2009-03:Thesen zu Protest und Widerstand gegen die Agro-Gentechnik in Deutschland

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Thesen zu Protest und Widerstand
gegen die Agro-Gentechnik in Deutschland

Verfasst in der Projektwerkstatt Saasen (unter Einfluss und Ergänzungen verschiedener AkteurInnen), 26.11.2009


These 1: Die Ausbreitung der gv-Bestandteile ist ein selbständiger, sich beschleunigender Prozess auf biologischer Grundlage. Für eine globale Auskreuzung reichen kleine Felder, z.B. Versuchsfelder oder Blumenkästen. Das haben der LL601-Reis, der wie Weizen und Gerste ein Selbstbestäuber ist, und die gv-Leinsaat bewiesen. Der horizontale Gentransfer durchbricht zudem die Grenzen von Arten und Gattungen.

Es ist daher falsch, ...

  • die Ausbreitung der gv-Bestandteile durch Maßnahmen allein „end-of-the-pipe„, d.h. am Ende der Produktionskette, stoppen zu wollen.
  • auch nur kleine Felder, z.B. die Freisetzungsversuche, in der freien Landschaft zu akzeptieren. Für die Sicherung gentechnikfreier Landwirtschaft und Lebensmittel sind diese bereits zuviel.
  • die Illusion einer Gentechnikfreiheit zu nähren. Es gibt keine gentechnikfreien Inseln in einer der GVO-einsetzenden Landwirtschaft. Solange nicht die Quelle der Auskreuzung gestoppt wird. Die Kennzeichnung „ohne Gentechnik“ verschleiert die tatsächlichen Gefahren, lenkt von anderen wichtigen Zielen eines bewussten Konsums ab und beruhigt, statt zum Handeln anzuregen.

Stattdessen ist nötig, ...

  • die Quellen der GVO-Ausbreitung zu schließen, d.h. die Ausbringung von GVO vor Ort unmöglich zu machen - und zwar schnell. Ziel für 2010 muss sein, sämtliche GVO-Ausbringungen zu verhindern.
  • die Wahrheit über den selbsttragenden und sich beschleunigenden Prozess der Auskreuzung zu verbreiten, Illusionen zu verhindern: Jede Strategie, die nicht das Ende der Ausbreitungsquellen erreichen kann oder will, ist angesichts der biologischen Logik von Auskreuzung und horizontalem Gentransfer zum Scheitern verurteilt.
  • und eine Ausbreitung gentechnischer Veränderungen auch über Artgrenzen hinweg als unkontrollierbar darzustellen.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Beendigung aller Kampagne(n), die mittels Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ oder anderer Mittel die Illusion fördern, Gentechnikfreiheit sei ohne Schließen der Ausbreitungsquellen zu garantieren
  • Start einer Kampagne gegen die Quellen der Gentechnik (Tipps auf Packungen usw.)
  • Beratungstreffen, Seminare und Trainings zur Vorbereitung auf die Phase vor und während der Aussaat
  • Bildung offener und handlungsorientierter Bündnisse an den Freisetzungsstandorten, im besonderen und mit Unterstützung überregionaler Bewegungsapparate an den Hauptstandorten Groß Lüsewitz/Sagerheide und Börde (Üplingen, Gatersleben, Dreileben usw.)


These 2: Die sogenannte Sicherheitsforschung ist ein Deckmantel, unter dem Produkt- und Methodenentwicklung, Firmenaufbau, Propaganda und die Verbreitung der Kontaminationsquellen vorangetrieben werden.

Es ist daher falsch, ...

  • selbst den Ausbau der Sicherheitsforschung zu fordern oder auch nur den Fortbestand zu akzeptieren. Denn Sicherheitsforschung ist fast synonym für deutsche Gentechnikfelder, d.h. wer Sicherheitsforschung will, will Agro-Gentechnik.
  • eine Abstufung der Gefährdungspotentiale von kommerziellem und Versuchsanbau zu schaffen.

