2008-03:Believe The Hype?

Aus grünes blatt
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Believe the hype?

Wer ständig mit wem anders pennt, gehört genauso zum Establishment.

Auf dem Antira- und Klimacamp fand ein Workshop zum Austausch zu Beziehungen, Sexualität und Herrschaftsfreiheit statt. Dabei sollte es sich gänzlich um eine Werbeveranstaltung für polyamouröse Beziehungskonzepte handeln. Dieser stellte sich gewohnt unreflektiert und unkritisch dar (Ziel sollte es wohl sein „das radikale Monopol“ der RZB[= Romantische Zweierbeziehung] zu stürzen). Dennoch fand sich eine Kleingruppe, die sich kritisch mit der Polyamourie und der Verbindung zum modernen Kapitalismus auseinander zu setzen suchte. Der folgende Text beruht vor allem auf den dort entwickelten Gedanken.

„Love don´t make the world go round it holds it right in place.”[1]

Beziehungsformen sind Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Das heißt, dass innerhalb der momentan existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse keine Form der Beziehung wirklich herrschaftsfrei sein kann. Der revolutionäre Anstrich, den polyamouröse Beziehungen bekommen, kann so bestenfalls teilweise Berechtigung erhalten.
Es gibt keine revolutionäre Liebe.
...so, here we go:

„Na klasse, du bist frei...bis du dich verliebst.
Und prima, du bist frei...bis du Hunger kriegst.
Und freu dich, du bist frei...bis die Rechnung kommt.
Denn nichts im Leben ist umsonst.“[2]

Dass die Liebe von den ökonomischen Umständen nicht unbeeinflusst existiert, ist für die meisten vielleicht nachvollziehbar. Besonders dann, wenn die Rede von der Ehe ist; handelt es sich doch hier noch ganz offensichtlich um einen Vertrag, der in erster Linie darauf ausgerichtet ist, die Besitzansprüche von Menschen zu regeln. So verwundert es auch nicht, dass der starke Rückgang von Eheschließungen und der starke Anstieg der Scheidungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts v.a. ihre Gründe in einer Veränderung der Wirtschaftslage haben: die finanzielle Selbständigkeit von Frauen durch eigene Berufstätigkeit.

Aber kommen wir jetzt endlich zur Kritik der polyamourösen Verhältisse:

Jene gehen einher mit/erfordern zeitliche(r) und räumliche(r) Flexibilität der Beteiligten. Mensch ist nicht mehr klassisch an den Ort gebunden, wo auch der_die Partner_in ihren_seinen Lebensmittelpunkt hat. Vielmehr gewöhnt mensch sich an das Pendeln zwischen den einzelnen Orten, wo Beziehungen gepflegt werden. In Zeiten der Prekarisierung (Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse) von Lohnabhängigen steht Flexibilität hoch oben im Anforderungskatalog – mal eben für den neuen, unsicheren, schlechtbezahlten Job in eine andere Stadt ziehen. Wenn mensch Beziehungen an verschieden Orten unterhält, ist eine Beziehung auch kein Argument mehr gegen einen arbeitsbedingten Ortswechsel.

Auf dem Beziehungsmarkt gilt es die eigenen Vorzüge zum Ausdruck zu bringen, die jeweiligen Codes zu beherrschen und anwenden zu können...kurz: wissen wie mensch sich selbst am besten vermarktet. Ähnlich der Situation auf dem Arbeitsmarkt wird durch die Polyamourie auch auf dem Beziehungsmarkt die Wettbewerbssituation verstärkt. In einer Beziehung angestellt zu sein, bedeutet jetzt nicht mehr zwangsläufig, dem Markt nicht mehr zur Verfügung zu stehen. In Zeiten, da die sichere Festanstellung das Auslaufmodell der kapitalistischen Arbeitswelt ist, sind Menschen - um erfolgreich zu sein oder zumindest die Chance zu haben am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können - dem ständigen Druck der Selbstvermarktung - agieren statt reagieren – ausgesetzt. Mensch steht also pausenlos im Wettbewerb mit den anderen Beziehungsmarktteilnehmer_innen, ständig bereit eine Beziehung einzugehen, die verspricht sich zu lohnen. Das bedeutet v.a. in Wechselwirkung mit anderen Unterdrückungsstrukturen (wie z.B. lookism, Klassismus, Rassismus, etc.), dass denjenigen, welche ohnehin bereits auf dem Beziehungsmarkt bevorteilt waren, nun noch mehr Intimität und Aufmerksamkeit zukommt. Im Gegenzug heißt das aber auch, dass die, denen das richtige Aussehen oder der richtige kulturelle Habitus fehlt, es noch schwieriger haben ihre Bedürfnisse nach Intimität befriedigt zu bekommen, da die einstigen Sicherheiten innerhalb einer Beziehung nicht mehr vorhanden sind.

