2007-03:Massenaktionen und steuerbarer Widerstand

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Massenaktionen und steuerbarer Widerstand

fh. Ein Bericht über eine Massenaktion in England, mit dem Ziel, einige strategische Fragen aufzuwerfen.

Ein kurzer Bericht über die Aktion

Nachdem ich im Aufruf zum Climate-Action-Camp laß, dass Europas größter Flughafen blockiert werden soll, war ich begeistert und trampte kurzerhand nach England, voller großer Erwartungen an die Englische Direct Action Szene. Dort angekommen ärgerten mich zunächst „kleinere“ Sachen auf dem Camp: Hase und Hühner in Käfigen, sehr unterrichtsähnliche Workshops, abendliche Großplenas, Coppers (Bullen) mit denen freundlich plaudernd durchs Camp spaziert wurde (anscheinend eine Absprache mit denen).

Schon Tage vorher ging es dann los mit den Planungen für die Massenaktion. Abwechselnd wurde sich in Groß- und Kleinplenas getroffen auf denen sich für eine Aktion entschieden wurde und für diese dann Einzelheiten geplant wurde.

Geplant war dann, mit fast 1000 Leuten, 24 Stunden lang das Bürogebäude von BAA (der Konzern der die dritte Startbahn in Auftrag gibt) zu belagern und die Zufahrt zu blockieren. Nachdem die 5 Finger-Taktik zuerst total scheiterte war es später doch möglich zum Gebäude zu kommen. Etwa 50 Menschen übernachteten auf der Zufahrtsstraße. Die Arbeiter stellten ihre Autos einfach woanders ab und gingen zu Fuß an der Blockade vorbei. Selbst für doitsche Verhältnisse nicht die spannendste Aktion also.

Was mensch den UK-Aktivistis allerdings zugute halten muss, ist dass zeitgleich UK-weit 15 weitere Aktionen stattfanden.

So wurden Zugänge zu Banken blockiert indem sich Aktivistis mit den Händen an die Schiebetüren klebten, sodass diese nicht mehr öffnen konnten (interessante Aktionsform!), oder Privatflüge blockiert.


Umgang mit den Medien

Die Polizei ist auf Demos vorbereitet und hat sie oft ganz gut im Griff.

Schon Wochen vor dem Camp berichteten die Medien ausführlich darüber und während dem Camp war täglich in jeder Zeitung mindestens ein Artikel, die Berichterstattung war insgesamt gar nicht so schlecht.

Auf dem Camp wurde dann ständig für eine friedliche Massenaktion argumentiert, um schöne Bilder für die Medien zu liefern: „Sobald die Presse Bilder von Gewalt machen kann, haben wir verloren“, war oft zu hören.

Klar, dass es Menschen lieber ist, bunte Bilder und die Vermittlung von Inhalten in den Medien zu sehen, als Hass-Artikel unter Bildern von Ausschreitungen.

Aber mal abgesehen davon, dass es noch andere Alternativen zu lahmen Massenaktion und blinden Ausschreitungen gibt, sehe ich eine große Gefahr darin, Widerstand nur auf die Massenmedien auszurichten. Der Trick der Medien ist das unausgesprochene Angebot: „Handelt ihr so wie wir wollen, schreiben wir vielleicht positiv.“ Das einzige was dadurch aber längerfristig erreicht wird, ist eine Steuerung des Protestes durch die Medien. So ist es leicht Widerstand zu entradikalisieren und in friedlich und gewaltbereit zu spalten. Den friedlichen wird hin und wieder etwas Platz für Inhalte zugebilligt, solange sie sich an vorgegebene Aktionsformen halten. So entradikalisieren sie sich gleich doppelt: Erstens durch unradikale, vorgegebene Aktionsformen, und zweitens beschränken sie sich inhaltlich oft auf ein Thema (hier Klimawandel) um Bürgis nicht abzuschrecken.

Die gewaltbereiten dürfen überhaupt keine Inhalte vermitteln, sondern werden als unpolitische Krawallmacher dargestellt. Oft passt sich da dann die Realität dem Medienbild an. Seltsam, dass kaum jemand dieses Prinzip durchschaut, und von Peter Wahl bis Quetschenpaua alle mitspielen.

Was sind die Alternativen? Die Massenmedien rechts liegen lassen und Aktionen nur noch für Indymedia und die „eigene Presse“ machen? Also im eigenen Saft zu schmoren?

Nicht unbedingt. Mensch stelle sich vor, in England hätten viele Kleingruppen, autonom ganz verschiedene Aktionen gemacht: Blockiert, sabotiert, Kommunikationsguerilla und anderes, und jede Kleingruppe hätte sich Gedanken gemacht, wie sie Inhalte vermitteln will. Natürlich hätten so auch Aktionen organisiert werden können an denen unerfahrenere Menschen teilnehmen können.

Dadurch könnten die Medien nicht ein Bild zeichnen von Gut oder Böse sondern es würde die Frage entstehen: „Ist es okay das-und-das zu machen?“. Diese Frage würde dann diskutiert, es ist also ein „Erregungskorridor“ geschaffen, über den es dann durch weitere Aktionen möglich ist Inhalte zu vermitteln, was nicht mehr nur über die Medien möglich ist. Flugblätter werden angenommen, und Fakes werden verstanden, wenn die Erregung erst mal da ist.

Klima-Aktionscamp 2008 in Deutschland

Da nächstes Jahr auch in Deutschland ein Klima-Aktions-Camp stattfinden wird, wäre dies die ideale Möglichkeit, das Konzept von kreativen Aktionen in autonomen Kleingruppen, die untereinander vernetzt sind auszuprobieren. Als Gegenbeispiel zu den lahmen Massenaktionen von Heiligendamm oder eben der oben beschriebenen Aktion.