Stattdessen ist nötig, ...

  • die aktuelle Gentechnikforschung zu demaskieren und ihre tatsächlichen Ziele öffentlich zu machen.
  • jede Form der Ausbringung von sowie der Forschung an und der Investitionen in GVO abzulehnen - zumindest unter den heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Erzwingung von Macht- und Profitorientierung in jeder technischen Entwicklung und wirtschaftlichen Tätigkeit. Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Technologie sind veraltet; die bekannten Risiken auf allen Ebenen rechtfertigen keinen weiteren Einsatz dafür - zumal gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit der Menschen.
  • die eingesparten Mittel für die Weiterentwicklung umweltschonender und selbstbestimmter Landwirtschaft nach den Bedürfnissen der Menschen in den jeweiligen Teilen der Welt einzusetzen.

Jede Form von Kontrolle und Bevormundung widerspricht einer emanzipatorischen Landwirtschaftspolitik.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Entwicklung von Ideen und Vorbereitung für Aktionen an den Schwerpunktorten der sogenannten Sicherheitsforschung für das Frühjahr 2010 mit dem klaren Ziel der Verhinderung der Aussaat (wie zu 1.)
  • Öffentliche Ankündigungen zu den Aktionen, vorbereitenden Pressearbeit, Veranstaltungen usw.


These 3: Macht- und Profitorientierung dürfen nicht länger als Selbstverständlichkeiten vorausgesetzt, akzeptiert und damit ausgeblendet werden.

Die Fokussierung wirtschaftlicher Tätigkeit und - allgemeiner - des Lebens mit seiner sozialen Organisierung auf die Ziele von Machtausbau, -stabilisierung (Kontrolle) und Profitmaximierung ist nicht durch die Gentechnik erfunden worden, prägt aber auch diese. Menschliche Bedürfnisse spielen immer nur soweit eine Rolle, wie sie zur Machtsicherung und Gewinnerzielung nützlich sind. Elend, Unfreiheit und Raubbau an den natürlich sind gleichgültig oder werden, wenn für diese Ziele förderlich, akzeptiert oder sogar gezielt geschaffen. Dieser menschenfeindlichen Orientierung gesellschaftlichen Geschehens wird selten Widerstand entgegengebracht, weil sie als Alltagserscheinung kaum noch bewusst wahrgenommen wird.

Es ist daher falsch, ...

  • die Kritik an der Gentechnik auf Aussagen zur Technik und deren Folgen selbst zu beschränken.
  • das Gefälle an Gestaltungsmacht bei politischen Entscheidungen, Festlegung von Regeln, Vergabe gesellschaftlicher Ressourcen und Steuerung öffentlicher Wahrnehmung nicht als immanenten Teil eines jeden sozialen Prozesses zu begreifen.
  • die Kritik auf das Detail zu beschränken und damit unsichtbar zu machen, dass übergreifende Prinzipien auch in jedem Detail zur Wirkung kommen und dort emanzipatorische Lösungen verunmöglichen.
  • bei der Erarbeitung von Lösungen ausgerechnet auf die Mechanismen sozialer Steuerung zurückgreifen zu wollen, die das Machtgefälle hervorrufen oder absichern sollen. Es ist zu wenig, wenn gesellschaftliche AkteurInnen bei der Erarbeitung von Lösungen ausschließlich oder vorwiegend auf politische oder wirtschaftliche „Verantwortungsträger“ setzen, deren Macht in hohem Maß vom Erhalt der Machtstrukturen abhängt.

Stattdessen ist nötig, ...

