle für die Tar Sands-Industrie spielt, gibt es auch noch die In Situ-Verfahren, mit denen tiefer gelegene, schwerer zu erreichende Teersandvorkommen - mehr als 80 % der Tar Sands-Reserven - ausgebeutet werden[1]. Hierbei wird der Rohstoff gewissermaßen aus dem Boden gepumpt - ganz so einfach ist es in der Praxis natürlich nicht.

Um Bitumen produzieren zu können, bedarf es eines detallierten Wissens über Tiefe, Qualität und jegliche geologische Variationen innerhalb der Tar Sands-Lagerstätten. Das ist entscheidend für die Planung der Tagebaue oder auch In Situ-Anlagen. Hochspezialisiertes Wissen, Fertigkeiten und Techniken sind erforderlich, um zu verstehen, was in hunderten Metern Tiefe verborgen ist. Die zwei wichtigsten Methoden zur Sammlung von Informationen zur weiteren Analyse sind seismische Untersuchungen und Kernbohrungen.


Seismische Verfahren

Geophysiker*innen verwenden seismische und andere hochentwickelte Techniken, um Informationen über die geologischen Schichten zu erhalten. In seismischen Untersuchungen werden Vibrationen oder Energiewellen im Boden erzeugt, oftmals durch kleinere Explosionen. Diese Wellen werden in verschiedenen Mustern abhängig von Zusammensetzung, Lage und Form der Untergrundformation reflektiert. Diese seismischen Daten zu interpretieren ist schwierig, aber das ist die in der Ölindustrie übliche Methode, um Informationen über tief gelegene Formationen zu sammeln.


Kernbohrungen

Kernentnahmen sind ein weiteres Mittel, um etwas über tief gelegene geologische Schichten zu erfahren. In modernen Kernnahmen wird ein Hohlraum-Bohrkopf, der einen Gesteinskern in seinem Zentrum belässt, an einem Kernrohr befestigt. Der Kern wird entnommen und analysiert, um Informationen über die Zusammensetzung, Form und Ausrichtung der Schichten, die er durchschnitten hat, zu gewinnen. Weitere Daten können an jeder Bohrung durch die Verwendung spezialisierter Ausrüstung wie Dipmeter Advisors gesammelt werden, die Details zu den Senken und Verwerfungen der Untergrundformation bereitstellt. Gammastrahlung und Elektrische Fokussierung (FE) können zusätzliche spezialisierte Informationen über die Struktur der Lagerstätte zugänglich machen.

Doch auch die Verwendung solcher Technologien hilft nicht gegen die plötzlichen Veränderungen, denen Schichtungen manchmal ohne erkennbaren Grund unterliegen. Daher sind Geolog*innen vorsichtig mit Verallgemeinerungen aus nur wenigen Bohrkerne; eine große Menge an Bohrungen ist erforderlich.


Bergbau-Geschichte

Bis in die 1930er war die Idee nach Öl unterhalb der Tar Sands-Lager zu bohren zurückgestellt worden, aber es war auch nicht immer klar, welche Bergbautechnologie die beste wäre. Manche Bergbauingenieure empfahlen die Nutzung von Eimerseilbaggern, während andere dachten, dass Löffelbagger das geeignete Mittel wären. Aber egal welche Ausrüstung gewählt wurde, meist war sie nicht stark genug, um die abrasiven Tar Sands abzubaggern. Insbesondere im Winter, wenn die Teersande steinhart gefroren sind, standen die Bergbaubetriebe vor Problemen. Daher entschieden in den 1930ern Unternehmen wie die International Bitumen Company nur noch im Sommer in Betrieb zu gehen.


Schaufelradbagger & Förderbänder

Schaufelradbagger, wie die von Suncor ursprünglich verwendeten, waren zuvor für viele Jahre im Kohletagebau im Einsatz gewesen. Spezielle Versionen dieser gewaltigen Maschinen wurden für die Tar Sands gebaut. Sie hatten enorme Abbaukapazitäten und waren durch Förderbänder verbunden. Syncrude verwendete ebenfalls Schaufelradbagger, aber nicht zum Graben. Eimerseilbagger schaufelten das Erz aus dem Boden und luden es auf einen Haufen. Ein Schaufellader brachte es dann zu einem Förderband, womit das Gestein zur Anlage transportiert wurde.

Förderbänder sind eine anfällige Technologie: Wenn das System nur für einige Tage nicht funktionierte, musste die gesamte Anlage außer Betrieb genommen werden. Die Förderbänder wurden kontinuierlich erweitert und verlagert, um mit dem Fortschreiten des Tagebaus mitzuhalten. Ein Siebrost war am Einlauf über dem Förderband befestigt, um größere Steine auszusortieren.

Schaufelradbagger, wie sie von Suncor zwischen 1967 und 1993 benutzt wurden, waren lange Zeit ein Symbol der Tar Sands-Industrie. Sie können nur im vorderen Bereich baggern, daher arbeiten sie immer an der Front des Tagebaus. Sobald ein Abschnitt ausgebaggert war, wurde das Schaufelrad weiter bewegt. Jeder Schaufelradbagger operierte auf einer Strosse von 1.220 bis 1.525 Metern Länge und etwa 45 Metern Breite. Es dauerte etwa zwei Wochen, um sich die Strosse entlang zu arbeiten. Schaufelradbagger arbeiten kontinuierlich. Während das Rad rotiert, beißen sich die Zähne der Schaufeln in das Gestein und befördern das Erz nach hinten auf ein Förderband. Diese Maschinen baggern alles ab, was vor ihnen liegt, einschließlich Teersanden von geringer Qualität oder trockenen Sand, was dann alles zur Extraktionsanlage transportiert wurde und somit höhere Kosten verursachte.

Suncor hat seine Schaufelradbagger 1993 abgeschafft und auch Syncrude begann seine Eimerseilbagger zugunsten eines flexibleren und kosteneffektiveren Systems auszumustern: Laster und Schaufelbagger. Förderbänder sind in den Tagebauen immer noch zu sehen, aber auch sie werden Stück für Stück durch die Hydrotransport-Systeme ersetzt.

Fortsetzung folgt! Weiter geht es mit diesem Hintergrundbericht in der nächsten Ausgabe - oder, wer nicht so lange warten will, kann auf der Internetseite des grünen blatts bereits weiter lesen.

Dieser Artikel basiert auf Vorort-Recherchen in Alberta, Interviews mit Vertreter*innen von kanadischen Umwelt-NGOs, First Nations, aus Ölindustrie und Politik sowie auf Internet-Recherchen.


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  1. 1,0 1,1 Rick Schneider/Simon Dyer: Deep oil sands may transform 21 % of Alberta; Canadian Parks and Wilderness Society + Pembina Institute; Edmonton, August 2006