2008-01:Utopie Offener Räume

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Inhaltsverzeichnis

Utopie Offener Räume

fb In Offenen Räumen gibt es keine formalen oder informellen Hierarchien. Die Menschen handeln hier eigenständig, gewissermaßen autonom; treffen gleichberechtigt, auf gleicher Augenhöhe, aufeinander und handeln dementsprechend Konflikte aus bzw. gehen nach diesem Prinzip Kooperationen ein. Kein Plenum, kein Vorstand oder HausrechtsinhaberIn bestimmt was zu geschehen hat oder nicht gemacht werden darf. Offene Räume sind keine Kollektive mit gemeinsamer Identität. Es sind Orte mit gleichem Zugang zu allen Ressourcen für alle.


Das ist eine für die meisten Menschen ganz ungewohnte Art und Weise des Umgangs miteinander. Sicherlich gibt es immer wieder Teilbereiche, in denen Menschen gleichberechtigt agieren. Dies beschränkt sich dann meist aber auf einzelne Aspekte. Beispielsweise gibt es in der normalen westlichen Gesellschaft immer das formale Recht, das vorschreibt, wer im Streitfall das Sagen hat (EigentümerIn, Vorstand, ErziehungsberechtigtE). Aber auch in alternativen Zusammenhängen wirken in der Regel Hierarchien, die entweder offen (z.B. in basisdemokratischen Zusammenhängen verbreitet) oder versteckt (z.B. verdeckt durch Konspirativität in mancher radikalen Gruppe) wirken.

Offenheit als Prinzip

Es fällt auf, dass häufig gerade linke Strukturen weniger offen für Menschen außerhalb der eigenen Szene wirken, als dies so manches bürgerliches bzw. in öffentlicher Trägerschaft betriebenes Zentrum schafft. Das trifft sicherlich nicht auf alle Projekte zu, es gibt aber eine entsprechende erkennbare Tendenz.

Vielleicht kommt es zu dieser Paradoxie durch das Bedürfnis nach der Erweiterung der persönlichen bzw. kollektiven Freiheit sich als alternativ bzw. links verstehender Menschen, das dann in "Freiräumen" und "Schutzräumen" mündet, die sich eher dem eigenen Klientel offen zeigen, den Rest aber eher ausschließen. Verstanden als Notanker in einer in vielerlei Hinsicht feindlichen Gesellschaft haben solche Freiräume auch ihre Berechtigung. Häufig scheinen diese ausgrenzenden Orte aber schon als eigentliches Ziel aufgefasst zu werden; es wird gar nicht mehr versucht, eine Öffnung für szeneferne Menschen zu erreichen. In diesem Moment stehen dann die Parolen nach "alles für alle", "Emanzipation", "Herrschaftsfreiheit" und so weiter in deutlichem Widerspruch zur Praxis vieler linker Freiräume.

Wie nun damit umgehen? Schutzräume für Menschen, die als Frauen, MigrantInnen, Linke, sozial Benachteiligte diskriminiert werden haben ihre Berechtigung in dieser Gesellschaft, in der wir gerade leben. Es sollte aber auch Räume geben, die einen Schritt weiter in Richtung einer emanzipatorischen Utopie gehen; wo Offenheit gegenüber ganz unterschiedlichen Menschen praktiziert wird - auch oder auch gerade dann - wenn sie nicht links sozialisiert wurden und kein selbstverständliches Bekenntnis zu typischen linken Forderungen mitbringen. Die Gesellschaft besteht ganz überwiegend aus Menschen, die anders sozialisiert wurden; sie zu ignorieren bedeutet entweder eine elitäre Orientierung (Herausbildung einer neuen Führungsschicht, die der Menschheit demnächst erklärt wie sie "richtig" zu leben hat) oder eine wenig aussichtsvolle selbstgewählte Isolierung von gesellschaftlichen Prozessen.

Horizontalität ist mehr als Gleichberechtigung

In einem Offenen Raum soll es keine Privilegierten geben. Also keine "Kerngruppe", Verein oder anderes Führungsgremium bzw. irgendwelche informellen Zirkel, die Wissen und Ressourcenzugänge horten. Das Ziel ist eine emanzipatorische Organisierung des Offenen Raumes, seiner Projekte und der Gruppenprozesse darin zu erreichen. Damit sollen Einzelne nicht nur "ermächtigt" (im Sinne von Macht, der Fähigkeit etwas tun zu können) werden, alle Ressourcen selbstbestimmt nutzen zu können. Es geht auch darum Utopien zu leben, so weit das im Hier & Jetzt möglich ist. Dabei stoßen wir auch immer wieder auf Grenzen, die von der Gesellschaft, vom Herrschaftssystem, von unserer Zurichtung (Sozialisation mit dem Ziel als Rädchen im System zu funktionieren) und materiellen Umständen aufgemacht werden. An diesen können wir Methoden und Strategien erproben, aber auch erkennen, welche Mechanismen der bestehenden Gesellschaft für eine emanzipatorische Weiterentwicklung zu überwinden sind.

Der übliche Gleichberechtigungsbegriff meint eine formale Gleichstellung von Menschen, dass sie also in der Regel die gleichen Rechte oder theoretisch gleiche Möglichkeiten haben. Übergangen wird dabei, dass Menschen sehr unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten haben, und dementsprechend nicht immer gleichermaßen an Partizipationsangeboten teilhaben können. Diese Unterschiedlichkeit kann in den bisher gesammelten Erfahrungen, individuelle unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten, körperlichen Voraussetzungen und auch (!) rechtlichem Status (Kinder, Nicht-StaatsbürgerInnen, Wohnsitzlose, ...) begründet sein. Formal gleichberechtigt zu sein ist also nicht gleichbedeutend mit tatsächlicher Chancengleichheit. Wer in bildungsbürgerlicher Schicht sozialisiert wurde, hat häufig mehr Erfahrungen und Gespür für Verhandlungen mit Autoritäten. "Männer" werden (noch immer) anders sozialisiert als "Frauen" und haben dadurch häufig Vorteile, wenn es um Selbstbewusstsein und die Durchsetzung eigener Interessen geht.

Der Begriff "Horizontalität" will diesen Unterschiedlichkeiten gerecht werden und nicht nur formale, sondern wirkliche Chancengleichheit beschreiben. Horizontal organisiert ist eine Gesellschaft oder Gruppe daher dann, wenn auch die Voraussetzungen der Beteiligten reflektiert und berücksichtigt werden. Dafür gibt es keine formalisierten Regelungen; es zeigt sich, dass Emanzipation auch hier ein Prozess ist, der mit Bewusstseinsbildung, Sensibilisierung, Kompetenzförderung und Willen zur Veränderung einhergeht. In der heutigen Gesellschaft gibt es im allgemeinen keine Horizontalität im Verhältnis zwischen den Menschen, da vielfältige Herrschaftsverhältnisse die Selbstbestimmung und Handlungsmöglichkeiten der Individuen beschneiden und sie allzu häufig gegeneinander ausspielen[1].

