2007-03:"Artgerecht ist, was Euch schmeckt!"

Aus grünes blatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

„Artgerecht“ ist, was Euch schmeckt! - Anthropologie&Ernährung

franzb Immer wieder hören VeganerInnen die Sätze „Aber Veganismus ist doch nicht artgerecht“, „Es liegt in der Evolution des Menschen, Fleisch zu essen.“ Und „Wenn Du Dich so gegen Deine Natur stellst, wirst Du Dich schädigen.“ Und umgekehrt höre ich VeganerInnen sagen, dass Menschen eigentlich schon immer vegan gewesen wären, alle unsere Vorfahren, die anderen Menschenaffen hätten sich pflanzlich ernährt und genau deshalb würden wir uns mit tierischer Nahrung schädigen. Doch was ist „richtig“? Was sagen die AnthropologInnen? Und wie sollten ihre Argumente gelesen werden? Da sollte mal aufgeräumt werden, mal alle Vorurteile aus den Köpfen und angefangen werden, sich sachlich darüber zu informieren, ohne im Vorhinein nach einem bestimmten Ergebnis zu suchen – wenn nämlich über etwas diskutiert wird, was im Grunde (zeitlich) so weit weg ist, dann finden der/die Interessierte zu jeder These eine unterstützende Erklärung. Menschen brauchen nur Google zu benutzen und finden „ihre“ Wahrheit.

Blick zurück

An die Wurzeln menschlicher Entstehung. Wir sind nicht aus „dem Schimpansen“ entstanden. Das ist zwar wahrscheinlich nicht sehr weit weg, macht aber methodisch einen Wahnsinnsunterschied. Genau genommen stammen wir von den Vorfahren der heutigen Schimpansen (Menschenaffen, denn ob das der Schimpanse ist, ist nicht ganz geklärt) ab. Über diesen Vorfahren ist nicht viel bekannt. Man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass er Eigenschaften zeigte, die heute sowohl bei uns, als auch bei Schimpansen zu sehen sind. Vielleicht ein Stirnrunzeln der ungeneigten LeserInnenschaft: Dann war dieser Vorfahre menschenähnlicher als es die anderen Menschenaffen heute sind? Ja und nein. Es gibt die Möglichkeit, dass er schon relativ menschenähnlich war und der Schimpanse sich dann woanders hin entwickelt hat, weil es für ihn praktischer war. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass der Vorfahre erst mal gar keine sogenannten menschlichen Züge aufwies und beide, Schimpanse und Mensch, im Laufe der Zeit parallel bestimmte „menschliche“ Züge entwickelten. Wie Sie sehen, sehen Sie eigentlich gar nichts. Niemand hat eine Ahnung, wo der Mensch herkommt, solange man sich nicht auf uralte Funde, Skelette usw. zu stützen bereit ist – und auch über die lässt sich wenig aussagen, weil die Einordnung in ein Zeitalter, aber auch die Einordnung der Individualität des gerade Gefundenen nicht sicher erfolgen kann. Nehmen wir ein Beispiel: Außerirdische finden in 3000 Jahren auf unserem Planeten Überreste von so etwas wie einem Menschen, der ein Veganzeichen tätowiert hat, ein Tierbefreier-T-Shirt anhat und dem irgendwelche Buttons mit durchgestrichenen Kühen als Grabbeilage mitgegeben wurden. Die außerirdischen Wissenschaftler für frühe Lebensformen werden sagen: Aha, die Typen auf diesem Planeten haben sich wohl pflanzlich ernährt. Mal realistisch. So könnte es passieren. Aber wie weit weg wäre das von der Wahrheit? Man kann als an menschlicher Vergangenheit Interessierte(r) bei jedem der anthropologischen Funde nur hoffen, dass da ein „Normali“ gefunden wurde, jemand der geeignet ist, den Querschnitt eines ganzen Zeitalters darzustellen. – Hm, aber mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist es, so jemanden zu finden? Nahezu unmöglich. Deshalb ist es in meinen Augen auch tatsächlich unmöglich, die Wahrheit über unsere Herkunft zu erfahren. Ich kann hier nur mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Und ich würde mir wünschen, dass Diskussionen darüber genauso geführt würden. Nicht „Der Mensch ist und hat und so war das.“ Sondern im Bewusstsein die rutschige Bodenfläche, auf der man zu leicht auf dem Hintern landet. Folgende Punkte könnten möglichst objektive Aufklärung bieten:

