2008-01:Perry Rhodan: Andromeda

Aus grünes blatt
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Rezension:

Perry Rhodan: Andromeda

fb Auch wenn es zunächst den Eindruck macht, dass die langweilige Logik, Spannung in eine schier unendliche Geschichte durch die einfache Ausdehnung von Raum, Technik und Gewalt bringen zu wollen, im Sechsteiler "Andromeda" der Perry Rhodan-Bibliothek Anwendung findet, erwarten die LeserIn hier spannende Ausflüge in andere Gesellschaftsideen. Bei Perry Rhodan ist das nicht selbstverständlich - zu oft beschränkt sich das Utopisch rein auf die technische Weiterentwicklung und imperiale Ausdehnung der Einflussbereiche, während eine andere Gesellschaft selbst in einer Tausende Jahre in der Zukunft liegenden Zeit nicht vorstellbar scheint. Aber hier passiert das unglaubliche gleich mehrfach: zunächst kommen da die Attori ins Spiel. Eine Spezies von GestaltwandlerInnen, die gewisse Aspekte von Herrschaftslosigkeit leben. Schön eingewoben in den Fluss der Story sind die Selbstverständlichkeit dieser Lebensweise und die Konflikte, die sich seitens der inzwischen dominierenden Tefroder, Menschen, die vor mehr als 50.000 Jahren die Erde auf der Flucht vor einer anderen Spezies Richtung Andromeda verlassen mussten, ergibt. Diese bestehen auf ihrer auf herrschaftsförmiger Logik basierenden Prinzipien, woraus Konflikte entstehen, die genauso überflüssig wirken wie die Prinzipien selbst.

Wenig später kommt eine andere Spezies ins Spiel, die ein bisschen an esoterisch angehauchte AnarchoprimitivistInnen erinnert. Sie haben der Technik abgeschworen, leben - relativ weitgehend - herrschaftsfrei miteinander und setzen statt auf Zwang, Expansion und Beherrschung lieber auf ihre geistige Weiterentwicklung. Die herrschaftsförmig organisierten Spezies werden von ihnen als "Besitzler, Kriegstreiber und Technokraten" bezeichnet. Für sich selbst beanspruchen sie die Attribute Friedfertigkeit und Freiheit. Wenn die "Charandiden" altern, begeben sie sich an selbst ausgewählte Plätze und gehen eine Metamorphose ein: Ihre Körper verholzen, aus ihren Körpern sprießen Blätter, sie werden zu Baumriesen. Als diese stehen sie mental immer noch in Kontakt mit den lebenden Charandiden, konzentrieren ihre Entwicklung nun aber vollständig auf die Entwicklung ihrer geistigen, übersinnigen Kräfte.

Hier wird auch das Szenario eines Rückfalls eines kleineren Teils der Charandiden in die alte Herrschaftslogik beschrieben. Aus Angst vor Fremdbestimmung organisiert sich dieses Grüppchen wieder hierarchisch, errichtet Wehranlagen und bricht mit den herrschaftsfreien Prinzipien ihrer Gesellschaft. Dies äußert sich schließlich in einer gesteigerten Zerstörungswut gegen ihre alte Kultur.

Wie nebenbei erfährt die LeserIn, dass die TefroderInnen, die ebenfalls von der Erde stammen, ganz selbstverständliche polyamoröse Beziehungen führen, die sie "Blüten" nennen. In einer Blüte leben meist mehrere PartnerInnen zusammen mit ihren Kindern. Meist entscheiden diese in einem konsensähnlichem Verfahren über ihre Belange, nur selten übernimmt eine TefroderIn die Herrschaft ihrer Blüte. Die Gedanken einer tefrodischen Figur über die Beziehung eines terranisch-arkonidischen Pärchens spiegelt eine gängige Kritik an ausschließenden Zweierbeziehungen wieder: "War es nicht schon Dummheit genug, sich auf eine Zweierblüte einzulassen? Früher oder später musste eine solche Konstellation in eine Katastrophe münden. Was immer geschah, die beiden Partner wurden stets aufeinander zurückgeworfen. Der dritte, vierte oder fünfte Partner, bei dem man sich aussprechen konnte, der ausgleichende Faktor fehlte."

Zu viel der Herrschaftskritik sollte mensch allerdings nicht erwarten, die beschriebenen Prinzipien beziehen sich meist auf einzelne Aspekte des Lebens, andere sind durch krasse Fremdbestimmung geprägt. Doch so selten, wie gesellschaftliche Alternativen zur Herrschaft bei Perry Rhodan eine Rolle spielen, ist es erfreulich, dass derartige Ideen zumindest ansatzweise einmal Raum bekommen.

Perry Rhodan: Andromeda. Wilhelm Heyne Verlag, München 2005. Ca. 1160 Seiten, 15,00 EUR. ISBN 978-3-453-52099-8