2012-01:Technik und Utopie

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Technik und Utopie

Wie kann eine emanzipatorische Technikentwicklung und -anwendung aussehen?
jb Kritik ist das eine und wichtig. Wichtig auch für die Frage der Zukunft. Sätze wie „Mensch kann nicht immer nur gegen etwas sein – es ist besser, für etwas zu sein“ sind schlicht blöd. Denn die Kritik der Verhältnisse ist die Basis des Entwickelns neuer Ideen – jedenfalls dann, wenn diese auf den geschaffenen Bedingungen aufbauen. Wer nicht an höhere Sphären (Götter, Energiefelder usw.) glauben mag, wird das immer tun. Denn selbst eine revolutionäre Perspektive gesellschaftlicher Umwerfungen fußt auf dem Bestehenden. Es soll überwunden werden für eine andere Welt, aber sowohl für die Strategien dorthin wie auch für die in der Zukunft genutzten Ressourcen wie Wissen oder Werkzeuge bilden die aktuellen Verhältnisse die Basis.

Technik hat in diesem Geflecht der Möglichkeiten die Rolle eines Werkzeugs. Auch die komplexen Technologien der Neuzeit unterscheiden sich nicht prinzipiell von einem Hammer oder einer Lupe. Nur beanspruchen sie mehr Ressourcen und sind meist eine Mischung aus bearbeiteten Rohstoffen und digitalisiertem Wissen, welches mittels Speicherung und Ablaufsteuerung menschliches Wissen reproduzierbar macht. Menschliche Bedienung als Wiederholungsschleife fällt weg oder kann erheblich beschleunigt werden. Doch das alles ändert nichts am Grundsätzlichen: Technik ist ein Werkzeug, es vermittelt den Umgang des Menschen mit der Natur, d.h. seiner ganzen Umwelt einschließlich anderer Menschen.

In diesem Sinne ist Technik zunächst neutral. Jedes Werkzeug kann angewendet werden oder ungenutzt bleiben. Wird es angewendet, kann es in der Regel je nach Kontext und Anwendungsmethode verschiedene Wirkungen erzielen. So stehen zwei Fragen im Mittelpunkt: Welche Rahmenbedingungen bewirken, dass Technik (oder noch allgemeiner: Werkzeuge) der Befreiung des Menschen und der Befriedigung seiner Bedürfnisse dienen – und nicht anderen Zielen wie Profiten, Macht usw.?

Gibt es Techniken (oder allgemeiner: Werkzeuge), die – z.B. durch ihre, nicht mehr von allen Menschen beherrsch- und daher nutzbare Komplexität, Größe, Arbeits- oder Rohstoffintensität – per se keine emanzipatorischen Anwendungsfelder haben, sondern nur auf das Basis von Unterdrückung und Ausbeutung funktionieren können?

Beide Fragen ziehen theoretische (Utopie) und praktische (Anwendungen, Versuche im Hier&Jetzt) nach sich. Eine Verbindung zwischen beidem liegt darin, praktische Umsetzung so zu organisieren, dass sie nicht nur im Detail wirkt, sondern auch Fortentwicklungsmöglichkeiten auf das langfristige Ziel, die Utopie, bietet – wobei letztere aus den Erfahrungen der Praxis immer wieder selbst weiterzuentwickeln ist. Kritik, Utopie und Praxis stehen damit in einem dynamischen Verhältnis zueinander. Jede Debatte, das eine sei wichtiger als das andere, wirkt vor diesem Hintergrund deplatziert.


Das Ziel von Technikentwicklung neu definieren

Die Entwicklung menschlicher Produktivkraft, getragen von Wissen, Erfahrungen, Übung, Kommunikation und Werkzeuggebrauch, kann von verschiedenen Ideen angetrieben sein. Naheliegend aus der menschlichen Natur heraus ist der Willen, ein besseres Leben zu führen – oder, präzisiert nach verschiedenen Motiven, ein sicheres Leben, mehr materieller Wohlstand, mehr Glücksmomente, intensiveres Erleben, effizientere Bewältigung notwendiger Arbeit und vieles mehr. Es ist davon auszugehen, dass dieser Antrieb sei Jahrtausenden besteht und für eine Vielzahl von Werkzeugentwicklungen, aber auch andere Beiträge zum Fortschritt von Theorie und Praxis entscheidend war. Typisch sind Eigeninitiative, Spontanität, direkte Kooperation und gegenseitige Hilfe. Denn wo Werkzeugentwicklung der konkreten Lebensqualität dient bzw. ebenso konkreten Problemen im Alltag entspringt, ist sie auch nahe am Leben der Menschen angesiedelt. Sie findet nicht in gesonderten, abgeschirmten Räumen, sondern dort statt, wo die Menschen auch ihren Alltag verbringen.