  • Studien zu Nahrungsgewohnheiten anderer Primaten
  • ernährungsphysiologische Möglichkeiten heute
  • Betrachtung der Nahrungsgewohnheiten heute lebender Populationen & Gesellschaften
  • frühzeitliche Funde
  • Zahnanalysen
  • Betrachtung des menschlichen Lebensraums

Ich werde im Rahmen dieses Artikels nur auf einige eingehen und hoffe, einen Ansatz zum Überdenken, Nachfragen, Weiterfragen, kritischem Hinterfragen zu bieten.

Harte Verwandtschaft

Es ist durchaus legitim, unsere Verwandtschaft zur Argumentation heranzuziehen. Mit relativ großer Wahrscheinlichkeit haben sich die Ernährungsgewohnheiten nicht um 180° gedreht. Deshalb schauen wir den Schimpansen, Orangs und Co. mal beim Essen zu:

Menschenaffen lieben vor allem reife Früchte und verbringen sehr viel Zeit damit, Bäume mit reifen Früchten zu finden. Gibbons und Gorillas ernähren sich zudem zum Teil von Blättern. Während Schimpansen auf der Suche nach Früchten 5 Kilometer oder mehr pro Tag zurücklegen, sind Orangs und Gorillas sesshafter. Gorillas, weil sie sich von blätterreichen, krautigen Pflanzen ernähren und nicht so weit streifen zu brauchen. Doch gerade in Zeiten der knappen Versorgung mit pflanzlicher Nahrung sieht es bei den Schimpansen etwas vertrackter aus: Sie fressen Früchte, Nüsse, Blätter ... Halt, stopp, was tun sie da mit den Blättern? Hey, sie spucken sie ja wieder aus? Genau. Sie reißen sich zum Teil Blätter vom Baum, auf denen Insekten sitzen, sich Insekten verpuppt haben und zerkauen die Masse, spucken aber die Blattmasse wieder aus . Und zu allem Überfluss gehen Schimpansen für ihr Leben gern Termiten angeln. Und dann, nicht schön und sicher nicht angenehm für die sensibleren LeserInnen, scheint es ihnen einen „Mordsspaß“ zu machen, hin und wieder einen der kleinen Colobusaffen, die sowieso schon stark vom Aussterben bedroht sind, oder kleine Waldantilopen zu fangen und bei lebendigem Leib zu zerreißen und unter sich aufzuteilen. Ein großes Spektakel! Harte Verwandte. Ganz und gar nicht vegan im moralischen Sinne, aber dennoch ist der Hauptbestandteil ihrer Nahrung pflanzlicher Natur.

