2011-02:Staudamm oder Leben!

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Staudamm oder leben!

Floh Ulrike Bürger verbrachte viel Zeit in Indien und lernte dort den Widerstand gegen Großstaudammprojekte intensiv kennen. In ihrem frisch erschienenen Buch „Staudamm oder Leben“ beschreibt sie die Auswirkungen der Staudämme auf die Menschen und die Natur, den Widerstand gegen die Staudämme und welche Entwicklungen er bei den Widerstandsleistenden hervorruft, und die Hintergründe der indischen Politik. Im Interview vermitteln sie und ein indischer Freund von ihr, Shankar Narayanan, weitere Hintergründe:


Dein Buch „Staudamm oder Leben“ handelt von Kämpfen Betroffener in Indien gegen Großstaudämme. Du selber warst vor Ort in zwei verschiedenen Regionen, in denen Widerstand gegen das Großstaudammprojekt geleistet wurde, und hast in den Dörfern mit verschiedenen AktivistInnen und Betroffenen gesprochen und deren Situation und Kämpfe dokumentiert. Kannst du kurz erzählen wie es überhaupt dazu kam, dass du eine Verbindung zu dieser Widerstandsbewegung bekommen hast? Was verbindet dich mit Indien, was mit Kämpfen gegen Staudämme?

Meinen ersten Aufenthalt in Indien hatte ich während eines Freiwilligen sozialen Jahres in Indien und habe dort über das Institut, in dem ich war, von verschiedenen Protestbewegungen in Indien erfahren. Unter anderem waren das die sehr kleine Anti-Atombewegung in Indien, gandhianische Gruppierungen und die Widerstandsbewegung Narmada Bacchao Andolan (Bewegung zur Rettung der Narmada, NBA). Ein älteres Ehepaar aus dem Dorf, welches ich damals besuchte, erzählte mir von dem riesigen Projekt, dessen Auswirkungen für die Bevölkerung vor Ort und die Natur und von der Widerstandsbewegung NBA. Diese hatte sich bereits 1988–89 am größten der Staudämme, dem Sardar Sarovar Staudamm, formiert und einen der Höhepunkte erlebt, als sich 1993 die Weltbank aufgrund heftiger Proteste aus dem Projekt zurückzog. Später habe ich von verschiedenen indischen Freunden und Bekannten von den Kämpfen gehört. Es ist einer der vielen Kämpfe in Indien (und weltweit) um Land, um Freiheit, um selbstbestimmtes Leben und um Naturräume.
In Indien ist es eines von vielen Industrialisierungsprojekten, bei denen der indischen Staat und die Wirtschaftseliten die Naturräume als bloße Lagerstätten von Ressourcen sehen, diese verwüsten und ausbeuten und jegliche Lebewesen, die sich darauf befinden, gewaltsam vertreiben und all das im Namen von „Entwicklung“.


Die Kämpfe, die du beschreibst, handeln einerseits gegen die generelle Zerstörung und Unsinnigkeit der Staudammprojekte und andererseits gegen die Vertreibung der Menschen aus den Dörfern, in denen sie leben und von den Feldern, die sie bewirtschaften. Wie ist das Verhältnis zwischen diesen beiden Motivationen und was bedeutet die Vertreibung für die Menschen konkret?