  • die Antriebskräfte des Raubbaus an Mensch und Natur zu benennen, zu kritisieren und ihre Überwindung einzufordern bzw. anzustreben.
  • eine gesellschaftliche Zukunft einzufordern, in der Macht- und Profitinteressen minimiert oder idealerweise aufgehoben werden.
  • Bündnisse mit anderen, günstigstenfalls allen sozialen Strömungen zu schmieden, die für Fortschritte in ihren Einzelthemen auf eine emanzipatorische Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen setzen.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Benennen der machtpolitischen und wirtschaftlichen Hintergründe und Ziele bei der Einführung der grünen Gentechnik in Presseinformationen und anderen Veröffentlichungen zu Einzelthemen


These 4: Zwischen Firmen und Forschung, Parteien, Regierungen und Behörden sowie Lobbyverbänden bestehen derart enge informelle, finanzielle und personelle Verbindungen („Seilschaften“), dass Durchführung, Finanzierung und Kontrolle der Gentechnikanwendung in einer Hand liegen.

Es ist daher falsch, ...

  • an einzelne Teile dieses Geflechts zu appellieren in der Erwartung, dass diese eine unabhängige Position gegenüber anderen Teilen einnehmen können.

Stattdessen ist nötig, ...

  • das Geflecht zu durchschauen und schonungslos öffentlich zu machen
  • Hilfestellungen zu geben, wie Einzelne in und gegen die Seilschaften aktionsfähig bleiben, z.B. bei der Beschaffung von Informationen und Möglichkeiten der Gegenwehr - auch durch die effiziente Ausnutzung der angebotenen Mittel (Recht, politische Einmischung usw.)
  • die Mitbestimmungsrechte der Menschen, vor allem der EinwohnerInnen und LandnutzerInnen rund um die Feldstandorte zu stärken.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Herausgabe einer dritten Auflage der Broschüre „Organisierte Unverantwortlichkeit“ und Streuung über die Verteiler von Verbänden und Organisationen (Einzelheft mit Nachbestellmöglichkeit, Angebot für Veranstaltungen)
  • Öffentlichkeitsarbeit, am besten eine gemeinsame Erklärungen zum Maulkorb-Prozess in Saarbrücken (erster Termin: 7.12., 12.15 Uhr am Landgericht)
  • Kampagne für die Aufnahme von aufschiebender Wirkung, Aktentransparenz und Erörterungsterminen in die Genehmigungsverfahren nach Gentechnikgesetz


These 5: Zentraler Motor bei der Fortentwicklung der grünen Gentechnik sind Fördermittel aus staatlichen Quellen, Forschungsförderungsinstitutionen und die staatlichen Forschungseinrichtungen selbst. Hierbei sind Unterschiede zwischen den verschiedenen Regierungsfarben kaum zu erkennen. Eine der wichtigsten WissenschaftlerInnen grüner Gentechnik in Deutschland, Prof. Inge Broer von der Uni Rostock, sagte es ganz offen: „Im Moment ist es hauptsächlich Forschung in der Gentechnik, weil es dafür Geld gibt.“

Es ist daher falsch, ...

  • nur auf die Firmen und Konzerne zu schimpfen und zu verschweigen, dass es die Landes- und Bundesregierungen sind, die mit ihrem Geld, ihrem Einfluss und ihren Institutionen die Entwicklung und Ausbreitung der Agro-Gentechnik antreiben - allen Beteuerungen zum Trotz!
  • Hoffnung auf veränderte Regierungskonstellationen zu wecken.

Stattdessen ist nötig, ...

  • von außen mit klaren Positionen und Forderungen das Geschehen in Parteien, Ämtern, Parlamenten usw. zu beeinflussen, ohne sich auf diesen Weg zu.
  • eine von politischen Konstellationen und wirtschaftlich dominanten Kreisen unabhängige Handlungsfähigkeit zu schaffen.
  • Anbau und Verbreitung von GVO zu verhindern: Dort, wo das geplant ist, muss der Widerstand der Menschen Aussaat oder Experimente undurchsetzbar machen - unabhängig von regionaler, nationaler oder internationaler Lage bzw. Parteienkonstellation.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Kampagne gegen den Abbau der nicht-gentechnischen Forschungsbereiche (Fördermittel und landwirtschaftliche Institut auf Landes- und Bundesebene)


These 6: Die Orientierung auf Umsatzsteigerung, Spenden- und Mitgliederzuwachs behindern die Schlagkraft gentechnischkritischer Zusammenhänge und die Kooperation zwischen ihnen.