Horizontale Verhältnisse erfordern eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Das meint das Verhältnis von Menschen zueinander (z.B. Kooperation statt Konkurrenz), das Wirtschaftssystem ("Ökonomie von unten"), die politische Organisierung (weg von Stellvertretungslogik und nicht-Betroffenheits-orientierter Entscheidungsfindung), das persönliche Verhältnis der Menschen (Aufbrechen der westlichen Beziehungsmuster, Auflösung von Zwangsgemeinschaften wie den typischen Familienstrukturen, Ende der Bevormundung jüngerer Menschen) und vieles mehr. Wo Horizontalität gefordert wird, entsteht also schnell eine Auseinandersetzung um "das Ganze". Es kann nicht nur um Veränderungen einzelner Teilbereiche gehen - Herrschaft (und damit Fremdbestimmung) durchzieht alle Gesellschaftsteile und kann nicht nur auf ökonomischer oder politischer Ebene bekämpft werden. Daher haben wir es auch mit der Frage nach der Utopie einer anderen Welt zu tun, wenn es um ideale Offene Räume geht.

Innerhalb eines Offenen Raumes kann angestrebt werden, möglichst viel Horizontalität zu erreichen. Dazu gibt es weite Spielräume, die ausgetestet und ausgereizt werden können und sollten. Vieles Wissen ist in diesem Zusammenhang noch nicht entdeckt worden, viele Erfahrungen müssen gesammelt werden. So kann mensch sich - im eng gesteckten Rahmen der herrschenden Verhältnisse - dem Ziel von Horizontalität annähern und dabei Know-How und Verständnis für emanzipatorische Verhältnisse sammeln und verbreiten. Offene Räume bilden damit Keimzellen für eine andere, offenere, horizontal organisierte, herrschaftsfreie Welt.

Bei tiefer gehender Reflexion und Analyse werden auch einige Hindernisse der jetzigen Verhältnisse erkannt, die tatsächlicher Freiheit im Weg stehen. Diese Erkenntnisse können Motivation für Aktivität sein: sich informieren, Strategien entwickeln, sich vernetzen, Alternativen aufbauen, widerständig sein. Die Erfahrung des Offenen Raums als Ort möglichst weitgehender Selbstbestimmung kann also Politisierung bewirken, Netzwerkbildung begünstigen und Widerstand im Alltag fördern. Praktischerweise können Offene Räume auch gleich die Infrastruktur und Projekte beinhalten, die hier wiederum ansetzen: Werkstätten, Seminarangebote, Aktionsmaterial-Lager, Treffpunkt, Medienwerkstatt, Archive, konkrete Kampagnen und Initiativen. Das Zusammenspiel von Utopie und Praxis hat erhebliches widerständiges Potenzial!

Emanzipation als Prozess

Ein Offener Raum allein kann keine herrschaftsfreie Gesellschaft schaffen[2]. Das kann auch kein anderes einzelnstehendes Projekt, keine Kampagne und vermutlich nicht einmal ein Netzwerk Offener Räume leisten. Voraussetzung für die Entstehung einer horizontal organisierten Welt ist dass auch der Weg dahin sich an diesem Ziel orientiert[3]. Will mensch niemanden zu ihrem "Glück" zwingen, ist es notwenig, dass die Gesellschaft zur herrschaftsfreien Organisierung fähig ist:

  • Dazu bedarf es zunächst des Wissens darüber, dass eine Gesellschaft ohne Herrschaft möglich ist - also Organisierungsansätze, Methoden, Beispiele und Erfahrungen. Umso mehr von diesem Wissen über Alternativen und ihre Funktionsfähigkeit vorhanden ist, umso besser sind damit die Voraussetzungen für die Ausweitung dieser Ideen auf die Gesellschaft.
  • Wichtig ist auch das Bewusstsein für die Komplexität menschlicher Gesellschaft und der Notwendigkeit des ständigen Hinterfragens scheinbar normaler Zustände, Verhaltensweisen und Vorgänge. Herrschaft findet sich in allen möglichen Teilsystemen der Gesellschaft wieder. Hinter den heute offensichtlich erkennbaren Herrschaftsverhältnisse (z.B. strukturelle Herrschaft) finden sich subtiler Herrschaftsmechanismen (z.B. diskursive Herrschaft); und selbst wenn diese weitestgehend abgebaut sein sollten, wird es immer wieder nötig sein genau hinzuschauen und weitere Formen von Herrschaft zu beseitigen.
Der Grund dieser Vielschichtigkeit von Herrschaft könnte darin zu suchen sein, dass sie sich über Jahrtausende in allen Bereichen des Menschseins ausbreiten konnte und ihre Logik verankert hat. Möglicherweise tritt dieses Problem in einer utopischen Gesellschaft, die nicht mehr von Herrschaft geprägt ist, nicht mehr auf, weil die Grundlogik eine andere ist und nichts mit Herrschaftsmechanismen anfangen kann[4].
  • Dann bedarf es auch noch der Bereitschaft und des Willens zur Veränderung: Entwicklung geschieht mit Veränderung - eine konservative Gesellschaft kann sich dagegen nur in engem Rahmen weiterentwickeln. Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen wie eine Gesellschaft sich entwickeln wird. Mensch kann Prognosen aufstellen und Theorien dazu entwickeln. Zuletzt werden es aber auch immer Experimente sein, die auf dem Weg zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft liegen. Zum einen, um sich dem Ziel der Herrschaftsfreiheit anzunähern und zu erproben, welche Methoden dazu geeignet sind und welche nicht funktionieren. Zum anderen sind Veränderungen aber auch nötig, um sich wechselnden Rahmenbedingungen (z.B. Umwelteinflüsse, technische oder geistige "Entwicklungssprünge") anzupassen.
Das Wissen um die Möglichkeit herrschaftsfreien Lebens und das Bewusstsein für die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Prozesse allein genügen nicht, um eine andere Welt zu gestalten. In der heutigen Gesellschaft mangelt es häufig an der Initiative bzw. dem Engagement für als richtig erkanntes Handeln.
Gerade in Umbruch-Zeiten, in denen allgemein erkennbar wird, dass das bisherige System nicht länger tragbar ist, steigt die Bereitschaft dafür etwas anderes zu versuchen. Solche revolutionären Phasen bergen daher die Chance für deutliche Veränderungen, wenn die Keime dazu gesetzt sind (Wissen, Bewusstsein, Handlungsbereitschaft). Der globale Kapitalismus steht nach Meinung vieler Leute an einer solchen Schwelle.
  • Nicht zu vergessen die Sensibilisierung für Herrschaftsmechanismen, die meist erst noch entwickelt werden muss. Viele Probleme kündigen sich unterschwellig an, sind aus Methoden und Verhältnissen ableitbar, wenn mensch ein Gespür dafür entwickelt hat. Bei der alltäglichen Wahl zwischen möglichen Alternativen (z.B. Kommunikationswegen, Methoden, Organisierungsformen, Handlungsweisen) kann diese Sensibilität (bzw. "Herrschaftsbrille" - also ein für Herrschaftsmechanismen geschärfter Blick[5]) sehr hilfreich sein.