Ernährungsphysiologische Möglichkeiten heute

Gut erkennbar ist die Vielfalt menschlicher Ernährungsweisen. Es gibt viele Vegane, die gut leben können, es gibt unzählige Vegetarier, die gut klarkommen, und es gibt ebenso unzählige Nichtvegetarier, die auch gut klarkommen. Ach, und es gibt sogar einige Menschen, die sich nahezu carnivor, also fleischessend ernähren und auch über die Runden kommen. Ich würde die empirischen Daten etwa so zusammenfassen: Alles ist möglich, die meisten Wege stehen dem Menschen offen. Wobei es natürlich Einschränkungen gibt. Wer sich die häufigsten Todesursachen ansieht, wird erkennen, dass Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs weit vorn liegen. Beides sind mögliche (nicht unweigerliche) Folgen von zuviel tierischen Produkten und zuviel Umweltgiften, möglicherweise aus der Nahrung. Der Großteil der Menschheit in der sogenannten westlichen Welt ist zu fett, das Fett belastet den Körper, das Zuviel an Proteinen belastet die Organe. Hier gibt es nur eine Lösung: Die Menschen müssen aufhören, so viel Fleisch zu essen. Dies aber den primär carnivoren Inuit vorzuschreiben, wäre wieder ein Schritt zu weit gegangen. Habitat, Kultur und evtl. sogar angepasste Physiologie (das ist umstritten) könnten dazu geführt haben, dass hier Fleisch eine wichtige Rolle spielt. Es gibt auch Aussagen, nach denen sich Inuit körperlich vergiften durch diese Lebensweise. Ich gehe auf diese Frage nicht weiter ein, weil ich nicht über etwas reden möchte, in dem ich nicht drin stecke. Auf der anderen Seite sehe ich genügend „FastFood-VeganerInnen“, die sich so wenig Gedanken über Begriffe wie „Vitamine“, „Proteinversorgung“ und „Mangelerscheinungen“ machen, dass sie nicht so aussehen, als könnte man sie bedenkenlos mit dem Fahrrad davonfahren lassen. Dies ist nicht dem Veganismus anzulasten, es gibt genügend Menschen, die von Geburt an „vegan“ gelebt haben und dies sehr gut tun. Deshalb, weil nämlich hinter jedem Menschen mehr steckt, als seine Ernährungsweise, diese ist gekoppelt an Ernährungswissen, soziale und finanzielle Situation, medizinische Versorgung etc., kann es hier eigentlich keine weitergehende Aussage geben als: Es scheinen viele verschiedene Ernährungsformen zu funktionieren.

Heute lebende Populationen & Gesellschaften

Aus einer gewissen Wissenschaftskritik heraus glaube ich nicht daran, dass Daten insbesondere heutiger Jäger-und-Sammler-Gesellschaften aussagekräftig sind. Da geht ein mit Outdoorkleidung und Kamera ausgerüsteter Wissenschaftler in den „Busch“ und fragt die dort Ansässigen, wie viel Fleisch sie denn essen. Allein sein Auftreten, wie geschickt er sich auch integrieren mag, verändert das Verhalten der Menschen. Die Männer werden vielleicht mehr Fleisch erbeuten, weil sie ihren Stolz verteidigen müssen. Keine Ahnung. Es gibt Aussagen, dass in den meisten Jäger-und-Sammler-Gesellschaften der Anteil des Fleisches gewichtsmäßig nur einen Bruchteil der Nahrung ausmacht. Fleisch ist diesen Aussagen zufolge für viele dieser Menschen dennoch eine wichtige Nahrungsquelle und Statussymbol, aber quantitativ eher im Hintergrund, eher Ausnahme.

Frühzeitliche Funde

Gut, jetzt mag interveniert werden, es interessiere ja nicht, wie sich Verwandte ernähren, sondern ganz allein unsere Vorfahren wären von entscheidender Bedeutung in diesem Streit. Dann bleibt uns nichts anderes als auf die alten Funde zurückzugreifen, so weit das geht. Gerade in der Olduwai-Schlucht, aber nicht nur dort, fanden sich immer wieder große Ablagerungen bzw. Ansammlungen von nichtmenschlichen Knochenresten, die viel Raum zur Spekulation lassen. An einigen dieser Orte sind gleichzeitig größere Mengen von Steinwerkzeugen gefunden worden, was wohl eher dafür spricht, dass es sich nicht um zufällige Ansammlungen handelt. Wer die Tierknochen an den Stellen gesammelt hat, ob es Menschen waren, Raubtiere oder sogar Wasserläufe, ist im Nachhinein nicht rekonstruierbar. Rekonstruierbar ist allerdings, dass mit den Steinwerkzeugen in den Knochen herumgeschnitzt wurde. Zum Teil überlagern die Kerben Bissspuren, zum Teil überlagern aber auch Bissspuren die Kerben. Ein nahezu waschechter Beweis dafür, dass tierisches Material ge- bzw. benutzt wurde. Es ist unklar, ob Menschen allerdings in der Form gejagt haben, wie es sich in älteren Büchern darstellt, oder ob sie nicht einfach hyänengleich Aas sammelten oder Raubtieren ihre Beute „abjagten“. Die aktuell moderne Variante – auch die Anthropologie ist von Trends nicht frei – betont den Aasfresser als wahrscheinlich.