Die Bevölkerung im Narmadatal lebt schon seit Jahrtausenden in diesem Tal. Es sind vorwiegend Adivasi (indigene Bevölkerung von Indien), Dalits (Unberührbare der untersten Kaste laut hinduistischem Kastengesetz) und hinduistische, zum Teil wohlhabende, Kleinbauernfamilien. Die Heterogenität der Bevölkerung weist unterschiedliche Auswirkungen des Projektes und Motivationen für den Widerstand auf. Ich möchte von den Adivasi berichten: Die Adivasi führen einen weitestgehend subsistenten Lebensstil, eng verbunden mit der Natur. Sie leben von Früchten und Nüssen aus den Wäldern, stellen Medizin aus Pflanzen her, bewirtschaften kleine Felder zur Landwirtschaft und betreiben Viehzucht. Sie verwenden so viel, wie sie benötigen und lassen der Natur genug Raum, sich zu regenerieren und verstehen sich als Teil der Natur. Natur ist für sie gefüllt mit Leben. Deshalb ist die Abholzung der Wälder, die Enteignung ihres Landes und der gemeinschaftlich genutzten natürlichen Ressourcen, sowie die Umformung des Narmadatals in einen Wirtschaftsraum zur Ausbeutung von Strom und Wasserbedarf der indischen Mittelklasse und Eliten die Zerstörung ihres Lebensstiles und Verwüstung ihres Lebensraumes. Die Gewalt, welcher die Betroffenen ausgesetzt sind, ist enorm. Um ein Beispiel zu geben: Am Maan-Staudamm wurde das erste von 16 Dörfern 2002 gewaltsam geräumt, das Hab und Gut entwendet, Familien getrennt, Protestierende mit Schlagstöcken verletzt. Das alles, weil sie von ihrem Land für dieses Megaprojekt weichen sollten. Sie hatten weder Land noch ausreichend Bargeldentschädigungen bekommen. Und dazu hatte der Ministerpräsident des Bundeslandes noch sein Lob über die gelungene Entschädigungspolitik ausgesprochen! Mit dem Raub von Land und die Naturräume der Adivasi wird ihnen die Existenzgrundlage und die Basis für ihren subsitenten Lebensstil genommen, sowie ihre Verbindung zum Land ihrer Vorfahren gebrochen. Was ihnen bleibt, ist der Kampf ums Überleben, im Nachbardorf, in der nächstgrößeren Stadt in den Slums der Megacities, als eineR von zehntausenden StraßenfegerInnen der Mittelklasse, wo sie als „unterentwickelter, niedrigkastiger Abschaum“ behandelt werden und der Staat billigt ihnen nicht einmal die Würde zu, als Statistik in einem Buch auftauchen.


Wer von dieser Vertreibung nichts weiß, könnte meinen, Staudämme seien ökologisch und sozial sinnvolle Projekte, da sie Erneuerbare Energie liefern können und Wasser in trockenen Gebieten nutzbar machen können. Du zeigst in deinem Buch auf, dass im Gegenteil neue Abhängigkeiten durch diese Projekte entstehen und sie zum Ausbau der Kontrolle und Herrschaft führen. Kannst du erläutern, wie das funktioniert anhand der verschiedenen Typen von Staudämmen?

Mit dem Bau von Staudämmen soll Bewässerung für in erster Linie industrielle Landwirtschaft, Stromerzeugung, Wasserbereitstellung für die Industrie, Trinkwasserbelieferung oder Flutenregulierung bewerkstelligt werden. Ziel des Baus von Staudämmen ist außerdem, den Wasserlauf und die Wasserverteilung zu kontrollieren. Die Natur wird dominiert, kontrolliert und gelenkt. So ist es möglich, dass bestimmte Gruppen über Macht über natürliche Ressourcen verfügen und entscheiden, wer, wann und wieviel Wasser bekommt. Im Falle der Narmada-Staudämme wird Wasser kleinen BäuerInnen und indigenen Dörfern entzogen und für Industrie und ressourcenintensive Agrarwirtschaft in Unmengen verwendet oder in neuer Zeit auch für die Spaßbäder der Wohlhabenderer. Es findet hier laut NBA „eine Zentralisierung der Ressource Wasser der Bevölkerung in einige wenige Hände der nationalen und internationalen Kapitalisten“ statt. Des Weiteren wird durch die Staudämme eine optimale Ausbeutung der natürlichen Ressource Wasser sichergestellt. Ökosysteme werden in Produktionsmaschinen umgeformt und Staudämme zu Massenvernichtungswaffen (wie sie Arundhati Roy bezeichnet), mit denen die indigenen Gemeinschaften vertrieben werden, ethnische Gruppen vernichtet werden und ganze Wälder und Landstriche überschwemmt werden.
Großtechnische Anlagen, wie Wasserkraftwerke in diesen Dimensionen werden gebaut, um den verschwenderischen, ressourcenintensiven Lebensstil von „reichen“ Minderheiten zu den Ländern des Südens oder Industrieländern zu sichern. Auch Erneuerbare Energien sind dafür da. Auch für Erneuerbare Energien müssen Rohstoffe im Süden massenweise abgebaut werden, vor allem verschiedene Mineralien.


Nicht nur in Indien werden Großstaudämme gebaut. In den 80er-Jahren wurde die Unsinnigkeit von Großstaudämmen auch in der Entwicklungshilfe breiter thematisiert. Heute hört mensch wenig darüber. Werden heute weniger Großstaudämme gebaut?

