2008-02:Bericht IAN Festival Finnland

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Bericht IAN Festival Finnland:

Sommer, Sonne, Kernkraftwerk. Bericht vom International Anti-Nuclear Festival in Finnland

gbe Vom 23. bis 28. Juni diesen Jahres fand in der Nähe des finnischen Atomkraftwerkes Olkiluoto das "International Anti Nuclear Festival" statt, wobei der Name etwas überzogen klingt angesichts der Tatsache, dass beim Camp lediglich ca. 60 Leute anwesend waren, von denen etwa eine Handvoll aus anderen Ländern kamen. Eigentlich war das Camp größer und internationaler geplant, aber wegen einer organisatorischen Panne konnten doch keine Busse aus Mitteleuropa nach Finnland finanziert werden und das Camp blieb kleiner. Es war aber auch das erste Camp dieser Art in Finnland und als Auftakt für eine Kampagne war es nicht schlecht.

Hintergrund

Olkiluoto ist neben Loviisa einer der zwei AKW-Standorte in Finnland. Hier gibt es momentan zwei Siedewasser-Reaktorblöcke und ein Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, ein neuer EPR-Reaktorblock ist im Bau und ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle ist auch geplant. Zudem wird der Uranabbau in Nordfinnland (Gebiet der Sami) vorangetrieben und es ist mindestens ein sechster Reaktor geplant, denn verschiedene Firmen wollen an verschiedenen Orten (u.a. Olkiluoto und Loviisa) neue AKWs bauen. Dieser "nuclear madness"[1] gilt es Einhalt zu gebieten und das Camp setzte den Anfang für eine internationale Vernetzung und (hoffentlich) ein Wiederaufleben der finnischen Antiatombewegung.

Campleben

Das Camp lag tief im Wald an einem See, und das Gelände war recht groß. Die zwei Gebäude für Workshops und zum Schlafen sahen recht typisch aus, ein dunkelrotes und ein gelbes Holzhaus mit den Namen Saukonniemi und Saukonpirtti. Außerdem gab es eine Sauna, die jeden Abend angeheizt wurde. Der See diente als Abkühlung zwischen den Saunagängen. Wer weniger Wert auf Schwitzen und Nacktsein legte, konnte sich ans Lagerfeuer gesellen oder irgendwas anderes machen, schließlich war auch nachts der Himmel nie dunkler als Schlumpfblau. Eine Person beispielsweise baute in einer Nacht von 0:00 bis 4:00 ein Windrad auf.

Polizeirepression

Nicht nur die Abgeschiedenheit des Camps trug dazu bei, dass es kaum Beteiligung der lokalen Bevölkerung gab und die einzige Aktion war eine kleine spontane Transpiaktion am Kraftwerk. Die finnische Polizei hatte aber auch ganz schön viel aufgefahren für ein kleines, sich selbst als non-violent bezeichnendes Camp mitten im Wald. Gerüchteweise war die finnische riot cop-Einheit während der ganzen Woche in der Nähe stationiert und zweimal kreiste ein Hubschrauber über dem Camp und machte augenscheinlich Fotos. Im Nachhinein erfuhren wir, dass jemand vom Fair Trade Schiff Estelle[2], das Teil des Camps war, in einem Gespräch mit der Polizei eingeschüchtert werden sollte. Zudem zeigte sich die Polizei, wann immer sie konnte.

Paranoia

Entweder erwartete die Polizei tatsächlich extreme Aktionen oder sie hatte sich zum Ziel gesetzt, die Camper_innen noch vor dem Durchführen von Aktionen davon abzuschrecken. Jedenfalls hatte ihr Verhalten Wirkung: Die ungefähr täglich beim Camp auftauchenden Autos wurden für Zivilpolizei gehalten und kehrten dank der am Campeingang errichteten Schranke meist um, bevor ein Gespräch zustande kam. Ob es sich dabei vielleicht doch um interessierte Leute aus der Umgebung handelte, konnte so nicht festgestellt werden. Zu Aktionsplanungen kam es dank der security culture nicht wirklich. In den Medien verteidigte sich das Camp gegen den Terrorismus- und Aktionismus-Verdacht. Die finnischen CampteilnehmerInnen erzählten, dass jegliche Aktionen, die auch nur eine radikale Botschaft vermitteln könnten, von Medien, Polizei und Öffentlichkeit stigmatisiert würden.

Workshops und Ergebnisse

Die Themenpalette war breit: Endlagerpolitik in Finnland und Deutschland, geplanter Uranabbau in Nordfinnland und lokaler Widerstand dagegen[3] sowie die radioaktive Verseuchung der Ostsee:

Die Schwedische Behörde FOA hat herausgefunden, dass so viel radioakive Verseuchung von den Atomkraftwerken um die Ostsee ausgeht, dass die Ostsee als das am höchsten belastete Meer eingestuft wird, z.B. im Bezug auf die Caesium-137 Belastung. Sogar die Irische See mit all der einfallenden Strahlung von Sellafield wird überboten. 20 Bq/kg werden bei Weitem überschritten! Der Grund ist die in schwedischen und finnischen Reaktoren verbreitete Praxis, die gleichen Brennstäbe 3-5 mal zu verwenden, was eine besonders verheerende Plutoniumspaltung zur Folge hat, deren Legalität sogar in den USA untersucht wird. Oskarshamn, Forsmark, Loviisa und Olkiluoto sind in dieser Hinsicht die schlimmsten. Die Emissionen sind 1.000 - 100.000 mal höher als von den schlecht bewerteten RBMK-Reaktoren. [4]

Auf der praktischen Seite gab es eine Wildkräutersammlung sowie Praxisworkshops zu Blockadetechniken und Baumklettern. Außerdem wurde gemeinsam überlegt, wie auf die drohenden neuen Atomprojekte reagiert werden könnte. Ergebnis dieser Diskussion ist u.a. das "NUCLEAR weekEND". Bleibt zu hoffen, dass die gewonnene Energie nicht wieder erlischt und dass sich auch in Finnland immer mehr Menschen gegen die neuen (und die alten) Atomprojekte wehren.

Fotos vom Camp: http://www.greenkids.de/europas-atomerbe/index.php/International_Anti_Nuclear_Festival_in_Finland_2008_-_Pictures Radiobeitrag zum Camp von Radio Unerhört Marburg: http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=23247

  1. Informationen über Atomprojekte in Finnland: http://www.nuclearmadness.info (Englisch)
  2. Fair Trade Schiff Estelle: http://www.estelle.fi/en (Englisch)
  3. Widerstand gegen Uranabbau in Nordfinnland: http://www.uraaniton.org/sivu (Finnisch, teilweise Schwedisch)
  4. Swedish Defense Research Agency (FOA) has found out that nuclear power plants have produced so much radioactive pollution that the Baltic Sea is classified as the worlds highest contaminated sea for example looking at Cesium-137 levels. Even Irish Sea with all the incidental pollution from Sellafield is left behind. 20 Bq/kg is exceeded easily! The reason is mostly habit in Swedish and Finnish reactors to use same fuel rods even 3-5 times causing ultrawasteful plutonium fission whose legality is being investigated (in the USA)! Oskarshamn, Forsmark, Loviisa and Olkiluoto are the worst. Emissions are unbeliavably 1000 - 100 000 times higher than from ill-reputated RBMK reactors. (Milka/ Miljörörelsens kärnavfallssekrtariat i Sverige. (http://www.milkas.se/bsngo2006 - Englisch)