Es gibt zahlreiche weitere Indizien für die Nutzung tierischen Materials durch den Menschen: Grabbeilagen etc. So dass ich trotz aller Wissenschaftskritik für mich annehme, dass tierische Nahrung eine Rolle gespielt hat.

Der natürliche Lebensraum

Eine weitere Herangehensweise besteht in dem Trick, sich einfach nur anzusehen, aus welchem Lebensraum (Habitat) heraus Menschen sich entwickelt haben. Was gibt dieses Habitat eigentlich an Nahrungsquellen her? Ist es wahrscheinlich, dass sich Menschen dort ausschließlich pflanzlich ernährt hätten? Oder mussten sie wenigstens für bestimmte Zeiten des Jahres auf tierische Quellen zurückgreifen? Wenn man der Hypothese von der Wiege Afrika Glauben schenken darf, haben sich menschliche von nichtmenschlichen Populationen durch den ostafrikanischen Grabenbruch getrennt. Hierbei wurde das heutige Äthiopien angehoben. Was früher Regenwald war, wurde eine recht öde Steppe – und in genau dieser hatten sich die früheren Menschen an die Nahrungsquellen anzupassen. Nicht so einfach, wenn man vorher überwiegend Früchte zu sich nahm. Und – wenn man dieser weiteren Hypothese Glauben schenken mag – dieses Problem könnte eine Ursache für die Gehirnvergrößerung beim Menschen gegenüber anderen Menschenaffen gewesen sein. Hier gab es nämlich eine Menge mehr Probleme zu lösen als im Regenwald. Mehr Raubtiere, die einem auflauerten, weniger Versteckmöglichkeiten und nicht mehr die Möglichkeit, sich von Baum zu Baum hangelnd fortzubewegen, große Strecken mussten auf dem Boden überwunden werden. Hier – so sehen es viele AnthropologInnen – steckt das Geheimnis des großen Problemlösungsvermögens von Menschen. Wenn nun aber wenig Früchte und energiearme Gräser nicht ausreichten, um sich adäquat zu ernähren, worauf stellt man in so einer Gegend um, wenn es einem erst mal darum geht, irgendwie zu überleben, vielleicht auch die eigenen Kinder nicht verhungern zu lassen? Klar, Wurzeln könnten sie vermehrt ausgegraben haben, worauf Zahnabnutzungen auch hindeuteten. Aber wenn da nun eine tote Antilope vor den Menschen liegt und sie wissen, der Leopard frisst die doch für gewöhnlich. Warum sollten sie nicht auf diese Lösung zurückgegriffen haben? Vielleicht hat ihnen das nach einiger Zeit wirklich „geschmeckt“, vielleicht war es von jeher eher eine Notlösung – niemand kann das wissen. Aber das Negieren eines solchen Falls, einer solchen Regelmäßigkeit halte ich nicht für konstruktiv in der Debatte, wie sich der Mensch von heute ernähren sollte.

