2010-02:Briefe aus dem Knast

Aus grünes blatt
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Abwechselung macht klug

Bericht vom 26.11.2010

Der Tapetenwechsel von der Projektwerkstatt in den Knast hat ja so einiges Gutes. Er desillusioniert. Nicht hinsichtlich dem Unsinn, der hinter Strafe und Knast steckt, denn der war auch vorher klar (www.welt-ohne-strafe.de.vu). Sondern dass besser sein könnte, was mensch nicht kennt. So lese ich im Knast andere Zeitungen und Zeitschriften. An was ich mich bei den bisherigen schon gewöhnt hatte, ist jetzt also ein neues Erleben – zwar der alten Logiken, aber in neuen Schläuchen. Täglich die Süddeutsche Zeitung. Heribert Prantl arbeitet da – ein Name, der auch in politischen Zusammenhängen immer wieder auftaucht und dort viel Ansehen genießt. Ja in der Tat: Er mischt sich ein in Organisierungsdebatten. Aber wie – ekliger geht es kaum, aber erinnert doch nur an FR, Junge Welt und die, die ich kenne. Prantl will Protest, aber halt den bürgerlichen, wohlorganisierten, hierarchischen, pro-staatlichen. So wie er und die SZ halt selbst tickt. Als der Castor rollte, forderte Prantl in der SZ dazu auf, die Schotterer auszugrenzen. Sowas dürfe nicht Teil von Protest sein, es sei schließlich illegal. Nun sind die Schotterer ja eine ganz coole Kampagne gewesen, aber die meisten Kriterien, die die SZ gut findet, erfüllten sie: Hierarchisch, von Bewegungseliten mit Hegemonialanspruch und Kontrolle geführt. Gleichzeitig hob die SZ Jochen Stay auf den Schild des legitimen Bewegungsführers, dem der Aufschwung im Protest zu verdanken ist. Gestern hat Prantl wieder zugeschlagen. In seinem Kommentar zur Bestätigung des Gentechnikgesetzes vor dem Verfassungsgericht heißt es gleich zu Beginn: “Die große Freiheit auf den deutschen Äckern wird es nicht geben. Monsanto, der weltgrößte genmanipulierende Sämann, ist vom Bundesverfassungsgericht gestoppt worden”. So viel Blödheit muss mensch erstmal in zwei Sätze reinkriegen. Der erste Teil ist den peinlichen Bewegungseliten aber auch passiert. Kaum klagte das Land Sachsen-Anhalt gegen das Gentechnikgesetz, begannen NGOs und auch einige Initiativen, den Angriff zwecks weiterer Verschlechterung nicht nur abzuwehren, sondern das bisherige Gesetz – vorher noch als ungenügend kritisiert – zu loben. Insofern ist durchaus fraglich, ob nicht die Gentechniklobby doch gewonnen hat: Nämlich wenn ihr Ziel war, ein ungenügendes Gesetz zu festigen. Die Blödheit der NGOs und vieler Initiativen war nämlich wieder groß genug, sich strategisch verwirren zu lassen in der blinden Jagd nach Presseaufmerksamkeit und Spendengeldern. Nun klingt es plötzlich so, als wäre dank Bundesverfassungsgericht die Lage doch ziemlich gut. Wunderbar, setzen wir uns also zur Ruhe. Aber nicht vergessen, BUND und Greenpeace noch Geld zu überweisen, damit sich das Ganze für die auch gelohnt hat. Klar: Koexistenz funktioniert immer noch nicht, die Bienen sind im Gesetz gar nicht berücksichtigt, Freisetzungen werden durchgewunken und müssen sich auch vom § 16 des Gesetzes her gar nicht an die Koexistenz halten. Aber wen interessiert das noch? Falls es nicht genug beruhigt, könnte mensch auch noch bei den zahlreichen Unterschriftensammlungen teilnehmen, die ohnehin nie abgegeben werden, aber den dahinterstehenden Organisationen einen ordentlichen Adressenpool verschaffen. Der ist wichtig – es geht um Spenden und Mitglieder in diesem Land. Auch politischer Protest ist kapitalistisch organisiert!