Emanzipation als Prozess von "Befreiung aus Herrschaftsverhältnissen" baut u.a. auf den vorgenannten Aspekten auf. Soll den in dieser Gesellschaft lebenden Menschen nicht einfach ein anderes System ungefragt aufgestülpt werden, muss auch dieser Prozess "von unten" kommen. Vorstellbar sind viele kleine und große Aktivitäten, mit denen die nötige Sensibilisierung und Wissensvermittlung erfolgt. Das Spektrum geht von einzelnen Gesprächen mit FreundInnen und Fremden über Aktionen als Vermittlungsform bis zum breiten Medienaktivismus. Wenn der Zufall es will oder der "richtige" Augenblick getroffen wird, kann aus vielen einzelnen Ansätzen eine Bewegung werden, die eine Eigendynamik mit großen Veränderungspotenzialen entwickelt. Vieles ist dann nicht mehr kontrollier- oder steuerbar (was auch gar nicht das Anliegen emanzipatorischer Gesellschaftsprozesse ist) - umso wichtiger, dass Grundideen für eine herrschaftsfreie Organisierung dann bereits Verbreitung gefunden haben.

Die Projekte, die als Keimzellen einer anderen Gesellschaft gedacht werden, dürfen aber nicht isoliert gesehen werden. Der Aufbau von Netzwerken (sowohl zwischen Offenen Räumen, als auch mit allen möglichen anderen Initiativen, Projekten und AkteurInnen) hat eine große Bedeutung für die von ihnen ausgehende Wirkung, aber auch für eine Absicherung gegen den Anpassungsdruck der herrschenden Verhältnisse bis zur Abwehr von Repression der sich als gefährdet wahrnehmenden Herrschaftsinstitutionen. Sinnvolle Kooperationen, ohne Vereinheitlichungszwang und daher mit größtmöglicher Autonomie der PartnerInnen erscheinen hier wichtig.

In Offenen Räumen können diese Prozess entfacht und gefördert werden. Sie können aus sich selbst heraus Alternativen aufzeigen, Handlungsmöglichkeiten schaffen, zur Entwicklung von Utopien beitragen, Widerständigkeit hervorbringen. Das trifft natürlich nicht nur auf Offene Räume, sondern auch auf ganz viele andere Projekte zu. Die Offenen Räume weisen dazu aber ein besonderes Potenzial auf.

Die Logik "Offener Räume"

Die Idee der Schaffung "Offener Räume" ist kein Konzept von "Beliebigkeit". Ihr Potenzial steckt - unter anderem - darin, dass sie verschiedenste Menschen zusammenbringen, die sich emanzipatorischen Ideen öffnen und geradezu zwangsläufig mit Gedanken wie Herrschaftsfreiheit, Hierarchieabbau, Dominanzkritik und vielem mehr in Berührung kommen. Neben der (möglichen, aber nicht automatisch entstehenden) einladenden Atmosphäre macht Offene Räume gerade auch der einfache Zugang zu Ressourcen (Technik, Infrastruktur, Wissen, MitstreiterInnen) für viele Menschen attraktiv. Auch wenn sich Offene Räume durch ein hohes Maß an Toleranz gegenüber Andersartigkeit (bezogen auf häufige linke Identitätsmuster) auszeichnen (können) und damit eine niedrige Eintrittsschwelle für alle Menschen darstellen sollten, gibt es eine ihnen eigene, prägende Logik.

Diese Logik detailliert zu beschreiben fällt schwer, da es bis jetzt keine oder nur wenige systematische Analysen der Wirkungsweise Offener Räume gibt. Die bereits beschriebenen Prinzipien (Offenheit, Gleichberechtigung, emanzipatorischer Prozess) spielen dabei aber eine wichtige Rolle. Leichter als die genaue Umreißung der "Offener Raum"-Logik fällt es, naheliegende Widersprüche beispielhaft aufzuführen - Verhaltensweisen oder Organisierungsansätze, die mit der Idee Offener Räume nicht kompatibel sind:

  • verschlossene Türen, mit Passwörtern gesicherte Computer, sofern die entsprechenden Schlüssel nicht allgemein zugänglich sind
  • Gremien mit Entscheidungsgewalt für den Offenen Raum als Ganzes gegenüber Anderen
  • faschistische, rassistische, sexistische oder anders diskriminierende Verhaltensweisen oder Aktivitäten
  • Stellvertretungsanspruch für den Offenen Raum oder die Menschen, die diesen nutzen, sofern dies nicht im konkreten Fall von allen Betroffenen frei so vereinbart wurde
  • Kollektividentität

Wenn hier gesagt wird, dass diese Beispiele zu Offenen Räumen in Widerspruch stehen, bedeutet das nicht automatisch, dass derartiges nicht auftreten kann. Ebenso wie Offene Räume (in einem gewissen Umfang) die normale Gesellschaft widerspiegeln, werden auch typische Verhaltensweisen zu erwarten sein, mit denen mensch auch im Rest der Gesellschaft zu kämpfen hat. Aber im Gegensatz zu dieser ist hier die Chance, dass ein anderer Umgang damit entwickelt wird (z.B. direkte Interventionen gegen diskriminierendes Verhalten, Auseinandersetzung mit Konflikten, die Schulung von Sensibilität und die Aneignung von Wissen um Alternativen), deutlich größer und birgt Potenzial für die Verbreitung emanzipatorischer Ideen.

Es kann auch sein, dass "Kompromisse" eingegangen werden, weil die Akteure eines Projekts der Meinung sind, dass dies nötig ist, weil sonst der Offene Raum keine Chance für ein Weiterbestehen hat. Solche Kompromisse sind meist problematisch, da sie sich auf einem engen Grat bewegen und leicht dazu führen, dass Projekte instrumentalisiert werden oder ihren emanzipatorischen Charakter verlieren. Wie schon angedeutet, kann es auch strategisch sinnvoll sein, ein Projekt an den herrschenden Verhältnissen scheitern zu lassen, wenn dies taktisch für die Verdeutlichung der anzukämpfenden Hindernisse oder den Aufbau etwas Neuen sinnvoll erscheint. Die Entscheidung über ihre Strategien treffen natürlich die in dem betreffenden Offenen Raum aktiven Menschen. Wichtig ist, dass in alle Überlegungen einfließt, sich dabei den Prinzipien Offenheit, Horizontalität und Herrschaftsfreiheit so gut wie möglich anzunähern.

Einige wichtige Merkmale der Logik Offener Räume im Überblick:

  • Zugang zu allen Ressourcen (Infrastruktur, Material, Kommunikationsmöglichkeiten, Technik, ...) für alle
    • alle können Ressourcen gleichberechtigt nutzen; es gibt keine Privilegierten
    • es herrscht Transparenz über vorhandene Materialien, Technik und Möglichkeiten
    • Zugangsbeschränkungen zu Ressourcen sollten minimiert werden; wo es sie gibt müssen Mechanismen geschaffen werden, die wiederum jeder NutzerIn den Zugang ermöglicht - eventuell dann über Hürden, die einen unbedachten Umgang damit unwahrscheinlicher machen sollen
  • gleichberechtigter Umgang zwischen allen Menschen im Offenen Raum
    • das betrifft z.B. die Nutzung seiner Ressourcen (wie werden Räume oder Technik benutzt, wer kann sie wann nutzen, Reorganisation verbrauchter Ressourcen),
    • aber auch die Entscheidungsfindung bei Interessen- oder Nutzungskonflikten[6],
    • keine Entscheidungsinstanzen wie Vorstände, Plena o.ä.
    • Rücksichtnahme auf unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligten (z.B. aufgrund von Erfahrungen, körperlichen Eigenschaften, Sozialisationshintergrund)
    • reflektiertes Verhalten im Umgang miteinander (u.a. bezüglich Hierarchien und Dominanz)
  • keine Stellvertretungslogik
    • niemand kann den Offenen Raum "vertreten", es kann nicht in seinem Namen gesprochen werden
    • es gibt auch keine Gruppenidentität, gemeinsame Philosophie o.ä.
    • keine Gremien entscheiden (unvereinbart[7]) stellvertretend für Andere
    • Projektautonomie: Projektgruppen entscheiden eigenständig über ihre Arbeitsweise, Inhalte und Organisierung; wo sie in Berührung mit anderen Projektgruppen oder Personen kommen, handeln sie gleichberechtigt potenzielle Konflikte aus