Zahnanalysen

Ich muss immer wieder grinsen, wenn ich sehe, wie die mit mir lebenden Hunde auf der Wiese stehen und Gras fressen. Sie fressen es an ganz bestimmten Stellen, da, wo das „Schneidegras“ besonders dunkelgrün und breit ist. Ganz bedächtig wirken sie, wenn sie mit ihren Vorderzähnen das Gras abzupfen und es dann etwas kauen, bevor sie es schlucken. Ich rufe ihnen jedes Mal zu: „Hey, ihr seid carnivore Schlingfresser, wisst ihr das nicht?! Ihr dürft gar kein Gras fressen und ihr dürft es auch eigentlich gar nicht richtig kauen.“ So habe ich das im Lehrbuch gelernt. Aber die beiden Hunde denken anscheinend gar nicht daran, auf mich zu hören. Sie fressen einfach weiter. Und wenn die Diskussion dann mal das menschliche Gebiss betrifft, ist es ähnlich. Es taucht immer die Frage auf, ob der Mensch nun ein Fleischfresser- (Carnivoren-) oder ein Pflanzenfressergebiss (Herbivorengebiss) hätte. Ein „typischer“ Carnivore wäre eine Katze, seht Euch das Gebiss mal an. Haben wir so was? Nee. Und ein typischer Herbivorenvertreter wäre das Reh – passt das besser? Auch nicht. Ein Gebiss ist sooo ... viel- und nichtsaussagend, dass es nicht möglich erscheint, eine so einfach wirkende Frage zu beantworten. Man könnte jetzt eine dritte Kategorie in die Gebissmuster ordnen – die der Allesfresser (Omnivoren) – wo wir für gewöhnlich hineingeordnet werden. Sieht man ja sehr schön, Zähne zum Mahlen schwerverdaulichen pflanzlichen Materials, aber auch vorne die Eckzähne, die schon als Reißzähne verwendet werden und dementsprechend auf Fleischkonsum hindeuten. Klar, Reißzähne. Alles klar, denke ich mir – unsere Vorfahren haben die Antilopen ganz sicher mit den Zähnen gerissen, deshalb die Reißzähne. Schimpansen auf der Jagd zerreißen ihre tierische Beute zwar mit den Händen und kauen dann drei Stunden mit den Herbivorenmahlzähnen drauf herum. Aber das passt halt nicht ins Bild. Dass unsere recht markanten Eckzähne, wie auch bei Schimpansen, so gut erhalten sind, könnte, so einige neuere Hypothesen, rein soziokulturelle Gründe haben. Die eignen sich, wenn sie lang und groß und furchteinflößend sind, prima zum Angeben. Und so gibt es Verhaltensweisen bei Schimpansen und beim Menschen, bei denen das Zeigen dieser Zähne Aggressivität, Rivalität ausdrücken. Manches Mal mag dabei derjenige mit den größeren „Reißzähnen“ den begehrten Preis einer Partnerschaft bekommen haben und so die Zähne in die ewige Weitergabe von genetischem Material eingebunden haben. Zähne sind eben nicht nur für Zwecke der Ernährung da.

