2007-03:Utopie - Literarische Matrix der Lüge?

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Utopie - Literarische Matrix der Lüge?

fb Angefangen bei den theoretischen Definitionsansätzen der Lüge und literarischen Nachweismöglichkeiten gibt der Autor Steffen Groschig einen Überblick zu wichtigen diskursbestimmenden Utopien. Dabei durchläuft er die historischen und literarischen Epochen, analysiert den Wandel von der fiktionalen, rein literarisch angelegten Utopie hin zu praxisorientierten Texten, die teils auf die älteren Ansätze zurückgreifen, diese aber in einem ganz anderen Kontext anwenden. Er unterscheidet dabei die klassische "Augustinische Lüge", die im Zusammenspiel von Falschaussage und Täuschungsabsicht definiert ist, von anderen Lügenmodellen. Dabei spielen diskursive Lügen eine große Rolle, bei denen keine Täuschungsabsicht nachweisbar sein muss, sondern Fehldarstellungen durch Ausblendung bzw. Nicht-Problematisierung von Aspekten und Faktoren gebildet werden. Auch inhaltliche und theoretische Widersprüche werden von ihm untersucht, wobei literarische Stilmittel, mit denen eine höhere Authentität suggeriert wird, eine wichtige Rolle spielen.

Kritisch analysiert er die sozialistischen und marxistischen Gesellschaftsentwürfe und zeigt bereits in der Theorie angelegte Widersprüche dieser Modelle zu in ihren Vorsätzen und in der Abgrenzung zu anderen Entwürfen auf. Wesentliche Bedeutung gibt er der diskursiven Lüge und der Lüge, die sich aus der Rekontextualisierung von Utopieentwürfen ergibt. Problematisch für das allgemeine Verständnis, pardon: für die Rezeption seiner Ausführungen, dass sie als eine Aneinanderreihung von Fremdwörtern und Begriffen aus fachlichen Diskursen gelesen werden kann, die weniger spezialisierte Menschen nur schwer verstehen. So ist es an vielen Stellen auch nicht ohne weiteres möglich zu überprüfen, ob seine Vorwürfe zutreffend sind. Aber sie geben Ansätze für weitere Recherchen und Reflektionen.

Steffen Groschig gibt einen interessanten und aufschlussreichen Einblick in die Welt der Utopien und ihrer Lügen von Platon bis Antonio Negri, der oftmals schwer verständlich formuliert ist, aber eine Menge Denkanstöße liefert, um gängige Gesellschaftskonzepte zu hinterfragen. Obwohl es einiger Anstrengungen bedarf, Groschigs Gedanken zu folgen, lohnt es sich auf jeden Fall. Utopie-Interessierte finden hier eine Vielzahl von Literaturhinweisen und Anregungen zur kritischen Reflektion.

Steffen Greschonig: Utopie - Literarische Matrix der Lüge? Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2005. Etwa 260 Seiten. ISBN 3-631-53815-4. Erschienen in: Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Reihe B/Untersuchungen 90. ISSN 0170-8872