Strategien für den Betrieb Offener Räume

  • Transparenz über Entscheidungsprozesse, die Grundlogik des Offenen Raumes, vorhandene Ressourcen, Konflikte, Organisations-Bedürfnisse
  • Kommunikation von persönlichen Bedürfnissen, Ansprüchen, Ideen
  • offensive Vermittlung des Konzepts (insbesondere der Offenheit für neue Leute)
  • Sensibilisierung für Hierarchien, Diskriminierung
  • Training von Methoden, Aktionsformen und Kompetenzen
  • Netzwerk-Aufbau, Initiierung neuer Projekte, Förderung

Transparenz

Eine Voraussetzung für selbstbestimmtes Handeln ist das Wissen über potenzielle Möglichkeiten, aber auch über Befindlichkeiten der Beteiligten und Notwendigkeiten der Organisierung. Umfassende Transparenz ist damit notwendig für den Bestand und Betrieb eines Offenen Raumes und dient dabei ebenso dem Hierarchieabbau. Sie ist aber auch förderlich für möglichst effektive, reibungsfreie und motivierende Gruppen-, Entscheidungs- und Organisierungsprozesse. Transparenz sollte hergestellt werden über:

  • vorhandene Ressourcen (Infrastruktur, Technik, Material)
  • Grundlogik des Offenen Raumes (Prinzipien, Funktionsweise)
  • Informationssysteme (welche gibt es, wie funktionieren sie)
  • Entscheidungsprozesse (Themen, Methoden)
  • Projekte, Gruppen, AnsprechpartnerInnen
  • formale Informationen (Rechtsstatus, Finanzen, damit verbundene Aufgaben)
  • Interessen (bezogen auf Projekte, gemeinsame Arbeiten, Vernetzung etc.)
  • Termine, Veranstaltungen, Bildungsangebote

In temporären Offenen Räumen, wie der Jugend-Umwelt-Kongress (besonders reflektiert 2006/2007 in Bielefeld) ihn in der Vergangenheit darstellte, hat sich gezeigt, dass mit der Transparenz komplexer und umfangreicher Vorgänge eine schwer handhabbare Informationsflut einher geht. Diese Informationsflut kann sogar das schwieriger zu bewältigende Problem sein. Über mehrere Jahre hinweg wurde bei diesen regelmäßigen ein- bis zweiwöchigen Kongressen mit Informationssystemen experimentiert, ohne bisher ein den besonderen Anforderungen genügendes optimales System zu finden. Einzelne Merkmale haben sich aber bereits herauskristallisiert, die berücksichtigt werden müssen:

  • einfache Überschaubarkeit (beschränkte Zahl an gleichzeitig angezeigten Informationen)[8]
  • intelligente Strukturierung der Informationen (z.B. in Kategorien, Rubriken oder anderen "Schubladen"); Querverweise zwischen diesen können hilfreich sein
  • förderlich kann auch eine Personalisierung, also Optimierung auf die Bedürfnisse des jeweiligen Individuums, sein[9]
  • besondere Informationen hervorheben (z.B. dringende Aufgaben)[10]

Da Informationen eine hohe Bedeutung für die Möglichkeiten, die mensch in einem Offenen Raum wahrnehmen kann, haben, sollte diesem Bereich erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Strukturell kann viel Mühe gespart werden, wenn frühzeitig gut durchdachte Methoden der Transparenzschaffung angewendet werden. Eine spätere Aufbereitung von Informationen bedeutet eigentlich immer einen größeren Aufwand, der in manchen Bereichen schnell exponentiell steigt.

Bei der Herstellung von Transparenz ist zu beachten, dass Menschen sehr unterschiedliche Bedürfnisse an die Art der Informationsvermittlung (Medium, Verständlichkeit, einfache Überschaubarkeit) stellen und es deshalb sinnvoll sein kann, Transparenz auf verschiedenen Wegen herzustellen (z.B. visuell auf Plakaten, digital in einer internetartigen Umgebung, auf Papier als Nachschlagewerk). Die Akzeptanz des Informationsmediums ist sehr wichtig, weil sie erfahrungsgemäß leicht zur Fallgrube für komplexere Strukturen wird.

Kommunikation

Mehr noch als in anderen Strukturen, ist Kommunikation überall da wichtig, wo "Organisierung von unten" geschehen soll. Diese Organisierungsprozesse sind sehr sensibel und abhängig vom Verhalten der einzelnen AkteurInnen. Um beispielsweise Interessenkonflikte wirkungsvoll entschärfen zu können, müssen diese zunächst klar kommuniziert werden. Wichtig ist daher eine Kommunikation über alle für das Leben im Offenen Raum bedeutenden Fragen:

  • welche Vorstellungen / Utopien / Ziele verfolgen die einzelnen AkteurInnen?
  • wie können diese Ziele erreicht werden? Welche Strategien sind kontraproduktiv?
  • wo gibt es Nutzungskonflikte? Wie können diese aufgelöst werden? Gibt es geeignete Methoden dazu und wie könnten passende Absprachen aussehen?
  • welche Ansprüche stellen die Menschen aneinander bzw. an die Nutzung vorhandener Ressourcen?
  • welche äußeren Zwänge wirken und wie soll mit ihnen umgegangen werden?
  • welche Arbeiten sind zu erledigen? Wer kümmert sich darum?
  • gibt es persönliche Konflikte zwischen AkteurInnen? Umgang damit?
  • welche Entscheidungen stehen an? Wer ist betroffen? Wie wird entschieden?
  • was steht in nächster Zeit an? (Termine, Veranstaltungen, ...)
  • gibt es neue Ideen für Veränderungen? Und gibt es dazu Feedback?

Dieses Thema steht offensichtlich in engem Zusammenhang mit der bereits behandelten Transparenz. Kommunikation erfasst aber noch einiges mehr: die Art der Kommunikation miteinander (Beispiel: Gewaltfreie Kommunikation), Methoden in Gruppenprozessen, Sensibilität für die KommunikationspartnerInnen (z.B. deren Gesprächsbereitschaft oder Themeninteresse) und Reflexion über die Kommunikationsprozesse (was läuft gut, was nicht, was fehlt noch?).