Im Laufe der sozialen Evolution entstanden Bedürfnisse, die sich als Entfremdungen deuten lassen und zumindest nicht mehr als primäres Ziel ein besseres Leben innehatten. Zentral sind Aufbau und Sicherung von Kontrolle und Steuerung (Herrschaft) sowie die Maximierung von Profit. Immer mehr wurden Werkzeuge für diese Zwecke entwickelt. Ihre Wirkung vergrößerte sich, wenn das Wissen und die Anwendungsmöglichkeiten nicht mehr allen, sondern nur noch den Privilegierten zur Verfügung standen, die damit Macht aufbauen oder Profite sammeln wollten. Vorteilhaft war dafür, die Werkzeugentwicklung aus dem Alltag heraus zu verlegen in die abgeschotteten Labore und Werkstätten der herrschenden Institutionen (z.B. des Staates) oder der Konzerne. Heute ist Werkzeugentwicklung und damit auch die Technik fast nur noch Sache von Staat und Wirtschaft. Wo in den Freiräumen der Privatheit, von Hobbies, Erfindertalent oder Verzweiflung noch Neues entsteht, wird es im Nachhinein aufgesogen von der großen Verwertungsmaschine und somit nicht nur dem Allgemeingebrauch entzogen, sondern auch der Weiterentwicklung durch potentiell alle.

Ziel emanzipatorischer Umgestaltung muss sein, Wissensmehrung und Werkzeugentwicklung dem Zugriff von Macht und Profit wieder zu entziehen und sie in den Dienst der Menschen, d.h. dem besseren Leben zu stellen. Dieses funktioniert aber weder per Dekret noch schönen Wünschen, sondern ist eine Frage der (zu erkämpfenden!) Rahmenbedingungen in einer Gesellschaft.


Rahmenbedingungen an das Ziel anpassen

Damit Technik (wieder?) den Menschen dient und die Werkzeugentwicklung das bessere Leben der Menschen zum Ziel hat (statt Macht und/oder Profit), braucht es einer anderer Kultur von Motiven, warum Menschen neue Ideen entwickeln, Probleme lösen und produktiv tätig sein wollen. Es ist Paradigmenwechsel – weg von der Orientierung auf die Rentabilität hin zu Funktionalität und praktischen Anwendbarkeit.

Ist der Profit das Ziel, so wird Technik auf Verkaufbarkeit, auf Umsatz, hohe Preise und auf Nachfrageerzeugung ausgerichtet sein. Das bedeutet Erzeugung künstlichen Mangels durch Vernichtung, Bewachung, Patente und Lizenzen usw. Es bedeutet die Nichtoffenlegung der Wissensressourcen, um Weiterentwicklung zu dann besseren Techniken zu verhindern. Zudem werden viel Energie und Zeit in Bewerbung, Kontrolle und mehr gesteckt, d.h. die eigentliche Entwicklungsarbeit verkümmert zu einem kleinen Teil der ganzen Aktivität. In diesem Sinne ist die oft gehörte Behauptung, Kapitalismus sei zwar brutal, unmenschlich, aber wenigstens effizient, ein Mythos. Ganz im Gegenteil: Im Kapitalismus werden enorme Ressourcen, menschliche wie solche aus der Umwelt, für nicht-produktive, zu großen Teilen sogar zu destruktive Ziele eingesetzt. Menschen, die im Wettbewerb des freien Marktes als FreiberuflerInnen oder Selbstständige bzw. als ArbeitnehmerInnen im Auftrag ihrer Firmenleitungen tätig sind, müssen unter den herrschenden Bedingungen produzieren, was Geld bringt. Ob es auch Nutzen bringt, ist völlig egal. Es ist nicht verboten und bei einer darauf aufbauenden Werbestrategie kann Nutzen auf Verkaufserfolge bringen, aber es ist nicht Selbstzweck.

