2013-02:Friedlich in die Katastrophe

Aus grünes blatt
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Rezension:

Friedlich in die Katastrophe

fb Eingeleitet wird dieser auf das gleichnamige Buch Holger Strohms bezogene Anti-Atom-Film von Marcin El, der im deutschsprachigen Raum begeistert und vielfach ausgestrahlt und promotet wurde, mit spirituell-esoterischen Phrasen, die in Kindermünder gelegt werden. Schon mal kein guter Einstieg für eine ernstzunehmende Dokumentation, aber sicherlich attraktiv für manche Zielgruppen.

Die Einbindung einer Vielzahl renommierter und bekannter Persönlichkeiten aus Anti-Atom-Bewegung, atomkritischer Wissenschaft und aus der Politik vermag eine wirre Zusammenstellung von Fakten und Scheinwahrheiten nicht auszugleichen. Warum hier derart unpräzise mit Informationen gearbeitet wird, obwohl die Dimensionen eines Filmprojekts auf jeden Fall genug Raum für genaue Recherchen und Verarbeitung von Fakten bieten sollten, ist unklar. Fakt ist aber, dass diverse Informationen nur halb wahr sind - z.B. die Heranziehung der offiziell anerkannten Opfer des Uranbergbaus in der DDR: davon gibt es tatsächlich etwa 7000, und z.B. die DUH kann damit zitiert werden, dass davon ausgegangen wird, dass sie an dem durch die Radioaktivität ausgelösten Lungenkrebs sterben werden. Im Film ist dann aber die Rede von mindestens 7000 Todesopfern, die der DDR-Uranbergbau gefordert hat. Warum muss auf Sensationsmache gesetzt werden, wenn die belegbaren Fakten doch schon schlimm genug sind. Das macht eine Reportage unseriös.

Manche Formulierungen wirken unüberlegt und führen zu sicherlich ungewollten Deutungsmöglichkeiten - beispielsweise, wenn zur Kritik der Atombombeneinsätze gegen Japan 1945 gesagt wird, dass eine der beiden Atombomben genügt hätte den 2. Weltkrieg zu beenden. Abgesehen davon, dass der Krieg mit Japan in die Länge gezogen wurde, um diese Bomben noch testen zu können, ist es wohl kaum im Sinne der Filmemacher*innen gewesen zu sagen, dass der Einsatz einer Atombombe vielleicht okay gewesen wäre. - Aber so erscheint vieles, insbesondere was von den Sprecher*innen gesagt und behauptet oder in unbegründete Zusammenhänge gesetzt wird. Überhaupt fehlen bei fast allen der abenteuerlicheren Theorien irgendwelche Referenzangaben oder Belege. Da gibt es so viel Raum für Expert*innen in dieser Doku - aber es gibt keine, die zur Bekräftigung solcher Einfälle interviewt werden konnten?

Ganz sicher ist der Grundtenor der DVD, dass die Atomkraft eine unglaublich zerstörerische, gefährliche und unverantwortliche Technologie ist - und damit konsensfähig für breite Teile der Öffentlichkeit und auch der Anti-Atom-Bewegung. Dass angesichts dessen Konsequenzen gefordert werden, passt auch zur Stimmung, die der Film bereitet. Eingerarbeitet in die Dramatik werden hier aber auch menschenverachtende Phrasen und ökofaschistische Muster - angefangen bei der angeblichen "Überbevölkerung", die verantwortlich für die heutigen globalen Umweltprobleme sei (Unfug, denn Klimawandel, Ozonloch, Waldsterben, radioaktive und toxische Verseuchung des Planeten werden von einer Minderheit von Menschen der "westlichen Zivilisationen" gemacht), über die Diffamierung von Menschen als "Unkraut" o.ä. bis zu Forderungen mit Tendenzen einer Ökodiktatur.

In den Cocktail von Interviews mit bekannten und innerhalb der Anti-Atom-Bewegung, teils auch darüber hinaus anerkannten Personen, die nicht selten skandalöse Vorgänge, Vertuschungen und katastrophale Folgen des Atomenergieeinsatzes aufzeigen, werden Verschwörungstheorien (z.B. HAARP-Einsatz zur Auslösung der Tschernobyl- und Fukushima-Katastrophen) und beispielsweise auch Holocaust-verharmlosende (falsche) Analogien eingeflochten. Oft erscheint das in einem Kontext, als würden gerade diese problematischen Statements von den präsentierten Fachleuten gestützt - schaut mensch sich die mitgelieferten Langschnitte der Interviews an, so findet sich dort nichts, was das rechtfertigen würde. Populäre Personen werden da missbraucht, um ganz andere Behauptungen zu verbreiten.

Spannend ist, dass es im Hintergrundmaterial der DVD auch Interviews mit dem einschlägigen Verschwörungstheoretiker Werner Altnickel gibt - ein Name, der auf dem Cover der DVD nicht erwähnt wird und im Film nur versteckt in der Auflistung von Danksagungen zu finden ist, und der sicherlich aufmerksamen Betrachter*innen aufgestoßen wäre. Von ihm stammen mindestens Teile der kruden Theorien, die im Film eingearbeitet wurden. Und der treibt sich offensichtlich auch in rechtsradikalen Kreisen rum, wenn mensch verschiedenen Artikeln Glauben schenken darf. Zum Abschluss der Bonus-DVD findet sich ausgerechnet ein Ausschnitt aus der Sendung "KOPP Nachrichten" des für die Verbreitung von Esoterik, Verschwörungstheorien, Ufologie, aber auch Alternativmedizin und Pseudowissenschaften bekannten Kopp Verlages.

Bei weiteren Recherchen zum Film zeigt sich, dass auch Holger Strohm sich schon seit langem einen Namen als Verschwörungstheoretiker gemacht hat. Trotzdem wird er - analog zu anderen rechten Vertreter*innen der Ökologiebewegung (kein Wunder: in der BRD hatte die Umweltbewegung ihre Wurzeln eher im rechten Lager) - vor allem von älteren Symphatisant*innen aus Ökokreisen für seine "klaren Worte" verehrt. Ob die Zusammenstellung von Zitaten, die explizit den Holocaust relativieren, bzw. die Anführung kruder anti-amerikanistischer, in einschlägigen Kreisen antisemtisch verwendeter, Verschwörungstheorien Zufall oder Absicht ist, mag sich jede selbst überlegen...

Der Film "Friedlich in die Katastrophe" ist geeignet anti-atom-bewegte Menschen und die gut belegten Argumentation gegen diese Technologie zu diskreditieren: Er suggeriert Fakten und Expertise, vermischt diese aber mit für eine progressive Anti-Atom-Bewegung unnötige und nicht akzeptable effekthaschende Fehldarstellungen und Verschwörungstheorien zur Dramatisierung einer Sache, die solcher Tricksereien nicht bedarf. Zu Empfehlen zur Dokumentation und Archivierung oder zur Analyse von verkürzten Theorien und Manipulation von Meinungen, nicht aber zur Unterstützung emanzipatorischer Anti-Atom-Positionen.

  • Marcin El: Friedlich in die Katastrophe
  • DVD, 116 Minuten, Zusatz-DVD mit Bonusmaterial
  • 2012 produziert von Holger Strohm