Da die AkteurInnen selbstbestimmt und eigenständig handeln, ist der Austausch von Informationen, die Mitteilung von Bedürfnissen und die Transparenz über Abläufe und Notwendigkeiten von großer Bedeutung für die Organisierung eines Offenen Raumes. Wenn jedE nur tut, was sie will und nicht erfährt, was die Bedürfnisse Anderer sind, werden unnötige Konflikte wahrscheinlich und für viele wird der Aufenthalt an diesem Ort (bzw. mit diesen Leuten) unbefriedigend sein. Die jeweils geeignete Art der Kommunikation muss häufig erst ausgetestet werden, da die Bedürfnisse der AkteurInnen sehr unterschiedlich sein können und die Sozialisation der meisten Menschen eher nicht in Richtung offenen Aussprechens ihrer Bedürfnisse, Gedanken und Motivationen ging.

Offensive Vermittlung

Offene Räume laufen (unter den herrschenden Verhältnissen) ständig Gefahr sich wieder zu schließen und letztlich doch nur für eine kleine Gruppe Privilegierter zur Verfügung zu stehen. In dieser Gesellschaft sind wir gewöhnt Gruppen zu bilden, die sich nach außen schließen und im Innenverhältnis eine gemeinsame Identität herstellen. Auch von Diskriminierung betroffene Menschen reagieren häufig durch Abgrenzung von Anderen auf den äußeren Druck. Dabei werden Gemeinsamkeiten mit der "eigenen" Gruppe und Unterschiede zu Anderen leicht übersteigert wahrgenommen, wohingegen Gemeinsamkeiten mit Anderen bzw. die Differenzen im Innenverhältnis schnell in den Hintergrund geraten. Dieses Phänomen ist in der Sozialpsychologie bekannt und wird in der Regel als "ganz normal" dargestellt. Was "normal" im Sinne von naturgegeben ist, gerade im menschlichen Verhalten, das ja sehr stark durch Sozialisation geprägt ist, lässt sich kaum entscheiden. Erkennbar ist dagegen, dass diese Praxis von Abgrenzung und Identifizierung ein Mechanismus ist, der Diskriminierung und Hierarchiebildung begünstigt. Und naheliegend ist auch, dass Kollektividentität im Widerspruch zur Logik Offener Räume steht.

Charakterisierend für Offene Räume ist, dass sie für jedE offen sind, ihre Ressourcen grundsätzlich allen Interessierten gleichberechtigt zur Verfügung stehen. Das beinhaltet aber auch das Wissen um diese Möglichkeit; ein Offener Raum, der geheimgehalten wird, ist daher kein wirklicher Offener Raum. Er wäre ein elitäres Objekt eines abgeschlossenen Zirkels Privilegierter. Zum Offenen Raum gehört daher seine offensive Bekanntmachung, die Verbreitung des Wissens, dass es ihn als Ort gibt, welche Ideen er verfolgt und dass mensch ihn nutzen kann. Ein Teil der Aktivitäten innerhalb eines Offenen Raumes muss daher in seine Bewerbung gehen. Das macht die Sache aber nicht zum Selbstzweck; entscheidend ist im Idealfall nicht die Existenz eines bestimmten Offenen Raumes, sondern das was er ausstrahlt, welche Impulse von ihm ausgehen. Das kann auch heißen, dass ein gescheiterter Offener Raum bei entsprechender Vermittlung und Weiternutzung der gesammelten Erfahrungen sinnvoller ist als die zwanghafte Aufrechterhaltung der Struktur nur um ihrer selbst willen.

Methodentraining und Sensibilisierung

Um das Wissen über Alternativen zu konventionellen Organisierungsformen und Verhaltensweisen zu vermitteln, kann es sinnvoll sein, kontinuierlich Einstiegsveranstaltungen anzubieten zu Themen wie:

  • Dominanzabbau und kreative Gruppenprozesse (Kritik, Sensibilisierung, Methoden)
  • Widerstand im Alltag (Ideen, Aktionsformen, Methoden)
  • Direct Action (Aktionstraining)
  • Bekämpfung von Diskriminierung (z.B. rassistischer, sexistischer, sozialer Art)
  • Utopien und Herrschaftskritik (Theorie & Entwicklung eigener Vorstellungen)
  • Kompetenztrainings (z.B. Rhetorik, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit, Internetseiten-Gestaltung, Gartenbau, Vereinsverwaltung, alternativ Kochen, ...)
  • Selbstorganisation in Politik und Alltag (Theorie, Methoden, Praxisübung)

Bei Bedarf können Themen dann speziell für die Aktiven in einem Projekt zugeschnitten und vertieft werden. Es ist sicherlich sinnvoll, dem Gruppenprozess zur Auseinandersetzung mit diversen Fragestellungen ausreichend Zeit zu widmen, da die rein theoretische Auseinandersetzung ohne Raum zur Verinnerlichung wenig nützt. Die Veranstaltungen und Trainings können in Kooperation mit lokalen und überregionalen PartnerInnen organisiert werden, so dass eine größere Zielgruppe erreicht wird und der Vorbereitungsaufwand für einzelne Beteiligte potenziell sinken kann. Diese Veranstaltungen können auch dazu beitragen, dass neue Interessierte für den Offenen Raum erreicht werden und das Thema auch Menschen außerhalb des Projekts Impulse gibt, sich mehr damit auseinanderzusetzen.

Bei jeder Veranstaltung kann versucht werden einen Bogen zu anderen assoziierten Themen zu schlagen und einen "Blick über den Tellerrand" (z.B. in andere Szenen oder auf andere Fragestellungen) zu werfen. So besteht die Chance, der Komplexität gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zumindest in Ansätzen gerecht werden zu können und immer wieder neue Vernetzungen zu schaffen.

Netzwerk-Arbeit

Kein Offener Raum und kaum ein anderes Projekt kann für sich alleine relevant auf die herrschende Gesellschaft einwirken. Für viele ist der Aufbau von Selbsthilfe-Strukturen auch wichtig, um Engpässe zu überdauern und ggf. Unterstützung aus anderen Projekten zu erhalten. Und auch bezüglich der Repression von Staat und politischen GegnerInnen (sowie der politischen Kampagnenarbeit) sind interventionsfähige Vernetzungen sehr hilfreich.

Kooperativen, deren Zweck die gegenseitige Bereitstellung von Ressourcen und die Hilfe bei größeren Arbeiten (beispielsweise Bauarbeiten, Ernteeinsatz, Aktionswochen) ist, machen die Anschaffung mancher Infrastruktur überflüssig, weil es reicht, wenn sie irgendwo im Netzwerk verfügbar ist. Der vorhandene "Luxus", den in partiellen Bereichen viele Gruppen zu organisieren fähig sind, steht dann allen zur Verfügung und erhöht den Handlungsspielraum der AkteurInnen. So sind auch Spezialisierungen einzelner Projekte auf ihnen am Herz liegende Bereiche (z.B. einen Fuhrpark aus allem was fährt aus alten Teilen aufzubauen und in Stand zu halten oder der Betrieb leistungsfähiger Internet- und Daten-Server) möglich, von denen das ganze Netzwerk profitieren kann.

Netzwerk-Arbeit bringt in einem gewissen Rahmen auch immer wieder neue Kontakte zustande, da neue Akteure und ihre Themen kennengelernt werden und mensch sich miteinander austauschen und neue Kooperationen aufbauen kann. Gerade vor Ort sind solche Netzwerke hilfreich, um dem Anspruch der Offenheit für neue Menschen und neue Ideen gerecht werden zu können und diese auch immer wieder zu erreichen.