Ein anderes Gesellschaftsmodell muss mit diesem Zwang zur ständigen Verwertung und Profitabilität brechen – konsequent. Mit gutem Zureden und leidenschaftlichen Appellen wird das nicht zu erreichen sein. Ganz im Gegenteil: Die schönen Ideen alternativen Wirtschaftens aus der Welle selbstverwalteter Betriebe vor einigen Jahrzehnten oder umweltfreundlicher Techniken als Ausfluss intensiver Umweltdebatten der 80er Jahre sind längst gnadenlos hineingesogen in die Verwertungsmaschinerie des Kapitalismus. Ob Bio-Tomate, Windrad oder klimafreundliches Reisen – alles ist zum Gegenstand der typischen Formen profitorientierten Wirtschaftens geworden: Konkurrenz, Akkumulation, Kostensenkung bei der Ausbeutung von Mensch und Natur. Selbst das dem Kapitalismus eigene Ausdehnen von Verwertungslogiken in immer neue Bereiche ist mit den Ideen alternativen Wirtschaftens kompatibel – der Zertifikatehandel mit Luftverschmutzungsrechten ist ein leuchtendes Beispiel dafür.

Als zentrale Bausteine des ewigen Verwertens lassen sich Eigentum, künstliche Beschränkung und Unterwerfung von Produktivkraft verorten. Werden diese Grundpfeiler gesellschaftlicher Organisierung entrissen, könnten sich viele Veränderungsmöglichkeiten ergeben. Technikentwicklung würde dann eine andere Richtung, weil sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen interessiert sind – und zwar von sich aus, nicht mehr aus dem Zwang zur Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung heraus. Weil sie ihr Wissen nicht von anderen abschotten können, ist jede Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen sich austauscht und verbreitet – was wiederum fördert, dass horizontale Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen. Wo aber die Verwertungslogik fehlt, kann einE ErfinderIn nur alles für sich behalten, Konstruktionspläne verbrennen oder was auch immer. Davon hat sie/er nichts. Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können. Es ist besser für jede Person, wenn sich jede andere Person auch voll entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.

Was herauskäme, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein besseres Leben. Und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr Profite. Statt großen, zentralen Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus Profitinteressen entstehen, wird es viele kleine, oft technisch sehr fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz, arbeitssparende und hoch-effiziente Entsorgung von Fäkalien und Abfällen usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf gezogen sind – warum sollte daran jemand Interesse haben?

Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität, daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance haben). Was wird entstehen? Schwebebahnen? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil: Die Produktivkraft wird extrem steigen, wenn die Menschen für ein besseres Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das bessere Leben auch genießen werden – sie werden viel produktiver, einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben, treibt die Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber ebenso zu viel Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch entfalten, weil ich das von ihnen Erschaffene nutzen, kopieren oder weiterentwickeln kann.


Zugang zu allem Wissen öffnen

Es klingt so ganz selbstverständlich: Wer eine gute Idee, etwas erfunden oder entdeckt hat, teilt das anderen Menschen mit, damit die von dem neuen Wissen ebenfalls profitieren können. Außerdem hilft das demjenigen, der etwas Neues formuliert, auch selbst, da dann andere wiederum an der Idee weiterfeilen können. So kann der ursprüngliche Ideengeber Weiterentwicklungen, Praxistests, Anregungen und mehr wieder in die eigene Gedankenwelt aufnehmen. Wenn alles Wissen offenliegt, ist es für die Menschen insgesamt und jedeN EinzelneN am besten.

Klingt logisch. Trotzdem wird es heute anders gemacht. Wissen und Erfindungen werden gehortet. Gewaltige (z.T. Wörtlich) Ressourcen gehen in die Abschirmung der neuen Erkenntnisse von der Allgemeinheit. Grund: Es soll nicht anderen Menschen und dann, wie gezeigt, auch wieder sich selbst geholfen, sondern Kasse gemacht werden. Das eigentlich Selbstverständliche wird damit ein nur mühselig zu erreichendes politisches Ziel. Denn die Verwertungslogik ist konstituierendes Element kapitalistischen Wirtschaftens. Alles muss einen Wert haben, um kauf- und verkaufbar zu sein – und damit auch akkumulierbar, worauf wirtschaftliche Macht und deren Konzentration beruht. Das geht nur dann, wenn es eine Art Eigentum am Wissen gibt – trickreich organisiert über Lizenzen, Copyright, Patente, Codierung und andere Konstrukte künstlicher Verwandlung von Wissen in Ware.

