2010-02:Gut gemeint reicht nicht mehr

Aus grünes blatt
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Carrot Mob Aktion
Gratulation zum "grünen Unternehmen"
Aufruf zur Carrot Mob Aktion

Warum der bürgerliche Klimaaktivismus vom eifrigen Teil der Konsumbewegung, in Form beispielsweise eines „Carrot Mobs“, noch lange nicht zum Klimaschutz beiträgt, sondern die Durchsetzbarkeit von klimazerstörerischen Strukturen diskursiv stärkt.

Das Klima wird heiß. Das erste Halbjahr 2010 war mal wieder das heißeste aller Zeiten. Naja, zumindest seit der Wetteraufzeichnung. Zum Glück gibt es nun Menschen, die etwas dagegen unternehmen. So setzt sich zum Beispiel Vattenfall mit der Kampagne: „Making Electricity Clean“ für saubere Energie ein, die Fraport setzt sich für den lokalen Umwelt- und Biodiversitätsschutz ein und ganz an der Spitze steht natürlich BP, welches sich in „Beyond Petroleum“ umbenannte und sich für eine Energieversorgung ohne Erdöl einsetzt, also gewissermaßen das Erdöl hinter sich lassen will.
Natürlich ist es schwer, das Vertrauen der BürgerInnen für solche Umweltschutzabsichten zu gewinnen, sind doch Vorurteile allgegenwärtig, dass es den Konzernen nur um das eigene Geld ginge. Längst hat sich das verändert und die Konzerne haben ihre globale Verantwortung erkannt. Schade ist, dass das bei den Leuten noch nicht angekommen ist. Denn so müssen die Konzerne viel Geld für Kampagnen ausgeben, die das benötigte Vertrauen der Bürger gewinnen sollen. Und es bleibt weniger Geld für den Klimaschutz selbst übrig. Besserung schaffen wollen nun umweltbewegte AktivistInnen. Um das Vertrauen in das Engagement von Konzernen zu stärken, inszenieren sie, unter dem Namen Carrot Mob, einen Wettbewerb darum, welches Unternehmen das umweltfreundlichste sei oder genauer, welches verspricht am meisten Geld in Umweltschutzmaßnahmen zu stecken. Dieses Unternehmen wird dann „belohnt“ durch massenhaftes, kollektives Einkaufen des Carrot Mobs. In der aktuellen Mobilisierung, an der sich unter anderem Greenpeace beteiligt, geht es darum, welcher Supermarkt am meisten Prozent des Einkommens in ökologische Kühlanlagen steckt. Auch wenn, zugegebenermaßen, der ökologische Effekt daraus nicht bahnbrechend ist um das Klimachaos zu verhindern, ist es ein wichtiges Zeichen, welches dadurch ausgesendet wird: „Wir sitzen doch alle im gleichen Boot. Deshalb müssen und werden wir als VerbraucherInnen gemeinsam mit den Unternehmen für eine ökologische Produktion kämpfen.“

Stopp! Genug Realsatire. Natürlich lässt sich der Klimawandel nicht verhindern, indem mensch den Bock zum Gärtner macht, also den Kapitalismus und seine AkteurInnen zu potentiellen KlimaschützerInnen. Auf diese Idee können wohl auch nur Kapitalismus-Analyse-ferne Schichten wie das deutsche Bildungsbürgertum und die daraus entspringende Konsum-Bewegung der Lohas („Lifestyle of Health and Sustainibility”) kommen. Natürlich geschieht dies in Zusammenarbeit mit Greenpeace, für die die Verbrauchermacht schon die emanzipatorischere Schiene der propagierten Lösungsansätze darstellt, wo sie ansonsten auch schonmal von einer ökologischen Weltführerschaft träumt: „Politicans talk, Leaders act.“

Wo es schon in der Theorie einleuchtend erscheint, dass ein auf Wertverwertung und Konkurrenz basierendes globalisiertes Wirtschaftssystem durch seine inneren Logiken selbst bei bestem Willen (den ich allerdings nicht unterstellen will) gar nicht anders kann als die letzten Umweltressourcen in immer schneller werdendem Tempo auszubeuten, beweist die Realität das jeden Tag aufs Neue.
So werden trotz weltweiter Besorgnis die letzten Regenwälder gerodet, trotz Widerstand die genmanipulierte Verseuchung in Kauf genommen oder bewusst gewollt und trotz dem Wissen um den suizidalen Effekt die Verbrennung von fossilen Energien erhöht. Dass, im bürgerlichen Diskurs, das alles auf dem angeblich egoistischen Charakter der Menschen bzw. gleich „der menschlichen Natur“ zurückgeführt wird, ist die Spitze des Eisberges – welcher leider nur außerhalb dieses Vergleiches am schmilzen ist.

Zwar ist es in der Theorie möglich die (Umwelt-)zerstörerischen Auswirkungen der kapitalistischen Logik durch staatliche Eingriffe graduell zu mindern, doch erstens ist das eben nur graduell möglich, da die zerstörerische Potenz in der Grundlogik des Kapitalismus liegt, welche eine Produktion von menschlichen Bedürfnissen entkoppelt, und zweitens bestätigt auch hier die Realität wiederum die Theorie, dass Staaten nicht außerhalb einer kapitalistischen Logik angesiedelt sind, sondern als „ideelle Gesamtkapitalisten“ mittendrin im Strudel dieser Logik stecken und so zum Beispiel die Nationalökonomie in Konkurrenz zu anderen solchen umsorgen müssen.