Auch in der Szene, in der "Offene Räume" debattiert werden, gibt es einige Vernetzungsansätze, die weiter verfolgt werden sollten. Beispielsweise gab es die Idee eines Netzwerkes von "Widerstands-NomadInnen", die sich auf keinen speziellen Ort festlegen, sondern innerhalb eines Netzwerkes Offener Räume in Kontakt stehen und sich abwechselnd um die Aufrechterhaltung und den Betrieb dieser Orte kümmern. Außerdem wäre das Ziel dieses Netzwerkes die Organisierung widerständigen Lebens, z.B. durch Aktionen und Workshops. Diese Idee ist bisher aber noch an der Praxis gescheitert, da es an Menschen mangelt, die diese Lebensweise gerade so praktizieren würden, dass darauf aufbauend verbindliche Absprachen getroffen werden könnten. Verschiedene Leute haben in den letzten Monaten aber bekräftigt, dass sie die Idee weiter für verfolgenswert halten.

Daneben entwickelte sich bei einem Jugend-Umwelt-Kongress die Idee eines "NomadInnen-Netzwerkes" von Menschen, die ebenfalls keine "Heimat" haben, sondern von Projekt zu Projekt reisen, dort eine Weile mitarbeiten und dann wieder weiterziehen. Die Ansprüche, die bei dieser Idee formuliert wurden, sind nicht so hoch wie bei den "Widerstands-NomadInnen". Insbesondere war in dieser Debatte noch recht unklar, welche Rolle die NomadInnen beim Betrieb der Häuser, die sie besuchen, einnehmen sollen. Hier ist ebenso vorstellbar, dass sie im Prinzip nur Gäste sind, die aber den Substanzerhalt nicht mittragen, oder auch die Organisierung von durch die NomadInnen selbst verwalteten Räumlichkeiten an den jeweiligen Orten.

Etwas älter ist bereits das "Netzwerk FreiRäume", das im Zusammenhang mit der Stiftung FreiRäume steht. Es soll Platz bieten für eine Vernetzung und die Organisierung gegenseitiger Unterstützung zwischen politischen Frei-Räumen - Häuser, Zimmer, Wägen, Plätze, Camps, Veranstaltungen, Plattformen und vieles mehr. "Offene Räume" bilden einen wichtigen Schwerpunkt der Stiftung und des Netzwerks. Es gibt auch eine Mailingliste, die aber seit langem eher zur einseitigen Kommunikation (Ankündigung von Terminen etc.) statt zum Austausch und zur gezielten Vernetzung genutzt wird. Auch die reale Organisierung in diesem Netzwerk ist bisher noch nicht wesentlich vorangekommen.

Da es in einigen Projekthäusern Umsonstläden gibt, soll hier auch die Vernetzung deutschsprachiger Umsonstläden Erwähnung finden. Dieses trat in der letzten Zeit durch ein Vernetzungstreffen und die Einrichtung einer Mailingliste auf den Plan. Weitere Aktivitäten sind bisher noch nicht zu erkennen. Sinnvoll ist sicherlich auch der Aufbau oder die Beteiligung an regionalen Selbsthilfe- und Selbstorganisations-Strukturen, wie Umsonst-Netzwerken und Kooperativen (z.B. FoodCoops).

Ein weiteres eher themenbezogenes Netzwerk ist die "Direct-Action-Vernetzung", die zeitweise mit Workshops, Treffen und Aktionstagen aktiv war. Inzwischen läuft dort an Organisierung relativ wenig; lediglich die Rebel Clown Army hatte die Mailingliste für sich entdeckt und für einige Monate zu ihrer Koordinierung genutzt. Aktuell wird die Liste überwiegend zur Bekanntgabe von Terminen genutzt. Das kann sich natürlich wieder ändern.

Darüber hinaus bieten sich lokale und überregionale Themennetzwerke (z.B. soziale Gruppen, Antifa-Arbeit, Ökologie, eine Welt) für inhaltliche Kooperationen, Informationsaustausch und Vernetzung an. Die AkteurInnen dort haben in der Regel mit Offenen Räumen und ihren Ideen bisher wenig zu tun gehabt und können möglicherweise dafür begeistert werden. Aber auch ohnedies fördert diese inhaltliche Vernetzung entsprechende thematische Projekte im Haus und kann damit zu einer größeren Vielfalt im Offenen Raum beitragen.

Spannende theoretische Fragen

Offene Räume als Heterotopien – Positivansätze

Offene Räume können entsprechend einer Definition des Philosophen und Macht-Theoretikers Michel Foucault als "Heterotopien" betrachtet werden. Ihm zufolge sind Heterotopien in Abgrenzung zu Utopien, die Perfektionen oder virtuelle Gegenentwürfe der realen gesellschaftlichen Verhältnisse darstellen, "wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können"[11]. Diese Begriffssetzung klingt zunächst kompliziert, beinhaltet aber einige auch für die Auseinandersetzung mit Offenen Räumen interessante Aspekte:

  • es sind reale Orte
  • sie sind, auch wenn sie Gegenentwürfe zur sie umgebenden Gesellschaft darstellen, Teil der Gesellschaft, sind von ihr geprägt und stehen in Wechselwirkung mit dieser
  • sie widersprechen - zumindest in Teilbereichen - den herrschenden Verhältnissen und wollen Alternativen bilden

Diese Merkmale treffen auch auf das Konzept "Offene Räume" zu. Sie stellen einen Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft dar (beispielsweise durch die Aufhebung von Hausrecht im Außenverhältnis und von Eigentum im Innenverhältnis[12]), sind aber trotzdem ein Teil von ihr (das Recht der Bundesrepublik gilt formal natürlich auch in Offenen Räumen, Druck von Repressionsorganen, aber auch durch die Diskurse des Mainstreams[13], wirken) und spiegeln (z.B. durch die Sozialisation der hier wirkenden Menschen und ihrer Prägung auf bestimmte Verhaltensweisen und Denkschemata[14]) diese Gesellschaft wider. Aufgrund des Prinzips der Offenheit ist auch der ständige Austausch mit Menschen außerhalb der realen Orte Offener Räume gewünscht; diese beeinflussen ihrerseits die Offenen Räume, während wiederum die Offene Raum-Logik auch sie beeinflusst.

Somit trifft im Idealfall in Offenen Räumen die theoretische Auseinandersetzung um Utopien, Gesellschaftsentwürfe und politische Analyse mit praktischer Arbeit zusammen; die sonst häufige Aufspaltung in Theoriezirkel und politische Arbeit kann durchbrochen werden. Positive Elemente einer emanzipatorischen Gesellschaft können bereits im "Hier & Jetzt" installiert werden (wenn auch nicht statisch, sondern möglicherweise nur zeitweise[15]). Impulse für herrschaftsfreie Utopien können von Offenen Räumen ausgehen und damit können sie in gesellschaftliche Prozesse eingreifen und diese mitgestalten[16].

