2010-02:Interview Mainshill

Aus grünes blatt
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Unterschiedliche Vorstellungen von „Nachhaltigkeitsstrategien“

Interview mit einer Aktivistin gegen Kohleabbau in Schottland

Floh In Schottland, South Lanarkshire läuft bereits ein enormes Kohleabbauprogramm, von dem die Menschen in der gesamten Region stark beeinträchtigt werden, die Landschaft zerstört wird und das Klima sowieso. 3 neue Tagebaue in der Region werden nun zusätzlich beantragt. Aber auch der Widerstand in der Region ist beträchtlich. Ein Interview mit einer Aktivistin der neuen Waldbesetzung, des Happendon Wood Action Camp. Der Interviewpartnerin war es wichtig zu betonen, dass sie lediglich für sich selber spricht, und nicht das gesamte Camp vertreten kann.

Frage: Bereits vor einem Jahr haben wir im grünen blatt ein Interview, mit Aktivist_innen der Besetzung in Mainshill abgedruckt. Seitdem hat die Auseinandersetzung um den Kohleabbau in South Lanarkshire viele Aktionen, eine Räumung und eine Widerbesetzung gesehen. Könnt ihr kurz von dieser Zeit erzählen und einschätzen ob sich seitdem grundsätzlich etwas an der Gesamtsituation geändert hat?

Antwort: Das 'Mainshill Solidarity Camp' existierte 7 Monate – von Juni 2009 bis Januar 2010. In den letzten Monaten der Besetzung gab es viele Aktionen gegen die Rodungsarbeiten, die auf der Fläche begonnen hatten. Ab September gab es im Schnitt knapp 2 Aktionen pro Woche. Insgesamt gab es während der gesamten Besetzung über 30 Aktionen. Der Winter war sehr hart, mit Temperaturen, die unter minus 18 Grad fielen. Es gab viel Schnee, aber die Anwohner_innen waren unglaublich in ihrer Unterstützung und brachten Decken, Kleider und ganze Weihnachtstafeln für das Camp um alle aufzuwärmen. Ihre Unterstützung war unglaublich und ohne sie wären wir wohl nicht so lange geblieben wie wir sind. Sobald der Schnee im Januar zu schmelzen begann, tauchte das Räumungsteam auf und startete mit dem Räumungsprozess. Wir hatten Glück, dass wir gewarnt wurden über das Eintreffen des Räumungsteams, sodass wir wichtige Sachen (wie unseren Holzofen) vor der Räumung aus dem Camp schaffen konnten. Das 'national eviction team, ein privates Vollzugsunternehmen (Bailiefs), kam dann am Morgen des 25 Januars 2010. Es war sehr surreal den langen Konvoi des Vollzugsunternehmens zu sehen, in Begleitung von Polizeivans, die zum Tor von Mainshill hinauffuhren. Sie alle stürmten hinein und marschierten auf die Fläche. Direkt nahmen sie Leute fest, die Legal support machten, Presse- Polizei- oder Räumungsteamkontakt und sperrten sie in eine eingezäunte Wiese am Eingang des Camps. Die anderen Aktivist_innen waren bereit solange in den Baumhäusern auszuharren, wie es dauern würde. Die Räumung dauerte insgesamt 5 Tage und es gab 45 Festnahmen. Das war die größte Räumung (Festgenommene / Geräumte Leute) einer Flächenbesetzung in der UK seit der Räumung der Besetzung gegen die zweite Landebahn des Manchester Flughafens 1999. Das Räumungsteam hatte eine schwierige Aufgabe damit, die Aktivist_innen herunterzuholen die bis in die Baumgipfel kletterten um den Bailiefs so lange wie möglich zu entkommen. Die Bailiefs, die den Tunnel räumten, hatten eine neue Taktik und arbeiteten in 2 Schichten Tag und Nacht. So konnten sie den Tunnel viel schneller räumen, als in vorherigen Räumungen. Als am dritten Tag der Räumung die Nachricht, dass ein einzelner Aktivist durch eine Ankettaktionden den Ravenstruther Kohle-Verladekran für einen ganzen Tag blockierte, die Kletternden in den Baumgipfeln erreichte, konnte ein lauter Freudensschrei im Wind gehört werden. Die Räumung dauerte lange und war ermüdend, aber wir lieferten einen guten Kampf und lernten viel, was wir hoffentlich in der Zukunft abrufen können. Wir erstellten eine Broschüre über das Solidarity Camp, die auf unserer Webseite runtergeladen werden kann: http://coalactionscotland.org.uk/?page_id=1755 Es war gut das zu machen. Das gab uns Zeit zu reflektieren und viel über die ganzen Erfahrungen zu reden und half uns das Trauma zu bearbeiten, den Ort an dem wir zusammen mit den Tieren und der Natur lebten zerstört zu sehen. Nach der Räumung nahmen wir uns einige Zeit zum Erholen. Es machte uns traurig und wütend den Ort komplett aufgerissen zu sehen. Was einst eine schöne und artenreiche Waldlandschaft war, wurde nun verwandelt in einen funktionierenden Tagebau. Große schwarze Löcher und überall Kohlen-staub. Aber wir waren entschlossen mit den Anwohner_innen weiterzuarbeiten, die uns soviel unterstützt haben, und in der Gegend zu bleiben. Im Douglas Valley, wo Scottish Coal soviele bestehende und geplante Projekte hat. Im April wurden Maschinen sabotiert und am 12. September 2010 wurde erneut eine Fläche besetzt und das Happendon Wood Action Camp (THWAC) errichtet. Und zwar auf einer Fläche, die SRG Estates gehört (welche Teil des gleichen Unternehmens ist wie Scottish Coal) und auf welcher eine gemischte Nutzung geplant war. Aber wir haben allen Grund zur Annahme, dass Scottish Coal auf der Fläche zuerst die Kohle abbaggern wird, bevor sie industrielle Gebäude errichten. Die Idee des Camps ist es eine Basis im Douglas Valley zu haben, wo wir uns organisieren können und von der aus wir Aktionen starten können. Wir wollen, dass Bezugsgruppen von überall her in das Camp kommen und Aktionen machen und sich mit den lokalen Gemeinden vernetzten und eine Verteidigung des Camps ausarbeiten. Es gibt viel zu tun! Seit das Happendon Wood Action Camp besetzt wurde, gab es 8 Aktionen. Maschinen wurden sabotiert, die Tore des Mainshill' Tagebaus wurden blockiert, Bagger wurden gestoppt, und der Ravenstruther Verladebahnhof wurde zum vierten Mal lahmgelegt. Bisher hatten wir 2 mal Aktionstage.

