2009-02:Schwarzbuch Strafvollzug

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche


Schwarzbuch Strafvollzug - Eine Bestandsaufnahme

Der Autor des hier zu besprechenden Buches hat selbst an die 20 Jahre Hafterfahrung, vor deren Hintergrund er (im Untertitel des Buches) eine "Niederlage des Gefängnisses" konstatiert.

In "Ritual Knast" von Hubertus Becker, der heute als Drehbuchautor seinen Lebensunterhalt finanziert, rechnet er mit dem bundesdeutschen Strafvolltzug in überzeugender Weise ab. Wer das Buch einfach von vorn nach hinten liest, ist "live" dabei von der Einlieferung eines Gefangenen, dem Leben in Haft und dem Leben danach; wer sich über spezielle Abschnitte der Haft informieren möchte, kann sich an dem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis orientieren. Fast allen wichtigen Stationen des Gefängnislebens ist ein eigenes kleines Kapitel gewidmet: ob nun "Die Wärter", "Das Vollzugsrecht", "Die Zwangsarbeit", ebenso "Die Gesundheit" und auch das eher selten beleuchtete Phänomen der Gefängnissprache. Dabei belässt es Becker nicht bei einer Beschreibung der Gegebenheiten, sondern ordnet die jeweiligen Zustände und Phänomene soziologisch in einen Gesamtkontext ein, was das 200 Seiten Buch so wichtig macht.

Mitunter gerät das sehr gut lesbare Buch bedauerlicherweise juristisch etwas unscharf, um nicht zu sagen falsch, wenn beispielsweise suggeriert wird, Oberlandesgerichte oder Strafvollstreckungskammern würden über die Anordnung der nachträglichen Sicherungsverwahrung (a.a.O. S. 152 im Kapitel "Die Sicherungsverwahrung") zu befinden haben. Rechtsmittelinstanz ist der Bundesgerichtshof und über die Anordnung der nachtr. SV entscheidet die Große Strafkammer jenes Landgerichts, das den Gefangenen schon zuvor verurteilt hat. Für eine dem "Ritual Knast" zu wünschende Neuauflage wäre eine Korrektur dieser und anderer ähnlicher Fehler überlegenswert; ebenso wie eine präzise Fundstellenangabe für im Buch enthaltene Angaben, um so dem Leser und der Leserin zu ermöglichen im Detail weiter zu recherchieren oder zu lesen.

Wer das Buch liest, spürt Beckers Zorn. Zorn - nicht Hass. Zorn ist kühl und überlegt. Und so seziert er am lebenden Objekt Knast dessen Strukturen und deformierenden Wirkungen zuallererst auf die Gefangenen, aber auch auf deren Familien, ja selbst auf die Bediensteten und nicht zuletzt auf die Gesellschaft.

Thomas Meyer-Falk, z.Zt. JVA Bruchsaal, http://freedom-for-thomas.de

  • Hubertus Becker: Ritual Knast. Die Niederlage des Gefängnisses - Eine Bestandsaufnahme
  • Forum Verlag, Leipzig 2008
  • 200 Seiten, 16,90 EUR
  • ISBN 978-3-931801-65-6