Schlussfolgerungen

Zu der Frage „Are humans meat-eaters or plant-eaters“ äußert sich die Cambridge Encyclopedia of Human Evolution so treffend in meinen Augen, dass ich es nicht verschweigen will: „...our species is endowed with enormous adaptive potential.” Homo sapiens “emerged as flexible, broadspectrum feeders or diversivores within the past 100.000 years.” “Arguments often arise as to whether humans are ‘naturally’ more faunivorous or herbivorous. This question has little meaning if the whole species is considered, but the balance between meat-eating ans plant-eating does vary considerably from population to population, for both environmental and cultural reasons.” Und auf Deutsch etwa so: „Unsere Art ist mit einem enorm anpassungsfähigen Potential ausgestattet.“ Homo sapiens „stellte sich als flexibler Breitenspektrumsesser oder Vielfaltsesser innerhalb der letzten 100.000 Jahre heraus.“ „Streits entfachen sich oft an der Frage, ob Menschen ‚natürlicherweise’ eher fleischfressend oder pflanzenfressend wären. Diese Frage hat kaum eine Bedeutung wenn man die ganze Art betrachtet, die Balance zwischen fleischfressend und pflanzenfressend variiert entscheidend von Population zu Population, aufgrund von Umweltbedingungen und aus kulturellen Gründen.“ Es gibt mehr als gute Gründe, sich heutzutage vegetarisch oder vegan zu ernähren. Die können alle an anderer Stelle noch einmal aufgezählt und diskutiert werden. Was in diese Diskussion allerdings nur bedingt hineinpasst, ist die Frage danach, was unsere Vorfahren einmal waren. Und was die artgemäße Ernährung des Menschen ist. Vom physiologischen Standpunkt ist das natürlich wichtig, aber um über den etwas zu erfahren, muss niemand Knochen ausbuddeln. Der physiologische Ansatz wäre, dass Menschen – egal ob Fleischfresser oder Vegetarier – heutzutage eine wahnsinnig lange Lebensdauer haben. Früher wurden Menschen im Schnitt nur etwa 30 Jahre alt. Jetzt – und meistens mit Fleisch“genuss“ – werden die meisten sehr viel älter. So schädlich kann daher Tierisches für den Menschen auch nicht sein. Die Frage nach Fleisch und tierischen Produkten in unserer Ernährung ist meiner Meinung nach keine Ja/Nein-Frage. Es ist eine Frage des Alters des Menschen, der Menge, die er zu sich nimmt, und vor allem auch der Qualität des Nahrungsmittels (und dies gilt auch für Pflanzliches, was sehr wohl ebenfalls hochvergiftet mit Düngemitteln und Chemikalien sein kann). Die ethische Frage muss für eine um Objektivität bemühte Debatte ausgelagert werden. Ich selbst ernähre mich aus moralischen Erwägungen so vegan wie möglich. Und ich wünschte, mehr Menschen würden versuchen so zu leben. Aber doch bitte nicht, weil sie mit pseudowissenschaftlichen Argumenten totgeschlagen wurden, sondern weil sie sich aus freien Stücken dafür entscheiden. Es spricht genug für eine möglichst vegane Ernährung – niemand hat es nötig, auf Lügen oder billigste Verklärungen zurückzugreifen. Umgekehrt tun mir die Menschen leid, die in ethischen Debatten um den Fleischkonsum immer wieder darauf zurückkommen, dass doch das Fleischessen beim Menschen nun mal artgemäß dazugehören würde, da könnten wir nun mal nicht dran rütteln, nicht wahr. Die Ärmsten, denke ich immer, sie hören mir zu, wenn ich von Massentierhaltungen, Mutter-Kind-Trennungen, von Umweltzerstörung und Energiebilanz sprechen, sie nicken sogar besorgt dazu und dann dieses „Ja, aber die artgemäße Ernährung ...“ Wirklich, ich muss mich wiederholen: Die Ärmsten! Ihnen ist das bewusst, ihnen sind die Probleme im Zusammenhang mit Fleischgenuss ganz klar, aber sie stehen unter dem Joch ihrer Herkunft – und werden sich wahrscheinlich bei jeder ihrer deftigen Fleischmahlzeiten quälen, um entgegen ihrer ethischen Prinzipien das Bild ihrer Art aufrechtzuerhalten. Wie froh bin ich, dass mir meine Art so egal ist, dass ich auf meine Natur pfeife und einfach so vegan wie möglich sein kann. Ich mach’s mir schon leicht manchmal, nicht wahr?!

Anmerkungen

Manch aufmerksamer LeserIn mag aufgefallen sein, dass ich fast komplett die Quellenangaben unterschlagen habe. Das hat Gründe. Die Quellen sind da. Aber wie wirkt das auf eine kleine unselbstbewusste LeserIn, wenn ich dann an jeder Stelle irgendwelche WissenschaftlerInnennamen nenne, Autoritäten aufbaue etc. Da traut man sich ja bald nichts mehr dagegen zu denken. Deshalb an dieser Stelle einige Quellen (wohlweißlich Quellen, nicht „Beweise“!), die auch für die weitergehende Lektüre nützlich sind: The Cambridge Encyclopedia of Human Evolution (1992). Cambridge University Press Primate Societies (1987). The University of Chicago Press Marvin Harris (1997): Menschen – Wie wir wurden, was wir sind. dtv Roger Lewin (1992): Spuren der Menschwerdung – Die Evolution des Homo sapiens. Spektrum Akademischer Verlag Spektrum der Wissenschaft – Dossier (2004): Die Evolution des Menschen. Spektrum Akademischer Verlag Und auf Anfragen zu bestimmten Sachverhalten kann ich weitere nennen (franziska-brunnÄTgmx.de), aber am allerbesten scheint mir doch Deine eigene Aufmerksamkeit, Dein eigener Kopf zu sein. Besser als jede Quelle!