Frage: In den letzten Wochen hat Scottish Coal die Planung weiterer Tagebaue bekannt gegeben. Hat sich die Stimmung seitdem geändert? Herrscht eher niedergeschlagenheit, oder ein Gefühl: „Jetzt erst recht“?

Antwort: Die neuen Projekte die Scottisch Coal angehen will bedeuten eine enorme Herausforderung für unsere Kampagne. Dennoch eröffnen sie für uns riesige Chancen. Scottish Coal hat die Vor-Beantragungen für 3 weitere Tagebaue kürzlich eingereicht. Diese Pläne sind Teil von Scottish Coals „Nachhaltigkeitsstrategie“. Diese beinhaltet 3 Minen die insgesamt 5,4 Millionen Tonnen Kohle erzeugen die zur Stromerzeugung verbrannt werden. Und das in einer Gegend, in der bereits 5 Kohletagebaue in Betrieb sind. Die offiziellen Anträge für die Minen werden Anfang 2011 gestellt werden. Scottish Coal hat Vor-Beantragungs Beratungs-Events in den lokalen Gemeinden veranstaltet, was bedeutet, dass sie in der Beantragung schreiben können, dass sie die Gemeinden mit einbezogen haben in die Planung. Diese Events wurden gut besucht von wütenden Widerständler_innen die Scottish Coal deutlich mitteilten was sie von ihren Plänen halten. Wir glauben, dass diese Pläne eine beängstigende Heraus-forderung für uns bedeuten. Sie zeigen aber auch, dass unser Widerstand erfolgreich ist. Scottish Coal hat das Douglas Valley identifiziert als einen Ort an dem mit sehr viel Widerstand zu rechnen ist. Wir haben das Gefühl, dass die neuen Anträge eine 'smash and grab-' Taktik ist, zerstören und zugreifen. Der Versuch soviel wie möglich auf einmal zu bekommen, weil sie wissen, dass die Anwohner_innen und die THWAC Camper_innen dauerhaft Schwierigkeiten machen werden. Diese Pläne haben die Bewohner_innen ziemlich aufgebracht. Das geographische Ausmaß der Pläne bedeutet, dass alle Menschen im Douglas Valley betroffen sein werden. Die Leute können nicht mehr länger nur gegen die Mine vor der eigenen Haustür argumentieren: Sie werden umzingelt sein von Minen, wenn diese Pläne umgesetzt werden. Die Leute von vor Ort fangen an sich solidarisch zu organisieren, und bereiten einen gemeinsamen Kampf gegen Scottish Coal vor. Seit der Veröffentlichung von Scottish Coal's „Nachhaltigkeitsstrategie“ hat sich eine neue Widerstandsgruppe gegründet, die Leute aus den verschiedenen Dörfern, bei den verschiedenen Minen zusammenbringt. Sie nennt sich STOP!: Stop the opencast plans. Sie organisieren eilig öffentliche Treffen im Dezember, um den Widerstand gegen die Pläne zu versammeln. Coal Action Scotland war sehr erfreut darüber, dass eine Kampange die wir unterstützen, die Kampange gegen den Airfield Tagebau in East Lothian, nahe Edinburgh kürzlich einen großen Erfolg hatte. Die Behörden haben Scottish Coal's Pläne abgelehnt über 2 Millionen Tonnen Kohle dort zu fördern. Wir hoffen von diesem Erfolg zu lernen, und Fähigkeiten und Erfahrunge zu teilen zwischen den lokalen Aktiven an beiden Standorten.