Woher aber nimmt Prantl die zweite Information seines Kommentars – nämlich dass das BVerfG Monsanto gestoppt hätte. Hatte nicht das Land Sachsen-Anhalt geklagt, also das Land wo (neben dem Raum Rostock) die ganzen Zentren der Agro-Gentechnik liegen vom IPK in Gatersleben mit seinen BioParks und der BASF-Firma SunGene. Dem Julius-Kühn-Institut, welches von Quedlinburg aus – egal ob unter Aigner, Seehofer oder Künsast, die die ChefInnen des JKI waren – Genfelder anlegt und vor allem für hohe Grenzwerte eintritt. Dem Firmensitz mit Feldern der Firma KWS in Dreileben. Und natürlich der absurden BioTechFarm, die den Schaugarten Üplingen betreibt. Gut – da stehen auch Pflanzen von Monsanto, aber ansonsten ist von dem Konzern wenig zu sehen. Doch der echte Deutsche, den Prantl hier gibt, hasst die amerikanische Konkurrenz. So wie Aigner & Co. MON-810 verbieten und die Amflora in den Koalitionsvertrag hieven. Wie Till Backhaus in Mecklenburg-Vorpommern auf die BASF-Kartoffel schimpft und seine Lüsewitzer Gentechnik toll fand. Das sind alles peinliche Standortpolitiker. Prantl auch. Dass solche Leute bei Attac & Co. gehypt werden, sagt etwas über die NGO-Landschaft aus: Die Anerkennung in bürgerlichen Kreisen, die sich im Spendenaufkommen ausdrückt, ist wichtiger als die Qualität der Inhalte.

Dann bekomme ich die Zeitung “Lebendige Erde” aus der Ecke anthroposophischer Landwirtschaft. Die ganzen Hinweise zu rechtsdrehenden Mondstrahlen mit Breitbandanschluss ans morphogenetische Feld hatte ich ja erwartet. Aber die völlig ungeschminkte Strategie zur Preispolitik zu lesen, war doch interessant. Also: Demeter-Produkte müssen teurer sein als andere, weil durch den höheren Preis die Menschen denken, dass die Ware auch wertvoller ist. Steht da so. War mir ja schon lange klar – und als Containerer profitiere ich ja auch davon, dass Bioprodukte bei Überangebot nicht herabgesetzt, sondern weggeworfen werden. Aber das so offen zu schreiben, fand ich doch nicht schlecht.

Mehr Beispiele? Ach was, wer die Augen offen und den Kopf angeschaltet lässt, kriegt es selbst mit. Allerdings ist das offenbar wenig verbreitet oder wird durch andere Interessen überdeckt.


Während ich hier meine Monate absitze, geht draußen die juristische Abarbeitung vergangener Aktionen (wo bleiben eigentlich die aktuellen?) weiter. Sehr ähnlich der Feldbefreiung in Gießen, für die ich das halbe Jahr absitze, wäre die Attacke auf ein Genweizenfeld in Gatersleben – nur noch ein bisschen höher war der “Schaden” (aus gentechnik-kritischer Sicht ja eher als “Nutzen” zu bezeichnen), außerdem war durch die Brille der RobenträgerInnen dieses Landes die kriminelle Energie höher, weil nachts, im Dunkeln und heimlich. Das Ergebnis: 25 bzw. 30 Tagessätze. Die Verurteilung in Gießen bleibt etwas Einmaliges.

Das Verfahren wegen der Feldbesetzung bei Rostock scheint sogar ganz eingestellt zu werden. Ganz zufrieden werden alle damit wohl nicht sein – jedenfalls die nicht, die (noch) mit politisch-widerständigem Anspruch an die Sache gingen. Schließlich geht es weiterhin darum, das Recht auf rechtfertigenden Notstand durchzusetzen. Das ist nicht ganz einfach, denn der § 34 des Strafgesetzbuches nimmt den RichterInnen ihre gottähnliche Allgewalt auf Definition von Wahrheit und Recht auf Gewalt (Strafe). In den Fabriken des sozialen Mordens (soziale Ausgrenzung und Isolation) wird am Fließband gearbeitet auf der Basis richterlicher Allmacht, die bis ins Absurde geht (z.B. wenn Menschen, die danach ins Elend mehrjähriger, vielleicht sogar lebenslänglicher Haft geschickt werden, für diesen Akt des Aburteilens auch noch durch Aufstehen ihrem sozialen Mörder huldigen müssen). Die Anerkennung des § 34 StGB kann nur im öffentlichen Kampf durchgesetzt werden – nicht gerade die Stärke politischer Bewegung in Deutschland (trotz einzelner Ausnahmen).