Kasten

Scharfe Kritik: Zivilisationsnahrung #5

In der vorletzten Ausgabe des Grünen Blattes (Winter 2007) gab es einen Beitrag zu vegetarischer Ernährung („Tote Tiere essen – kann das überhaupt gesund sein?“), auf den ich gerne reagieren möchte, weil ich einige der im Artikel genannten Punkte für weit weg von Bemühungen um Objektivität halte. Deshalb hier in kurzen Stichpunkten meine Kritik:

1. Argumente werden z.T. gefährlich wissenschaftskundig untermalt. So verwendet der/die Autorin Formulierungen wie „im Rahmen von Studien an den Universitäten Berkeley“. Auf meine Anfrage zu den Quellen kamen keine genauen Angaben.

2. Argumentiert wird abseits der eigentlichen Frage, aber es klingt schon sehr überzeugend, wenn der Autor beschreibt, dass Fleischfresser kein Ptyalin zur Verwertung von Kohlenhydraten besitzen. Hier wird ein aus meiner Sicht nicht korrekter Sachverhalt so herübergebracht, dass er als Argument dienen könnte, obwohl der Ptyalingehalt von Raubtieren vollkommen irrelevant für die Frage ist, ob Fleisch für Menschen gesund ist.

3. „Wir“ – Gleich am Anfang stellt der/die Autorin klar: Wir werden in diesem Artikel aufzeigen, dass eine Ernährung ohne Fleisch problemlos möglich ist. Weit verbreitet, aber ich mag das nicht. Wenn ich von einer Meinung überzeugt bin, egal wie falsch alle anderen die finden, dann bin „ich“ das. Und ob ich mich von der AutorIn überzeugen lasse, entscheide ich.

4. Seit dem Artikel wissen „wir“, dass der einzige Unterschied von Fisch zu Fleisch die Tatsache ist, dass Fische 15 Mal so viel Wasser enthalten. Nun ja. Kein „etwa“, kein „durchschnittlich“ oder so etwas. Ganz davon abgesehen, dass hier über die unterschiedlichen Definitionen von „Fleisch“ gar nicht reflektiert wird (in manchen Definitionen wie der von Fleisch als tierischem (Muskel)gewebe wäre Fisch nämlich ganz einfach eine Teilmenge von Fleisch, dann dürfte aber kein Unterschied bestehen, dann könnte Fisch nur Besonderheiten aufweisen) und künstliche Kategorien aufgebaut werden (Hühnerfleisch ist ungleich Rindfleisch!). Kein Wort von den Schwermetallen, dem Salzgehalt, den anders gearteten Fettsäuren in Fischgewebe, kein Wort von all den vielen Unterschieden ... Ja ja, Reden über Fleisch ist eklig, find ich auch, aber wenn schon, dann doch bitte etwas differenzierter.

5. Wer wirklich glaubt, dass die Vermessungen heute lebender Menschen in irgendeiner Weise dazu dienlich sein könnten, nachzuweisen, dass sich ursprüngliche Menschen frugan ernährten, der möchte mir doch bitte erklären, wie der logische Schluss gezogen wurde!

6. So könnte das jetzt noch eine Weile weitergehen, ich bin mit meiner Kritik am Ende der ersten Spalte des Artikels angelangt und will der Kritik nicht noch mehr Raum geben. Fazit: Jeden Artikel kritisch hinterfragen – sogar beim Grünen Blatt!