In den meisten Industrieländern scheint die Ära des Baus großer Staudämme vorbei zu sein, vor allem wegen der häufig negativen Kosten-Nutzen-Bilanz und der ökologischen Auswirkungen oder weil die Möglichkeiten zum Staudammbau bereits ausgeschöpft sind. In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich die Aktivitäten der Staudammbauer zunehmend in die so genannten Entwicklungsländer verlagert. In Indien wurde im Zuge der Industrialisierungspoltik Nehrus und mit internationaler Hilfe bereits kurz nach der Unabhängigkeit eine große Anzahl an Großstaudämmen errichtet. Im Jahr 2000 sind es in Indien bereits 4500 große Staudämme und weltweit besitzt fast die Hälfte aller Flüsse mindestens einen Großstaudamm.
2007 wurde der weltweit größte Staudamm „Drei Schluchten Staudamm“ am Jangtsekiang (China) fertiggestellt und dafür 1,2 Millionen Menschen umgesiedelt. Aktuell gibt es große Widerstände gegen das größte Staudammprojekt Südamerikas „Belo Monte“ am Amazonas-Nebenfluss Xingu.


Was können Menschen in Europa tun, um Menschen in Indien oder auch weltweit in ihren konkreten Kämpfen gegen Großstaudämme zu unterstützen?

Natürlich geht es in erster Linie darum im speziellen hier bei uns, den luxuriösen, naturzerstörenden Lebensstil zu ändern, kritisches Bewusstsein zu stärken und gleichzeitig die staatlichen Repressionen vor Ort zu bekämpfen, die ein freiheitliches, anderes Leben verhindern wollen. Abgesehen davon ist die Solidarität mit WiderständlerInnen und der Austausch der verschiedenen Widerstandsbewegungen sehr bestärkend. Besonders wenn internationale Gelder und Verstrickungen bei den Projekten im Spiel sind, können Kampagnen in den jeweiligen Industrieländern gegen die Finanzinstitutionen wirken und Druck auf die Regierungen ausüben.


Shankar, kannst du uns einen Einblick in den Widerstand gegen industrielle Großprojekte geben?

Shankar Narayanan (übersetzt): Es gibt in ganz Indien Widerstand gegen nahezu jedes industrielle Projekt, einfach weil es das Leben der Betroffenen zerstört. Die Betroffenen sind größtenteils Adivasi-Gemeinschaften und Bauern- und Fischer-Gemeinschaften. Der Widerstand richtet sich gegen Minen, Stahl- und Aluminium-Fabriken, Staudämme, Heiz- und Atomkraftwerke, gegen Häfen, gegen Autobahnen, gegen Plantagen usw. Die meisten dieser destruktiven Industrieprojekte haben direkte Auswirkungen auf die Adivasi-Gemeinschaften. Diese industrielle Entwicklung ist ein Genozid an den Adivasi-Gemeinschaften, die eine Lebensweise haben, die tief mit dem natürlichen Rhythmus des Ökosystems verbunden ist, deren Teil sie sind. Sie haben keine Religionen und keinen Gott und bewegen sich außerhalb der staatlichen Strukturen und leben in egalitären Gemeinschaften, wenn sie ungestört von Zivilisation, Staatlichkeit und Kapitalismus sind. Die industrielle Entwicklung zerstört ihre Lebensweise und entwurzelt sie, verweist sie ins kapilistisch-industrielle System an einen Platz ganz unten zu den urbanen, arbeitenden, ausgebeuteten Klassen.
Es gibt keine ökologische industrielle Entwicklung. Das ist eine manipulative Einbildung der sich als „Grüne“ Bezeichnenden in den Industriegesellschaften des Westens. Das setzt koloniale Einstellungen voraus und sie stellen nur die „grüne“ Fraktion von „Kapital und Staat“ dar. Jede industrielle Entwicklung ist eine Kette von destruktiven Entwicklungen und die sogenannten zentralisierten Komplexe zur Produktion von Erneuerbaren Energien sind sehr wohl ein Teil dieser schädlichen, zerstörerischen industriellen Entwicklung. Jede Form von ökologischen und egälitärem Lebensstil erfordert die Überwindung aller staatlichen Institutionen, von Kapital, Markt und dem industriellen System als Ganzes.