Festzuhalten ist also, dass es Analogien gibt zwischen polyamourösen Beziehungen und Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt.

Die Vorstellung davon, was ein romantischer Augenblick sei, ist durch den Konsumkapitalismus beeinflusst worden. So stellt er v.a. einen gemeinsamen Konsum von Freizeitaktivitäten dar und zeichnet sich entsprechend durch die Abwesenheit von Routine aus. In polyamourösen Beziehungen kann dieser Konsum gesteigert werden. Es ist nicht mehr notwendig auf bestimmte romantische Momente zu verzichten, weil diese nicht dem Geschmack der_des Partner(s)_in entsprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine_r der Partner_innen eine bestimmte Vorliebe teilt, wird schließlich bei deren gesteigerter Anzahl auch größer. Außerdem wird der Verlust der Romantik durch Einsetzen von Routine versucht zu verhindern, indem die romantischen Rituale mit verschiedenen Menschen wiederholt werden. So werden die Gefühle selbst zu Waren, die konsumierbar sind.

An dieser Stelle stellt sich dann auch die Frage, ob nicht Polyamourie an sich eine bürgerliche Form der Liebe ist, die sich Menschen des Proletariats gar nicht leisten können. Schließlich sind Angebote der Freizeitgestaltung meistens genauso, wie alle anderen Waren, nicht frei von einem Wert, der auch bezahlt werden muss. Aber auch die Ressource Zeit von der in Beziehungen zu mehreren Personen auch mehr investiert werden muss, ist Menschen der Unterschicht zu rar. Sie muss von diesen eher in Lohnarbeit investiert werden um genügend Geld zu verdienen.

„Alle, die die Liebe suchen,
sie müssen kapitulieren!
Alle, die die Liebe finden,
sie müssen kapitulieren!“[3]

Es soll hier nicht darum gehen, Konzepte, wie (heterosexuelle) Zweierbeziehungen oder Ehen, von ihrem (zu Recht) schlechten Ruf zu rehabilitieren. Doch die Kritik an diesen ist v.a. in Kreisen wie der sog. JugendUmweltBewegung so allgegenwärtig wie unselbstkritisch. Verständlich ist uns das Bedürfnis trotzdem, in schlechten Zeiten nach glücklichen Beziehungen zu suchen. Diese Suche darf aber nicht in gefühlsduseliger Verblendung enden, sondern bedarf kritischer (Selbst-)Reflexion.
Genauso wenig soll der Text eine weitere platte Konsumkritik darstellen. Unsere Kritik gilt nicht den Bedürfnissen nach Konsum, sondern dem System, welches diesen nur in Form von Waren und deren Akkumulation möglich macht: dem Kapitalismus. Also wie sollte es auch anders sein: Hier kann nur die alte Forderung nach der Aufhebung des Kapitalverhältnisses stehen.
Es gibt keine unschuldige Liebe.

Polyamourie
„Polyamory (gr. πολύς polýs „viel, mehrere“ und lat. amor „Liebe“) ist ein Oberbegriff für die Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit zu haben, mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner.“[4]


Literatur:

  • Arsen 13 - Manifest der Anti-Liebe:
    http://web.archive.org/web/20041211122529/crimethinc.ainfos.de/Anti-Liebe.html
  • Fremdgenese – Glück im Unglück, Un/Möglichkeiten der Romantischen Zweierbeziehung
    In: A.G.Gender-Killer (Hrsg.) – Das Gute Leben (Unrast-Verlag, 2007)
  • Eva Illouz – Der Konsum Der Romantik (Suhrkamp Verlag 2007)
  • Eva Illouz - Gefühle in Zeiten des Kapitalismus (Suhrkamp Verlag 2007)
  • Agnes Neumayr (Hrsg.) - Kritik der Gefühle (Milena Verlag 2007)


Kritik bitte an: looseXscrews ÄTT riseup.net[5]



  1. CRASS – Smother Love (Album: Penis Envy, CRASS-Records 1981)
  2. ...But Alive – Frei ( na toll) (Album: Bis jetzt ging alles gut, B.A. Records 1997)
  3. Tocotronic – Kapitulation (Album: Kapitulation, Vertigo Records 2007)
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Polyamory
  5. Zum Schutz vor automatischen Mailadressen-Robots, die nach Adressen suchen und diese dann mit Spam-Mails überfluten, ist diese Mailadresse für diese Robots unleserlich formatiert. Um eine korrekte Mailadresse zu erhalten muss ÄTT durch das @-Symbol ersetzt werden.