Ein Drittel ist rum und das Buch fertig!

Bericht vom 22.11.2010

Das neue Seilschaftenbuch ist im Druck!

Es ist geschafft: “Monsanto auf Deutsch”, das neue Buch zu den Gentechnik-Seilschaften, ist in der Druckerei. Vielen Dank all denen, die mit immer wieder eingebrachten Vorschlägen und Korrekturen das unterstützt haben – und auch den zweien, die im Hintergrund immer bereit waren, einzuspringen, wenn ich das Werk nicht hätte zu Ende führen können. So als Inhaftierter hängt ja doch täglich eine Unsicherheit in der Lebensplanung, ob die Handlungsmöglichkeiten nicht noch weiter eingeschränkt werden. Denn bei aller grundsätzlicher Kritik an Knast und Strafe (auf die ich im Rahmen dieser Berichte eher nicht eingehe, schließlich haben wir da viele Texte und Veröffentlichungen gemacht, z.B. in den Büchern “Strafanstalt”, “Strafe – Recht auf Gewalt” und “Autonomie & Kooperation” sowie auf der Internet-seite www.welt-ohne-strafe.de.vu). Ich habe da meine Meinung auch nicht geändert. Klar ist aber trotzdem: Für das Buch war es ein Glück, dass ich im offenen Vollzug sitzen und dort, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, jetzt doch recht intensiv an Texten arbeiten kann. Gut – Schrader, Schmidt & Co. hätten sich sicherlich was Anderes gewünscht, aber nun ist es so gekommen.

Es wird das bisher umfangreichste Buch unseres kleinen, eigenen und nicht-kommerziellen Verlags SeitenHieb wer-den. „Enzyklopädie der Gentechnik-Seilschaften“ beschreibt es wohl passend. Es ist weniger zum schnellen Durchlesen in Form einer Reportage als vielmehr eine riesige Sammlung von Informationen zu allen möglichen Personen und Organisation im dichten Geflecht. (...)
244 Seiten im Großformat 22,5×24 cm stehen nun am Ende der intensiven Schreibarbeit. Mitte Dezember dürften die ersten Exemplare fertig sein.
Vorbestellungen bis 10. Dezember an uns!

Für die Verteilung der Bücher bleibt aber weiterhin praktisch, wenn möglichst viele Menschen oder Gruppen Sammelbestellungen organisieren, denn ich verbleibe ja zunächst hier im Knast – schließlich muss ja noch gesühnt werden, dass durch die Gießener Feldbefreiung von 2006 und die nachfolgenden intensiven Recherchen zu Versuchsfeldern in Deutschland die Legende der guten Sicherheitsforschung enttarnt wurden. Dass durfte sich die Obrigkeit nicht gefallen lassen und hat in Form der willigen VollstreckerInnen in Robe und Uniform dafür gesorgt, dass ich nicht mehr soviel frei rumlaufe. Schließlich gibt es noch genug LügnerInnen, BetrügerInnen oder die schnöde Normalität der Profitgier, wo ungestörte Machenschaften gewünscht sind.

So kann ich aber bei der Streuung der Bücher zunächst nicht selbst mitwirken und hoffe, dass es trotzdem klappt – so wie in Wuppertal, wo seit einigen Wochen gesammelt wird und inzwischen über 50 Vorbestellungen vorliegen. Das wäre schön, wenn sich das Werk so „von unten“ verbreitet.

Und übrigens: Wer Lust auf die Veranstaltung zu dem Thema hat, muss auch nicht darben, bloß weil ich im Knast sitze. Es gibt ja einen recht guten Filmmitschnitt meines Vortrags zu den Gentechnik-Seilschaften, aufgenommen in der Obstabteilung eines Edekamarktes. Wer also etwas Öffentliches organisieren will, kann den ausleihen oder bestellen – und los geht’s. Das wäre dann auch eine gute Gelegenheit, ein paar der neuen Bücher und natürlich die Broschüre “Organisierte Unverantwortlichkeit” auszulegen. (...)

Der vollständige Text ist auf http://weggesperrt.blogsport.eu weiterzulesen.