2009-03:Schrumpftum statt Wachstum

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Schrumpftum statt Wachstum

Décroissance[1] - eine praktische antikapitalistische Alternative. Interview mit Elisabeth Moy

In so genannten entwickelten Gesellschaften wird viel Wert auf materielle Gegenstände gelegt, ohne dass hinterfragt wird ob sie nützlich und unverzichtbar sind oder glücklich machen wie die Werbung verspricht. Die gesellschaftliche Ordnung basiert auf Wachstum und Anhäufung von Waren, aber ein ewiges Wachstum ist nicht möglich. Wir leben in einer endlichen Welt. Die Grundressourcen sind begrenzt. Wachstums- und Kapital-Sucht führen zu Ungerechtigkeit, zur Erschöpfung der Ressourcen und Umweltzerstörung. Das sind die Grundgedanken, die Menschen dazu bewegen, für Schrumpftum zu kämpfen. Ein Gespräch mit der französischen Schrumpftumsaktivistin Elisabeth Moy.


Wie bist du zum Thema Schrumpftum gekommen?

Elisabeth Moy: Durch Begegnungen und Überlegungen. Viele Wege können dahin führen, in meinem Fall war meine Auseinandersetzung mit meinem ökologischen Fußabdruck der Auslöser. Mir ist bewusst geworden, dass wir noch zwei oder drei Planeten brauchen würden, wenn alle Menschen in der Welt genauso viel konsumieren würden wie ich es tue – auch wenn die Umwelt mir am Herzen liegt und ich meinen Energieverbrauch immer zu begrenzen versuche.


Schrumpftum führt uns erst weiter, wenn praktische Aspekte in Betracht gezogen werden. Wie waren die Anfänge?

Es geht darum, weniger zu konsumieren, wo es möglich ist. Ich habe drei Jahre lang auf das Auto verzichtet und bin per Anhalter gefahren, dadurch habe ich viele Menschen kennen gelernt und die Welt anders entdeckt. Wiederverwenden ist auch wichtig. Ich kaufe beispielsweise keine Kleidung mehr und habe trotzdem immer zu viel davon! Zudem versuche ich so wenig Geld auszugeben wie möglich.

Ich wollte außerdem auf dem Land arbeiten und leben, ohne mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, weil es sehr umweltverschmutzend ist und viel Energie und Rohstoffe verbraucht. Ich habe eine landwirtschaftliche Ausbildung und bin entschlossen, Landwirtin zu werden. Ich habe Bauern und Bäuerinnen getroffen, die mit Pferden arbeiten. Das hat mir gefallen, ich habe mich ein Jahr lang weiter gebildet und möchte nun stark mit Pferden arbeiten.


Und die Schwierigkeiten?

Da gibt’s viele! Um ohne Widersprüche zu meinen Ideen zu leben und einen verallgemeinerbaren ökologischen Fußabdruck zu erreichen, müsste ich ganz außerhalb der heutigen Gesellschaft leben. Das will ich nicht. Ich bin also nur zum Teil konsequent: ich habe wieder ein Auto und benutze es zu oft, aber auf Kurzstrecken unter 10 km fahre ich Fahrrad. Ich besitze keinen Fernseher, aber einen Computer. Ich habe eine Digitalkamera, aber kein Handy. Es ist nicht einfach, mit wenig Geld zu leben, weil die Immobilienpreise sehr hoch sind. Ich verbrauche, soweit es geht, lokale biologische Produkte, aber das ist nicht einfach. Sie sind nicht überall zu finden, manchmal teuer. Beruflich kam eine weitere Schwierigkeit dazu: ich musste ein Grundstück suchen. Ich habe gerade eines gekauft und werde bald mein erstes biologisches Gemüse ernten.


Was setzt du heute im Alltag um?

Viele Kleinigkeiten: Die Mietwohnung so wenig wie möglich heizen, weil sie leider mit Elektroheizung ausgestattet ist, wie sie in Frankreich weit verbreitet sind. Auf Wegwerf-Gegenstände wie Stofftaschentücher verzichten, Bio-Produkte aus der Saison verzehren, biologisch abbaubare Haushaltsprodukte verwenden, mein Waschpulver aus Wasser und Asche sowie meine Zahnpasta aus Ton und Bikarbonat selber herstellen, Fahrrad oder Zug fahren, Mitfahrgelegenheiten nutzen ... ich bin seit Jahren nicht mehr geflogen, vermeide übermäßig verpackte Produkte, achte auf die Mülltrennung und gehe Containern, also Verwertbares aus dem Müll holen. Ich will auch kein Wasser verschwenden. Wenn wir in unseren Bauernhof einziehen, werden wir ein Kompostklo bauen.