Frage: Hat sich im Vergleich zur Besetzung in Mainshill etwas an eurer Stärke geändert? Wie groß ist die Anzahl der Leute im Camp? Wie groß ist eure Aktionsfähigkeit? Wie groß ist die Unterstützung der Anwohner_innen? Gibt es welche die sich komplett in die Besetzung einbringen? Gibt es Konflikte mit den Anwohner_innen?

Antwort: Das Camp hat eine ähnliche Größe im Bezug auf die Anzahl der Aktiven. Die Verteidigung ist weniger ausgiebig, da wir unsere Auswirkungen auf den Wald hier minimieren wollen, da es ein Gebiet mit viel Biodiversität und ausgiebigem Unterholz ist. Es gibt immer viel zu tun auf einer Besetzung im Winter. Um warm zu bleiben muss Holz gesammelt werden, und der Holzofen gefüttert werden, und die Campinfrastruktur aufgebaut und erhalten werden. Und dann müssen natürlich Aktionen gemacht werden, andere Leute müssen unterstützt werde, die kommen um Aktionen zu machen. Wir versuchen auch, uns an der STOP! Gruppe zu beteiligen. Gerade verteilen wir 5000 Flyer in allen nahe gelegenen Dörfern für das öffentliche Treffen. Jetzt schneit es wieder und die Anwohner_innen sind unterstützungsfreudig wie immer. Wir haben Baumaterial, Kleider und Essen gespen-det bekommen, und wir kriegen unser Wasser von einem unter-stützendem Widerständler in der gleichen Straße. Die Lokalen tendieren nicht dazu auf der Besetzung zu bleiben. Aber sie besuchen uns regelmäßig, oft mit ihren Familien. Sie kommen auf eine Tasse Tee und diskutieren die Neuigkeiten über Scottish Coal und den Widerstand. Wir sind glücklich, dass es keine Konflikte zwischen den Besetzer_innen und den Anwohner_innen gab. Niemand will dass Scottish Coals Pläne umgesetzt werden, und wir haben festgestellt, dass fast alle in der Gegend unsere Kampagne unterstützen.

Frage: Auf Indymedia-scottland habe ich gelesen, dass es im Rahmen des `climat camps´ in Edingburgh Konflikte gab zwischen Aktivist_innen aus den climat camp Zusammenhängen und Anti-Kohle Aktivist_innen aus Schottland. Könnt ihr etwas darüber erzählen?

Antwort: Ich würde sagen Konflikt ist zuviel gesagt. Es gibt aber politische Differenzen zwischen Anti-Kohle Aktiven in Schottland und einigen aus dem `climat camp´ Prozess. Die Entscheidung dass das `climat camp´ in Edingburgh stattfinden soll wurde auf einem Treffen in England getroffen, ohne Leute mit einzubeziehen, die bereits in Schottland aktiv sind. Es wurde entschieden sich auf die `royal bank of scottland´ zu fokus-sieren, ohne darüber nachzudenken wieweit das mit lokalen Kämpfen und bereits existierenden Kampagnen, in Edingburgh oder allgemein in Schottland, zusammenwirken könnte. Viele Leute die nun in Anti-Kohle Kämpfen in Schottland aktiv sind und am `climat camp´ teilgenommen hatten, sehen nun Kritik an `climat camps´: Sie sind zu kurzatmig, fokussieren sich auf ein großes Thema für eine Woche und verschwinden dann für den Rest des Jahres. Die Kampagne im Douglas Valley versucht bewusst konstant an einem Ort zu bleiben und eng mit den Menschen die dort leben zusammen zu arbeiten und zusammen zu kämpfen, mit einem langen Atem. Das `climat camp´ hat sicherlich eine Notwendigkeit und ist ein wichtiges Event um Menschen zu involvieren in direkte Aktionen. Es kann bestimmt auch eine radikalisierende Erfahrung für Menschen sein. Dieses Jahr gab es auch einige gute Aktionen. Abgesehen von den politischen Differenzen arbeiteten wir diesen Sommer effektiv mit dem climat camp zusammen und organisierten eine Radtour und eine Führung für Leute von dem Camp nach Airfield, dem Ort wo die Kampagne gegen einen Tagebau kürzlich den Sieg davon tragen konnte. Es war gut für die Kampange von so vielen climat campers gepusht zu werden, und es war gut für die climat campers in Kontakt mit einer Gemeinde zu kommen, die unter direkter Bedrohung von umweltzerstörerischen Investitionen der Banken steht. Es ist die Arbeit auf diesem graßwurzelebene mit den Gemeinden von der ich denke, dass sie am aller effektivsten ist. Wir werden sehen!