Emanzipatorische Technik ist immer offen und durchschaubar. Das ist allein schon notwendig, damit Menschen nicht hilflos einer Technik unterworfen werden, sondern immer die Wahl haben, ein Werkzeug nur zu nutzen oder es auch zu verstehen bzw. gar zu optimieren. Es dient aber auch dem emanzipatorischen Fortschritt, wenn alle Menschen mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Erfahrungen an der Weiterentwicklung mitwirken können. Das aber geht nur, wenn Wissen und Erfindungen offen durchschaubar und nutzbar sind. Ein gutes Vorbild für einen solchen Umgang mit Wissen ist die freie Software. Hier kann der Code von allen Menschen, die es wollen, angeschaut und weiterentwickelt werden. Die Praxis hat längst bewiesen, welche Produktivkraft so zur Entfaltung gebracht werden kann – auch ohne Millionensummen, die in kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen menschliche Ressourcen freisetzen.


Technik und Technikentwicklung ins Leben zurückholen

Technikentwicklung ist heute aus dem Alltag der Menschen und dem gesellschaftlichen Prozess weitgehend ausgelagert. Sie findet im Geheimen, in Labor der Universitäten oder Konzerne statt – regelmäßig außerhalb jeglicher Debatte. Die Ergebnisse werden wirtschaftlich verwertet, patentiert, verkauft oder vergessen. Es ist üblich, dass heute kaum jemand in einer Universität oder in einem Konzern noch weiß, was da eigentlich alles entwickelt wird – von den direkt Beteiligten einmal abgesehen. Eine solche Forschung kann kaum mehr einen Bezug haben zum konkreten Leben der Menschen, zu ihren Problemen, Bedürfnissen und Träumen. Technikentwicklung, die ein besseres Leben zum Ziel hat, braucht hingegen genau diese Impulse. Sie wäre also am besten auch mitten im Leben angesiedelt: Dort, wo Menschen ihre Ideen einbringen können, sich Wissen aneignen, mit entwickeln oder Debatten um neue Techniken führen können. Forschung und Entwicklung gehört mitten hinein in die Gesellschaft – statt abgeschotteter Labore in ständiger Hatz nach neuen Profitchancen wären Forschungszentren eher offene und gemeinsame Treffpunkte für TechnikfricklerInnen, Debattierclubs und mehr.

Das Internet bietet diese Lebensnähe nicht, auch wenn viele an der Legende mitstricken, das Virtuelle würde das Reale abbilden. Hier werden auch viele das Leben wieder neu begreifen müssen, die sich als alternativ bis anarchistisch wähnen, weil sie in den unendlichen Weiten des Datennetzes unterwegs sind. Dort wird vieles als offen oder gar als Keimzelle für eine neue Gesellschaft betrachtet, bloß weil theoretisch alle mitmachen könnten. Nur – das ist in den modernen Funktionseliten dieser Welt eigentlich überall so. Die Einstiegshürden sind zwar über unterschiedlich, aber prinzipiell sind die Sphären durchlässiger geworden mit der Tendenz, sich noch weiter zu öffnen. Allerdings muss, wer mitmischen will, die Verhaltenscodes der Eliten beherrschen und anwenden. Genau das gilt in der virtuellen Welt auch – einschließlich der typischerweise von Eliten gegenüber Nicht-Eliten verankerten Arroganz


Lern- und Anwendungsorte schaffen

Praktische Möglichkeiten, Forschung und Technikentwicklung ins Leben zurückzuholen, gibt es einige. Am wichtigsten wäre eine räumliche Zusammenlegung oder Nähe von Tüfteln und Basteln. Denn wo in der Anwendung Probleme entstehen, ist schnell der Wille da, Lösungen zu entwickeln. Erfindung und Praxis haben also viel miteinander zu tun. Dass sie auseinandergerissen sind in die Elfenbeintürme der fördermittelgetriebenen Labore, in die profitorientierten Produktionsstraßen und die zu KäuferInnen degradierten AnwenderInnen, ist ja gerade ein Teil des Problems. Aufträge für Forschung stammen aus den Finanzabteilungen, die Wünsche der KonsumentInnen landen immer häufiger bei Callcentern in fernen Ländern.