Offene Räume als Heterotopien – Negativansätze

Andererseits: "Als Heterotopie wird in der Medizin die Bildung von Gewebe am falschen Ort bezeichnet. Entsprechend will Foucault die Heterotopie als das Andere in der Gesellschaft verstanden wissen: ein Ort, der in einem besonderen Verhältnis zur Gesamtgesellschaft steht. Gegenstand der Heterotopologie können Orte sein, die von einer Gesellschaft errichtet wurden, um das Anor­male besser kontrollieren und bestenfalls disziplinieren zu können. Es können darüber hinaus Orte sein, die sich allein der Lust, der Schönheit oder dem Widerstand verschrieben haben, Orte, die nur solange »toleriert« werden, wie sie kein »öffentliches Ärgernis« oder gar eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen."[17]

Auch das kann auf "Offene Räume" zutreffen: Diese Orte können von der Gesellschaft auch als Räume verstanden werden, in denen Leute mit revolutionärem oder zumindest unkonformen Gedanken sich "austoben" (und sich an diesen Räumen "abarbeiten", damit ihre Kraft weniger in die Störung des sie umgebenden Herrschaftssystems stecken) bzw. wo andersartige Ideen scheinbar gefahrlos integriert werden können und Nebeneffekte wie karritative Leistungen, Bildungsarbeit, Ausbildung künftiger Eliten (durch Kompetenzförderung) erzielt werden[18]. Möglicherweise sind nicht systemkonform denkende Leute an solchen Orten (nicht nur Offene Räume, sondern jegliche alternative Einrichtungen) besser kontrollierbar[19], als wenn sie unüberschaubar in der Gesellschaft verstreut agieren. Wenn nicht aufgepasst wird, gelingt sogar die Disziplinierung dieser Menschen, wenn diese sich zum Zweck des Erhalts des Offenen Raumes allzu sehr an die herrschenden Verhältnisse anpassen[20]. Sollte von einem Offenen Raum (oder auch einem Netzwerk solcher Orte) eine deutliche Gefahr für das bestehende Herrschaftssystem ausgehen, ist nicht unwahrscheinlich, dass der Druck von außen (Repression) erhöht wird, um die Störquelle auszuschalten[21].

Das muss keinesfalls heißen, dass diese Bedenken zwangsläufig zutreffen. Sicherlich wird es Strategien geben, diese systemstabilisierenden Einflüsse abzuwehren. Wichtig ist aber zunächst das Bewusstsein für diese Mechanismen und die ständige selbstkritische Reflexion des Handelns und dessen gesellschaftlicher Wirkung. Dass auch das kritisierte System Vorteile aus der Existenz Offener Räume (wie auch anderer linker Freiräume) ziehen kann[22], wird sich nicht völlig ausschließen lassen. In der Praxis handelt es sich also wahrscheinlich um eine Gratwanderung zwischen systemstabilisierenden Effekten und systemzersetzenden Ansätzen.

Offene Räume als Heterotopien – Fragen

Was kann die theoretische Betrachtung Offener Räume als Heterotopien an Denkanstößen bringen?

  • Offene Räume haben utopisches Potenzial, sind aber reale Orte im "Hier & Jetzt" - sie können Keime für eine andere Gesellschaft legen
  • Offene Räume sind repressionsgefährdet, sobald sie sich als zu störend für das Herrschaftssystem oder dessen Teile darstellen - das erfordert u.U. Überlegungen für den Umgang mit möglicher Repression, z.B.:
    • Maßnahmen zum Repressionsschutz
    • kreative Antirepression
    • Strukturen bilden, die weniger repressionsanfällig sind (z.B. Netzwerke autonomer Knotenpunkte, die sich gegenseitig stützen und robust gegen den Ausfall einzelner Teile sind)
  • auch Offene Räume können instrumentalisiert werden - Reflexion und selbstkritisches Handeln:
    • welchen Nutzen hat das herrschende System vom Offenen Raum?
    • Wie kann dieser eingeschränkt werden?
    • Wie könnten gute Strategien bezüglich dieser Fragestellung aussehen?
  • Offene Räume stehen in Wechselwirkung mit der sie umgebenden Gesellschaft, sie sind keine zurückgezogenen bzw. nur auf sich selbst bezogenen Gemeinschaften; sie spiegeln mit den in ihnen aktiven Menschen die Gesellschaft wider
  • Offene Räume bedeuten Arbeit, sind zeitintensiv und fordern einigen Akteuren viel Energie ab - Prioritäten-Abwägung zwischen Strukturen-Schaffen und prozesshafter, emanzipatorischer Gesellschaftsentwicklung auf der einen Seite und konkreten, einfacher zu umreißenden und mit möglicherweise klareren Zielen versehener Projektarbeit auf der anderen Seite
    • wie so oft könnte am sinnvollsten das "sowohl als auch" sein: Offene Räume als Orte, an denen konkrete Projekte mit abgrenzbaren Zielen und Mitteln umgesetzt werden, wo aber auch prozesshafte Entwicklung der Organisierung geschieht



