2010-02:Interview-Knast

Aus grünes blatt
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„Ich habe immer noch keinen Respekt für dieses politische System“

Genfeldbefreierin sitzt 5 Tage im Gefängnis, weil sie vor Gericht nicht aufstehen wollte.

floh Die Umweltaktivistin Sarah wurde zu einer Ordnungsstrafe verurteilt, nachdem sie sich in einem Prozess um eine Genfeldbefreiung im Landkreis Kitzingen im Sommer 2008 nicht vor dem Richter erheben wollte. Sie hat sich entschieden, ihre Strafe im Oktober 2010 im Gefängnis abzusitzen, anstatt 500 Euro Ordnungsgeld zu zahlen. Ein Prozesszuschauer, der ebenfalls sitzen geblieben war, ging dafür 3 Tage in den Knast.

Sarah, welche Gründe haben dich dazu bewogen, deine Strafe im Knast abzusitzen?

Dieses Aufstehen vor Gericht ist eine reine Demutsgeste – und durch eine Strafandrohung sollte ich dazu gezwungen werden, Respekt vor einem Richter zu zeigen, der keinen Respekt vor meinem Leben in Freiheit hat. Indem ich sitzen geblieben bin – und dafür dann 5 Tage sitzen musste – habe ich Richter Betz gezeigt: Er kann mich einsperren und mir die Freiheit nehmen, aber Respekt vor diesem politischen System habe ich immer noch nicht.
Ein guter Nebeneffekt war, dass ich kein Geld an diesen Staat gezahlt habe, mit dem dieses Unrechtssystem finanziert wird. Und ich wollte skandalisieren, dass Menschen in diesem Land sehr wohl auch dafür im Knast sitzen, weil sie ihre Meinung gesagt haben. Am gleichen Tag ist übrigens jemand für 2 Tage in den Bau gegangen, weil er als Zuschauer in einem Prozess um ein Tierversuchslabor seine Füße auf die Ballestrade gelegt hatte.

Willst du kurz deine Erfahrungen aus dem Knast erzählen? Wie erging es dir? Wie waren die Haftbedingungen?

Als politische Gefangene hast du noch gewisse Privilegien, also häufig ein starkes politisches Umfeld, Geld, um dich rauszuholen, Medieninteresse, die meisten sprechen Deutsch und verstehen Gesetzestexte – all das fehlt den meisten Gefangenen in den Knästen. Ich fand auch nur fünf Tage hart – im Knast wird dafür gesorgt, dass du am Leben bleibst, deine Grundbedürfnisse versorgt werden, aber es ist ein entmenschlichender Betrieb, in dem du zu funktionieren hast. Nur: Was sind 5 Tage? Meine Zellenmitbewohnerin hat während meiner Zeit dort einen Brief bekommen, dass sie noch weitere 6 Monate bleiben muss. Ich habe dort viele traurige Schicksale gesehen. Knäste zerstören Existenzen.

Hast du irgendwelche Schlüsse aus der Zeit gezogen? Wie beeinflusst die Haft deine politische Zukunft? Würdest du dich wieder an einer öffentlichen Feldbefreiung beteiligen?

Der Einblick in die Lebenswelt Gefängnis festigt mich in meiner Anti-Knast-Arbeit. Knast löst unsere sozialen und gesellschaftlichen Probleme nicht, er verstärkt sie: Menschen aus ihrem Umfeld reißen, ihre Zukunft verbauen, sie mit anderen Menschen mit massiven Problemen hinter hohe, graue Mauern stecken – wie soll das etwas verbessern, „resozialisieren“? Knäste schaffen Gewalt – damit eine Gesellschaft weniger gewalttätig wird, ist ein erster Schritt, die Gefängnistore zu öffnen!
Ob ich wieder an einer Feldbefreiung teilnehme? Ich glaube, dass der Staat immer Wege finden wird, politisch unliebsame Menschen wegzusperren, unabhängig davon, ob sie Gesetze brechen oder nicht – und auch das passiert zur Zeit weltweit. Nur die Mittel demokratischer Teilhabe zu nutzen, heißt häufig zuzuschauen, wie unsere Umwelt zerstört wird. Aber: Man kann Genfelder auch nachts kaputtmachen, wenn keine zuschaut.

Gefangenen in den Knast schreiben: www.nothilfe-birgitta-wolf.de