2007-03:Die Geissel des Himmels

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Geissel des Himmels

fb Dieser Roman ist eine Dystopie. Die katastrophalem Entwicklungen unserer heutigen Gesellschaft werden konsequent weiter gesponnen, dramatisiert und zu einer folgenschweren Zukunft geformt. Kriege, Umweltzerstörung und Machthunger prägen die Welt, in der sich die Erde in Ursula K. Le Guins Geschichte befindet. Alle Versuche, die Probleme dieser Welt zu lösen, führen nur zu partiellen Lösungen. Insgesamt wird vieles sogar verschärft. Denn die Zukunft lässt sich nicht einfach vorgeben. So folgt auf den Wunsch nach einer Welt, in der alle Menschen in Frieden miteinander leben und kein Mensch mehr Krieg gegen einen anderen Menschen führt, zu einem apokalyptischen Szenario, wo zwar Frieden unter den Menschen herrscht, aber nur, weil es eine außerirdische Invasion gibt, gegen die sich die Menschheit vereinen musste. Trotzdem sterben Menschen, sie werden nun allerdings von anderen getötet.

Hauptfigur in Le Guins Roman ist George Orr, ein eigentlich ganz normaler, durchschnittlicher Mensch, der in Portland lebt und so etwas wie Bauingenieur oder Planer ist. Das besondere an ihm: wenn er "wirkungsvoll" träumt, verändert sich die Wirklichkeit dadurch. Einmal träumt er von einem Pferd und plötzlich hängt ein riesiges Gemälde dieses Pferdes über der Couch seines Psychiaters. Doch das ist nur eine der harmlosen Träumereien. Dr. Haber, sein Arzt, hat Orrs Gabe erkannt und will sie nutzen, angeblich um die Welt zu verbessern. Tatsächlich lebt er aber seine Machtphantasien aus und gestaltet die Welt nach seinem Gutdünken. Orr ist dabei nur sein Werkzeug. Dieser erkennt das, kann sich aber nicht wirkungsvoll wehren. Kooperiert er nicht, so droht ihm Bestrafung.

Die LeserIn findet sich immer wieder in Situationen wieder, in denen schizophrene Träumereien und eine unvorstellbare Gabe eng nebeneinander zu liegen scheinen. Doch dieses Buch handelt von keinem psychologischen Thema - die scheinbare Wahnvorstellung, Orrs Träume würden Realität, ist hier Wirklichkeit. In ihre Handlungen lässt Le Guin dystopische Vorstellungen von radikaler Eugenik, wirrem Kriegshandeln und sozialer Kälte einfließen. Jede neue Wirklichkeit, die Orr erträumt, zeigt weitere Schattenseiten - auch der heutigen Gesellschaft - auf. Irgendwann wird Orr bewusst, dass die Fremdbestimmung, die hier über ihn und Dr. Haber auf den Rest der Menschheit - nur zu deren Besten - ausüben, moralisch verwerflich ist. Die Macht, die Welt zu verändern, haben nur sie. Und sie lernen nach und nach, ihren Willen klarer durch wirkungsvolle Träume umzusetzen. Damit ist Machtmissbrauch - neben vielen anderen großen Problemen dieser Gesellschaft - das Schwerpunktthema dieses Romans.


Ursula K. Le Guin: Die Geissel des Himmels. Edition Phantasia, Bellheim 2006. Ca. 220 Seiten, Paperback. 14,90 EUR. ISBN 978-3-937897-16-5