Stehst du in Verbindung mit anderen SchrumpftumsaktivistInnen?

Ja, auch wenn die sich nicht immer so nennen. Es ist mir wichtig, mich mit Menschen auszutauschen, die ähnliche Ideen haben. Wir haben gerade einen gemeinsamen Laden eröffnet, wo wir unsere vor Ort selbst hergestellten biologischen Produkte direkt verkaufen. Das ist auch Schrumpftum: Kürzere Wege, weniger Pestizide.


Gibt es eine „Schrumpftumsbewegung“ als soziale Bewegung in Frankreich?

Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht sollte eher die Rede von BewegungEN sein - weil Schrumpftum vielfältig verstanden und umgesetzt werden kann. Manche kommen zu dem Thema über philosophische Ansätze, andere über die politische Ökologie, viele sind überzeugte Anarchistinnen und Anarchisten. Sie haben alle interessante Ideen zu teilen, sind sich aber nicht über alles einig. Zum Beispiel darüber, ob man sich an Wahlen beteiligt. Da gibt es eine gewisse Auseinandersetzung. Andere mögen das Wort schrumpfen nicht, weil es negativ klingt.


Wie vermitteln die Bewegungen ihre Ideen und deren praktische Umsetzung nach außen?

Das Wort Décroissance hat seit einigen Jahren seinen Platz in den „großen Medien“ gefunden: meine erste Begegnung mit dem Begriff war 2005 ein Beitrag von Serge Latouche in Le Monde Diplomatique. In den Medien, zum Beispiel im Radio, wird das Thema aber meist verunglimpft. Alternative Medien wie "La Décroissance", "Silence", "L'Age de Faire" oder "Casseurs de pub" („Reklamezerstörer“) haben wenig Einfluss auf Menschen, die nicht bereits zum Kreis der Überzeugten gehören. Pierre Rabhi und Menschen aus seinem Umfeld haben versucht, dies im Rahmen der Präsidentschaftswahl zu thematisieren.


Was für Projekte in Richtung Schrumpftum hast du noch?

Ich habe auch eine Stute für die landwirtschaftliche Arbeit dressiert. Ich wünsche mir, in wenigen Jahren ganz ohne Trecker arbeiten zu können. Es ist aber nicht einfach, zum Beispiel bei Gemüselieferungen oder Freizeitaktivitäten im Gebirge. Wir werden die Abwasserbehandlung mit Pflanzen realisieren. Wir wollen ein ökologisches Haus bauen, aus Holz und Stroh (das isoliert sehr gut), mit Wintergarten für den Winter, guter Lüftung und Überdach für den Sommer. Für mein Gemüse wünsche ich mir auch einen Keller. Und ich möchte meine zukünftigen Kinder mit diesen Ideen und praktischen Beispielen erziehen.

Interview und Übersetzung: Eichhörnchen


Die "SchrumpftumsbewegungEN" in Frankreich

Es geht darum, anders zu leben und weniger zu konsumieren. Menschliche Kontakte ersetzen materielle Dinge. Es ist auch wichtig, sich miteinander auszutauschen und Ideen nach außen zu tragen. 2005 und 2006 fand zum Beispiel jeweils im Sommer ein einmonatiger langer "Marche pour la Décroissance" durch Frankreich statt. Direkte Aktionen des zivilen Ungehorsams auf der Straße sind wichtig, um die Bevölkerung zum Nachdenken zu bringen. Es geht außerdem darum, das System direkt anzugreifen. Aktionen gegen Werbung finden in unterschiedlichen Formen statt. Daran beteiligt sich in Frankreich ein breites Spektrum von AktivistInnen: StudentInnen, KünstlerInnen, Arbeitslose, Erwerbstätige, Jugendliche und ältere Menschen.



Anmerkung:

  1. Der französische Begriff Décroissance (Schrumpftum) wurde aus der negativen Vorsilbe „dé-“ (etwa „zurück-“ oder „ent-“) und aus croissance (Wachstum) gebildet. Man spricht von „Wachstumsgegnern“, von „Wachstumsrücknahme“, von „negativem Wachstum“, was aber nicht genau den französischen Begriffen entspricht. „Décoissance“ wurde erfunden, nachdem Begriffe wie „Nachhaltige Entwicklung“ ihren Sinn verloren haben, weil sie von verschiedenen Lobbys übernommen wurden. (Stromkonzerne werben z.B für nachhaltige Entwicklung mit Atomkraft). Der Begriff „Décroissance“ ist viel weitgehender und stellt die Konsumgesellschaft in Frage.