  1. Auf dem Arbeitsmarkt werden regelmäßig Menschen gegeneinander ausgespielt: sie müssen zeigen, dass sie irgendwie besser und "brauchbarer" sind als Andere. Wer hier die Bereitschaft zu einem bestimmten Tun aufbringt, tut das in der Regel nicht selbstbestimmt aus freiem Willen, sondern unter Existenzängsten, zur Egostärkung oder aus anderen fremdbestimmten Motivationen heraus.
  2. Soll er auch nicht - wenn eine kleine Gruppe von Menschen die Welt verändert, geschieht das zwangsläufig fremdbestimmt. Es ist (zumindest mit jetzigem Erkenntnisstand) nicht vorstellbar, wie ein solcher Befreiungsprozess emanzipatorisch gestaltet werden könnte.
  3. Es sei denn mensch versteht darunter die völlige Auslöschung der restlichen Menschheit und bezieht den Begriff der "Herrschaftsfreiheit" nur auf die Übriggebliebenen - was aber mehr von einer Dystopie als von Utopie hat.
  4. Ein interessanter Roman zu dieser Idee ist das Buch "Planet des Ungehorsams". Es ist zwar eine fiktive Geschichte, sie gibt aber einige Gedankenanregungen dazu, wie ein Welt anderer Prägung funktionieren könnte und wie von außen herangetragene Herrschaftsmittel an ihr scheitern. Wie schwierig der Auflösung von Herrschaftsverhältnissen sein kann und dass sie sich auch in einer revolutionären Gesellschaft wieder einschleichen können, verdeutlicht ein anderer fiktiver Roman von Ursula LeGuin: Die Enteigneten.
  5. http://www.projektwerkstatt.de/hoppetosse/hierarchNIE/reader/brille01.html
  6. Es u.a. kann zwischen "Mittelkonflikten" (unterschiedliche Vorstellung von der Verwendung von Mitteln, Werkzeugen etc.), "Zielkonflikt" (verschiedene Ziele widerstreben einander) und "Wertekonflikt" (Wertung und Wichtignahme bestimmter Dinge widersprechen sich) unterschieden werden. (Jörg Drescher: Der Jovialismus oder die Freiheit "Nein" sagen zu können. Kiew, September 2007. http://www.iovialis.org/download/Jovialismus_Staatstheorie.pdf - S. 14ff.
  7. Das Prinzip keine Stellvertretung zu haben bedeutet nicht, dass die betroffenen Menschen selbstbestimmt entscheiden, dass sie von Anderen in bestimmten Debatten oder Konflikten vertreten werden wollen. Die abgelehnte Stellvertretung bezieht sich auf institutionalisierte Vorgänge, die ohne weiter kommuniziert werden zu müssen und ohne spezielle Zustimmung der Betroffenen, ablaufen würden.
  8. Diese quantitative Einschränkung kann durch Schwerpunktsetzung erfolgen; problematischer ist zu erkennen und festzulegen, welches diese Prioritäten sein sollen. Vorstellbar ist zumindest, dass eine beschränkte Zahl von Oberkategorien für den Einstieg in das Informationssystem festgelegt wird, von denen ausgehend mensch selbst bestimmen kann, wohin mensch sich vertiefen will. Hierfür bedarf es sicherlich abhängig von der Menge an Informationen und der Komplexität des Gesamtsystems unterschiedlich vieler Ebenen.
  9. In der Informatik sind solche Anforderungen verhältnismäßig leicht erfüllbar - Beispiele sind die über BenutzerInnen-Accounts personalisierten Portale verschiedenster Internetanbieter, die Design, Inhalte und Informationen der Webseite individuell zusammenstellen.
  10. In Abhängigkeit von der Ebene des Informationssystems kann dann beispielsweise die Übersicht solcher besonderer Informationen variieren.
  11. Foucault, Michel: Andere Räume (1967). In: Barck, Karlheinz (Hg.): Aisthesis: Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik; Essais. 5., durchgesehene Auflage. Leipzig: Reclam, 1993, S. 39. In: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Heterotopie_%28Literatur%29&oldid=43111672
  12. Eine Idee der subversiven Anwendung von Recht findet sich in den sogenannten "Autonomievertägen" (Beispiel: Autonomievertrag des BWA mit Kommentaren (PDF-Datei)) wieder, die de facto eine Aufhebung des juristisch verankerten Hausrechts bewirken sollen.
  13. Solche Mainstream-Diskurse sind beispielsweise die ausschließliche Existenz zweier Geschlechter, das Menschenbild vom "Wolf im Menschen", die Alternativlosigkeit des Kapitalismus, die Unaufhebbarkeit von Herrschaftsverhältnissen, ...
  14. Die auf der Seite "Offene Räume Probleme" gesammelten Beispiele lassen sich im wesentlichen auf die bisherige Sozialisation der Beteiligten zurückführen und liegen (auch) in der Prägung auf Konkurrenzverhalten sowie in der gängigen Herrschaftslogik begründet.
  15. Die Reibung Offener Räume mit der Normalität (Abgreifmentalität, Konsumverhalten, Unfähigkeit zum gleichberechtigten Umgang miteinander etc.) führt häufig zu deren "Aufreibung". Viele "Offener Raum"-Projekte sind an diesen Mechanismen gescheitert, was in der Regel mit der völligen Auflösung des Projekts, der Schließung gegenüber der Allgemeinheit, Schwerpunktverlagerungen oder der Wiedereinführung formaler oder informeller Hierarchien einhergeht.
  16. Offene Räume zeigen auf, dass eine andere Organisierung und ein anderer Umgang miteinander möglich ist. Der Alltag in ihnen erfordert die Auseinandersetzung mit verschiedensten Herrschaftsverhältnissen und nebenbei auch mit Alternativen zum herrschenden System. Die Grenzen, an die Offene Räume stoßen, geben Hinweise darauf, welche Mechanismen der gegenwärtigen Gesellschaft einer offeneren, gleichberechtigteren Welt im Wege stehen und verändert werden sollten.
  17. http://www.jungle-world.com/seiten/2006/02/6984.php
  18. Diese Nebeneffekte sind außerdem wichtige Kriterien bei der Beschaffung von Fördermitteln für die Erhaltung bzw. den Ausbau der Infrastruktur bzw. die Finanzierung laufender Ausgaben von Projekten. Die ProtagonistInnen Offener Räume schreiben sich bei diesen (oft subversiv gedachten) Förderpraktiken diese Effekte also regelrecht selbst zu. Noch mehr: sie werden betont, um zu begründen, worin das Interesse des Staates oder der Wirtschaft liegt, die entsprechende Einrichtung oder das betreffende Projekt zu finanzieren. Es zeigt sich also, dass gerade solche Strategien zum Betrieb von Offenen Räumen diese in ihren Grundansätzen gefährden können. Eine selbstkritische Reflexion dieser Praktiken ist unumgänglich.
  19. Egal ob Jugendzentrum, autonomer Treffpunkt oder Projektwerkstatt - durch ihre Zuordnung zur Szene fällt es leichter, kritisches Potenzial an diesem Ort im Auge zu behalten.
  20. Diese Anpassung kann sich in konformer Kleidung, Auftreten und Handeln äußern. Auch ist oft zu beobachten, dass radikale Kritik vermieden wird, um die Staatsknete (Fördermittel) oder die guten Kontakte (Angst vor repressivem Verhalten) nicht zu gefährden. Am effektivsten ist die Disziplinierung vorerst widerspenstiger Menschen gelungen, wenn diese das Herrschaftssystem weitestgehend verinnerlicht haben und reproduzieren, obwohl sie zuvor dagegen auftreten wollten.
  21. Qualität und Quantität der Repression gegen politisch unbequeme Projekte und Personen ist häufig sehr unterschiedlich, da die Bewertung der von ihnen ausgehenden Gefahren und erforderliche Maßnahmen oft willkürlich erfolgt. So gibt es Erfahrungen von regelrecht verfolgten EinzelaktivistInnen, die Polizeikreisen durch ihr penetrantes, wenn auch meist im wesentlichen nicht strafbares, Auftreten unbequem geworden sind (Beispiel: "Eichhörnchen"). Selbst Sondereinsatzkommandos werden gelegentlich für die Kriminalisierung politischer GegnerInnen in Deutschland aufgefahren (Beispiel: MEK-Einsatz im Mai 2006 in Gießen). In anderen Fällen werden Verbotsverfahren oder 129a-Verfahren gegen auffällig gewordene Gruppen und Personen geführt, unabhängig davon, was ihnen tatsächlich nachgewiesen wurde (Beispiel: Verfahren gegen G8-GegnerInnen 2007). Manchmal erfolgt die Repression auch subtiler: Auflagen von Behörden und permanente Kontrollbesuche, trickreiche Gebührenerhebungen und vieles mehr sind Gang und Gäbe.
  22. Vorteile, die das herrschende System bzw. dessen Teil aus der Existenz eines Offenen Raumes ziehen kann, sind z.B.: "Sozialfälle" bearbeiten (Leute werden "von der Straße weg" geholt), Unterstützungsleistungen in staatlicher Verantwortung werden von privaten Trägern erbracht, Vorzeigeprojekte für die eigene Politik, Beschäftigung systemkritischer oder irgendwie störender Individuen, Berufsvorbereitung durch Kompetenzaneignung, politische Bildungsarbeit (Verständnis für Zusammenhänge in der Demokratie, Know-How-Aneignung), Profilierung bzw. Feigenblatt-Effekte (z.B. Konzerne und Institutionen), ...