Eine herrschaftsfreie Utopie muss anders aussehen: Technik ist Werkzeug im Leben der Menschen. Sie dient also dazu, den Alltag besser zu gestalten – wobei der Alltagsbegriff hier weit auszulegen ist, denn der Mensch ist mehr als Atmen, Essen und Fortpflanzen. Er ist Genuss, Kommunikation, Kunst und Kultur, Ausdruck von Eigenart und Nacheifern der Weisen Anderer, Spiel und Spaß sowie sehr vieles mehr. Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen, diese zu erfüllen, treten in diesem Alltag auf. Eine Werkzeugentwicklung, zu der technischer Fortschritt gehört, jenseits von Profit- und Machtmaximierung erhält ihre Impulse aus dem Alltag. Es ist also vorteilhaft, wenn die Orte der Werkzeugentwicklung dort angesiedelt sind, wo Menschen leben und agieren – statt in den abgeschirmten Gängen der Universitäten oder den eingezäunten Hallen der Firmen. Ein Stück kann das „Herumschrauben“ an offener Software ein Vorbild sein – nicht für die Frage von Rohstoffgewinnung, die dort keine direkte Rolle spielt (die Nutzung der Hardware und des Stroms wird in der Open-Source-Community bemerkenswert nebensächlich behandelt), sondern hinsichtlich der direkten Vernetzung von Problemerzeugung und -lösung. So, wie sich dort Menschen mit Fragen melden und dann oft dort (z.B. in Foren, Chats usw.) Lösungen unbürokratisch einfach geschaffen werden, so ließe sich das Treiben auch in Werk- und Entwicklerhallen und -häusern überall im Land verteilt vorstellen.

All das kann sofort als räumlich begrenztes Experiment schon beginnen. Einige Versuche laufen bereits, z.B.

  • Die Häuser der Eigenarbeit, erstmals in München entstanden, sind Häuser, in denen Menschen technische Einrichtungen nutzen können, um an ihren Projekten zu arbeiten. Sie bezahlen dafür einen Eintrittspreis wie im Schwimmbad – und können dann das vorhandene Werkzeug, die Maschinen usw. nutzen (www.hei-muenchen.de).
  • Im Unperfekthaus, recht zentral in der Essener FußgängerInnenzone, ist auf mehreren Stockwerken eine beeindruckende Vielfalt von Kunst, ErfinderInnenwerkstätten und Aktionskultur entstand. Wer etwas Kreatives machen will, bekommt dort einen Raum. Bedingung: Mensch muss sich über die Schulter schauen lassen und Wissen weitergeben. Die BesucherInnen zahlen auch hier Eintritt (www.unperfekthaus.de).
  • Projektwerkstätten sind Anfang der 90er Jahre entstanden, um offene Aktionsplattformen für politische Aktionen und Projekte zu schaffen. Alles sollte allen zugänglich werden – und somit Schluss sein mit den Privilegien der Vorstände, Geschäftsstellen und Agenturen sozialer Bewegungen. Die bekannteste Projektwerkstatt liegt im kleinen Ort Saasen im Kreis Gießen (www.projektwerkstatt.de/saasen).

Diese und viele andere Beispiele sind Außenseiter in einer Welt von Fremdsteuerung. Sie sind sogar seltener geworden ab den 90er Jahren, als die Idee von Selbstorganisation und Autonomie zumindest in den Industrienationen immer mehr einer totalen Orientierung auf Lohnarbeit und den Einkauf der Leistungen anderer wich.


Der obige Text stammt aus dem neuen "Fragend-voran"-Heft zu Technik und Technikkritik. Dort finden sich viele weitere Abhandlungen und Debattenbeiträge. Es ist für 4 € unter www.aktionsversand.de.vu sowie im Buchhandel erhältlich.

Neu erschienen ist zudem die zweiter Auflage des "Fragend voran"-Heftes mit dem Titel "Herrschaftsfrei wirtschaften".