Es ist daher falsch, ...

  • weiter nur in Bündnissen Informationen auszutauschen, aber kaum gemeinsame Aktionen oder Aktionsziele zu verfolgen. Dabei geht es nicht um Vereinheitlichung, aber schon um den fokussierten Druck, der auch durch Verschiedenartigkeit der Vorgehensweisen erreichbar ist, wenn diese aufeinander Bezug nehmen.
  • sich von Aktionen anderer nur wegen deren Form öffentlich zu distanzieren, obwohl gar kein Anlass zur Stellungnahme gegeben ist, weil eigene Aktionen überhaupt nicht betroffen sind.

Stattdessen ist nötig, ...

  • Projekte Anderer in der eigenen Szene oder Organisation auch zu streuen und bekannt zu geben.
  • überall dort, wo Aktivitäten stattfinden, auf weitere Projekte und Aktionen anderer hinzuweisen, die das gleiche Thema oder den gleichen Ort betreffen
  • Ressourcen und Wissen, d.h. eigene Erkenntnisse, Wissen, Unterlagen usw. auch andere weiterzugeben bzw. diese zu informieren, wenn Informationen nützlich sein könnten.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Kampagne zur Demaskierung der tatsächlichen Forschungsausgaben und zur Verlagerung der Forschungsschwerpunkt zu ökologischem Landbau und sozioökomischen Fragen von bäuerlicher Landwirtschaft, Selbstorganisierung, Nachbau und Züchtung von Saaten usw.


These 7: Wissenschaft unterliegt einerseits den überall wirkenden gesellschaftlichen Prinzipien von Profitabilität und Standortkonkurrenz. WissenschaftlerInnen sind daher überwiegend Opportunisten des Geldes. Zudem fußen Sichtweisen auf Funktionen von Genen und die Techniken der Genmanipulation auf veralteten und verfälschend mechanistischen Bildern von Materie.

Es ist daher falsch, ...

  • die Frage der Gentechnik überhaupt als eine Frage der Wissenschaft wahrzunehmen und dem Ruf nach sogenannter „Versachlichung“ zu folgen.
  • Forschungsfelder zu akzeptieren oder selbst noch zu fordern.
  • weiterhin die Sicherheitsforschung überhaupt als solche zu bezeichnen, weil sie tatsächlich der Methodenforschung und dem Firmenaufbau dient und selbst dann, wenn Sicherheitsfragen untersucht werden, der Produktforschung und der Festlegung handhabbarer Grenzwerte und Abstände, also der Durchsetzung der Agro-Gentechnik dient.

Stattdessen ist nötig, ...

  • die sozioökonomischen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen.
  • alle Forschungen zur Sicherheit einer Technik sofort zu stoppen, deren Nutzen nicht geklärt ist.
  • aufzuzeigen, dass fast alle WissenschaftlerInnen zur grünen Gentechnik in Deutschland Teil von Netzwerken und Seilschaften sind, die der Lobby- und PR-Arbeit für die grüne Gentechnik dienen.
  • darzustellen, dass es die auch heute aktiven und als ExpertInnen aufspielenden WissenschaftlerInnen waren, die in den vergangenen Jahrzehnten die Menschen bewusst mit der Falschinformation abspeisten, dass es horizontalen Gentransfer nicht gäbe und Auskreuzung kontrollierbar sei.

Konkrete Vorschläge für Aktionen und Strategien:

  • Kampagne zur Demaskierung der Sicherheitsforschung als Tarnmantel der Produkt- und Methodenforschung
  • Kampagne zum Stopp aller Forschungsfelder
  • Offensive und solidarische Begleitung von Feldbefreiungsprozessen, insbesondere des bevorstehenden Strafprozesses um das Genweizenfeld in Gatersleben - auch um die genannten Kampagnen damit zu verknüpfen