Ein Staat, welcher einfach so harte Umweltgesetze einführt oder bei internationalen Verhandlungen nicht positive (also negative) Ausnahmen für die eigene Nationalökonomie will, handelt etwa so, wie ein/e Besitzer/in eines Hotels auf der Schlossallee, im tollen Gesellschaftsspiel Monopoly, welche/r dieses für PassantInnen kostenlos zur Verfügung stellt, um vielleicht im Gegenzug dafür die Bahnhöfe der anderen kostenfrei nutzen zu können oder eine „Komme aus dem Gefängnis frei“-Karte bei Bedarf geschenkt zu bekommen. Was aus menschlicher Sicht Sinn machen mag, ist einfach nicht der Sinn des Spiels. Und in dessen erbitterter Konkurrenz wird wohl nicht einmal eine/r der SpielerInnen auf die Idee kommen, dass außerhalb dieser Konkurrenz eine viel sinnigere Logik liegen mag.

Da dieser Vergleich im Prinzip genauso auf die Akteure kleinkapitalistischer oder mittelständischer Unternehmen zutrifft wie beim Groß- und Aktienkapital auf staatliche Interessen, wird klar, dass jede Form bürgerlicher Utopie, welche das Heil wahlweise in staatlicher Regulation, kleinkapitalistischen Strukturen oder dem Druck der guten Verbrauchermacht sucht, gleichermaßen verkürzt ist, da das alles nur verschiedene Spielarten einer blutigen Kapitalistischen Logik sind.
Das alles einmal ganz davon abgesehen, dass ich weder die Aussicht auf eine Ökodiktatur, noch die Entfremdung und die Unzugänglichkeit zum gesellschaftlichen Reichtum, auch einer angeblich möglichen Öko-Marktwirtschaft, erfreulich finde oder gar einem Prinzip von freien Menschen in freien Vereinbarungen vorziehen würde, welche zwangsläufig mit jeder kapitalistischen Logik brechen muss (sowie mit vielen anderen ebenfalls).

Von alledem wollen unser Karottenmob und sonstige VertreterInnen des bürgerlichen Umweltschutzes nichts wissen. Ob durch die Verblendung durch den bürgerlichen Diskurs oder aus Angst vor der eigenen Macht, welche im Bruch mit systemkonformen Lösungen zu finden wäre, erbringen sie das, was eben diese Scheinlösungen am dringendsten benötigen: Die Reproduktion genau dieses bürgerlichen Diskurses. So führt ein unterstellter guter Wille genau zur Verhinderung der eigenen Ziele.

Denn irgendwie für einen Klima- oder Umweltschutz zu sein, ist heute überhaupt keine Aussage mehr, das sind Vattenfall und BP genauso wie Frau Merkel und die Bild-Zeitung. Der Begriff ist in etwa so aussagekräftig wie Gerechtigkeit oder Freiheit. Jede/r versucht diese Begriffe für sich und die eigene Ideologie zu vereinnahmen. So ist es dann auch nicht ein erster Schritt wenn Menschen sich „irgendwie für das Klima einsetzen“ ‒ bzw. schon, aber in die falsche Richtung. Denn kapitalistische AkteurInnen, egal ob Manager oder Politiker, sind darauf angewiesen zu suggerieren, sie hätten Lösungen gegen die bevorstehende Klimakatastrophe. Ansonsten ist die Durchsetzbarkeit kapitalistischer Herrschaft schnell gefährdet. Denn nicht zu vergessen ist, dass vielerorts auf der Welt der Klimawandel bereits die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört. Wenn sich, wie das aktuell der Fall ist, andeutet, dass der globalisierte Kapitalismus, samt seiner nationalen Regime, nichtmal im Ansatz eine Lösung findet, ja nichtmal etwas, das als solche verkauft werden könnte, ist die Möglichkeit gegeben, dass das Vertrauen auf breiter Ebene verloren geht und Widerstand entsteht.


Was im glücklichsten Fall zur Überwindung der Herrschaft der falschen Lösungen führen würde und im schlechtesten dazu, dass oben genannte etwas ernsthaftere Anstrengungen machen, etwas zu finden, dass sie als Lösungen verkaufen können. Legitimatorische Aktionen, wie die der Carrot Mobs, bilden den Kitt, welcher den gesellschaftlichen Diskurs zusammenhält und einen Nährboden für die Greenwashing-Kampangen der Unternehmen bildet.
Es gibt also 2 Arten von Klimaschutzaktivitäten: Jene, die den Boden für die Klimazerstörung ebnen (so paradox das klingen mag), durchgeführt von einem breiten Bündnis bürgerlicher UmweltschützerInnen und AkteurInnen der bestehenden Verhältnisse und jene, die potentiell umweltschützend sein können, indem sie durch eine theoretische Kritik den kapitalistischen Normalzustand angreifen, durch Utopien aufzeigen, was an Alternativen möglich wäre und durch direkte Aktionen auf eine utopische Umgangsweise dem kapitalistischen Alltag Steine in den Weg legen.

Zwar gibt es nicht nur schwarz und weiß, sondern ebenfalls viele Graustufen. Dennoch sollte sich jede/r der/die das Klima und die Umwelt ernsthaft retten will sich fragen, ob mensch Teil des Problems oder Teil der Lösung sein will. Denn Feuer kann nicht mit Feuer bekämpft werden.